roboterrevolutionEs gibt viele Bücher, bei denen ich mir nach spätestens 50 Seiten denke, dass ich die Grundidee jetzt verstanden habe und ich dann eher gelangweilt auf die restlichen 200 Seiten blicke, die nur noch dazu da sind, die Kernthese von links nach rechts zu ziehen und mit unzähligsten Beispielen zu belegen. Derartige Bücher hätten als Essay ihren Zweck voll erfüllt. Bei dem vorliegenden Buch von Karsten Wysk ist es genau andersrum. Die Roboter Revolution – wie Deutschland die zunehmende Automatisierung zur Weiterentwicklung des Kapitalismus nutzen sollte reisst viele Themen an, wird aber wenig konkret und bringt leider auch wenig praktische Beispiele.

Dabei packt Karsten Wysk eines der drängendsten Themen der Zeit an: was machen wir eigentlich, wenn durch die Digitalisierung die Arbeit für die Menschen weniger wird, aber die Produktivität hoch bleibt? Wie kann dann unser Gemeinwesen funktionieren, wo kommen die Steuern her, was machen die Menschen mit der vielen Freizeit?

Karsten (wir kennen uns seit vielen Jahren) schlägt u.a. vor, dass die Steuereinnahmen künftig anders realisiert werden sollen, nämlich über Unternehmensgewinne, die an den Staat abgeführt werden, da dieser durch das Eintreten des Erbfalles stiller Anteilseigner eines Unternehmens wird. Das finde ich einerseits charmant, aber andererseits wirft es sooo viele Fragen auf, denn es gibt ja auch Unternehmen, die noch nicht vererbt sind und riesige Gewinne machen, ohne viel Steuern zu zahlen, und und und. Ansonsten sagt Karsten viel Richtiges über die Verteilung von Vermögen in der Gesellschaft und versucht, die notwendige Umverteilung möglichst behutsam anzugehen, damit sich niemand entzieht. Sein Modell des Grundeinkommens mit einem Fähigkeits- und Reputationsfaktor wirkt mir allerdings viel zu bürokratisch, auch wenn es charmant ist, dass Menschen Geld bekommen sollen, weil sie sich sozial engagieren.

In Summe bin ich nicht so richtig überzeugt, da hätte etwas mehr Substanz dem Buch gut getan und vielleicht auch mehr als nur 78 Seiten. Was mich allerdings total genervt hat, das war der Verzicht auf ein Lektorat, was man leider nicht nur an den fehlenden Kommata gemerkt hat.

Die Roboter Revolution – wie Deutschland die zunehmende Automatisierung zur Weiterentwicklung des Kapitalismus nutzen sollte

your_heart_is_a_muscle_the_size_of_fistIch weiß nicht mehr genau, wo ich das erste Mal über diesen Buchtitel gestolpert bin, aber daneben stand, dass man das Buch von Sunil Yapa unbedingt lesen solle, denn es sei ein toller Debüt-Roman. Um ehrlich zu sein: ich fand den Titel Your Heart is a Muscle the Size of a Fist so poetisch und schön, dass ich den Klappentext nicht mal gelesen habe, sondern gleich mal einen Impulskauf getätigt habe.

In dem Buch geht es um ein paar Stunden, genauer gesagt um das Aufeinandertreffen einer Handvoll Personen während der Proteste gegen die WTO Versammlung in Seattle im Jahr 1999. Die Geschichte wird in jedem Kapitel mit dem Focus einer anderen Person erzählt, aber es dreht sich vor allem um den 19-Jährigen Victor, der eigentlich an diesem Morgen nichts anderes vorhat, als Marihuana zu verkaufen, um seine Reise fortzusetzen, die er vor 3 Jahren begonnen hatte und die ihn zurück nach Seattle geführt hatte, wo er in einem Zelt unter einer Autobahnbrücke wohnte.

Yapa schildert, wie aus dem friedlichen Protest eine Gewaltorgie wird, wie die Polizei durchdreht, aber auch wie die unterschiedlichen Akteure mit der WTO unterschiedliche Kritik oder Hoffnungen verbinden. Die jeweils unterschiedlichen Blickwinkel sorgen für facettenreiche Darstellungen der Vorkommnisse, lassen aber auch immer mehr Einblick in das emotionale Innenleben, die Geschichte und die Motivation der Beteiligten zu.

Stellenweise hatte die Schilderung der Gewaltexzesse etwas zu viel Raum in dem Buch, aber generell habe ich das Buch sehr genossen, obwohl ab einem gewissen Moment schon eine Ahnung entsteht, wie das Buch enden wird. Das nimmt etwas die Spannung am Buch, denn es wird offensichtlich, worauf es hinausläuft und dann dauert es eben doch noch eine Weile, bis alles zusammenkommt. Der Kampf für eine bessere Welt und die vielen Fragen, die uns selber auf dem Weg dorthin begegnen, betten dieses Buch in einen zeitgemäßen Kontext, auch wenn es vor allem darum geht, wie Menschen versuchen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden oder zu behalten.

Your Heart is a Muscle the Size of Fist

41rtVUBP4SLSarah Knight hat sich durch The Life-Changing Magic of Tidying: A simple, effective way to banish clutter forever von Marie Kondo inspirieren lassen und ein etwas anderes Aufräumbuch geschrieben. Sarah Knight will dabei helfen, dass man sich nicht immer mit Dingen beschäftigt, die einen nicht wirklich interessieren. Und sie tut das in einem sehr amüsanten Buch: The Life-Changing Magic of Not Giving a F**k mit der wunderbaren Unterzeile „how to stop spending time you don’t have with people you don’t like doing things you don’t want to do“.

Eigentlich geht es bei diesem Buch vor allem um das „Nein“-Sagen, aber eben so, dass man dabei nicht total wie ein Arschloch wirkt. Dazu soll man quasi innerlich aufräumen und sich bei den unterschiedlichsten Themen überlegen, wie wichtig es für einen ist und ob man sich darum kümmern will oder nicht. Vor allem aber soll ihre NotSorry Methode dafür sorgen, dass man dabei kein schlechtes Gewissen hat.

Bei diesem Buch handelt es sich also um eine Anleitung zum „Nein“-Sagen, aber es ist sehr witzig und kurzweilig geschrieben. Denn natürlich gibt es einen wahren Kern zwischen all den Fucks, die man gibt oder nicht gibt. Man macht viel zu viele Dinge, die einen eigentlich nicht interessieren, zu denen man sich aber aus irgendwelchen Gründen verpflichtet fühlt. Macht man diese Dinge nicht, hat man mehr Zeit, investiert keine Energie in etwas, was man eigentlich nicht will, oder spart eventuell sogar noch Geld.

Jeder hat Themen, auf die man eher verzichten könnte. Bei mir gehören Meetings und Telefonkonferenzen ganz oben auf die Liste, aber auch gewisse Verwandschaftsbesuchen oder alles, was sich um einen Kirchenbesuch gruppiert. Nicht alles kann man leider absagen, aber Sarah Knight gibt kreative Ideen dafür, wie man vielleicht doch mehr Zeit für sich gewinnt, ohne dabei eine schlechtes Gewissen zu haben. Dieses Buch war sicherlich das mit der häufigsten Nennung des Wortes „fuck“, jedenfalls von den Büchern, die ich so gelesen habe.

Sarah Knight: The Life-Changing Magic of Not Giving a F**k

Es ist äußerst selten, dass ich ein Buch, bzw. den Kindle in die Hand nehme und das Buch in einem Rutsch durchlese. Auerhaus ist so ein Buch.

auerhausAuerhaus spielt in der Provinz in der Nähe von Stuttgart in den 80ern. Als Berlin noch eine wirkliche Insellage hatte und einen Ausweg aus der Wehrpflicht darstellte. Als es noch Telefonzellen gab und als man noch in die Schule oder zur Stadt trampte.

Auerhaus könnte auch in meiner Schulzeit gespielt haben, alles kommt mir merkwürdig bekannt vor, die Charaktere habe ich so oder so ähnlich auch gekannt, bzw. mich in ihnen wiedergefunden. Diese Zeit vor dem Abi, als noch alles ungeklärt war, man nicht genau wusste, was als nächstes kommen würde und man stetig dabei war, die Grenzen auszuloten.

Auerhaus ist ein schnelles Buch, es erzählt die Geschichte einer Handvoll Jugendlicher, die mit Frieder in ein Haus ziehen, damit er nicht wieder versucht, Selbstmord zu begehen. Madness liefert quasi den Soundtrack zum Buch, denn dieses gemeinsame Haus bedeutet für die Jugendlichen nicht nur Verantwortung zu übernehmen und mit dem Leben auf ihre eigene Art klar zu kommen, sondern eben auch eine exponierte Präsenz im Dorf, denn dort fallen sie auf in dem Haus in der Mitte des Dorfes.

Seit ich Auerhaus durchgelesen habe, schwirren Namen von damals in meinem Kopf, Bilder flashen auf von Parties, von endlosen Diskussionen an Küchentischen, von Joints, von schräger Musik, merkwürdigen Ausflügen, wirren Typen und von viel Neugier und stellenweise schwachsinnigem Mut. Witzigerweise sind die meisten Leute von damals im klassischen Sinne „was geworden“, also kann uns das nicht so sehr geschadet haben. Aber natürlich ist Auerhaus ganz anders.

Lest Auerhaus, es ist ein tolles Buch.

the_swerveVor ein paar Jahren bin ich über The Swerve gestolpert, denn jemand, dessen Blog ich gerne lese, hatte das Buch erwähnt. Ich weiss allerdings mittlerweile schon gar nicht mehr, wer das Buch empfohlen hatte. Und nachdem ich das Buch jetzt durchgelesen habe, stelle ich bei meiner Recherche fest, dass Stephen Greenblatt für The Swerve: How the World Became Modern den 2012 Pulitzer Prize for General Non-Fiction und den 2011 National Book Award for Nonfiction verliehen bekommen hat.

Na, dann muss das Buch aber gut gewesen sein, oder?

Ich bin kein Fan von langen Büchern und 356 Seiten ist echt zu viel für mich. Aber ich habe das Buch durchaus mit Genuss durchgelesen, denn Greenblatt gelingt ein interessanter Spagat zwischen den alten Griechen und den Römern bishin zum Mittelalter. Es geht bei dem Buch um die Wiederentdeckung eines Gedichtes von Lucretius: „On the Nature of things“, oder wie wir alten Lateiner sagen: „De rerum natura“ – das durch Poggio Bracciolini im 15. Jahrhundert in einem deutschen Kloster wiederentdeckt wurde. Durch die dann einsetzende Vervielfältigung wurde dann Gedankengut in Umlauf gebracht, das die Renaissance lostrat, so Greenblatt.

Da ich mal Mittlere und Neuere Geschichte studiert hatte, fand ich diese Fragestellung spannend, denn das ist ja immer so eine der wesentlichen Fragen: „warum ist eigentlich was passiert nach so vielen Jahren Mittelalter?“ – und da entwickelt Greenblatt wirklich eine lesenswerte Story, bei der er gleichzeitig noch ein eindrucksvolles Bild von der römischen Kurie zu der Zeit abliefert.

Alles in allem ein lesenswertes Buch, aber stellenweise hatte es wirklich seine Längen und ich habe mich lange gefragt, was denn nun in diesem sagenumwobenen Gedicht alles drinsteht. Lurcretius hatte bereits vor über 2000 Jahren über Atome geschrieben, aber auch über den freien Willen von Lebewesen – das sind natürlich schon bahnbrechenden Ideen gewesen damals, was naheliegender Weise von der Kirche nicht als hilfreich erachtet wurde.

Das Buch gibt einen guten Blick in das ausgehende Mittelalter und zeigt mit diesem ideengeschichtlichen Abriss eine der wichtigsten philosophischen Entwicklungen auf.

The Swerve: How the World Became Modern
Die Wende: Wie die Renaissance begann