Es ist selten, dass ich mal vor Plakaten stehen bleibe und denke: „wow, das ist mal eine richtig gute Idee, die Debatte ist lange überfällig!“ – aber bei der aktuellen Kampagne der IG Metall, deren Plakatmotive ich seit ein paar Wochen an den Bahnhöfen gesehen habe, ist dies der Fall.

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Ich finde, dass diese Kampagne genau die richtigen Fragen aufwirft, was die Zukunft der Arbeit angeht. Denn irgendwie habe ich das Gefühl, dass noch immer nicht gesehen wird, wie sich die Arbeit gerade verändert. Das hat mit der Automatisierung in einigen Branchen zu tun, so wie es Constanze Kurz und Frank Rieger in ihrem Buch Arbeitsfrei eindrücklich beschrieben haben, aber auch mit dem Entstehen neuer Arbeitsfelder und neuer Jobs. Wenn man sich allerdings die Debatten so anguckt, dann bekommt man den Eindruck, dass man sich eher in die Realität der 70er Jahre zurücksehnt, als zu erkennen, dass eine Veränderung der Arbeitswelt natürlich auch zur Folge haben muss, dass wir dringend Vorstellungen davon bekommen müssen, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen. Es ist nicht mehr üblich, nach der Ausbildung vom Betrieb übernommen zu werden und dann bis zur Rente in dem Betrieb zu arbeiten. Das bedauern etliche sicherlich, aber für andere käme ein derartiges Modell nicht in Frage. Überhaupt stellt sich immer mehr die Frage, wie wir die Arbeit so verteilen wollen, dass genug für alle da ist und nicht die einen sich überarbeiten, während die anderen keine Beschäftigung finden.

Mich treibt dieses Thema seit einiger Zeit um, nicht nur, weil ich ein klein wenig am Kreativpakt mitgearbeitet habe, bei dem die SPD Bundestagsfraktion in der letzten Legislaturperiode versucht hat, die Herausforderungen für die Erwerbstätigen in der Kreativbranche zu verstehen und Lösungsansätze für die Verbesserung der Situation zu definieren. Aus eigener Erfahrung sehe ich eben auch, mit welcher Rasanz aktuell neue Jobs entstehen, während alte obsolet werden. Die Ümbrüche in der Medienbranche und die neuen Herausforderungen für die Agenturlandschaft waren dabei allerdings nur die Vorboten von Entwicklungen, die wir erst in einigen Jahren auch in anderen Branchen sehen werden. Die disruptive Kraft der Digitalisierung ist enorm. Sie sorgt für neue Arbeitsfelder, von denen Leute wie ich profitieren, sie sorgt allerdings auch für den Abbau von Arbeitsplätzen, für die es kaum adäquaten Ersatz geben wird. Wir müssen Szenarien entwickeln, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen.

Daher finde ich es super, dass die IG Metall anfängt, die richtigen Fragen zu stellen und damit eine lange überfällige Debatte anschiebt. Bislang sind die Gewerkschaften allerdings in meiner Wahrnehmung auch nicht dadurch aufgefallen, dass sie an vorderster Front versucht haben, Veränderungen zu antizipieren und ihre Mitglieder darauf vorzubereiten, sondern sorgten mit ihren Ritualen für die Einbetonierung des Status Quo. Überhaupt ist mir dabei aufgefallen, wie wenig wichtig in meinem bisherigen Arbeitsleben Gewerkschaften sind. Meine Eltern waren natürlich in der Gewerkschaft, in der GEW und der ÖTV, wie sich das gehört und meine Mutter war auch zeitweilig im Betriebsrat. Für mich stellte sich die Frage noch nie, ob ich in eine Gewerkschaft eintreten sollte. Ich habe allerdings auch noch nie in einem Unternehmen gearbeitet, das einen Betriebsrat hat. Das ist mir neulich aufgefallen, als ich einen Workshop mit Betriebsräten gemacht habe, damit diese Online-Tools effektiver für Betriebsratswahlen einsetzen können. Da konnte ich in einige irritierte Gesichter blicken, als ich meinte, dass ich noch nie in einer Firma mit Betriebsrat gearbeitet habe. Wobei ich natürlich generell eine Interessenvertretung der Arbeitnehmer für unterstützungswert halte, nur boten sich die Gewerkschaften in den letzten Jahren in meiner Wahrnehmung eher nicht an.

Aber die Fragestellungen, mit denen wir es in Zukunft zu tun haben werden, sind ja enorm weitreichend. Wenn immer mehr junge Menschen nur befristete Verträge bekommen, wird das Auswirkungen auf die Investitionsbereitschaft und vor allem auf die Familienplanung haben. Wenn immer mehr Erwerbsbiographien Lücken aufweisen, die durch Arbeitslosigkeit aufgefüllt werden oder durch Zeiten der Selbständigkeit ergänzt werden, denn werden wir nicht darum herumkommen, unsere Sozialsysteme anzupassen. Wenn gleichzeitig ein beträchtlicher Teil der Arbeitnehmer in Frührente gehen will oder muss, weil die Arbeit kaum noch zu schaffen ist, physisch oder psychisch, während viele andere Arbeitnehmer gerne noch länger arbeiten würden, weil sie noch fit sind und die Arbeit Spaß bringt, dann müssen wir uns über flexiblere Renteneinstiegsmodelle unterhalten als wir es bislang tun. Wir werden auch nicht um die Frage herumkommen, wie wir damit umgehen wollen, dass die anstehende Automatisierungswelle, die Huckepack mit Industrie 4.0 kommen wird, substanziell viele Arbeitsplätze vernichten wird. Gleichzeitig haben immer mehr Menschen keine Lust mehr, in Vollzeit zu arbeiten und halten die bisherigen Arbeitszeitmodelle und vor allem die Präsenzpflicht am Arbeitsplatz für überholt. Das hat dann wiederum Auswirkungen auf die Karrieremöglichkeiten, Jobsicherheit und und und.

Kurzum, ich bin der IG Metall dankbar, dass sie diese Kampagne gerade gestartet hat und ich hoffe sehr, dass dadurch eine längst überfällige Debatte um die Zukunft der Arbeit entsteht. Bei D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt haben wir daher für dieses Jahr einen Themenschwerpunkt Digitale Arbeit festgelegt.

51HqSvm0FDLEine der allerbesten Entscheidungen, die ich je getroffen habe, war mein Jahr als Austauschschüler in den USA. Wieso ich darauf komme? Weil ich zu Weihnachten das Buch Alle Toten fliegen hoch: Amerika von Joachim Meyerhoff geschenkt bekommen und sogleich verschlungen habe. Der Autor schildert in dem Buch, wie es war, aus der schleswig-holsteinischen Provinz kommend mit einer Austausch-Organisation ein Jahr an einer amerikanischen Highschool in der Provinz zu verbringen. Bei Meyerhoff ging es von Schleswig nach Laremie in Wyoming. Bei mir war es ähnlich, von Mölln ging es nach Des Moines, Iowa. Vieles, was Meyerhoff in dem Buch schreibt, war bei mir ähnlich, angefangen von den Vorbereitungstreffen in Hamburg, bei denen schnöselige Hamburgerinnen und Hamburger herablassend die Provinzjugendlichen ignorierten bis hin zum Alltag in der Gastfamilie, der Religiösität und vor allem den Abläufen an der Schule.

Für mich war die Idee mit dem Auslandsjahr eigentlich naheliegend, aber von alleine wäre ich nicht darauf gekommen. Meine Mutter war die treibende Kraft dahinter und ich glaube, ein Stück weit war es auch in ihrem Interesse, mich aus dem Haus zu bekommen. Mit 16 Jahren war ich voll konzentriert auf alles Mögliche, nur nicht auf Schule. Ich spielte viel Basketball, war andauernd auf dem Skateboard unterwegs, hörte viel Punk und war in der Schule völlig desinteressiert. Meine Noten waren da, wo meine Motivation auch war. Im Keller. Ich bewarb mich also und wurde zu einem Auswahlgespräch nach Hamburg eingeladen, mit dem deutlichen Hinweis, dass es nicht gerne gesehen wird, wenn man die Fahrt nach Hamburg als Shoppingevent ansähe, an dessen Ende man zu Youth for Understanding (YfU) zum Auswahlgespräch fahre. Folgerichtig bin ich vorher zu Michele Records gefahren und kam mit den üblichen sperrigen Schallplattentüten zum Auswahlgespräch an. In dem Büro von YFU, gar nicht weit weg von unserem jetzigen Zuhause in Hamburg, kam ich mir total deplatziert vor. Ein schniekes Büro in einem Altbau, und ich hatte ausnahmsweise mal keine kaputte Jeans an und Schuhe, die nicht vom Skaten verschlissen waren. Alle wirkten wie aus dem Ei gepellt und hatten sich vorbereitet, ich hingegen setzte auf Spontanität und Ignoranz. Um es abzukürzen: ich wurde genommen und durfte mich wenig später zu einem Vorbereitungsseminar einfinden, bei dem man eine Woche in ein Schulungshaus in einem Kuhkaff unweit von Hamburg kaserniert wurde, in dem es eine Telefonzelle und sonst gar nix gab. Dort haben wir viel diskutiert und Themen wie Kulturschock, Herkunft, Nationalsozialismus, Alltag in den USA und vieles weitere mehr erörtert. Die anderen Teilnehmer waren eher so die Streberfraktion, alle wussten ganz schlau viel zu sagen und ich fremdelte eher, aber ein anderer Teilnehmer hatte auch kaputte Airwalks an und ich wusste, der ist ein Skater, mit dem kann ich reden. Die Vorbereitungswoche war enorm intensiv, aber es dauerte noch ein paar Monate, bis es losgehen sollte.

Irgendwann kam dann auch die langersehnte Post mit den näheren Infos zum Abflug. Allerdings gab es für mich noch keine Gastfamilie. Während andere aus der Gruppe bereits wussten, wo es hingeht und Briefe austauschten, wurde mir gesagt, dass es eine Willkommensfamilie für die ersten Wochen gäbe und sich alles andere dann später klären würde. Nun ja. Mein Reiseziel sollte Des Moines, Iowa sein, erreichbar über einen Flug von Frankfurt nach New York und von da aus nach St. Louis, Missouri. Klasse, ich hatte noch nie von Des Moines, Iowa gehört und als Skater wollte ich natürlich nach Venice Beach und sonst gar nix. Ich schickte also einen Brief auf Luftpostpapier ab, in dem ich meine unbändige Freude zum Ausdruck brachte, dass ich nun bald endlich nach Des Moines kommen könnte, aber ehrlich gesagt war ich zwar aufgeregt, aber irgendwie auch enttäuscht. Reiseführer erwähnten Des Moines noch nicht einmal. Nix mit Skaten mit den Pros, so wie ich mir das in meinen Träumen immer ausgemalt hatte. Damals war bestand meine hauptsächliche Lektüre aus dem Monster Magazin, Transworld Skateboarding und natürlich Thrasher. Meine Träume drehten sich um das Skaten in California und ich hatte ein kleines Langenscheidt-Wörterbuch am Bett liegen, in dem ich Vokabeln nachschlug, wenn ich im Traum aufwachte, weil mir ein Wort nicht einfallen wollte, das ich für einen Dialog mit den Pros brauchte. Kein Scheiss. Gut, nun also Iowa. Schweine, Soja und Mais. Kein Meer weit und breit. Skateparks auch nicht.

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Woche für Woche kann man das Schauspiel in den sozialen Medien bewundern: eine Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen findet statt und ein Teil des Publikums reagiert mit Hohn, Spott und Kritik. Dabei ist es völlig egal, ob Lanz, Jauch, Illner oder wer auch immer. Das Netz hat Recht und alle anderen sind doof.

Ich finde daran zwei Dinge bemerkenswert.

Erstens wird das Netz nicht mehr nur als Gegenöfflichkeit verstanden, sondern hier findet mittlerweile in feinster Manier allabendlich der Stammtisch statt, gruppiert um einen Hashtag natürlich. Hier hat man Recht und die da oben sind doof und verstehen die Welt nicht. Ich finde das einerseits durchaus positiv, weil es zeigt, dass das Netz immer mehr zur Normalität wird, andererseits habe ich immer die Hoffnung gehabt, dass wir das Netz besser nutzen. Der Stammtisch hat durchaus seine Berechtigung, denn er bietet den Menschen eine Form des Gedankenaustauschs und natürlich sorgt das ritualisierte Verhalten auch für einen gewissen Ankerpunkt. Aber je plumper die Parolen werden und je öfter sie wiederholt werden, desto mehr nervt mich diese Art der vermeintlichen Debatte. Auf Dauer kommt zu wenig Konstruktives und vor allem zu wenig Neues, denn trotz aller Möglichkeiten des Netzes fühlt sich die allabendliche TV-Kritik an wie eine Platte, die einen Sprung hat (eine Analogie für die älteren Leser). Als wirkliche Gegenöffentlichkeit taugt dieses Verhalten nicht, sondern nur zum Nölen. Für die Zuschauer wird so ein Abend zu einer immer wiederkehrenden sich selbsterfüllenden negativen Vorhersage. Man weiss schon vorher, wie Recht man damit hat, davon auszugehen, dass die Performance der Talkshow schlecht sein wird. Deswegen gucken immer noch viele zu, anstatt etwas anderes zu machen. Es ist toll, wenn man Recht behält.

Zweitens wagen sich immer noch zu wenige Journalisten daran, das offensichtlich entstehende Vakuum zu füllen und eine wirkliche Alternative zu schaffen. Das finde ich bemerkenswert. Alle sind genervt von dem hohlen Geplauder bei ARD und ZDF, aber es passiert nichts. Da entsteht ein wahnsinnig großes Vakuum, das nicht gefüllt wird. Formate wie Jung & Naiv zeigen allerdings, dass es durchaus möglich ist, Gesprächspartner vor eine Kamera zu bekommen, die auch etwas zu sagen haben. Warum sollte es also nicht funktionieren, eine Talkshow zu konzipieren, bei der es um aktuelle Politik geht, bei der nicht immer dieselbe Gruppe von Leuten mehr oder weniger inkompetent an der Sache vorbei befragt wird? Das Netz bietet viele Möglichkeiten, Formate zu entwickeln, von einem Hangout a la Digitales Quartett bis hin zu einer Aufzeichnung im Studio. Dennoch wird weiterhin auf Linearität gesetzt und auf das, was die Öffentlich-Rechtlichen so zu bieten haben. Das erscheint mir seltsam paradox, zumal eine politische Talkshow im Web gerade für junge Journalisten eine geeignete Möglichkeit bietet, sich frühzeitig einen Namen zu machen, siehe Tilo Jung und andere. Ich würde auch so weit gehen, dass eine Startnext-Kampagne für ein alternatives Talkshow-Konzept nicht nur eine Finanzierung, sondern damit auch entsprechend viele Unterstützer bekommen würde, die entsprechend die Werbetrommel für die Sendung rühren würden.

Oder wollen wir doch einfach allabendlich in bester Stammtisch-Manier weiter vor uns herlamentieren?

Zwei Spitzenpolitiker des Kanzleramtes haben gerade einen Schritt gemacht und ihre politische Karriere gegen eine Karriere in der Wirtschaft eingetauscht, bzw. befinden sich gerade in diesem Prozess. Dafür gibt es Kritik, Teile davon durchaus berechtigt. Allerdings finde ich, dass wir generell einmal darüber diskutieren sollten, wie das Verhältnis von Politik und Wirtschaft aussehen könnte. Ich finde es eigentlich sehr wünschenswert, dass Politiker ihr Amt als etwas wahrnehmen, was eine zeitliche Begrenzung hat und dass sie es schaffen, selber einen Schnitt vorzunehmen, bevor der Wähler sie nicht mehr sehen kann. Ich finde es auch wünschenswert, dass wir Politiker haben, die nach ihrer aktiven Laufbahn noch in der Lage sind, eine neue Herausforderung anzunehmen. Und ich finde übrigens auch, dass in aller Regel Abgeordnete und Minister durchaus als Führungskräfte anzusehen sind, egal wie wenig man politisch mit ihnen einer Meinung sein mag.

Allerdings wird bei den Fällen von Klaeden und Pofalla, genauso wie damals bei Gerd Schröder oder Martin Bangemann übrigens auch, sehr deutlich, dass der direkte Übergang von der Regierung in die Wirtschaft immer einen schlechten Beigeschmack hat. Leicht kann man den Eindruck bekommen, dass der neue Job ein Dankeschön für vergangene Entscheidungen sein könnte. Hier ist eine Karenzregelung schon lange überfällig, nur weiss ich ehrlich gesagt nicht, wie die aussehen soll. Wer entscheidet denn, ob ein Wechsel zu Daimler einen schlechten Beigeschmack hat, oder ob ein Wechsel an die gut dotierte Spitze eines Verbandes sofort ohne Probleme möglich ist? Es ist im Sinne aller Beteiligten, hier eine angemessene Anzahl von Monaten oder Jahren zu finden, die dazu führt, dass der Vorwurf der Mauschelei ausgeräumt werden kann. Gleichwohl kann ich auch die Argumente nachvollziehen, die sich gegen lange Karenzzeiten aussprechen, schliesslich ist es zwar leicht zu fordern, dass Politiker nach Ende ihrer Amtszeit wieder in ihren angestammten Beruf rückkehren sollen, aber ist das mit freier Berufswahl wirklich vereinbar? Idealerweise bleibt man ja nicht stehen in seiner Entwicklung und macht eventuell nicht da beruflich weiter, wo man vor der Politik aufgehört hat, sondern findet etwas, was den mittlerweile erlangten Fähigkeiten entspricht und diese auch entsprechend bezahlen lässt. Zumal die Forderung nach der Rückkehr in einen Beruf ja auch davon ausgeht, dass der Job noch in einer Wartepostion schlummert und nur noch reaktiviert werden muss. Die 70er sind allerdings auch in der Wirtschaft länger schon vorbei.

Es ist allerdings generell weitverbreitet, die Wirtschaft an sich als den bösen Pol darzustellen, im Vergleich zu allem, was wiederum per Definition gut zu sein scheint. Da haben sich Antipoden herausgebildet, die keinen oder wenig Sinn machen. Es geht immer um Einflußsphären, um das Festigen oder das Ausbauen der eigenen Position, um das Vertreten der eigenen Interessen. Das ist per se nichts Schlechtes, das macht unseren Staat und die Gesellschaft aus und ist keineswegs beschränkt auf das Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft. Daher würde ich empfehlen, mal mit weniger Schaum vor dem Mund auf das Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik zu schauen, sondern eher einmal zu überlegen, warum es zwar für Politiker interessant und lukrativ erscheint, in die Wirtschaft zu wechseln, erfolgreiche Unternehmer oder Manager aber äußerst selten in die Politik wechseln wollen. Das hat sicherlich nicht nur mit den Einkommensunterschieden zu tun, sondern auch mit der Wahrnehmnung der vorhandenen Einfluß- und Gestaltungsmöglichkeiten nach einem Wechsel in die Politik. Wenn Gert Billen vom Bundesverband der Verbraucherzentralen künftig als Staatssekretär im Justizministerium Verbraucherschutzpolitik zu gestalten hat, dann gibt es keine Kritik an dem Einzug eines Lobbyisten in die Regierung, aber auch hier geht es vor allem um die Kombination von Kenntnissen, Netzwerken und Einflußsphären. Wäre an dieselbe Stelle jemand von Nestlé gewechselt, hätte es eine lange anhaltende Diskussion gegeben, egal wie fachlich geeignet die Person auch hätte sein können. Wir neigen dazu, diese Diskussion sehr aufgeregt zu führen und Sippenhaft generell als Normalität anzusehen.

Ich finde allerdings, dass wir Politikern durchaus zugestehen sollten, dass sie nach der aktiven Laufbahn in der Politik weiter Karriere machen können, natürlich unter Zuhilfenahme ihrer bislang erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten und natürlich auch ihres Netzwerkes. Ich halte es für weltfremd, darauf zu pochen, dass eine Person über einen gewissen Zeitraum nicht politisch mit der Materie befasst sein darf, damit sie dann wechseln kann. Ich weiss allerdings auch nicht, wie Unternehmen und die betreffenden Politiker belegen können, dass eine Einstellung nicht als Zeichen von Dankbarkeit für vergangene Entscheidungen gewertet wird. Denn darum geht es uns doch im Kern. Wir wollen nicht, dass ein Politiker oder eine Politikerin sich eine Entscheidung nachträglich von einem Unternehmen durch einen gut dotierten Job honorieren lässt. Dennoch halte ich es für besser, so wie bei von Klaeden, dass klar gesagt wird, wer wohin wechselt und welche Rolle dort zukünftig eingenommen werden wird, denn die Alternative wäre so wie bei Otto Schily und anderen, die als Anwälte Mandanten beraten, die sie über ihre politische Tätigkeit akquirieren konnten und dafür ordentliche Honorare kassieren, aber in aller Regel sehr intransparent vorgehen. Dann möchte ich doch lieber schwarz auf weiss sehen können, wer wohin wechselt und mir selber eine Meinung dazu bilden. Nur, wie kann eine ideale Lösung aussehen?

Jochen Mai hat kürzlich eine Studie zu Unternehmensblogs in Deutschland vorgestellt und dabei eine geringe Interaktionsrate festgestellt. Tja, das hätte ich auch ohne Studie attestieren können. Überhaupt halte ich Unternehmensblogs für eines der größten Irrtümer der Kommunikationsbranche der letzten 10 Jahre.

Niemanden interessiert ein Unternehmensblog. Von einigen Ausnahmen mal abgesehen. Ein paar Journalisten lesen sie, ein paar Kunden, ein paar Marktbegleiter. Noch nicht einmal das Unternehmen selber interessiert das Unternehmensblog. Weil nahezu alle Unternehmensblogs von falschen Prämissen ausgehen. Weil nahezu alle Unternehmensblogs auf irregeleiteten Hoffnungen basieren. In der Regel kommt ein Kommunikationsberater vorbei, erzählt was von Storytelling, von Silos, die man einreissen muss, von direktem Austausch zwischen Kunden und Mitarbeitern, von besseren Produkten, die dadurch entstehen und einer daraus resultierenden besseren Kundenbindung, mehr Umsatz, besseres Image, mehr Sex für die Führungskräfte und Weltfrieden für alle. Klingt super, machen wir.

Das ist alles gut und schön, hat aber mit der Realität nichts zu tun. Die Realität sieht so aus, dass Unternehmensblogs strunzend langweilig sind. Sie sind genauso rundgeschliffen wie die Pressemitteilungen, was daran liegt, dass sie meistens aus derselben Abteilung kommen. Der Austausch zwischen Kunden und Unternehmen bleibt aus, weil die Mitarbeiter schon mit ihren Kollegen genug zu tun haben und nicht auch noch irgendwelche Schlauberger benötigen, die zwar keine Detailkenntnisse der Abläufe im Unternehmen, dafür aber jede Menge lautstark formulierte Meinung haben. Herauskommen Blogs, die vor lauter Langeweile nur so strotzen, die Jubelmeldungen schreiben, die langweiligste Blicke hinter die Kulissen bieten ohne etwas zu verraten, die wirken wie das Neue Deutschland zu Honeckers Zeiten.

Warum das alles? Was ist aus der Idee geworden, den Blickwinkel des Nutzers einzunehmen? Will der Kunde wirklich noch mehr Infos haben, will der wirklich wissen, wie die zuständige Produktmanagerin aussieht und welche Hobbies sie hat? Will der Kunde wirklich vorgegaukelt bekommen, dass durch sein Kommentar das Unternehmen noch besser wird? Will der Kunde seine Zeit einem Unternehmen schenken, dem er eh schon mit Geld seine Produkte abgekauft hat?

Nein. Die Verbraucher interessiert das alles herzlich wenig, es sei denn, jemand springt kurz vorm Mond mit einem Fallschirm ab, es sei denn, es gibt Gutscheine, es sei denn, es gibt etwas zu gewinnen. Oder, es sei denn, es werden wirklich coole Stories erzählt. Aber das geht eben nicht mit einem Video, dass der Praktikant vom Produktmanager dreht, in dem dieser im tiefsten Detail erklärt, warum sich die neuen Schrauben so schön in den Dübel drehen lassen. Da muss es fetzen, da müssen Dinge passieren, die man nicht erwartet, da muss eine Inszenierung erfolgen, da muss es krachen, da müssen Emotionen geweckt werden, da müssen Bilder entstehen, die im Kopf weiter gehen. Also so wie gut gemachte Werbung, nur eben nicht in 30 Sekunden, sondern etwas länger. Dafür benötigt man Mut, Geld und Haltung. Deutsche Unternehmensblogs sind hingegen stiefkindlich betreute Resterampen für mässig interessante Pressemeldungen. Fachlich orienterte Unternehmensblogs, die eher ein Fachpublikum oder mögliche Geschäftspartner ansprechen, nehme ich übrigens ausdrücklich aus, mir geht es um Unternehmensblogs mit Verbrauchern als überwiegende Leserschaft.

Unternehmensblogs haben ein irres Potential, da Unternehmen mit Unternehmensblogs selber die Geschichten erzählen können, die sie erzählen wollen, ohne dafür Journalisten und andere Intermediäre zu benötigen. Unternehmensblogs können faszinieren, Unternehmensblogs können inspirieren, aber insbesondere deutsche Unternehmensblogs strotzen vor Langeweile.

Lassen Sie uns zu Jahresbeginn Kaffeeröstgeruch um die Nase wehen. Was vielleicht wenige wissen: In Hamburg steht unsere größte Kaffeerösterei.

Detroit, “Motor City”! In diesen Tagen sorgt die alte Autostadt der USA mal wieder für positive Schlagzeilen. Die NAIAS, die Internationale Automobilausstellung, ist aktuell dort zu Gast.

Auch wenn in den Medien über eine Fristverlängerung für die Umstellung auf SEPA berichtet wird, geht es im SEPA-Fahrplan weiter. Am 18.01.2014 werden bestehende Daueraufträge automatisch in das SEPA-Format umgewandelt.

Na, das ist ja aufregend, bitte erzählt mir mehr! Ich lese das sofort und dann rede ich mit allen, die ich kenne darüber.

Unternehmensblogs können Teil der Kommunikationsstrategie sein, aber nicht als Selbstzweck. Es ist noch nicht die Idee, zu sagen: „Hey, ich hab’s! Wir machen ein Unternehmensblog!“ – sondern man sollte sich schon sehr genau überlegen, ob man etwas zu erzählen hat, was für die Nutzer nicht nur theoretisch interessant sein könnte, sondern auch tatsächlich gelesen, kommentiert und geteilt wird. Sonst kann man sich den Aufwand nämlich getrost sparen, denn die Aufmerksamkeitsökonomie lässt sehr stark die Deutung zu, dass der Aufwand eher vermeidbar gewesen wäre.

So, und jetzt ihr: Welches Unternehmensblog lest ihr regelmässig und wieso? Die Antwort “weil ich es schreibe” lasse ich nicht gelten.