Mit Technologischer Totalitarismus: Warum wir jetzt kämpfen müssen ist ein vielbeachteter Aufsatz von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) in der FAZ, dem Fachblatt für Zukunftswarnungen aller Art, betitelt. Dieser Text ist bemerkens- und auch lesenswert, und zwar aus den verschiedensten Gründen.

Wäre dieser Text eine Rede gewesen, bei der ich im Saal anwesend gewesen wäre, ich hätte mich glaube ich nicht zurückhalten können, einige Sachen reinzurufen. Neben „ach, watt, echt? is nicht wahr!“ oder „na, das wurde ja auch mal Zeit, dass die SPD bei dem Thema aufwacht!“ auch ein aggressives „dann sorg doch endlich dafür, dass die beschissene Vorratsdatenspeicherung endlich abgeschafft wird!“ Aber da dieser Text in der FAZ steht, bleibt mir eben nichts anderes üblich, als hier meine Kritik zu äußern.

In der Tat ist es super, dass im Parteivorstand der SPD das Thema Digitalisierung endlich angekommen ist und das Nachdenken darüber anfängt. Darüber freue ich mich sehr, auch wenn man sich natürlich fragt, warum das erst jetzt passiert, also nach 4 Jahren Enquete Kommission Internet und Digitale Gesellschaft und 14 Jahre nach dem Zusammenbruch der New Economy. Die Veränderungen sind seit vielen Jahren offensichtlich, aber die SPD hat sich bislang sehr schwer getan, die Debatte darüber auch mal in einer angemessenen Breite zu führen. Sicher, wir haben mit der Diskussion um den Kreativpakt in der letzten Legislaturperiode uns um einige der Herausforderungen der Kreativwirtschaft gekümmert, aber die Digitalisierung insgesamt ist weitreichender. Schön, dass Martin Schulz dieses Thema nun aufgreift. Es war lange überfällig.

Ich kann auch locker unterschreiben, was Schulz am Ende des Artikels fordert:

Ein freies Netz, ein an Grundrechten orientierter regulierter Datenmarkt und die Erinnerung daran, dass die Autonomie des Individuums unser Mensch-Sein begründet, kann eine bessere, eine neue Welt schaffen. In dieser Welt könnten die Chancen einer neuen Technologie zum Wohle aller genutzt und die Ökonomisierung aller Lebensbereiche verhindert werden. Es geht um nichts weniger als um die Verteidigung unserer Grundwerte im 21. Jahrhundert. Es geht darum, die Verdinglichung des Menschen nicht zuzulassen.

Es ist in der Tat höchste Zeit, die Digitalisierung konsequent als Chance zu begreifen und dafür zu sorgen, dass die Teilhabe daran dafür sorgt, das Menschen in die Lage versetzt werden, besseren Zugang zu Bildung und Arbeit, aber auch Kultur, Konsum und Entertainment bekommen. Dabei ist es natürlich wichtig, dass nicht die Wirtschaft den Rahmen vorgibt, sondern Politik und Gesellschaft. So lange sich allerdings die Politik aus der Diskussion heraushält, so wie in den letzten 10 Jahren, so lange wird es schwer, diesen Rahmen für die digitale Entwicklung vorzugeben. Es ist bezeichnend, dass Schulz eine Zustandsbeschreibung liefert, die eine Dystopie skizziert, ohne auch nur ansatzweise zu formulieren, was denn in Zukunft anders passieren soll und vor allem, wie dies passieren soll. Ich könnte jetzt natürlich Brandt zitieren, aber ich hole mal einen Tick weiter aus und zitiere John F. Kennedy, denn der hat ja auch zu allem etwas Passendes gesagt:

Change is the law of life. And those who look only to the past or the present are certain to miss the future.

Das ist der Kern des Dilemmas, in dem Martin Schulz stellvertretend für die Parteiführung der SPD steckt. Sie sind jetzt endlich mal so weit, dass sie ansatzweise verstehen, was gerade passiert, aber sie sind nicht in der Lage zu formulieren, was kommen soll. Stattdessen wird auf Ressentiments zurückgegriffen („multinationale Konzerne“), um vom eigenen Versagen und der eigenen Verantwortung abzulenken. Die weitgehende Abwesenheit der deutschen Politik bei der Ausgestaltung der digitalen Gesellschaft hat doch vor allem dazu geführt, dass sich die Wirtschaft die Rahmen selber interpretiert haben. Man kann vor allem nicht auf die sozialdemokratischen Grundwerte Freiheit, Gleichheit und Solidarität verweisen und gleichtzeitig einen Massenüberwachungsapparat wie die Vorratsdatenspeicherung durchwinken! Da bleibt ein Spitzengenosse wie Martin Schulz bei aller Sympathie für das Geschriebene leider unglaubwürdig, denn gerade als EU-Parlamentspräsident sollte er dann auch seinen Einfluß geltend machen können.

Die aktuelle Strategie des “überholen ohne einzuholen” beim Diskurs zur digitalen Agenda offenbart, dass trotz schöner Rethorik die Substanz noch etwas mickrig ist. Der Nachholbedarf bei der SPD ist offensichtlich, aber wenn ich die Zeichen der letzten Wochen richtig deute, dann wurde dies offensichtlich nun auch erkannt und wie immer ist Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Besserung. Für eine Partei wie die SPD ist die breite Auseinandersetzung mit der Digitalisierung der Gesellschaft, die übrigens im Kern eine ursozialdemokratische Idee ist, nämlich der Verbreiterung von Teilhabe in der Gesellschaft, lange überfällig und ein Bundesparteitag im nächsten Jahr zur digitalen Agenda kann erst der Anfang der Debatte sein.

D64 logoDer Verein D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt, bei dem ich Co-Vorsitzender sein darf, freut sich auf die anstehenden Auseinandersetzungen um den zukünftigen Kurs der Digitalisierung der Gesellschaft, wir haben uns ja vor nunmehr zwei Jahren genau aus diesem Grund gegründet und werden die Diskussionen in der SPD mit viel Interesse begleiten. Einer unserer Themenschwerpunkte für dieses Jahr ist die Zukunft der Arbeit und wir merken gerade, wie dieses Thema auf einmal von immer mehr Seiten ebenfalls diskutiert wird.

Insofern bin ich natürlich auch ganz entzückt, dass die SPD nun endlich bei diesem Thema Fahrt aufnimmt und ich gehe davon aus, dass der Beitrag von Martin Schulz nur ein erstes Geschmacksmuster aus der Küche darstellt, allerdings sind die anderen noch auf der Suche nach dem Markt, um die Zutaten zu kaufen, um mal bei diesem Bild zu bleiben. Wenn die SPD es aber schafft, die Herausforderungen der Digitalisierung angstbefreit zu diskutieren und daraus einen eigenen Kurs abzuleiten, dann dürfte das nicht nur beim Regierungshandeln helfen, sondern auch darüber hinaus der SPD bei der Ansprache der Wähler bei den kommenden Bundestagswahlen durchaus gut tun.

Am 5. Februar habe ich auf der Local Web Conference in Nürnberg die Keynote mit dem griffigen Titel Wir sind ja alle sowas von local. gehalten. Anders als sonst habe ich nicht einfach nur Slides mit Bulletpoints gezeigt, sondern mehr oder weniger eine Rede vom iPad gehalten. Der Text ist im Wortlaut hier zu finden, aber es gilt natürlich das gesprochene Wort.

Wir sind ja alle sowas von local.

Geodaten sind das neue Gold und wir Nutzer sorgen dafür, dass es geschürft werden kann. Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, welche Konsequenzen das Local Web für unser Nutzungsverhalten hat und welche gesellschaftlichen Implikationen dies mit sich bringt.

Wenn wir über das Lokale diskutieren, dann reden wir natürlich immer auch von Hoffnungen. Die einen wünschen sich nutzbare Dienste mit einem echten Mehrwert, die anderen wollen Leser erreichen – und natürlich soll Geld verdient werden. Die üblichen Analysten machen dazu Vorhersagen, die generell allesamt von Fantastrilliarden in den nächsten 5 Jahren ausgehen. Die Pyramid Consulting Group, ein mir bis dato völlig unbekanntes Unternehmen, dessen Zahlen zur Entwicklung der Location Based Services aber gerne zitiert werden, prognostizierte vor 3 Jahren einen globalen Markt in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015. Ich glaube, das muss man auch, sonst wird die Prognose ja auch gar nicht wahrgenommen. Ich finde allerdings diesen globalen monetären Aspekt eher zweitrangig, sondern möchte mich eher auf die Nutzer und ihre Daten konzentrieren. Ich denke, wir sehen alle, dass mit der lokalen Nutzung des Webs viele neue Möglichkeiten für die Monetarisierung entstehen, auch wenn viele Entwicklungen immer noch vom Prinzip Hoffnung geleitet werden. Das Mantra aus dem Film „Field of Dreams“ gilt hier ebenfalls: „If you build it, they will come.“ Bei einigen Diensten kommen die Nutzer schneller und ermöglichen eine Monetarisierung, wie z.B. bei Yelp, bei anderen wie Foursquare bleibt die Hoffnung auf einen persönlichen Nutzen des Angebots erst einmal den Early Adopters und Geeks vorbehalten und damit die Monetarisierung immer noch eine Perspektive für später.

Das Local Web stellt eine konsequente Weiterentwicklung des Konzeptes von Web 2.0 dar. Wir erinnern uns: der große Paradigmenwechsel war, und das klingt mittlerweile total banal, dass der Nutzer in den Mittelpunkt der Angebote der Web-Dienste gestellt wurde und in die Lage versetzt wurde, sich mit gewissen Einschränkungen quasi selber seinen Baukasten zusammenzustellen. Die Dienste sind über APIs verknüpft und ermöglichen somit den leichten Datenaustausch und das Zusammenspiel untereinander. Wenn wir auf lokale Angebote schauen, dann sehen wir letztendlich die konsequente Fokussierung auf den Nutzer durch die Anreicherung des Dienstes mit Geo-Daten. Dabei ist es von meiner Warte aus völlig unerheblich, ob der Nutzer seinen Standort preisgibt, oder Inhalte konsumiert, die mit Geo-Daten verknüpft werden. Ich würde also Foursquare genauso zu den Location-based Services zählen wie ein lokales journalistisches Angebot, das ich auf dem Tablet zuhause auf dem Sofa konsumiere und bei dem es bei der Nutzung nicht darauf ankommt, dass ich meinen Standort preisgebe.
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Auf zeit.de kann man gerade nachlesen, wie wenig Kinder und Karriere vereinbar sind. Geht alles gar nicht, behaupten die beiden Autoren und berichten von ihrem Alltag und den Herausforderungen. „Die Wahrheit ist: Es ist die Hölle.“ schreiben sie.

Ich habe mir den Artikel jetzt mehrfach durchgelesen. Ich schwanke immer noch zwischen Nicken und Kopfschütteln. Wir haben selber drei Kinder und mir ist durchaus bewusst, wie anstrengend das (Großstadt-)Leben mit Kindern sein kann. Das tägliche Wegbringen und Abholen will koordiniert sein, ebenso wie alle anderen Aufgaben, die eine Familie so mit sich bringt. Das ist anstengend, egal ob beide Elternteile berufstätig sind, ob Karriere gemacht werden soll, oder nicht. Als Eltern steckt man erst einmal zurück, Wolfgang hat das gut beschrieben. Gleichzeitig frage ich mich durchaus, welche Anspruchshaltung die Autoren für ihr Dasein als Väter haben und was andere Väter dazu sagen würden. Der Artikel ist dann irgendwie doch ein Klagen auf hohem Niveau, denn so anstrengend das Leben als Journalist auch sein mag, ein Vater, der Sonntag abends in den Kleinbus steigt, um quer durch die Republik zu fahren, damit er die Woche über auf Montage arbeiten kann und erst Freitag spät abends zurückkehrt, hat sicherlich viel weniger Möglichkeiten, den Kindern als Vater präsent zu sein.

2012-10-13 17.29.43Dennoch, ich kenne das Gefühl gut, dass alle an einem zerren und man immer meint, irgendwem nicht gerecht zu werden. Der Partnerin, den Kindern, der Arbeit, dem eigenen Körper, der eigenen Psyche. Es zerreisst einen teilweise, weil man wieder einen Kompromiss finden musste, den man nicht finden wollte und dann doch nur halb bei der Sache ist. Andererseits gibt es auch so Momente, bei denen ich gar nicht wirklich bei der Sache sein will, obwohl ich treu-sorgender Vater bin. Fußballtraining ist so eine Sache. Seit einiger Zeit nehme ich mir den Freitag nachmittag frei, um unseren Sohn zum Fußball-Training zu bringen. Das ist ihm wichtig. Mir auch. Aber mal ehrlich, ich kann nicht eine Stunde lang dabei fasziniert zugucken, wie eine Horde Jungs mehr oder weniger talentiert dem Ball hinterherläuft. Ich war immer froh, dass ich unsere Tochter beim Chor und beim Tanzen in der Musikschule immer nur abliefern und abholen sollte, nicht aber den Proben beiwohnen musste. Natürlich lese und schreibe ich in der Zeit Emails, natürlich telefoniere ich in der Zeit, warum auch nicht? Der Sohn soll sich auf das Training konzentrieren, nicht auf seinen Vater, der am Spielfeldrand rumsitzt. Ich bin früher immer alleine beim Training gewesen und daher verspüre ich auch wenig Drang, meine Kinder in jeder Sekunde ihrer Freizeit begleiten zu müssen. Quality Time sollte es geben, klar, und dabei scheitere ich oft genug daran, das Smartphone mal wirklich weg zu legen, aber ich bin eben auch ein ziemlicher Gesellschaftsspielehasser und kann mich zudem nur schwer zurückhalten, brutalstmöglich zu gewinnen, wenn sich mir die Chance bietet, quasi als Rache für die ertragenden Qualen. Sicher, ich würde auch liebend gerne den ganzen Tag lang die coolsten Bauwerke aus LEGO bauen mit meinen Kindern, aber man muss ja nicht gleich die Überhöhung der Werbung für sein eigenes Leben als gesetzt annehmen.

Ich habe mal vor einigen Jahren meinen Gastvater aus Iowa gefragt, wie er es denn geschafft hat, mit 4 Kindern Karriere zu machen. Ich habe ihm von meiner Zerrissenheit erzählt, von den täglichen Herausforderungen und der Unzufriedenheit, es vermeintlich niemandem Recht machen zu können. Ich hoffte natürlich auf deinen Kniff, der mein Leben einfacher gestalten würde. Nix da. Ich solle mich damit abfinden, dass in der Lebensphase, in der ich am Produktivsten sei, in der ich Karriere machen würde, gleichzeitig auch die Familie die größten Anforderungen stellen würde. Ich solle mich auf Jahre des Verzichts und des wenigen Schlafs einstellen. Danke, das half zwar nur bedingt weiter, zeigte mir aber auf, dass die Problemlage, in der ich mich befand, nicht komplett einzigartig war. Ich versuche also weiterhin, mit zu vielen Bällen zu jonglieren und immer, wenn einer runterfällt, arbeite ich daran, die Komplexität zu reduzieren. Das klappt natürlich auch nur ansatzweise, aber ich würde den Zustand nicht als Hölle bezeichnen, sondern eher als Herausforderung, die man als Elternteil anzunehmen hat. Dabei sollte man sich durchaus darüber im Klaren sein, dass man extrem privilegiert ist, wenn man die Zeit hat, derartige Gedanken zu formulieren, also doch irgendwie noch Muße zu finden scheint. Vielen berufstätigen Eltern geht es noch viel schlechter, die haben jeden Tag viel existentiellere Herausforderungen und wären froh, unsere Probleme zu haben. Wer Karriere machen will, muss eben die Zähne zusammenbeissen und da durch. Wenn es einfach wäre, würde es ja jeder machen.

Es ist selten, dass ich mal vor Plakaten stehen bleibe und denke: „wow, das ist mal eine richtig gute Idee, die Debatte ist lange überfällig!“ – aber bei der aktuellen Kampagne der IG Metall, deren Plakatmotive ich seit ein paar Wochen an den Bahnhöfen gesehen habe, ist dies der Fall.

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Ich finde, dass diese Kampagne genau die richtigen Fragen aufwirft, was die Zukunft der Arbeit angeht. Denn irgendwie habe ich das Gefühl, dass noch immer nicht gesehen wird, wie sich die Arbeit gerade verändert. Das hat mit der Automatisierung in einigen Branchen zu tun, so wie es Constanze Kurz und Frank Rieger in ihrem Buch Arbeitsfrei eindrücklich beschrieben haben, aber auch mit dem Entstehen neuer Arbeitsfelder und neuer Jobs. Wenn man sich allerdings die Debatten so anguckt, dann bekommt man den Eindruck, dass man sich eher in die Realität der 70er Jahre zurücksehnt, als zu erkennen, dass eine Veränderung der Arbeitswelt natürlich auch zur Folge haben muss, dass wir dringend Vorstellungen davon bekommen müssen, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen. Es ist nicht mehr üblich, nach der Ausbildung vom Betrieb übernommen zu werden und dann bis zur Rente in dem Betrieb zu arbeiten. Das bedauern etliche sicherlich, aber für andere käme ein derartiges Modell nicht in Frage. Überhaupt stellt sich immer mehr die Frage, wie wir die Arbeit so verteilen wollen, dass genug für alle da ist und nicht die einen sich überarbeiten, während die anderen keine Beschäftigung finden.

Mich treibt dieses Thema seit einiger Zeit um, nicht nur, weil ich ein klein wenig am Kreativpakt mitgearbeitet habe, bei dem die SPD Bundestagsfraktion in der letzten Legislaturperiode versucht hat, die Herausforderungen für die Erwerbstätigen in der Kreativbranche zu verstehen und Lösungsansätze für die Verbesserung der Situation zu definieren. Aus eigener Erfahrung sehe ich eben auch, mit welcher Rasanz aktuell neue Jobs entstehen, während alte obsolet werden. Die Ümbrüche in der Medienbranche und die neuen Herausforderungen für die Agenturlandschaft waren dabei allerdings nur die Vorboten von Entwicklungen, die wir erst in einigen Jahren auch in anderen Branchen sehen werden. Die disruptive Kraft der Digitalisierung ist enorm. Sie sorgt für neue Arbeitsfelder, von denen Leute wie ich profitieren, sie sorgt allerdings auch für den Abbau von Arbeitsplätzen, für die es kaum adäquaten Ersatz geben wird. Wir müssen Szenarien entwickeln, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen.

Daher finde ich es super, dass die IG Metall anfängt, die richtigen Fragen zu stellen und damit eine lange überfällige Debatte anschiebt. Bislang sind die Gewerkschaften allerdings in meiner Wahrnehmung auch nicht dadurch aufgefallen, dass sie an vorderster Front versucht haben, Veränderungen zu antizipieren und ihre Mitglieder darauf vorzubereiten, sondern sorgten mit ihren Ritualen für die Einbetonierung des Status Quo. Überhaupt ist mir dabei aufgefallen, wie wenig wichtig in meinem bisherigen Arbeitsleben Gewerkschaften sind. Meine Eltern waren natürlich in der Gewerkschaft, in der GEW und der ÖTV, wie sich das gehört und meine Mutter war auch zeitweilig im Betriebsrat. Für mich stellte sich die Frage noch nie, ob ich in eine Gewerkschaft eintreten sollte. Ich habe allerdings auch noch nie in einem Unternehmen gearbeitet, das einen Betriebsrat hat. Das ist mir neulich aufgefallen, als ich einen Workshop mit Betriebsräten gemacht habe, damit diese Online-Tools effektiver für Betriebsratswahlen einsetzen können. Da konnte ich in einige irritierte Gesichter blicken, als ich meinte, dass ich noch nie in einer Firma mit Betriebsrat gearbeitet habe. Wobei ich natürlich generell eine Interessenvertretung der Arbeitnehmer für unterstützungswert halte, nur boten sich die Gewerkschaften in den letzten Jahren in meiner Wahrnehmung eher nicht an.

Aber die Fragestellungen, mit denen wir es in Zukunft zu tun haben werden, sind ja enorm weitreichend. Wenn immer mehr junge Menschen nur befristete Verträge bekommen, wird das Auswirkungen auf die Investitionsbereitschaft und vor allem auf die Familienplanung haben. Wenn immer mehr Erwerbsbiographien Lücken aufweisen, die durch Arbeitslosigkeit aufgefüllt werden oder durch Zeiten der Selbständigkeit ergänzt werden, denn werden wir nicht darum herumkommen, unsere Sozialsysteme anzupassen. Wenn gleichzeitig ein beträchtlicher Teil der Arbeitnehmer in Frührente gehen will oder muss, weil die Arbeit kaum noch zu schaffen ist, physisch oder psychisch, während viele andere Arbeitnehmer gerne noch länger arbeiten würden, weil sie noch fit sind und die Arbeit Spaß bringt, dann müssen wir uns über flexiblere Renteneinstiegsmodelle unterhalten als wir es bislang tun. Wir werden auch nicht um die Frage herumkommen, wie wir damit umgehen wollen, dass die anstehende Automatisierungswelle, die Huckepack mit Industrie 4.0 kommen wird, substanziell viele Arbeitsplätze vernichten wird. Gleichzeitig haben immer mehr Menschen keine Lust mehr, in Vollzeit zu arbeiten und halten die bisherigen Arbeitszeitmodelle und vor allem die Präsenzpflicht am Arbeitsplatz für überholt. Das hat dann wiederum Auswirkungen auf die Karrieremöglichkeiten, Jobsicherheit und und und.

Kurzum, ich bin der IG Metall dankbar, dass sie diese Kampagne gerade gestartet hat und ich hoffe sehr, dass dadurch eine längst überfällige Debatte um die Zukunft der Arbeit entsteht. Bei D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt haben wir daher für dieses Jahr einen Themenschwerpunkt Digitale Arbeit festgelegt.

51HqSvm0FDLEine der allerbesten Entscheidungen, die ich je getroffen habe, war mein Jahr als Austauschschüler in den USA. Wieso ich darauf komme? Weil ich zu Weihnachten das Buch Alle Toten fliegen hoch: Amerika von Joachim Meyerhoff geschenkt bekommen und sogleich verschlungen habe. Der Autor schildert in dem Buch, wie es war, aus der schleswig-holsteinischen Provinz kommend mit einer Austausch-Organisation ein Jahr an einer amerikanischen Highschool in der Provinz zu verbringen. Bei Meyerhoff ging es von Schleswig nach Laremie in Wyoming. Bei mir war es ähnlich, von Mölln ging es nach Des Moines, Iowa. Vieles, was Meyerhoff in dem Buch schreibt, war bei mir ähnlich, angefangen von den Vorbereitungstreffen in Hamburg, bei denen schnöselige Hamburgerinnen und Hamburger herablassend die Provinzjugendlichen ignorierten bis hin zum Alltag in der Gastfamilie, der Religiösität und vor allem den Abläufen an der Schule.

Für mich war die Idee mit dem Auslandsjahr eigentlich naheliegend, aber von alleine wäre ich nicht darauf gekommen. Meine Mutter war die treibende Kraft dahinter und ich glaube, ein Stück weit war es auch in ihrem Interesse, mich aus dem Haus zu bekommen. Mit 16 Jahren war ich voll konzentriert auf alles Mögliche, nur nicht auf Schule. Ich spielte viel Basketball, war andauernd auf dem Skateboard unterwegs, hörte viel Punk und war in der Schule völlig desinteressiert. Meine Noten waren da, wo meine Motivation auch war. Im Keller. Ich bewarb mich also und wurde zu einem Auswahlgespräch nach Hamburg eingeladen, mit dem deutlichen Hinweis, dass es nicht gerne gesehen wird, wenn man die Fahrt nach Hamburg als Shoppingevent ansähe, an dessen Ende man zu Youth for Understanding (YfU) zum Auswahlgespräch fahre. Folgerichtig bin ich vorher zu Michele Records gefahren und kam mit den üblichen sperrigen Schallplattentüten zum Auswahlgespräch an. In dem Büro von YFU, gar nicht weit weg von unserem jetzigen Zuhause in Hamburg, kam ich mir total deplatziert vor. Ein schniekes Büro in einem Altbau, und ich hatte ausnahmsweise mal keine kaputte Jeans an und Schuhe, die nicht vom Skaten verschlissen waren. Alle wirkten wie aus dem Ei gepellt und hatten sich vorbereitet, ich hingegen setzte auf Spontanität und Ignoranz. Um es abzukürzen: ich wurde genommen und durfte mich wenig später zu einem Vorbereitungsseminar einfinden, bei dem man eine Woche in ein Schulungshaus in einem Kuhkaff unweit von Hamburg kaserniert wurde, in dem es eine Telefonzelle und sonst gar nix gab. Dort haben wir viel diskutiert und Themen wie Kulturschock, Herkunft, Nationalsozialismus, Alltag in den USA und vieles weitere mehr erörtert. Die anderen Teilnehmer waren eher so die Streberfraktion, alle wussten ganz schlau viel zu sagen und ich fremdelte eher, aber ein anderer Teilnehmer hatte auch kaputte Airwalks an und ich wusste, der ist ein Skater, mit dem kann ich reden. Die Vorbereitungswoche war enorm intensiv, aber es dauerte noch ein paar Monate, bis es losgehen sollte.

Irgendwann kam dann auch die langersehnte Post mit den näheren Infos zum Abflug. Allerdings gab es für mich noch keine Gastfamilie. Während andere aus der Gruppe bereits wussten, wo es hingeht und Briefe austauschten, wurde mir gesagt, dass es eine Willkommensfamilie für die ersten Wochen gäbe und sich alles andere dann später klären würde. Nun ja. Mein Reiseziel sollte Des Moines, Iowa sein, erreichbar über einen Flug von Frankfurt nach New York und von da aus nach St. Louis, Missouri. Klasse, ich hatte noch nie von Des Moines, Iowa gehört und als Skater wollte ich natürlich nach Venice Beach und sonst gar nix. Ich schickte also einen Brief auf Luftpostpapier ab, in dem ich meine unbändige Freude zum Ausdruck brachte, dass ich nun bald endlich nach Des Moines kommen könnte, aber ehrlich gesagt war ich zwar aufgeregt, aber irgendwie auch enttäuscht. Reiseführer erwähnten Des Moines noch nicht einmal. Nix mit Skaten mit den Pros, so wie ich mir das in meinen Träumen immer ausgemalt hatte. Damals war bestand meine hauptsächliche Lektüre aus dem Monster Magazin, Transworld Skateboarding und natürlich Thrasher. Meine Träume drehten sich um das Skaten in California und ich hatte ein kleines Langenscheidt-Wörterbuch am Bett liegen, in dem ich Vokabeln nachschlug, wenn ich im Traum aufwachte, weil mir ein Wort nicht einfallen wollte, das ich für einen Dialog mit den Pros brauchte. Kein Scheiss. Gut, nun also Iowa. Schweine, Soja und Mais. Kein Meer weit und breit. Skateparks auch nicht.

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