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2014 alle so yeah! Nachdem ich kürzlich in einem Artikel durchaus pointiert zum Ausdruck gebracht habe, was ich 2014 im Netz nicht mehr lesen will, gab es einige Kritik, dass derartige Listen zwar kurzweilig zu lesen seien, aber es viel interessanter wäre, zu erfahren, was denn in 2014 meiner Meinung nach lesenswert wäre. Nun denn, darüber musste ich in der Tat ein paar Minuten länger nachdenken und die Liste ist eigentlich fast endlos, aber hier kommen die Top 10 Artikel, die ich im Netz nicht nur lesen, sondern auch diskutiert sehen will. Idealerweise aber eben nicht nur im Netz, sondern von mir aus auch mal in anderen Medien, damit mehr und andere Leute anfangen, darüber nachzudenken und sich in die Diskussion einzumischen. Ob ihr es glaubt oder nicht, aber als Leserinnen und Leser dieses bescheidenen Blogs gehört ihr durchaus zur Avantgarde in Deutschland und beschäftigt Euch mit Themen, die die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung noch nicht interessiert und ich weiss gar nicht, ob das Wörtchen „noch“ in diesem Kontext überhaupt verwendet werden kann.

Hier ist meine Top 10 Liste der Artikel, die ich 2014 lesen will:

1. Leben trotz permanenter Überwachung
Letztes Jahr haben wir festgestellt, dass unsere wildesten dystopischen Vorstellungen einer permanenten Überwachung schon weitestgehend umgesetzt wurden, nicht von Schurkenstaaten, sondern von westlichen Demokratien. Das war kein plötzliches Umlegen eines Schalters, sondern ein schleichender Prozess, bei dem immer wieder eigentliche heilige Kühe geschlachtet wurden. So haben wir mittlerweile an jeder Ecke Überwachungskameras, wir ziehen eine digitale Spur hinter uns her, wir praktizieren ungeschützten bargeldlosen Zahlungsverkehr und die Online-Kommunikation wird auch munter überwacht. All das, obwohl wir nichts zu verbergen haben. Ich glaube, dass durch diese Art der Überwachung viele Grenz- und Graubereiche in unserem Leben schwieriger darstellbar sein werden und das wird negative Auswirkungen auf unsere westlichen Gesellschaften haben.

2. Digitaler politischer Meinungsbildungsprozess und der öffentliche Raum
Wir sind ganz am Anfang davon, zu verstehen, wie sich der politische Meinungsbildungsprozess gerade verändert. Natürlich gibt es weiterhin die unterschiedlichsten Akteure wie Parteien, Verbände, Vereine, Initiativen, es gibt Stammtische und in den Kaffeepausen werden die BILD-Schlagzeilen diskutiert, aber je digitaler die Gesellschaft wird, desto mehr verändert sich auch der politische Meinungsbildungsprozess in diese Richtung. Gleichzeitig verlagern sich dann aber Diskussionen in Bereiche, die von Wirtschaftsunternehmen zur Verfügung gestellt werden und nicht mehr den Bürgern gehören wie der klassische Marktplatz.

3. Das Knirschen der Aufmerksamkeitsspirale
Konkurrenz belebt das Geschäft und anders als früher, als meine Tageszeitung noch im Abonnement bezogen wurde und morgens vor meiner Tür lag, sehen wir online den permanenten Wettstreit um die Gunst der Leserinnen und Leser. Jede Schlagzeile versucht, aufmerksamkeitsstärker als die nächste zu sein, jeder Artikel muss Traffic ziehen, jedes Video muss funktionieren, immer schneller müssen die Inhalte produziert werden, immer mehr sollen alle clicken. Die Kontemplation hat es zunehmend schwer, wenn wir Leserinnen und Leser erzogen werden sollen, dass nur noch Aufregung und Schnelligkeit, vor allem aber Clicks zählen. Clickvieh will eigentlich niemand sein, aber wir amüsieren uns in der Advertorialwelt von Buzzfeed zu Tode, während die Langfassungen von Texten hinter Paywalls verschwinden und somit wenig zur Diskussion beitragen.

4. Visionen zur Entwicklung der Stadt und der Regionen
Wir bewahren um des Bewahrens willen und Veränderungen in Städten und Regionen werden immer schwieriger, weil sie immer unbequemer werden. Wir wollen es bequem, wir wollen das Cocooning nicht nur in den eigenen Vier Wänden, sondern generell. Wutbürger protestieren gegen Großprojekte, Planer entwickeln Großprojekte, deren Nutzen fragwürdig ist, gleichzeitig schützen wir baufällige Häuser aus der Nachkriegszeit, weil sie exemplarisch für eine Epoche sind. Das war nicht immer so, was natürlich mit den Folgen des 2. Weltkriegs zu tun hat. Ich habe zu Weihnachten das Buch Hamburgs dunkle Welten geschenkt bekommen, in dem unglaubliche Bilder von aufgerissenen Straßen zu sehen sind, weil Ubahn-Tunnel gebaut werden. Die Vorstellung, eine Hauptverkehrsader einer größeren Stadt für länger als 5 Minuten stillzulegen, führt zu den irrationalsten Auseinandersetzungen, die es sehr schwer machen, eine gestalterische Stadtentwicklung auch nur zu diskutieren. Gleichzeitig verändern sich die Mobilitätskonzepte der Menschen, Regionen fallen zurück und sollen lebenswert bleiben oder gar werden, aber es fehlt an Infrastruktur, an Geld für den Betrieb von maroden Schwimmbädern aus den 70ern, an Einkaufsmöglichkeiten, ganz zu schweigen von Kneipen, Cafés und Restaurants. Wie wollen wir eigentlich in Zukunft leben und wo?

5. Herausforderungen der Skalierung von Social Media
Noch vor wenigen Jahren wurde aufgeregt postuliert, dass sich durch Social Media die Unternehmen in ihrem Kern verändern zu haben, dass eine Ausrichtung auf den Kunden erfolgt, dass dadurch die Produkte besser werden und die Unternehmen fröhlich vor sich hin prosperieren, während sie den Dialog auf Augenhöhe auf Facebook, Twitter und dem Unternehmensblog führen. Anstatt bloggender Unternehmenslenker beim öffentlichen Nachdenken im Diskurs mit den Kunden zu sehen, hat das Call-Center die Facebook Fanpage übernommen und die Kollegen des Direktmarketing kümmern sich um plakative Anzeigen im Aufmerksamkeitsbereich der Nutzer, während verheissungsvoll „Gewinne, Gewinne, Gewinne!“ an jeder Ecke gebrüllt wird, damit Nutzer den Weg zur Fanpage noch finden, denn eigentlich wollen die Nutzer lieber mit ihren Freunden plaudern oder witzige Links verteilen. Ist das wirklich alles, was man mit Social Media erreichen kann?

6. Zukunft der Arbeit
Ein Klassiker. Aber es lohnt sich, dieses Thema grundsätzlich und immer wieder zu diskutieren, denn für die meisten von uns bedeutet Arbeit, dass wir mindestens 8 Stunden werktäglich damit verbringen und auch für die, die keiner bezahlten Arbeit nachgehen, ist die Zukunft der Arbeit durchaus relevant. Wie gehen wir damit um, dass immer mehr Automatisierung erfolgt und immer mehr gering-qualifizierte Arbeitnehmer keine Jobs finden, während gleichzeitig die Gesellschaft immer älter wird, aber die herkömmliche Erwerbsbiographie mit nur wenigen unterschiedlichen Arbeitsstellen immer mehr einem Flickenteppich der Beschäftigungen mit all seinen Flexibilisierungen und Unsicherheiten weicht? Der Begriff Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wird eine Renaissance erleben, wie wir ihn seit den Wahlkämpfen in der Amtzeit von Helmut Kohl nicht mehr erlebt haben.

7. Bildung im 21. Jahrhundert
Wir versuchen derzeit mit den Strukturen des Bildungsbetriebes des 19. Jahrhunderts die Kinder und Jugendlichen auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten, ohne auf liebgewonne Schrulligkeiten zu verzichten bei gleichzeitiger Straffung der Lehrpläne hin zu einem schmalspurigerem Studium, damit junge Erwachsene schneller auf dem Arbeitsmarkt ankommen. Gleichzeitig bleibt das System undurchlässig und Akademikerkinder im Vorteil, wir manifestieren somit die Probleme auf dem Arbeitsmarkt, anstatt sie gerade in Hinblick auf die Veränderungen der Arbeitswelt bereits frühzeitig zu lösen.

8. Freiheit
Ein Begriff, der als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird und aus der Mode gekommen ist, aber auch im Zeitalter der omnipräsenten sozialen Sicherungssysteme munter diskutiert werden sollte. Was bedeutet Freiheit im 21. Jahrhundert? Was macht sie aus? Wie tangiert die Freiheit des Einzelnen die anderen in der Gesellschaft, wie ist das Zusammenspiel mit der Solidarität in der Gesellschaft? Wir dürfen Freiheit nicht einfach nur so als Begriff wahrnehmen, der irgendwie da ist, sondern wir müssen ihn auch mit Leben füllen. Freiheit ist kein Selbstzweck, zumal die persönliche Freiheit durch ausufernde Überwachungsphantasien der demokratisch legitimierter Staaten immer weiter beschränkt wird.

9. Technologie als Triebfeder für eine neue Gründerwelle
Während der Diskussion um die Auswirkungen der Enthüllungen des Edward Snowden wird immer wieder von der Politik formuliert, dass Deutschland den Datenschutz deutscher Prägung zum Exportschlager innovativer deutscher Firmen machen sollte. Eine Generation junger WHU-Absolventen hat aber nun mal gelernt, wie eCommerce funktioniert und wie Exit-Strategien aussehen. Gleichzeitig haben wir schlaue Köpfe in technischen Studiengängen an Universitäten. Mir fehlt eine Diskussion über Ideen, über neue Technologien und die daraus resultierenden Geschäftsmodelle. Wir sind eine Export-Nation, nur bleiben wir bei digitalen Geschäftsmodellen, von einigen Ausnahmen abgesehen, lieber unter uns.

10. Digitalisierung und Teilhabe
Die Gesellschaft wird in immer mehr Bereichen digitalisiert, mit allen daraus resultierenden Vor- und Nachteilen. Digitalisierung an sich macht die Gesellschaft noch nicht besser, aber auch nicht schlechter, daher sollten wir tunlichst versuchen, die positiven Aspekte zu stärken. Für mich ist die Teilhabe das A&O der Digitalisierung, darüber wurde in den 90er Jahren viel diskutiert, aber diese Diskussion ist leider verebbt, obwohl das Thema jetzt viel drängender ist als damals.

So, das sind jetzt meine Top 10 Artikel, die ich gerne 2014 im Netz lesen und diskutieren möchte. Wenn ihr sie nicht schreibt, schreibe ich sie irgendwann selber.

Ich werde den Eindruck nicht los, dass wir gerade in interessanten Zeiten leben. Man kann geradezu spüren, wie das Alte immer weniger relevant ist und wie die vielfältigsten Reaktanzen entstehen, um noch zu retten, was zu retten ist. Die Zyklen der Veränderung sind immer schneller und die Auswirkungen weitreichender, das spüren wir an allen Ecken und Enden. Das deutsche Bildungssystem aber bleibt fest in seinen Traditionen aus der Bismarck-Zeit stecken.

extrabreitschulebrennthurraZwar wird immer mehr erkannt, dass Kinder und Jugendliche anders lernen sollten und andere Inhalte benötigen, aber wir sorgen nachwievor dafür, dass wir passende Absolventen für die Herausforderungen der Vergangenheit heranzüchten. Daran hat das deutsche Bildungsbürgertum Schuld, denn hier wird weiterhin auf das Gute, Wahre, Schöne vergangener Zeiten beharrt. Hier sperrt man sich, zeigt seine Abneigung gegenüber populärer Kultur und lässt dies direkt ins Schulssystem fliessen. Beispielsweise gibt es in Hamburg seit dem Aufstand der gutbürgerlichen Kreise gegen eine Schulreform den sog. Schulfrieden – es muß kriegsähnliche Auseinandersetungen vorher gegeben haben, so stark waren die Beharrungskräfte.

Der britische Erziehungswissenschaftler Sir Ken Robinson hat vor einigen Jahren in einem Interview mit dem Guardian gesagt:

All children start their school careers with sparkling imaginations, fertile minds, and a willingness to take risks with what they think. […] Most students never get to explore the full range of their abilities and interests … Education is the system that’s supposed to develop our natural abilities and enable us to make our way in the world. Instead, it is stifling the individual talents and abilities of too many students and killing their motivation to learn.

Da ist viel dran. Hinzu kommt, dass wir immer noch einen Fächerkanon haben, der hilft, Herausforderungen vergangener Zeiten bewältigen zu können.

Das Ausbrechen aus einem starren System mit einem Fokus auf die Herausforderungen der Zukunft macht mehr Sinn als die ewige Beschäftigung mit der Rückbetrachtung. In einem lesenswerten Blogbeitrag für die Washington Post skizziert ein 15-jähriger Schüler seine Ansprüche an ein modernes Schulsystem:

A key element of middle school is initial exposure to career fields that students can choose to explore further in high school. Teachers can give students a broad understanding of career fields as it relates to the classes they are teaching. Students will be encouraged to self-direct their learning and develop a passion. This system is not anti-disciplinary; it’s simply more flexible. If schools are doing their job, students will no longer be asking, “When am I ever going to use this?” and will instead ask, “How can I learn more?”

Ich habe mich in meiner Schulzeit mehr als nur einmal gefragt, wofür ich das Erlernte jemals brauchen würde. Auch ich habe viel auswendig lernen oder abmalen müssen, ohne wenig Sinn und Verstand – aber immer in bester Tradition des deutschen Bildungsbürgertums habe ich Faust gelesen, Vektoren berechnet und Caesar übersetzt. Ich hatte nur ein Praktikum, und das habe ich ausgerechnet bei Thies Rabe beim Elbe Wochenblatt in Bergedorf gemacht, konnte ich ja nicht wissen, dass er später mal Bildungssenator werden konnte. Zwar kann es in der Schule nicht darum gehen, die Schülerinnen und Schüler für die Wirtschaft auszubilden, aber etwas mehr Realitätsnähe würde der Schule sehr gut tun, aber das ist ein strukturelles und inhaltliches Problem.

Wenn wir so weiter machen, dann können wir uns vielleicht noch auf das Land der Dichter und Denker berufen, spielen nur im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr. Wollen wir das? Wie bekommen wir diesen Knoten durchschlagen, wie finden wir Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft und wie sorgen wir dafür, dass unsere Schulen die Kinder und Jugendlichen sich wirklich ändern? Ich glaube, dass die Forderung nach einer Programmiersprache als zweite Fremdsprache ziemlich genau klarmacht, was sich ändern muß. Javascript ist den Schülern näher als Latein, ob die Lehrer es wahrhaben wollen oder nicht.

Eigentlich ist Bildung bereits ein groß angelegtes Spiel, bei dem man Jahr für Jahr eine Runde weiterkommt, wenn man genügend Punkte gesammelt hat. Aber ich glaube, daß an dem Thema Gamification der Bildung wirklich mehr dran ist, daß man durchaus mit mehr spielerischen Elementen und vor allem anderen Formen der Auszeichnungen die Schüler anders motivieren kann – quasi die 2.0 Version des netten kleinen Stempels als “gut gemacht” unter dem Aufsatz. Aber auch die Nutzung von Spielen selber kann den Schulalltag massiv verändern und die Schüler anders stimulieren.

Wenn Elemente der Gamification mehr und mehr in Schulen genutzt werden würden, was bedeutet das denn für die bisherigen Schulbücher? Ist die Schule nicht jetzt schon ein gigantisches Alternate Reality Game?

Gamification of Education

[ via Is gamification the key to education? | Techi.com ]