Seit etwas über einer Woche wird Deutschland zuplakatiert mit gelben Plakaten, auf denen bekannte Vorurteile hinterfragt werden. Hinter der Kampagne Umparken im Kopf steht der Autohersteller Opel und die verantwortliche Agentur ist Scholz & Friends, für die ich auch einige Jahre gearbeitet habe. Mit der Kampagne allerdings habe ich nichts zu tun.

Was ich schade finde, denn ich denke, dass Umparken im Kopf direkt den Nerv trifft und einer Firma wie Opel gut steht. Sicherlich kann man immer nette TV-Spots mit Jürgen Klopp und anderen machen, aber das hilft nur nicht dabei, die generellen Probleme der Marke zu überwinden. Die Marke Opel ist das Problem für eine Firma, die wirklich anständige Autos baut, die nur leider zu wenig Leute fahren wollen, weil das Image einfach so mies ist. Ich war damals am Pitch um Opel ein wenig beteiligt und als wir dann den Etat gewonnen hatten, sagte meine Frau sofort: “Aber wir behalten doch den Audi als Dienstwagen, oder”? – da kann man noch so gute Autos bauen, “jeder Popel fährt einen Opel” und das “Manta, Manta”-Image sorgen nachhaltig dafür, dass Opel alles andere als angesagt ist bei der breiten Masse der Bevölkerung.

Mit der cleveren Kampagnen-Idee “Umparken im Kopf” thematisiert Opel jetzt direkt das große Problem, an dem Opel seit Jahrzehnten zu knabbern hat. Während Audi es mit “Vorsprung durch Technik” vom biederen Seniorenwagen mit gehäkeltem Klorollenüberzug auf der Hutablage zu einer begehrten Marke geschafft hat, konnte Opel bislang zwar noch so oft darauf hinweisen, dass die Autos wirklich gut sind, es wollte sie dennoch niemand kaufen (Und die Autos sind wirklich gut, wir haben vorletztes Jahr einen Opel Zafira Tourer getestet und waren von der Qualität des Autos überzeugt). Die Kampagne Umparken im Kopf löst Diskussionen aus, sowohl über das jeweilige Plakatmotiv als auch über Opel selber. Und das ist genau das, was die Rüsselsheimer jetzt benötigen, damit sich die Kunden von Opel auch zur Marke bekennen können und potentielle Kunden nicht mehr vom schlechten Image der Marke abgeschreckt werden.

Leider wird die ganze Kampagne nach dem ersten Plakatflight viel zu werbisch, die vielen Testimonials in den kurzen Filmchen sind überflüssig und die dazugehörende Website umparkenimkopf.de stellt auch nur einen Rückfall in die alten Zeiten der Micrositehöllen dar. Es hätte völlig ausgreicht, lediglich zu zeigen, wie die Kampagne derzeit in den sozialen Medien diskutiert wird, aber viele Werber sehen sich gerne als verhinderte Drehbuchstars und wollen daher immer mit Prominenten irgendwelche Filmchen drehen, quasi eine Berufskrankheit. Die Übersichtseite gibt es durchaus, aber sie sollte im Fokus stehen und es müssten immer wieder neue Diskussionen stimuliert werden, damit die Kampagne langanhaltend laufen und damit zum Imagewechsel bei Opel beitragen kann.

Oft_verrät_der_zweite_Blick_mehr_als_der_erste____umparkenimkopf

Ich wünsche mir noch viele, viele Motive, die gängige Vorurteile hinterfragen und die Leute zum Nachdenken anregen. Das kann generell nicht schaden, und wenn es noch dazu führt, dass ein traditioneller deutscher Autohersteller auf seinem Heimatmarkt wieder mehr gekauft wird, dann hat die Kampagne gleich zwei Ziele erreicht: Nachdenken und Absatz.

Im Sommer 1991 war ich wieder bei meiner Gastfamilie in Iowa zu Besuch, nachdem ich 1990 aus den Staaten zurückgekehrt war. Der Sommer 1991 war ordentlich heiss, aber dennoch wollten wir einen längeren Roadtrip von Des Moines nach Chicago und dann weiter nach Minneapolis machen. Also wurde der Minivan, ein Plymouth Voyager, der schon etwas betagt war, vollgeladen und neben mir und meiner damaligen Freundin fuhren meine Gastmutter, zwei „eigene Kinder“ und zwei Freunde der Kinder mit.

Bereits auf der Strecke nach Chicago wurde klar, dass der Wagen ein Problem hatte, denn nach einer Weile des Fahrens in der Hitze mussten wir anhalten und den Motor etwas ruhen lassen, bevor wir weiter fahren konnten. Das war eher nervig, aber für uns auch nicht so schlimm, schliesslich konnten wir bei den zahlreichen Stops Eis essen oder die Softdrink-Vorräte auffüllen. Immerhin brachte uns der Wagen bis nach Chicago und nach zwei Tagen Chicago inklusive einem Besuch des legendären Wrigley Fields zu einem Spiel der Chicago Cubs sind wir dann am Nachmittag aufgebrochen, um nach Minneapolis zu fahren.

Allerdings sind wir in der Nachmittagshitze bei extrem zähfliessendem Feierabendverkehr nicht wirklich weit gekommen, denn irgendwann blieben wir mit dem Wagen auf der Interstate liegen, unweit des Stadions der Chicago Whitesox in der Chicagoer South Side. Die South Side galt damals eher als heruntergekommener Stadtteil mit einer hohen Arbeitslosenquote unter den überwiegend schwarzen Einwohnern, mit viel Gewalt durch Gangs und dem damit verbundenen Drogenhandel. Das wusste ich damals nicht, meine Gastmutter aber durchaus. Jedenfalls blieben wir dort mit dem Wagen liegen, kurz vor Anpfiff des Spiels der Whitesox und direkt an der Ausfahrt. Ausgelassene Menschen fuhren an uns vorbei direkt zum Spiel oder in den Feierabend. Es interessierte aber niemanden, dass wir da mit offener Motorhaube und dampfendem Motor standen in der prallen Hitze. Meine Gastmutter war unschlüssig, was sie nun machen sollte, ihren Ausspruch „Damn, why do I have to be the adult?“ werde ich nie vergessen. Sie wollte uns weder alleine im Auto zurücklassen, um Hilfe zu holen, noch jemanden von uns die Ausfahrt entlang schicken, um dort jemanden zu finden, der uns helfen könnte. Also warteten wir, ob zufällig ein Abschleppwagen oder die Polizei vorbei kommen würde.

Nach einer Weile kam jemand vorbei. Ein klappriger alter Ami-Schlitten hielt knapp 50m entfernt von uns an und aus dem Fahrerfenster kletterte ein Mann, der sich schnell auf uns zu bewegte. Der Mann machte einen eher verlotterten Eindruck, trug dreckige Jeans und ein speckiges T-Shirt, hatte große Hände, vernarbte Unterarme, verfilzte Haare und sprach mit einem breiten Akzent, so wie es die Schwarzen in Chicago tun. Er sagte zu meiner Gastmutter: “Ma’am, can I help you?” und meine Gastmutter guckte ihm in die glasigen Augen und dann guckte sie mich fragend an, bis sie erwiderte, dass wir Probleme mit dem Wagen hätten. Der Mann sagte “My name is George. I’m a mechanic. Wait a minute!”, dann drehte er sich um und lief zurück zum Auto, beugte sich tief durch das Fahrerfenster in das Auto und holte eine Brechstange hervor. Damit ging er zum Kofferraum, öffnete den Kofferraum mit der Brechstange und holte einen Werkzeugkoffer hervor. Mit dem Werkzeugkoffer kehrte er zum Auto zurück, sagte zu meiner Gastmutter: „Trust me, the Lord sent me!“ und riss irgendwelche Schläuche im Motorraum aus ihrer Verankerung, so daß eine grüne Flüssigkeit austrat und meine Gastmutter “we will never get out of here” murmelte. Nach einer Weile kam George wieder aus dem Motorraum hervor und meinte, wir sollten den Motor wieder starten. Und tatsächlich, die Kiste sprang an. George meinte, wir sollten ihm zur nächsten Tankstelle folgen, um neue Kühlflüssigkeit zu kaufen. An der Tankstelle angekommen, meinte George zu meiner Gastmutter: “go, get me a can of coke!” – meine sichtlich irritierte Gastmutter fragte nach, welche Art es denn sein solle, worauf er erwiderte: “any coke will do. I want to prove to you that I am really a mechanic!” Nun ja, wir hatten ihm schon vertraut und der Wagen lief wieder, aber nun waren wir doch gespannt, was George denn mit der Cola vorhatte. Er nahm die Dose, öffnete sie, trank einen Schluck und kippte den Rest über die Batterie, bei der dann magisch die ausgetretene Batteriesäure entfernt wurde. Wir waren nun vollends perplex. George war der Retter in der Not, auch wenn wir eher Befürchtungen hatten, dass er unser Problem nur noch verstärken wurde. Ich werde dieses “Trust me, the Lord sent me!” nie vergessen und natürlich täuscht der erste Eindruck oftmals, den man von Menschen hat. Wir sind mit dem Wagen locker bis nach Minneapolis und dann zurück nach Des Moines gefahren, nur Dank George.

Wie ich gerade jetzt darauf komme? Wegen des Artikels 20 Practical Uses for Coca Cola – Proof That Coke Does Not Belong In The Human Body, der mir gerade in die Timeline schwappte.

Ach, und als wir in Minneapolis ankamen, meinte die Freundin meiner Gastmutter nur lakonisch “People got killed in the South Side for less than a broken car.” Meine Gastmutter war jedenfalls heilfroh, dass wir unversehrt in Minneapolis angekommen waren und als gläubige Christin wurde sie nicht nur durch den Ausspruch „Trust me, the Lord sent me!“ in ihrem Glauben noch bestätigt. Für uns alle war das Erlebnis mit George etwas, was wir nicht vergessen würden.

Wenn es nach Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach geht, dann sieht man jetzt schon die Anzeichen für das bevorstehende Ende von Facebook und wir werden eine Implosion miterleben. Für Wolfgang ist dies der Internettrend 2014 und er macht dies an drei historischen Erfahrungen fest. Erstens schichten mittlerweile auch die langsameren Firmen ihre Mediabudgets in Richtung Facebook ist, was ein Anzeichen dafür sei, dass Facebook zum AOL werde. Außerdem verändere sich die Nutzung von Facebook, was zur Implosion führen werde. Und der älteste Sohn von Wolfgang nutzt Facebook nicht. Nee, ist klar, dann hat Facebook ja wirklich ein Problem. Ich haue ja auch gerne mal eine steile These raus, aber so wird das nix, Wolfgang.

1693257-the-facebook-drama-the-social-network-wont-show-you---rotator_jpgFacebook ist jetzt 10 Jahre alt und ist natürlich nicht mehr das kleine Startup, das als Herausforderer sich mit den Großen der Branche anlegt, sondern ist einer der Platzhirschen. Aber, und das sieht man immer wieder, dennoch schafft es Facebook weiterhin, sich eine Kultur zu bewahren, die dafür sorgt, dass neue Dinge ausprobiert werden und dass mutig steinige Wege beschritten werden. Die Beispiele sind zahlreich, bei denen Facebook etwas versucht hat, was dann nicht geklappt hat, weil die Nutzer es nicht gut fanden oder nicht verstehen wollten, und was daraufhin wieder eingestellt wurde. Das war nicht erst bei Beacon so und die Einstellung der Facebook Mail-Adressen wird auch nicht der letzte Versuch gewesen sein, der daneben gegangen ist. Ich will jetzt gar nicht erst großartig auf die Whatsapp-Akquisition verweisen, auch weil Wolfgangs Text wohl vorher entstanden ist, aber der Whatsapp Share-Button sorgt in den USA schon jetzt für mehr Traffic als der vergleichbare Twitter-Button.

Was mich allerdings ärgert, das ist dieser dämliche Vergleich mit AOL. Ja, AOL war auch mal richtig groß und für Werbekunden attraktiv, aber wann war das bitte? Das war in grauer Vorzeit. Was hat sich seitdem nicht alles verändert, was einen historischen Vergleich eher absurd wirken lässt? Wir erinnern uns: AOL hat Internet-Zugänge angeboten und dann versucht, den dadurch entstehenden Traffic möglichst lange auf der eigenen Plattform zu halten, was eine zeitlang durch eine Walled Garden Infrastruktur auch gut funktionierte. Mit dem Aufkommen von unzähligen DSL- und Kabelanbietern, die „das reine“ Internet verkauften, wurde dieses Modell irgendwann obsolet. Ja, das war ein Silo, aber wo ist da der Bezug zu Facebook? Facebook ist ja nicht einfach nur eine Plattform, bei der Werbekunden Geld ausgeben, um ihre Nutzer zu erreichen. Facebook ist eine Plattform, auf der die Nutzer untereinander kommunizieren können. Sie tun dies, indem sie Photos hochladen, Status-Updates teilen, Games daddeln oder was auch immer. Facebook ist ein Ökosystem, von dem Drittanbieter partizipieren, die irgendwelche Dienste bereitstellen, die mit Facebook funktionieren. Unzählige Verknüpfungen bestehen mit dieser Plattform und für die Nutzer entwickelt sich dadurch eine Stickyness, die für regelmässig wiederkehrende Nutzer sorgt.

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich, das dürfte bei AOL vs. Facebook schnell deutlich werden. Facebook beeindruckt mich immer wieder durch eine Agilität, die bei einer derartig komplexen Plattform nicht leicht umzusetzen ist in der Praxis. Facebook ist in der Lage, veränderte Nutzungsmuster zu erkennen und entsprechend das Angebot zu modifizieren, wie wir zuletzt eindrucksvoll an der Monetarisierung der mobilen Nutzung durch App-Installs gesehen haben.

Facebook wird nicht implodieren, denn Facebook erfindet sich täglich immer wieder ein Stück weit neu. Das können nicht viele Firmen dieser Größenordnung, aber mit Zuckerberg und der Einstellung „move fast and break things“ wird Facebook noch lange gleichzeitig die Börsen-Analysten und die Nutzer zufriedenstellen.

Die Privatheit ist auch nicht das, was es mal war. Jedenfalls würde ich dies einfach mal so behaupten, ohne das Verhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, oder das Verhältnis von Verbraucher zu Wirtschaft oder gar das Verhältnis von Bürger zu Staat in diesem Kontext vor dem Hintergrund der Veränderungen durch die Digitalisierung der Gesellschaft auch nur ansatzweise diskutiert zu haben. Wir alle spüren die Veränderungen, wir alle merken, dass sich die Rahmenbedingungen verschieben und dass mittlerweile die Privatheit einen anderen Stellenwert bekommen hat. Es ist schon erstaunlich, wie sich der Umgang mit Privatheit in den letzten Jahren verändert hat. Es gibt viele Punkte, die immensen Umwälzungen ausgesetzt sind: das Einkaufsverhalten, die Freunde und Bekannten in sozialen Netzwerken, die Gespräche, die Bewegungen – alles kann mittlerweile digital erfasst, gespeichert und ausgewertet werden. Diese Entwicklung wird nicht aufzuhalten sein, daher wird es immer wichtiger sein, die Veränderungen der Privatheit der Bürger zu diskutieren und dafür zu sorgen, dass die mündigen Bürger verstehen, was gerade passiert. Das klingt einfach und nachvollziehbar, ist aber aus Sicht des Einzelnen eher unpraktisch und kompliziert.

Im Zeitalter des Web 2.0 sind die Nutzerinnen und Nutzer des Netzes in die Lage versetzt worden, auf einfachstem Wege Inhalte zu erstellen und diese auch gleich mit Familie, Freunde, Bekannten oder direkt dem Rest der Welt zu teilen. Unzählige Fotos von Abendessen, Konzerten, Katzen oder auch die berühmt-berüchtigten Selfies, also Schnappschnüsse als Selbstportraits, lassen Facebook zur größten Photosammlung der Welt werden, mit 350 Millionen neuen Photos am Tag. Viele dieser Photos sind mit Geo-Informationen versehen und zeigen somit an, wo sie aufgenommen wurden. Im Vergleich dazu wirkt der Dia-Abend mit Freunden und Bekannten, wie er in den 70er und 80er Jahren üblich war, wie eine sehr intime Veranstaltung. Neben Photos werden natürlich noch viele weitere Aspekte des täglichen Lebens mit anderen über digitale Wege geteilt. Man drückt seinen aktuellen Status aus und damit die derzeitige Befindlichkeit, verbreitet Musik, die man gerne hört, diskutiert Filme, Konzerte, Bücher und verteilt munter Links zu interessanten Artikeln. Das ist ein immer wichtiger werdender Bestandteil von dem, was wir in der digitalen Gesellschaft aktiv machen, denn nur so erfährt unser Umfeld, was uns umtreibt. Dieser Stream von Daten, die wir selber generieren, definiert unsere Einstellung zur Privatheit. Wir sorgen dabei für die eigene Inszenierung unseres digitalen Ichs. Dadurch, dass die weit verbreitete Kultur des Teilens dazu führt, dass man mehr Offenheit zeigt, verzichtet man entsprechend auf Privatheit.
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Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche: sobald sich bei Google, Facebook, Apple oder Amazon eine neue Konstellation ergibt, treten Deutschlands Datenschützer auf den Plan und formulieren in drastischen Worten Endzeitszenarien. So natürlich auch nach der Übernahme von Whatsapp durch Facebook. Besonderen Eifer legt wie immer Thilo Weichert vom ULD in Kiel an den Tag, für den einerseits eine dritte Amtszeit per Lex Weichert geschaffen werden soll, was an sich schon ein Unding ist, der aber mit zunehmender Amtsdauer auch immer verbitterter und verbohrter wirkt und so langsam Züge eines Don Quixote von der Waterkant annimmt:

Damit werden nicht nur diese beiden US-Unternehmen, sondern potenziell die dort vorhandenen personenbezogenen Datenbestände verschmolzen. Dies ist insofern von höchster Datenschutzrelevanz, weil viele Menschen bei der Individualkommunikation von Facebook, um diesem Datenmoloch zu entgehen, zu WhatsApp gewechselt sind. Die Kommunikationsmetadaten wie auch die -inhalte beider Dienste stehen dem Betreiber lesbar zur Verfügung und können nun zusammengeführt, zur Profilbildung ausgewertet und für Werbezwecke kommerziell ausgebeutet werden.

250px-DataTNGEs ist schon interessant, wenn eine Terminologie wie “Datenmoloch” genutzt wird und dann die Nutzer aufgefordert werden, zu anderen Diensten zu wechseln. Dagegen wirkt sein Kollege aus Hamburg, der in der Vergangenheit ja auch den ein oder anderen Irrlauf hingelegt hat, geradezu euphorisch, wenn er darauf hinweist, dass mit der Übernahme die Datenschutzstandards bei Whatsapp eher steigen könnten.

Was Weichert in seinem Eifer verkennt, ist allerdings eine simple Tatsache: die Nutzer interessiert der Umgang mit ihren Daten entweder herzlich wenig oder sie nehmen vermeintliche Nachteile billigend in Kauf. Und es gibt dafür auch zwei ganz einfache Gründe:
1. Die Nutzer nutzen den Dienst, die ihre Freunde und Bekannten auch nutzen. Warum? Weil man nur dann kommunizieren kann, wenn auch die Kommunikationspartner den Dienst nutzen. Durch die Kommerzialisierung des Netzes und das Aufkommen der Ökosysteme wurde es leider nicht geschafft, für Chat und Messaging analog zu Email einen Standard zu definieren und auch zu nutzen. Japper/XMPP wurde zwar vom IETF ratifiziert, wird aber aufgrund der Inseldenke der Anbieter nicht als offenes Protokoll zum Austausch von Daten zwischen den Diensten angeboten. Also nutzen die Nutzer den Dienst, bei dem auch ihre Freunde und Bekannten sind. Etwaige Vorbehalte werden beiseite geräumt, weil der Kommunikationsanlass wichtiger ist.
2. Die Popularität eines Dienstes macht sich an anderen Faktoren fest als deutsche Datenschützer es gerne hätten. Das verhält sich in etwa so wie das Aufkommen der Beatmusik mit den Vorstellungen des Establishments in den 60er Jahren. Da prallten unterschiedliche Wert- und Moralvorstellungen aufeinander, aber die Entwicklung der populären Musik wurde dadurch nicht aufgehalten und es wurden in den Folgejahren viele gesellschaftliche Tabus gebrochen. Soziale Netzwerke basieren auf den Daten der Nutzer und Konzepte wie Datensparsamkeit sind dabei in der täglichen Nutzung kaum anwendbar, denn bei der Kommunikation fallen nun einmal Daten an und oftmals ergibt sich erst aus der Verknüpfung dieser Daten mit anderen Daten des Nutzers oder anderen Nutzern der Produktvorteil, den sich der Nutzer wünscht.

Die gesamte Hilflosigkeit des Thilo Weichert, der als oberster Datenschützer des Landes Schleswig-Holstein einfach nicht wahrhaben will, dass er eine Minderheitenposition einnimmt, die von den Nutzern in der Praxis noch nicht einmal ignoriert wird, manifestiert sich in seinem abschliessenden Zitat in der Pressemeldung zur Übernahme von Whatsapp:

Wem die Vertraulichkeit der eigenen Kommunikation etwas wert ist, der sollte auf vertrauenswürdige Dienste zurückgreifen. Dies können nur Unternehmen sein, die einem wirksamen Datenschutzregime unterliegen und die transparente technische Sicherungen vorsehen, etwa eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, so wie dies bei den schweizer Anbietern Threema oder myEnigma nach deren eigener Darstellung der Fall zu sein scheint.

Vertrauenswürdig ist also, wenn schweizer Unternehmen sagen, dass sie es sind. Ah ja. Hauptsache, nicht irgendwelche bösen Amis, sondern ordentliche Schweizer, die sich natürlich an Recht und Gesetz halten. Das Leben kann so einfach sein, wenn man sein eigenes Koordinatensystem fein säuberlich in gut und böse aufgeteilt hat.

Für mich ist immer wieder erstaunlich, wie freudlos diese Datenschutzhysterie doch ist. Das erinnert mich immer wieder an den Pietismus, bei dem ich auch immer den Eindruck habe, dass das eine sehr freudlose Veranstaltung (gewesen) sein muss, wenn die eigene Frömmigkeit und die damit verbundene reine Lehre überhöht wird. Bei der aktuellen Datenschutzdebatte treten einige Protagonisten für eine reine Lehre ein, verkennen aber völlig, dass ihre Schäfchen damit nichts mehr anfangen können, weil es nicht mehr ihren Erfahrungen und Nutzungsszenarien entspricht. Um überhaupt noch Gehör zu finden, werden Weltuntergangsszenarien bedient sowie Ressentiments geschürt und es werden unpraktikable Lösungen empfohlen, die niemand nutzen wird. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass die Nutzer weiterhin Facebook, Amazon, Google, Apple und andere Anbieter nutzen werden.

Bei der modernen Kommunikation fallen Daten an, die verarbeitet werden. Nutzer müssen den Anbietern vertrauen und es wird sicherlich immer ein gewisses Unbehagen bleiben. Für die meisten Nutzer internetbasierter Kommunikationsdienste stellt sich die Frage nach einer Enthaltsamkeit oder nach einer Datensparsamkeit schlichtweg nicht. Hinzu kommt, dass viele Nutzer sich der Banalität der eigenen Gespräche durchaus bewusst sind und daher vermutlich eher mit den Schultern zucken und sich über Whatsapp verabreden als auf verschlüsselte Dienste zurückzugreifen.

Ich halte Datenschutz für absolut wichtig, aber die Hysterie in der Debatte um Whatsapp und Facebook hilft nicht ansatzweise weiter. Vor allem klafft eine riesige Lücke zwischen dem Datenschutzverständnis vieler Datenschützer und der von den Nutzern tolerierten Praxis, die im Zweifel immer einen populären Dienst nutzen werden, egal wie sehr sich dieser an die Sichtweise des Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein hält. Wenn man allerdings in der Schmollecke steht, wird man den Großteil der Nutzer nicht erreichen können, sondern eher wie ein wirrer Kauz wirken, der den Anschluss verpasst hat. Ich will durchaus, dass der einzelne Nutzer versteht, was mit den Daten aktuell passiert, ich will auch, dass der einzelne Nutzer eingreifen kann und bestimmen kann, was mit den Daten geschehen darf, daher finde ich, dass wir diskutieren sollten, wie Datenschutz im Zeitalter digitaler Ökosysteme aussehen kann und welche Regulierungsmöglichkeiten überhaupt noch bestehen. Ein Appell zur Nutzung anderer Dienste ist dabei nicht die Lösung, sondern offenbart nur die eigene Hilflosigkeit.