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Wird Facebook sterben?

Nico —  31.08.2011 — 9 Comments

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach meint ja, Facebook wird sterben:

Noch nicht heute, auch nicht morgen oder übermorgen. Aber es wird sterben. Und bevor das eine Binsenweisheit wird, etwas konkreter: Während Twitter und Google+ überleben werden, wird Facebook das nicht.

Wolfgang begründet seine Sichtweise damit, daß es drei Lager geben werde, nämlich Facebook/Microsoft/Nokia, Apple/Twitter und Google und von diesen drei Lagern Facebook/Microsoft am wenigsten in der Lage sein werden, ihre Dienste miteinander zu verzahnen, weshalb es viele Bruchkanten geben werde, insbesondere im Bereich Privacy.

Wolfgangs läßt sich ein wenig zu sehr vom alten Microsoft-Feindbild leiten bei seinen Überlegungen. Aber es ist schon interessant, daß noch vor Monaten alle gesagt haben “Google kann kein Social” und nun auf einmal viele Meinungsführer meinen, daß Facebook Geschichte sei. Ich hatte ja schon einmal ausgeführt, daß Twitter konzeptionell am Ende ist und ich gehe wie Wolfgang davon aus, daß Twitter als Feature von Apple enden wird. Wolfgang erwähnt in seinem Text überhaupt nicht Tumblr, dieses massive kollaborative Online-Scrapbook, in das jeder irgendwas reintumbled und damit für massive Content-Ansammlungen und extreme Stickyness sorgt. Tumblr wird meines Erachtens zu unrecht ignoriert, da wächst gerade etwas sehr Neues heran, was wiederum versucht, das Thema Content im Web neu zu definieren.

Facebook ist nicht Microsoft ist nicht Nokia. Es fällt leicht, aus einer gesunden Abneigung heraus, Microsoft zu bashen, aber ich glaube, in diesem Fall sollte man eher sehen, daß Microsoft von Facebook profitiert und nicht andersherum. Facebook hat tausende von smarten Entwicklern, die das Web verstehen und daran arbeiten, es stetig in Teilen neu zu definieren. Ich glaube, daß da ein immenses Innovationspotential vorhanden ist und wir eher den Zweikampf zwischen Google und Facebook haben werden, ausgehend von zwei völlig unterschiedlichen Positionen. Facebook hat derzeit 750 Millionen Nutzer, die über Facebook ihren Freundes- und Bekanntenkreis pflegen und mit diesen Menschen Inhalte teilen. Google hat eine Milliarde Nutzer, die vor allem nach Inhalten suchen, die Google auffindbar macht. Google nutzt jetzt social Features, um die Suche zu verbessern und Facebook nutzt den Like-Button, um die relevanten Inhalte zu identifizieren für seine Nutzer. Google und Facebook nähern sich da so langsam an, aber aus unterschiedlichen Richtungen kommend. Es geht um die Aufmerksamkeit der Nutzer und um die relevanten Inhalte.

Verkürzt ausgedrückt kann man das Problem mit dem Erreichen der Aufmerksamkeit der Nutzer wie folgt angehen: Man sammelt alle Inhalte des Webs und guckt dann, was die Nutzer interessiert, oder indem man alle Nutzer einsammelt und dann guckt, was diese interessiert. Sowohl Google als auch Facebook wollen, daß genügend Nutzer täglich wiederkommen, Inhalte finden und Werbung nutzen.

Um mal auf Wolfgangs These “Facebook wird sterben” zurück zu kommen, ich glaube nicht. Facebook hat eine irre Lernkurve gehabt in den letzten Jahren, hat wahnsinnig viele smarte Menschen, die Produkte entwickeln und Cutting-Edge Web-Technologie bauen, und ist nicht von Microsoft oder Nokia abhängig. Facebook wird aus eigener Kraft weiter dafür sorgen, daß Freunde und Bekannte sich auf der Plattform austauschen, Nutzer mit Marken und Unternehmen interagieren und ein guter Teil des Gesprächs im Hausflur oder in der Teeküche weiterhin auf Facebook ablaufen wird. Facebooks Geschäftsmodell, durch Werbung Nutzer von einer Ecke der Plattform zur anderen zu schicken, wird ordentliche Umsätze einbringen und viele weitere Entwickler finanzieren können. Facebook ist eine verdammt junge Firma, die noch viele Fehler machen wird, aber vor allem durch Tempo und Innovatiosnfreude immer wieder beeindrucken wird.

Man sollte übrigens nie den Fehler machen, von seinem eigenen Nutzungsverhalten ausgehend irgendwelche Rückschlüsse auf das Nutzungsverhalten von ein paar hundert Millionen Menschen zu ziehen. Aber es bringt immer wieder Spaß, über die Zukunft des Webs zu spekulieren, während man frühmorgens auf dem Sofa in Hamburg sitzt und einen Kaffee trinkt.