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Es ist selten, dass ich mal vor Plakaten stehen bleibe und denke: „wow, das ist mal eine richtig gute Idee, die Debatte ist lange überfällig!“ – aber bei der aktuellen Kampagne der IG Metall, deren Plakatmotive ich seit ein paar Wochen an den Bahnhöfen gesehen habe, ist dies der Fall.

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Ich finde, dass diese Kampagne genau die richtigen Fragen aufwirft, was die Zukunft der Arbeit angeht. Denn irgendwie habe ich das Gefühl, dass noch immer nicht gesehen wird, wie sich die Arbeit gerade verändert. Das hat mit der Automatisierung in einigen Branchen zu tun, so wie es Constanze Kurz und Frank Rieger in ihrem Buch Arbeitsfrei eindrücklich beschrieben haben, aber auch mit dem Entstehen neuer Arbeitsfelder und neuer Jobs. Wenn man sich allerdings die Debatten so anguckt, dann bekommt man den Eindruck, dass man sich eher in die Realität der 70er Jahre zurücksehnt, als zu erkennen, dass eine Veränderung der Arbeitswelt natürlich auch zur Folge haben muss, dass wir dringend Vorstellungen davon bekommen müssen, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen. Es ist nicht mehr üblich, nach der Ausbildung vom Betrieb übernommen zu werden und dann bis zur Rente in dem Betrieb zu arbeiten. Das bedauern etliche sicherlich, aber für andere käme ein derartiges Modell nicht in Frage. Überhaupt stellt sich immer mehr die Frage, wie wir die Arbeit so verteilen wollen, dass genug für alle da ist und nicht die einen sich überarbeiten, während die anderen keine Beschäftigung finden.

Mich treibt dieses Thema seit einiger Zeit um, nicht nur, weil ich ein klein wenig am Kreativpakt mitgearbeitet habe, bei dem die SPD Bundestagsfraktion in der letzten Legislaturperiode versucht hat, die Herausforderungen für die Erwerbstätigen in der Kreativbranche zu verstehen und Lösungsansätze für die Verbesserung der Situation zu definieren. Aus eigener Erfahrung sehe ich eben auch, mit welcher Rasanz aktuell neue Jobs entstehen, während alte obsolet werden. Die Ümbrüche in der Medienbranche und die neuen Herausforderungen für die Agenturlandschaft waren dabei allerdings nur die Vorboten von Entwicklungen, die wir erst in einigen Jahren auch in anderen Branchen sehen werden. Die disruptive Kraft der Digitalisierung ist enorm. Sie sorgt für neue Arbeitsfelder, von denen Leute wie ich profitieren, sie sorgt allerdings auch für den Abbau von Arbeitsplätzen, für die es kaum adäquaten Ersatz geben wird. Wir müssen Szenarien entwickeln, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen.

Daher finde ich es super, dass die IG Metall anfängt, die richtigen Fragen zu stellen und damit eine lange überfällige Debatte anschiebt. Bislang sind die Gewerkschaften allerdings in meiner Wahrnehmung auch nicht dadurch aufgefallen, dass sie an vorderster Front versucht haben, Veränderungen zu antizipieren und ihre Mitglieder darauf vorzubereiten, sondern sorgten mit ihren Ritualen für die Einbetonierung des Status Quo. Überhaupt ist mir dabei aufgefallen, wie wenig wichtig in meinem bisherigen Arbeitsleben Gewerkschaften sind. Meine Eltern waren natürlich in der Gewerkschaft, in der GEW und der ÖTV, wie sich das gehört und meine Mutter war auch zeitweilig im Betriebsrat. Für mich stellte sich die Frage noch nie, ob ich in eine Gewerkschaft eintreten sollte. Ich habe allerdings auch noch nie in einem Unternehmen gearbeitet, das einen Betriebsrat hat. Das ist mir neulich aufgefallen, als ich einen Workshop mit Betriebsräten gemacht habe, damit diese Online-Tools effektiver für Betriebsratswahlen einsetzen können. Da konnte ich in einige irritierte Gesichter blicken, als ich meinte, dass ich noch nie in einer Firma mit Betriebsrat gearbeitet habe. Wobei ich natürlich generell eine Interessenvertretung der Arbeitnehmer für unterstützungswert halte, nur boten sich die Gewerkschaften in den letzten Jahren in meiner Wahrnehmung eher nicht an.

Aber die Fragestellungen, mit denen wir es in Zukunft zu tun haben werden, sind ja enorm weitreichend. Wenn immer mehr junge Menschen nur befristete Verträge bekommen, wird das Auswirkungen auf die Investitionsbereitschaft und vor allem auf die Familienplanung haben. Wenn immer mehr Erwerbsbiographien Lücken aufweisen, die durch Arbeitslosigkeit aufgefüllt werden oder durch Zeiten der Selbständigkeit ergänzt werden, denn werden wir nicht darum herumkommen, unsere Sozialsysteme anzupassen. Wenn gleichzeitig ein beträchtlicher Teil der Arbeitnehmer in Frührente gehen will oder muss, weil die Arbeit kaum noch zu schaffen ist, physisch oder psychisch, während viele andere Arbeitnehmer gerne noch länger arbeiten würden, weil sie noch fit sind und die Arbeit Spaß bringt, dann müssen wir uns über flexiblere Renteneinstiegsmodelle unterhalten als wir es bislang tun. Wir werden auch nicht um die Frage herumkommen, wie wir damit umgehen wollen, dass die anstehende Automatisierungswelle, die Huckepack mit Industrie 4.0 kommen wird, substanziell viele Arbeitsplätze vernichten wird. Gleichzeitig haben immer mehr Menschen keine Lust mehr, in Vollzeit zu arbeiten und halten die bisherigen Arbeitszeitmodelle und vor allem die Präsenzpflicht am Arbeitsplatz für überholt. Das hat dann wiederum Auswirkungen auf die Karrieremöglichkeiten, Jobsicherheit und und und.

Kurzum, ich bin der IG Metall dankbar, dass sie diese Kampagne gerade gestartet hat und ich hoffe sehr, dass dadurch eine längst überfällige Debatte um die Zukunft der Arbeit entsteht. Bei D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt haben wir daher für dieses Jahr einen Themenschwerpunkt Digitale Arbeit festgelegt.

2014 alle so yeah! Nachdem ich kürzlich in einem Artikel durchaus pointiert zum Ausdruck gebracht habe, was ich 2014 im Netz nicht mehr lesen will, gab es einige Kritik, dass derartige Listen zwar kurzweilig zu lesen seien, aber es viel interessanter wäre, zu erfahren, was denn in 2014 meiner Meinung nach lesenswert wäre. Nun denn, darüber musste ich in der Tat ein paar Minuten länger nachdenken und die Liste ist eigentlich fast endlos, aber hier kommen die Top 10 Artikel, die ich im Netz nicht nur lesen, sondern auch diskutiert sehen will. Idealerweise aber eben nicht nur im Netz, sondern von mir aus auch mal in anderen Medien, damit mehr und andere Leute anfangen, darüber nachzudenken und sich in die Diskussion einzumischen. Ob ihr es glaubt oder nicht, aber als Leserinnen und Leser dieses bescheidenen Blogs gehört ihr durchaus zur Avantgarde in Deutschland und beschäftigt Euch mit Themen, die die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung noch nicht interessiert und ich weiss gar nicht, ob das Wörtchen „noch“ in diesem Kontext überhaupt verwendet werden kann.

Hier ist meine Top 10 Liste der Artikel, die ich 2014 lesen will:

1. Leben trotz permanenter Überwachung
Letztes Jahr haben wir festgestellt, dass unsere wildesten dystopischen Vorstellungen einer permanenten Überwachung schon weitestgehend umgesetzt wurden, nicht von Schurkenstaaten, sondern von westlichen Demokratien. Das war kein plötzliches Umlegen eines Schalters, sondern ein schleichender Prozess, bei dem immer wieder eigentliche heilige Kühe geschlachtet wurden. So haben wir mittlerweile an jeder Ecke Überwachungskameras, wir ziehen eine digitale Spur hinter uns her, wir praktizieren ungeschützten bargeldlosen Zahlungsverkehr und die Online-Kommunikation wird auch munter überwacht. All das, obwohl wir nichts zu verbergen haben. Ich glaube, dass durch diese Art der Überwachung viele Grenz- und Graubereiche in unserem Leben schwieriger darstellbar sein werden und das wird negative Auswirkungen auf unsere westlichen Gesellschaften haben.

2. Digitaler politischer Meinungsbildungsprozess und der öffentliche Raum
Wir sind ganz am Anfang davon, zu verstehen, wie sich der politische Meinungsbildungsprozess gerade verändert. Natürlich gibt es weiterhin die unterschiedlichsten Akteure wie Parteien, Verbände, Vereine, Initiativen, es gibt Stammtische und in den Kaffeepausen werden die BILD-Schlagzeilen diskutiert, aber je digitaler die Gesellschaft wird, desto mehr verändert sich auch der politische Meinungsbildungsprozess in diese Richtung. Gleichzeitig verlagern sich dann aber Diskussionen in Bereiche, die von Wirtschaftsunternehmen zur Verfügung gestellt werden und nicht mehr den Bürgern gehören wie der klassische Marktplatz.

3. Das Knirschen der Aufmerksamkeitsspirale
Konkurrenz belebt das Geschäft und anders als früher, als meine Tageszeitung noch im Abonnement bezogen wurde und morgens vor meiner Tür lag, sehen wir online den permanenten Wettstreit um die Gunst der Leserinnen und Leser. Jede Schlagzeile versucht, aufmerksamkeitsstärker als die nächste zu sein, jeder Artikel muss Traffic ziehen, jedes Video muss funktionieren, immer schneller müssen die Inhalte produziert werden, immer mehr sollen alle clicken. Die Kontemplation hat es zunehmend schwer, wenn wir Leserinnen und Leser erzogen werden sollen, dass nur noch Aufregung und Schnelligkeit, vor allem aber Clicks zählen. Clickvieh will eigentlich niemand sein, aber wir amüsieren uns in der Advertorialwelt von Buzzfeed zu Tode, während die Langfassungen von Texten hinter Paywalls verschwinden und somit wenig zur Diskussion beitragen.

4. Visionen zur Entwicklung der Stadt und der Regionen
Wir bewahren um des Bewahrens willen und Veränderungen in Städten und Regionen werden immer schwieriger, weil sie immer unbequemer werden. Wir wollen es bequem, wir wollen das Cocooning nicht nur in den eigenen Vier Wänden, sondern generell. Wutbürger protestieren gegen Großprojekte, Planer entwickeln Großprojekte, deren Nutzen fragwürdig ist, gleichzeitig schützen wir baufällige Häuser aus der Nachkriegszeit, weil sie exemplarisch für eine Epoche sind. Das war nicht immer so, was natürlich mit den Folgen des 2. Weltkriegs zu tun hat. Ich habe zu Weihnachten das Buch Hamburgs dunkle Welten geschenkt bekommen, in dem unglaubliche Bilder von aufgerissenen Straßen zu sehen sind, weil Ubahn-Tunnel gebaut werden. Die Vorstellung, eine Hauptverkehrsader einer größeren Stadt für länger als 5 Minuten stillzulegen, führt zu den irrationalsten Auseinandersetzungen, die es sehr schwer machen, eine gestalterische Stadtentwicklung auch nur zu diskutieren. Gleichzeitig verändern sich die Mobilitätskonzepte der Menschen, Regionen fallen zurück und sollen lebenswert bleiben oder gar werden, aber es fehlt an Infrastruktur, an Geld für den Betrieb von maroden Schwimmbädern aus den 70ern, an Einkaufsmöglichkeiten, ganz zu schweigen von Kneipen, Cafés und Restaurants. Wie wollen wir eigentlich in Zukunft leben und wo?

5. Herausforderungen der Skalierung von Social Media
Noch vor wenigen Jahren wurde aufgeregt postuliert, dass sich durch Social Media die Unternehmen in ihrem Kern verändern zu haben, dass eine Ausrichtung auf den Kunden erfolgt, dass dadurch die Produkte besser werden und die Unternehmen fröhlich vor sich hin prosperieren, während sie den Dialog auf Augenhöhe auf Facebook, Twitter und dem Unternehmensblog führen. Anstatt bloggender Unternehmenslenker beim öffentlichen Nachdenken im Diskurs mit den Kunden zu sehen, hat das Call-Center die Facebook Fanpage übernommen und die Kollegen des Direktmarketing kümmern sich um plakative Anzeigen im Aufmerksamkeitsbereich der Nutzer, während verheissungsvoll „Gewinne, Gewinne, Gewinne!“ an jeder Ecke gebrüllt wird, damit Nutzer den Weg zur Fanpage noch finden, denn eigentlich wollen die Nutzer lieber mit ihren Freunden plaudern oder witzige Links verteilen. Ist das wirklich alles, was man mit Social Media erreichen kann?

6. Zukunft der Arbeit
Ein Klassiker. Aber es lohnt sich, dieses Thema grundsätzlich und immer wieder zu diskutieren, denn für die meisten von uns bedeutet Arbeit, dass wir mindestens 8 Stunden werktäglich damit verbringen und auch für die, die keiner bezahlten Arbeit nachgehen, ist die Zukunft der Arbeit durchaus relevant. Wie gehen wir damit um, dass immer mehr Automatisierung erfolgt und immer mehr gering-qualifizierte Arbeitnehmer keine Jobs finden, während gleichzeitig die Gesellschaft immer älter wird, aber die herkömmliche Erwerbsbiographie mit nur wenigen unterschiedlichen Arbeitsstellen immer mehr einem Flickenteppich der Beschäftigungen mit all seinen Flexibilisierungen und Unsicherheiten weicht? Der Begriff Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wird eine Renaissance erleben, wie wir ihn seit den Wahlkämpfen in der Amtzeit von Helmut Kohl nicht mehr erlebt haben.

7. Bildung im 21. Jahrhundert
Wir versuchen derzeit mit den Strukturen des Bildungsbetriebes des 19. Jahrhunderts die Kinder und Jugendlichen auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten, ohne auf liebgewonne Schrulligkeiten zu verzichten bei gleichzeitiger Straffung der Lehrpläne hin zu einem schmalspurigerem Studium, damit junge Erwachsene schneller auf dem Arbeitsmarkt ankommen. Gleichzeitig bleibt das System undurchlässig und Akademikerkinder im Vorteil, wir manifestieren somit die Probleme auf dem Arbeitsmarkt, anstatt sie gerade in Hinblick auf die Veränderungen der Arbeitswelt bereits frühzeitig zu lösen.

8. Freiheit
Ein Begriff, der als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird und aus der Mode gekommen ist, aber auch im Zeitalter der omnipräsenten sozialen Sicherungssysteme munter diskutiert werden sollte. Was bedeutet Freiheit im 21. Jahrhundert? Was macht sie aus? Wie tangiert die Freiheit des Einzelnen die anderen in der Gesellschaft, wie ist das Zusammenspiel mit der Solidarität in der Gesellschaft? Wir dürfen Freiheit nicht einfach nur so als Begriff wahrnehmen, der irgendwie da ist, sondern wir müssen ihn auch mit Leben füllen. Freiheit ist kein Selbstzweck, zumal die persönliche Freiheit durch ausufernde Überwachungsphantasien der demokratisch legitimierter Staaten immer weiter beschränkt wird.

9. Technologie als Triebfeder für eine neue Gründerwelle
Während der Diskussion um die Auswirkungen der Enthüllungen des Edward Snowden wird immer wieder von der Politik formuliert, dass Deutschland den Datenschutz deutscher Prägung zum Exportschlager innovativer deutscher Firmen machen sollte. Eine Generation junger WHU-Absolventen hat aber nun mal gelernt, wie eCommerce funktioniert und wie Exit-Strategien aussehen. Gleichzeitig haben wir schlaue Köpfe in technischen Studiengängen an Universitäten. Mir fehlt eine Diskussion über Ideen, über neue Technologien und die daraus resultierenden Geschäftsmodelle. Wir sind eine Export-Nation, nur bleiben wir bei digitalen Geschäftsmodellen, von einigen Ausnahmen abgesehen, lieber unter uns.

10. Digitalisierung und Teilhabe
Die Gesellschaft wird in immer mehr Bereichen digitalisiert, mit allen daraus resultierenden Vor- und Nachteilen. Digitalisierung an sich macht die Gesellschaft noch nicht besser, aber auch nicht schlechter, daher sollten wir tunlichst versuchen, die positiven Aspekte zu stärken. Für mich ist die Teilhabe das A&O der Digitalisierung, darüber wurde in den 90er Jahren viel diskutiert, aber diese Diskussion ist leider verebbt, obwohl das Thema jetzt viel drängender ist als damals.

So, das sind jetzt meine Top 10 Artikel, die ich gerne 2014 im Netz lesen und diskutieren möchte. Wenn ihr sie nicht schreibt, schreibe ich sie irgendwann selber.

Heute, am 1. Mai, dem Kampftag der Arbeiterbewegung, gehen auf der ganzen Welt Menschen auf die Straßen, um für verbesserte Arbeitsbedingungen zu demonstrieren. Ich finde, das ist eine gute Gelegenheit, einmal inne zu halten und darüber nachzudenken, wie die Digitalisierung er Arbeit sich auf den Menschen auswirkt und wie wir möglichst dafür sorgen können, dass die Arbeitsbedingungen besser werden.

Die Digitalisierung der Arbeit ist Geißel und Befreiung zugleich, so paradox das klingen mag. War Rationalisierung bislang nur von Fabriken bekannt, sorgt die Digitalisierung seit den 80ern Jahren dafür, dass sich der Büro-Alltag verändert und viele ehemals sichere Jobs einfach wegfallen. Allerdings entstehen gerade viele neue Berufsfelder, die noch vor 5 Jahren undenkbar waren und alle damit zu tun haben, dass sich die Innovationszyklen der digitalen Technologien so sehr beschleunigt haben, dass es immer schwerer wird, auch nur 5 Jahre im Vorraus zu planen. Die Digitalisierung sorgt auch dafür, dass viele Menschen relativ selbstbestimmt arbeiten können. Genauso sorgt die Digitalisierung dafür, dass sich immer mehr Menschen erschöpft fühlen, permanent anderen Dingen ihre Aufmerksamkeit schenken müssen und am gemeinen Multitasking an sich verzweifeln. Der Steigerung der Produktivität durch digitale Werkzeuge steht die Erschöpfung des Menschen gegenüber, dem es immer schwerer fällt, als kleines Rädchen Teil eines funktionierenden großen Ganzen zu sein. ADHS und Burnout gehören genauso unserer immer digitalisierteren Umwelt wie Latte Macchiato und Laptop im Schatten am Strand.

Für mich stellt sich die Frage, wie man nun die Vorzüge der Digitalisierung nutzen kann, ohne dass wir alle zu mentalen nervösen Wracks werden, die alle 5 Minuten nach ihren Emails gucken und verzweifeln, wenn es keine neuen Emails in der Inbox gibt. Wir sind am Anfang einer Entwicklung und wir müssen jetzt die richtigen Weichenstellungen vornehmen, damit die Digitalisierung der Arbeit nicht dazu führt, dass die Belange des Einzelnen hintenrunterfallen und wir zwar nicht mehr körperlich starken Belastungen ausgesetzt sind, sondern gedanklich nicht mehr mit kommen. Die Herausforderung liegt darin, dies so zu tun, dass man nicht den Einzelnen bevormundet und gleich wieder vorschreibt, wie und wann man zu arbeiten hat. Der in kreativen Berufen gerne ausgelebte Hang zur Selbstausbeutung dient dabei ebenso wenig als Vorbild wie die stark regulierten Arbeitsbedingungen großer Unternehmen. Wir müssen lernen, einen Weg zu finden, der auch mal Emails Emails sein lässt, der die Vorteile der asynchronen, ortsunabhängigen Kommunikation genau so nutzt wie die der Zusammenarbeit in Echtzeit an einem Ort.

Ich finde, dafür, dass die Digitalisierung der Arbeit bereits seit Jahrzehnten stattfindet und immer mehr zunimmt, haben wir uns als Gesellschaft bislang viel zu wenig damit auseinandergesetzt. Hinzu kommt, dass Ausbildung und Bildung immer noch zu sehr auf die Belange des letzten Jahrhunderts ausgerichtet ist und wir es bislang kaum schaffen, jungen Leuten das Rüstzeug für die Arbeitswelt von Morgen mitzugeben, ganz zu schweigen davon, wie wir ältere Arbeitnehmer trotz immer schnelleren Innovationszyklen weiterhin in die Lage versetzen, mit der Dynamik der Arbeitswelt Schritt zu halten. Meine große Befürchtung ist, dass einige Wenige mit den Herausforderungen der Digitalisierung der Arbeitswelt ganz wunderbar zurechtkommen werden, aber viele Menschen künftig überfordert sein werden von dem Tempo und der Intensität der digitalen Arbeit. Das hat eine Sprengkraft für unsere Gesellschaft, die wir nicht außer Acht lassen sollten, sondern die dazu führen sollte, dass wir als Gesellschaft die Herausforderungen der Digitalisierung der Arbeitswelt aufgreifen und gemeinsam anfangen, Lösungen zu entwickeln.

handelsblattemailwahnsinnDas Handelsblatt hat heute mit der Schlagzeile “Der Email-Wahnsinn” aufgemacht (das weiss ich nur, weil ich frühmorgens im Bahnhofskiosk stand) und reisst den Artikel wie folgt an:

Täglich werden im Geschäftsverkehr weltweit 89 Milliarden Emails verschickt.Um die Überflutung einzudämmen, greifen Firmen zu Gegenmaßnahmen. VW, Telekom und Daimler schränken den Mail-Verkehr von Mitarbeitern drastisch ein.

Ich glaube ja, dass das Problem der Email-Flut in großen Unternehmen doppelt hausgemacht ist. Auf der technische Ebene werden oftmals weitverbreitete, aber mediokre Produkte eingesetzt, die versuchen, Nutzer ein Verhalten aufzudrücken, das zur Philosophie des Produktes passt, aber nicht unbedingt zur Arbeitsweise der Nutzer. Hinzu kommen die Klassiker wie AW:, die immer noch das Threading von Emails durcheinanderbringen und allgemein Chaos bei der Kommunikation auslösen. Aber auch murksige Kalendertools, übereifrige Projektplan-Alerts oder Verpeiltheit der Nutzer (“wo war noch mal das Meeting?”, “wie ist Deine Telefonnummer?”, “wer bin ich und wenn ja wie viele?”, “in welchem Meeting bist du so?”) sorgen immer wieder für vermeidbare Emails.

Die andere Ebene ist die weit verbreitete Cover your Ass Mentatlität in großen Unternehmen. Man schreibt immer Emails an alle, die man kennt, dann wissen auch alle, dass man gerade etwas arbeitet. So macht der einzelne Mitarbeiter nichts falsch und kann immer sagen “ich habe Sie doch informiert!”, sollte es mal zu Schwierigkeiten im Projekt kommen. Andersherum bestehen Vorgesetzte gerne darauf, immer ins cc: genommen zu werden, damit sie stets informiert sind. Was für ein Unfug. Die einen schreiben Emails, um zu zeigen, dass sie produktiv sind und die anderen wollen die Emails haben, um zu zeigen, dass sie alles im Blick haben. Im Endeffekt schreiben sich alle fleissig überflüssige Emails und wissen nicht mehr, wie sie das Relevante herausfiltern sollen. Folgerichtig werden die Emails ignoriert, die eigentlich hätten gelesen werden sollen, oder man wühlt sich stundenlang durch einen Thread, nur um festzustellen, dass die relevante Info irgendwo im AW:-Nebenthread gelandet ist.

Die Lösung: fasse dich kurz, aktualisiere Deine Tools, schicke nur unvermeidbare Emails. Leichter gesagt als getan, oftmals haben die Mitarbeiter keine Wahl, bei dem Zirkus mitzumachen.

Aber es gibt noch eine dritte Ebene, nämlich die der Erwartungshaltung an die Mitarbeiter, länger als zu den normalen Arbeitszeiten erreichbar zu sein, weil mittlerweile flexiblere Arbeitszeitmodelle möglich sind. Da trifft dann oftmals eine gewisse Erwartung auf einen Hang zur Selbstausbeutung und schon wird beim Abendessen dienstlich gemailt. Ich glaube, dass im Kern die spürbare Überlastung durch Emails auch daher kommt, dass man sich immer mehr von einer Welle von Emails durch den Tag treiben lässt und meint, man kann ja noch mal schnell antworten. Schwupps, ist der nötige Entspannungsmoment dahin und man ist wieder im Arbeitsmodus. Klar, wir lieben alle unsere Arbeit, aber wenn man nicht mehr abschalten kann, dann geht das zu Lasten unserer Produktivität und vor allem unserer Produktivität. Nur, wie wir damit umgehen, das haben wir noch nicht in der passenden gesellschaftlichen Breite diskutiert. Ich habe für mich erst einmal technische Möglichkeiten eingesetzt, um nicht dauernd am iPhone zu hängen und zu mailen. Jaja, lacht nur, aber es könnte echt noch schlimmer sein bei mir, als es aktuell ist. Ich lasse durch Sanebox alles wegfiltern, was nicht relevant ist. Und sicherlich noch etliches, was relevant sein könnte, aber es nicht durch die Filter schafft. Ausserdem habe ich beim iPhone den “Nicht stören”-Modus aktiviert, der ab einer bestimmten Uhrzeit alle Anrufe wegblockt von Leuten, die nicht auf meiner Favoritenliste stehen.

Und, klappt das? Haha, nein, wie ein Drogensüchtiger auf Turkey checke ich trotzdem das letzte Mal vorm Licht ausmachen und das erste Mal sofort nach dem Aufwachen meine Mails. Und ich antworte auch weiterhin auf viel zu viele Mails viel zu schnell. Wenn ich mal kein Netz habe, werde ich unausstehlich und drücke noch öfter auf den Reload-Button oder starte Geräte neu. Aber ich weiss, dass ich jederzeit damit aufhören könnte. Wirklich.

Zum Bundesparteitag im Dezember geht die SPD (endlich) neue Wege. Ein Onlineantrag soll jetzt dafür sorgen, daß gemeinsam mit interessierten Bürgerinnern und Bürgern das Thema Arbeit und Wirtschaft in der Digitalen Gesellschaft bearbeitet wird:

Digitalisierung durchdringt alle gesellschaftlichen Bereiche und beeinflusst unser Leben nachhaltig. Sie birgt enormes Potenzial für gesellschaftliche Teilhabe, Wissensvermehrung und Wirtschaftswachstum. Technologie- und wissensbasierte Unternehmen erschließen mit innovativen Produkten neue Märkte und erhalten und schaffen zahlreiche Arbeitsplätze. Anreize für kleinere Unternehmungen und die Schaffung und Verbesserung einer Gründerkultur in Deutschland sind deshalb wichtige politische Querschnittsaufgaben. Wir brauchen neue und mutige Ideen um kreatives Potenzial zu fördern.

Wir sehen hier einen massiven Nachholbedarf und glauben, daß die gerne postulierte kollektive Weisheit der Masse helfen kann, einen vernünftigen Antrag für den Bundesparteitag zu formulieren. Natürlich gilt es hier, die Regularien der SPD einzuhalten, aber es ist schon ein massiver Schritt für die Partei, nach über 150 Jahren das Schreiben eines Antrags komplett zu verändern und Adhocracy dafür einzusetzen. Wenn August Bebel das wüsste…

Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele Menschen mitarbeiten an diesem Antrag, die ein Verständnis haben von den Anforderungen an Internet-Gründer, die Geschäftsmodelle der Zukunft entwickeln oder die sich Gedanken machen über die Arbeit der Zukunft. Jeff Jarvis hat gerade gestern über The jobless Future geschrieben und ich glaube auch, dass die vor uns liegende Aufgabe nicht einfach sein wird. Es ist wichtig, daß jetzt eine Diskussion über die Arbeit und Wirtschaft in der Digitalen Gesellschaft geführt wird – und der Online-Antrag der SPD ist eine Variante Aggregation der Ideen und Vorschläge zu dem Thema.

Die SPD hat in der Vergangengeit nicht immer glücklich agiert in Sachen Netzpolitik, das wissen wir alle, aber es geht um die entscheidenen Zukunftsfragen hier und ich glaube daher, daß es Sinn macht, sich bei diesem Antrag zu beteiligen, wenn man etwas bewegen will in diesem Land. Schimpfen und Motzen könnt ihr weiterhin, aber jetzt kann man sich konstruktiv einbringen und muß dafür noch nicht mal sein Sofa verlassen. Das ist doch schon mal was, oder?