Agiles PublishingVor ein paar Monaten stolperte ich irgendwie über einen Hinweis auf das Buch Agiles Publishing und fand das spontan interessant. Einer der Autoren kontaktierte mich und liess mir ein Rezensions-Exemplar zukommen. Das Buch ist umfangreich, um es gleich mal vorweg zu nehmen. Auf 400 Seiten kommt einiges zusammen, von Organisation über Kreation bishin zur Technolgie. Die Autoren meinen es ziemlich ernst mit dem Untertitel “Fokus auf den Nutzer, das Silo-Denken beenden: Neue Wege des Publizierens für Print, Web und Apps.” – und spannenderweise sind sie selber bei der Entstehung dieses Buchs neue Wege gegangen. Über eine Kickstarter-Aktion wurde genügend Geld eingesammelt, um das Buch vorzufinanzieren.

Vorraussetzung für Agiles Publishing ist natürlich ein Verständnis von agilen Arbeitsprozessen, die gleich zu Beginn des Buches erläutert werden. Hier wird derutlich, wie die Denke hinter Konzepten wie Kanban nicht nur für eine neue Art des Projektmanagements, sondern vor allem für mehr Offenheit bei den Mitarbeitern für neue oder andere Themen führen kann, weil das Miteinander neu definiert wird. Ich bin von agilen Entwicklungsprozessen fasziniert, seit ich vor über 10 Jahren mal ein Buch zum Thema Pair Programming in der Hand hielt. Die Übertragung dieser Ideen auf den gesamten Bereich des Publizierens finde ich nachgerade sinnvoll und auch zeitgemäß.

Natürlich wartet das Buch mit allen gängigen Schlagworten aus der Wunderwelt des Publishings auf, von Story first über Storytelling bis hin zu Data-driven Design, das tut dem Buch allerdings keinen Abbruch, sondern zeigt, wie aktuell es ist und wie sehr die Themen aktuell die Branche umtreiben. Ich finde es wohltuend, dass die Autoren einen technischen Hintergrund haben und sich so den Herausforderungen der Medienbranche nähern, die eben ganz oft auch erstmal technischer Natur sind und natürlich steten Veränderungen unterliegen.

Ich habe das Buch an den meisten Stellen mit einem deutlich vernehmbaren Nicken gelesen, denn vieles von dem, was die Autoren schreiben, macht nicht nur Sinn und sollte Best-Practice sein, aber ebenso deutlich wird dann auch beim Blick auf die deutsche Medienlandschaft, dass noch nicht zu viele Verantwortliche dieses Buch und die dahinterliegenden Konzepte verstanden und verinnerlicht haben. Dabei wünschen sich alle, schneller agieren zu können, handlungsfähiger zu sein und die Nutzer besser zu erreichen. Der Weg dahin ist in Agiles Publishing beschrieben. Natürlich gibt es auch eine Website zum Buch mit mehr Infos zum Thema.

Die Sache mit Protonet

Nico —  24.03.2014 — 5 Comments

Auf Startups aus Hamburg habe ich in aller Regel ein besonderes Augenmerk, aber als Protonet an den Start ging, liess mich das Thema ziemlich kalt, ebenso als sie eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne starteten. Als ehemaliger SysAdmin habe ich irgendwann eine gewisse Abneigung gegen Hardware entwickelt und finde vor allem deswegen die Cloud so faszinierend und praktisch. In der Cloud geht keine Netzwerkkarte mal eben kaputt, jedenfalls nicht so, dass man es mitbekommt als Anwender. Daher fand ich die Idee von Protonet, einen eigenen Server zu vertreiben, mit dem Firmen ihr Intranet organisieren können, ziemlich anachronistisch und egal. Für mich ist das Thema Kollaboration für Firmen ein Software-Thema, die Hardware ist nur nachgelagert.

protonetbox-450x600Nichtsdestowenigertrotz sah ich mir dann letzten Sommer auf Einladung von Philipp Baumgärtel die Firma in Hamburg Altona mal näher an. Durch die Enthüllungen von Edward Snowden war plötzlich Bewegung in das Thema Datensicherheit und Wirtschaftsspionage gekommen. Abgesehen davon, dass ich die Firma Protonet und ihre Verankerung in der Hamburger Maker-Szene ziemlich sympathisch finde, war nun auf einmal auch aus meiner Sicht ein praktischer Use-Case für eine eigene Serverbox unter dem Schreibtisch vorhanden. Es macht natürlich Sinn für Anwälte, Ärzte und andere, direkt auf einer Box in der Firma zu arbeiten und nicht immer alle Daten durch die Gegend zu pusten.

Ende letzten Jahres habe ich dann mal die Protonet Box, die in Altona handgeklöppelt wird, für ein paar Wochen zum Testen zuhause gehabt. Man hört nichts, nur ein blaues LED blinkt ab und zu mal etwas. Das Setup ist quasi nicht vorhanden, die Box ist ratzfatz konfiguriert und hängt dann im lokalen Netzwerk und ist per WLAN erreichbar. Danach ist die eigene Protonet-Instanz auch von Außen erreichbar und man kann Mitarbeiter anlegen und zur Mitarbeit einladen. Die Protonet Software ist ziemlich klasse für die Zusammenarbeit in Teams und auf Projekten, die Nutzeroberfäche ist angenehm aufgeräumt und präsentiert sich angenehm modern. Das war es auch schon. Ehrlich gesagt ist die Protonet Box total unspektakulär, denn einmal angeschafft, nimmt man sie nicht mehr wahr und kann ganz normal damit arbeiten, so wie man es erwartet. Naja, abgesehen von der mobilen Nutzung, da hat Protonet noch sehr viel Entwicklungspotential, um es mal freundlich auszudrücken.

Mittlerweile finde ich bei längerem Nachdenken das Konzept hinter Protonet und die Möglichkeiten ziemlich spektakulär, gerade in der Zeit nach dem Bekanntwerden der massiven Überwachungen durch NSA und GCHQ. Es ist aus guten Gründen gerade ziemlich en vogue, deutsche oder europäische Lösungen zu fordern, die sich an hiesige Standards halten und nicht auf amerikanischen Servern zuhause sind. Genauso so etwas liefert Protonet bereits schon jetzt. Nur glaube ich nicht, dass das Konzept “handgeklöppelter Server aus Altona” dauerhaft fliegen und gut skalieren wird. Stattdessen ist Protonet eigentlich eine Software-Firma, die eine moderne Collaboration Software vertreibt, die ähnlich wie Basecamp, Trello oder Asana um Firmenkunden bemüht ist. Dabei mag die Protonet Box das trojanische Pferd in die Herzen der Datenschutz-interessierten Entscheider sein, aber die wirkliche Skalierung kann nur durch den Verkauf von Software-Lizenzen erfolgen. Ich glaube, dass es derzeit ein massives Potential gibt für eine web-basierte Collaboration-Software aus Europa, die in der Cloud oder auf einer eigenen Box funktionieren kann. Dazu benötigt Protonet dann noch eine vernünftige API, damit Unternehmen, Vereine und Verbände sich die Plattform noch customizen können. Dann allerdings kann der amerikanischen Konkurrenz wirklich die Stirn geboten werden und aus Protonet entstünde so etwas wie der europäische Gold Standard für Collaboration Software. Ich würde also konsequent auf die Entwicklung der Software setzen und sie als kostenpflichtige Cloud-Anwendung Teams zur Verfügung stellen, dabei aber einen Migrationspfad hin zur eigenen Box mitsamt Subventionsmodell über Laufzeit bzw. Anzahl der kostenpflichtigen Nutzer nicht vernachlässigen. Eigentlich müssten Investoren gerade Schlange stehen in Altona, um aus Protonet eine große pan-europäisch agierende Firma zu machen. Das Potential wäre da.

Zurück zur Protonet Box: wer eine Team-Software sucht, die elegant aussieht, einfach zu nutzen ist, und bequem im Büro funktionieren soll, liegt mit der Protonet Box genau richtig.

Die Sache mit Neues Zeugs

Nico —  21.03.2014 — 7 Comments

neueszeugsvisualisiertSeit knapp zwei Wochen habe ich ein neues Blog mit dem tollen Namen Neues Zeugs. Dort mache ich eigentlich das, was ich schon seit Ewigkeiten immer irgendwie gemacht habe, nur vielleicht einen kleinen Tick strukturierter: ich verlinke Produkte, die ich irgendwie interessant finde.

Neudeutsch heisst das ja Content Curation und bereits 2007 habe ich mit meinem damaligen Startup Shoppero versucht, dieses Thema für den Bereich Shopping anzugehen. Später dann habe ich Links zu Produkten getwittert, auf ein Tumblr-Blog gepackt oder auf Pinterest gepinnt, aber irgendwie fand ich die Lösungen alle irgendwie nur bedingt zufriedenstellend.

Nun also ein einfaches Blog, damit ich tagtäglich die Produkte präsentieren kann, die ich so finde und die mir aus irgendwelchen Gründen gefallen. Vieles davon würde ich mir selber kaufen, bzw. habe es bereits getan, einiges ist mir dann aber doch zu teuer oder zwar irgendwie interessant, aber im Endeffekt doch nichts für mich. Die einzige inhaltliche Klammer, die Neues Zeugs hat, ist die, dass mir etwas gefallen muss.

Natürlich vermuten die üblichen kritischen Geister gleich wieder fiese monetäre Ziele hinter diesem Projekt und sehen Neues Zeugs vor allem unter dem Gesichtspunkt der Monetarisierung durch Affiliate-Netzwerke. Dabei verlinkt man auf Shops und bekommt dann einen Teil des Umsatzes gutgeschrieben. Das ist allerdings nicht ansatzweise der Fokus von Neueszeugs.de, sonst würde ich sicherlich auch suchmaschinenoptimierter schreiben und nicht nur ein, zwei Sätze unter das Bild des Produktes packen. Ich nutze bei Amazon den Affiliate-Link und verdiene dann in der Tat etwas, aber vermutlich wird Amazon langfristig nur bei ein paar wenigen Blogposts pro Woche verlinkt sein. Bei allen anderen verlinke ich einfach so, weil ich es kann und weil mir das Erstellen von Affiliate-Links nicht nur einfach zu umständlich ist, sondern auch egal. Außerdem sind hoffentlich auch viele kleine Shops dabei, die sich über neue Kunden richtig freuen werden. Perspektivisch, also spätestens wenn Neues Zeugs stilprägend für Männer in meiner Alterskohorte geworden ist, kann ich mir auch Native Advertising, Sponsored Stories oder sowas vorstellen.

Ich werde oft gefragt, was mein Ziel ist, das ich mir für Neues Zeugs gesetzt habe. Ich weiss es nicht. Ich hatte das Gefühl, dass es keine derartig auf Produkte fokussierten Blogs für Männer kurz vor der Midlife-Crisis gibt, aber nach dem Start wurde ich dann gleich auf heldth.com hingewiesen, was es wohl schon ewig gibt und durchaus ähnlich ist. Ich weiss auch gar nicht, ob Neues Zeugs jemals mehr als nur ein paar Hundert Leser interessieren wird, oder ob mit der Zeit einfach immer mehr Produkte geshared werden und damit die Leserschaft des Blogs kontinuierlich ansteigt. Das würde mich freuen, sehr sogar. Aber wenn das nicht passiert, dann ist das auch kein Beinbruch, sondern zeigt einfach, dass die Nische “Produkte, die vor allem Nico cool findet” etwas zu klein für eine Weltherrschaft ist.

Also, wenn ihr mir eine Freude machen wollt, dann teilt und liked doch munter Dinge, die ihr auf Neues Zeugs findet in Euren Kanälen, dafür sind die kleinen bunten Buttons unter den Bildern übrigens bestens geeignet. Den Newsletter kann man auch prima abonnieren, dann gibt es jeden Morgen Neues Zeugs in die Inbox. Ansonsten freue ich mich sehr über das Feedback zu Neues Zeugs.

Helft mir mal beim Denken, bitte. Ich formuliere mal drauf los und hoffe, dass aus meinen noch nicht ansatzweise zu Ende gedachten Gedankengängen vielleicht etwas entsteht, auf dem man aufbauen kann.

Die Bilder der letzten Woche könnten unterschiedlicher nicht sein. Ziemlich zeitgleich fand in Austin die SXSW statt, während in Hannover die CeBIT die Besucher anlockte. Ich war bei keiner der Veranstaltungen, aber natürlich wäre ich lieber in Austin gewesen, als mir in Hannover unzählige Hallen vollgestopft mit Vertrieblern in schlecht sitzenden Anzügen mit fiesen Krawatten anzugucken. Ja, ich weiss, die CeBIT bemüht sich gerade wirklich und will den Anschluß wieder herstellen, das ist mir alles klar. Aber dennoch war sehr deutlich, wo die Musik spielt und wo vor allem die relevanten Internet-Unternehmen präsent sind: in Austin.

Die Bilder haben bei mir dazu geführt, dass ich noch mehr als sonst über das Verhältnis USA und Europa nachgedacht habe im Kontext der wirtschaftlichen Komponente der Digitalisierung. Wir wissen alle, dass im Silicon Valley die Musik spielt. Dort sind die relevanten Internetfirmen nicht nur zu Hause, sondern dort ist auch das Geld vorhanden, um neue Startups schnell groß zu machen. Natürlich ist dort auch ein Überangebot an Talent versammelt, vielleicht so wie es für die Filmschaffenden Hollywood ist oder für die Musikbranche New York City oder LA. Musik ist ein gutes Stichwort, nicht nur wegen „if you can make it here, you can make it everywhere“, was natürlich auf New York City bezogen war, sondern auch, weil es das Dilemma widerspiegelt, in dem sich die europäischen Internet-Startups befinden. Wenn ich mal deutlich vereinfache, dann sehe ich starke Parallelen zwischen den Internet-Startups und der Musikbranche in den 50er/60er-Jahren. Die wesentlichen Impulse, wenn man mal von der British Invasion mit den Beatles, den Rolling Stones und ein paar anderen absieht, kamen aus den USA. Elvis Presley, die Beach Boys, The Doors, Jimi Hendrix und viele andere, brachten das Establishment durcheinander und fanden genügend Konsumenten, die ihre Musik hören wollten. Gleichzeitig gab es in Deutschland seit den 50er Jahren immer wieder Nr. 1 Hits, die lediglich eine deutschsprachige Variante eines amerikanischen Hits darstellten. Sicher, auch Freddy Quinn hatte mal einen Auftritt in der Late Night Show von Johnny Carson und Jahre später hatte Nena mal einen Nr. 1 Hit in den USA und Kraftwerk oder Rammstein sind quasi das Pendant zu SAP, aber worauf ich hinaus will ist folgendes: die Popkultur ist dominiert von den USA, egal ob wir jetzt von Musik oder Internetfirmen reden. Wenn man so will, hat das Nachahmen eine gewisse Tradition und ist von der Musik zur Internetbranche rübergeschwappt.

Das hat natürlich Auswirkungen und macht es bei globalen Märkten schwierig, direkt zu konkurrieren, weil die Größe des amerikanischen Heimatmarktes ganz andere Entwicklungen ermöglicht, als der vergleichsweise kleine deutsche Markt. Dennoch blickt die deutsche Internetbranche stets in Richtung Silicon Valley, als sei es das gelobte Land, in dem Milch und Honig fliessen. Es werden Reisen für Gründer organisiert, damit sie mal die Luft im Silicon Valley schnuppern können, als sei es die moderne Adaption von Disneyland und es gibt den German Silicon Valley Accelerator (GSVA), damit deutsche Startups mal für ein paar Monate im Silicon Valley arbeiten können. Der damit verbundene Erkenntnisgewinn ist immer derselbe: im Silicon Valley ist mehr Geld, die enge Vernetzung für unzählige Kooperationen, der Konkurrenzdruck ist riesig, Deutschland ist weit weg und spielt keine Rolle, die Kosten sind enorm und die Risikobereitschaft aller Beteiligten um ein Vielfaches höher.

Was ist bislang die Reaktion auf diese Marktsituation? Die Branche fällt hintenüber vor Freude, sobald ein amerikanischer Investor in Deutschland investiert. Ansonsten fokussieren sich alle auf eCommerce und Advertising, weil die dahinterliegenden Monetarisierungsmodelle bekannt sind und der Markt verstehbar ist. Ein Proof-of-Concept in den USA ist für deutsche Risikokapitalgeber immer noch die beste Versicherung, dass das Geld gut angelegt ist. So entstehen unzählige Firmen, die irgendwas in eine Box packen und dies verschicken, oder die rechtzeitig vor dem Markteintritt einer amerikanischen Firma versuchen, sich in Deutschland so weit auszubreiten, dass der Markteintritt wenigstens teuer für die amerikanische Firma wird, weil er nur durch eine Übernahme gelingen kann. Technologisch Innovative Firmen, die neue Geschäftsideen umsetzen, haben es vergleichsweise schwer in Deutschland und sind natürlich einer globalen Konkurrenz ausgesetzt, wobei sie allein schon durch die unterschiedliche Investitionshöhe leicht ins Hintertreffen geraten. Mir geht es jetzt überhaupt nicht darum, den eCommerce zu diskreditieren, in keinster Weise und ich finde es auch interessant, wie Rocket Internet und andere diese Modelle wiederum exportieren in andere Märkte, aber ich sehe eben auch, dass seit der Etablierung der MP3 kaum technische Innovation aus Deutschland den Weg in den Massenmarkt gefunden hat.

Gleichzeitig haben wir diese wundervolle Errungenschaft, die sich Europäische Union nennt und einen riesigen Binnenmarkt mitbringt. Nur leider nutzen wir diesen Markt kaum, was sicherlich auch an der Zerklüftung des Marktes und den unterschiedlichsten Herausforderungen in den einzelnen Ländern liegt. Im Vergleich mit den USA stehen wir allerdings in der Größe des Marktes gut da und müssten daher daran arbeiten, die Vorteile dieses Binnenmarktes stärker zu nutzen, um eine eigenständigere Entwicklung der Internetbranche zu ermöglichen. Dabei geht es mir nicht um Protektionismus oder ein europäisches Internet, sondern primär darum, dass wir in Europa uns beim Zukunftsmarkt der digitalen Wirtschaft mehr als bislang auf die eigenen Stärken konzentrieren. Also beispielsweise anstatt junge Unternehmer ins Silicon Valley zu schicken, würde ich eher Verbindungsbüros in den wichtigsten europäischen Märkten etablieren, um das pan-europäische Business Development zu erleichtern. Parallel dazu würde ich die bereits vorhandenen EU-Fördergelder nicht mehr einsetzen, um ein Internet-Firmen in einer Region zu fördern, sondern um deren pan-europäische Entwicklung zu beschleunigen.

Aber zu allererst müssen wir wohl daran arbeiten, dass sich das Mindset verändert und wir mehr über die Vorteile von Europa reden und weniger über die Verheissungen des Silicon Valley.

„Keine Arme, keine Kekse“ – so steht Verkehrsminister Dobrindt nach der Vorstellung der Netzallianz Digitales Deutschland da. Das überhaupt nicht ambitionierte Ziel einer flächendeckenden Breitbandversorgung in Deutschland mit mindestens 50 Mbit/s will er erreichen, indem er die 2016 frei werdenden Mobilfunklizenzen versteigern will, um die damit erzielten Erlöse dann für Infrastrukturmaßnahmen zu verwenden. Das heisst also, dass in dieser Legislaturperiode nur viele Reden geschwungen werden und sonst wenig passieren wird, mit Ausnahme von Inszenierungen wie Spatenstiche in bayerischen Kuhdörfern, die nun endlich Anschluß an die Zivilisation erhalten sollten. Dobrindt wird bei den Telekommunikationsanbietern immer wieder auf Granit beissen, weil die einfach kein Interesse daran, kapitalintensive Investitionen in den Netzausbau zu tätigen. Telekom, Vodafone, Telefonica und Eplus präferieren daher auch LTE als eine Art Opium für das Volk, wirkliches Breitband ist es aber nicht, nur das ist allen herzlich egal, es wird schon niemand merken.

Verkehrsminister Dobrindt wird genau wissen, dass er nichts ausrichten kann gegen die Telekommunikationsunternehmen, aber das passt zur bisherigen Politik der Union, die immer schön darauf bedacht war, die Entwicklung des Internets in Deutschland weitesgehend zu ignorieren. Der Nachholbedarf, den Bundeskanzlerin Merkel auf der CeBIT anspricht, ist zu großen Teilen selbstverschuldet durch Nichtstun der Regierung Merkel.

Ich bin der festen Auffassung, dass wir in Deutschland nicht 50 Mbit/s als Messlatte haben sollten und vor allem nicht LTE als Heilsbringer anführen dürfen, sondern wir brauchen Glasfaser in jedem einzelnen Haushalt und zwar zügig. Hier haben wir in den letzten 15 Jahren keine Fortschritte erzielt, wie die Studien des FTTH Council jedes Jahr zeigen, weil Deutschland so wenig Anschlüsse hat, dass es im europäischen Vergleich noch nicht mal in den Statistiken verzeichnet wird. Wir benötigen in Deutschland das leistungsfähigste Glasfasernetzwerk in ganz Europa, um den zu erwartenden „Tsunami von Datenvolumen“ (Dobrindt) überhaupt bewältigen zu können. Dafür muss eine konzertierte Aktion her und keine warmen Worte.

Die von Frank-Walter Steinmeier im Deutschlandplan bereits 2009 vorgeschlagene Breitband AG, in die alle Netzbetreiber ihre Netze einbringen und die dann die Netze betreibt, und durch Investitionen des Bundes für einen massiven Ausbau sorgt, muss dringend kommen, um in Deutschland zügig voranzukommen. Wir können doch nicht eine immense Steigerung des Datenvolumens erwarten und gleichzeitig die aktuell verfügbare Technologie zum Maßstab nehmen! Das wird schief gehen und das könen wir uns als Gesellschaft nicht erlauben, wollen wir auch in Zukunft bei der digitalen Entwicklung ein Wörtchen mitreden. Ich gebe zu, dass die Breitband AG irgendwie nach Stamokap klingt, aber es macht wirklich Sinn, den Dienste-Anbietern eine einheitliche Grundlage zu bieten, vor allem aus Sicht der Konsumenten.

Deutschland 2014 und 50 mbit/s bis 2018 ist das Ziel. Heimlich zitiert Verkehrsminister wohl immer Bart Simpson: „Underachiever and proud of it.“ Das Ziel muss Glasfaser mit 1 Gigabit/s sein, von mir aus auch bis 2020. Das wird eine gewaltige Kraftanstrengung sein, aber wenn Deutschland zukunftsfähig sein will, dann muss das jetzt eben mal sein. Breitband bedeutet Teilhabe und damit geht es um den Zusammenhalt und die Perspektiven in unserer Gesellschaft. Breitband bedeutet aber auch wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit und sollte daher eine ähnliche Priorisierung wie die Energiewende erfahren. Nur mit netten Gesprächsrunden wird dieses Ziel allerdings nicht erreicht werden, hier müssen alle beteiligten Firmen schnellstmöglich wirklich in die Pflicht genommen werden.