52 Bücher – Nr. 3: Du bist das Volk

Uwe Knüpfer versuchte einmal, Bundestagkandidat zu werden und trat gegen Michelle Müntefering in Herne an. Er unterlag und viele sahen sein Engagement als Affront an, denn er trat als Chefredakteur des Vorwärts gegen die ehemalige Voluntärin Michelle Müntefering an. Knüpfer ist ein langgedienter politischer Journalist, der u.a. Auslandskorrespondent in Washington, D.C. und Chefredakteur der WAZ war.

Man kann also durchaus behaupten, Knüpfer weiss, wie der Politikbetrieb funktioniert, denn er ist seit vielen Jahrzehnten als Insider nah dabei.

du_bist_das_volkIch werde künftig jedem, der zu mir sagt: „Du bist doch so ein politischer Mensch, warum gehst Du nicht in die Politik?“ das Buch Du bist das Volk – Eine Anleitung zum Politiker-Sein: In zwölf Ermunterungen empfehlen. Denn Knüpfer beschreibt in diesem Buch schonungslos und süffisant, was es bedeutet, die Politik zum Beruf zu machen. Ich kenne viele Aspekte davon aus eigener Erfahrung, denn als Politikersohn habe ich selber erlebt, was für ein großer Zeitfresser die Politik ist und was das für die Familie bedeutet.

Knüpfer zeigt ziemlich direkt auf, welche Entbehrungen man auf sich nehmen muss, wenn man im Politikbetrieb vorankommen will. Man kann das Buch als Anleitung und als Warnung zugleich verstehen, denn seine Hinweise sind durchaus zielführend, wenn auch schonungslos direkt. Der Idealismus fällt hinten runter, wenn man die Karriere geplant werden soll und ich weiss von vielen Gesprächen mit Politikern, wie schwer es ist, diesen Idealismus im Tagesgeschäft nicht gänzlich zu verlieren.

Das Ansehen der Politikerinnen und Politiker ist nicht sehr groß, ihr Einsatz allerdings um so mehr. Dafür gibt es im Vergleich mit Leitungspositionen in der Wirtschaft wenig Geld, dafür aber viel Kritik und Gemecker. Wer sich das antun will, verdient meinen Respekt, auch wenn ich vermutlich nicht mit allen Positionen einverstanden bin. Knüpfer wirbt nicht wirklich für den Beruf des Politikers, aber er zeigt, was man tun muss, damit es funktionieren kann.

Die S21-Entscheidung ist gut für die Demokratie

Ich hatte ja schon einmal angedeutet, daß ich die Aufregung um Stuttgart 21 nicht so ganz nachvollziehen kann. Ich bin allerdings heute sehr zufrieden mit dem Ausgang. Was hatten wir nicht alles lesen dürfen über die Wutbürger, die künftig die Demokratie in Deutschland dominieren würden und große Entscheidungen nicht mehr möglich machen würden. Nun hat es einen Volksentscheid gegeben und wir stellen fest, daß diejenigen, die am lautesten gebrüllt haben, doch nicht die Mehrheit im Land stellen. Das mag für die Gegner von Stuttgart 21 eine bittere Erkenntnis sein, die einige auch noch lange nicht wahrhaben wollen, aber für unsere Demokratie ist es doch letztendlich gut gelaufen. Spät, viel zu spät, wurde auf die Kritiker eingegangen, die CDU hat ihre Mehrheit in Baden-Württemberg verloren und nun stellen wir fest, daß Stuttgart 21 doch gebaut werden kann, weil eben doch nicht alle dagegen sind.

Interessanterweise sind damit die real existierenden Grünen dieses Jahr nach einer Berg- und Talfahrt wieder ganz auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Während im Frühjahr noch alles möglich erschien und die Führungsspitze der Grünen vor Kraft kaum laufen konnte und nicht wußte, welchem Größenwahn sie zuerst erliegen sollte, sind sie mittlerweile in Berlin mit der Realität eiskalt konfrontiert worden und zerfleischen sich erst einmal munter selber und auch von einer Kanzlerkandidatur spricht momentan niemand mehr. Regierungschef Kretschmann wurde mit einer Welle der Empörung gegen Stuttgart 21 ins Amt gespült und darf nun dafür sorgen, daß der häßliche alte Bahnhof abgerissen wird und Stuttgart einen neuen unterirdischen Bahnhof bekommt. Dies alles wird viel Geld kosten, wie es eben so oft bei großen Infrastrukturprojekten der Fall ist. Sonst wären es ja auch kleine.

Die Lehren aus Stuttgart 21 werden sein, daß künftig die Bürger früher und direkter miteinbezogen werden dürften, aber auch daß man nicht vor jedem Protest zurückzucken sollte, denn auch Gradlinigkeit erwarten die Bürger von ihren Politikern. Stuttgart 21 wird noch einige Zeit die Debatte beherrschen, vor allem wenn die Baumaßnahmen für Verspätungen im Berufsverkehr sorgen werden.

Die Wutbürger sind vorerst gescheitert. Und das ist gut so.

Ein paar Ahnungen für 2009

Irgendwie hat es sich eingebürgert, daß zum Ende eines Jahres viele Leute einen Ausblick auf das kommende Jahr versuchen. Da kann ich mich natürlich nicht bremsen und muss auch mal fünf Ahnungen für 2009 zum Besten geben, natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber dennoch mit dem mir eigenen überbordenen Realitätssinn.

1. Die Finanzkrise wird als Thema noch eine Weile vorhanden sein, aber überwiegend als Ausrede gelten, wenn man notwendige Neuerungen nicht anpacken will. Ab März wird die Wirtschaft wieder in Schwung kommen, weil spätestens dann klar ist, dass die Medien sich auch mal wieder anderen Themen zuwenden müssen. Die Amtseinführung Obamas wird als eine Art weltweiter Ruck zu spüren sein.

2. Print ist tot und TV stinkt schon ganz gewaltig – die Medien werden sich rasanter als noch in 2008 verändern und die Nutzerzahlen sich gen Internet verschieben, was vor allem zur Folge haben wird, dass die Marketing-Spendings ebenfalls in Richtung Internet wandern und daraufhin die Angebote von Print und Broadcast-TV noch unatraktiver werden, was wiederum zur Folge haben wird, dass User abwandern in Richtung Internet, und so weiter. Settop-Boxen werden immer nützlicher und Applikationen wie Boxee werden dafür sorgen, dass unser TV-Konsum ebenfalls in unseren SocialGraph eingeklinkt wird.

3. Customer Support ist das neue Marketing 2.0 – Firmen werden immer mehr merken, daß online über sie und ihre Produkte geredet wird, da kann sich niemand mehr schlechten Support leisten. Getsatisfaction wird die Speerspitze einer ganzen Reihe von Applikationen rund um das Thema Support sein, denn es bietet einen wunderbar einfachen Nutzen für Anwender und Firmen gleichermaßen. Twitter wird das Tool für den simplen Dialog im Internet und gleichzeitig zur Infrastruktur für dialog-orientierte Anwendungen im Internet.

4. Wir haben einen Überfluß an Informationen, daher wird die Inspiration immer wichtiger. Was konsumieren wir morgen? Welche Themen sind für uns wichtig? Wir können zwar viel sharen, aber ohne den entscheidenen Impuls bleiben alle vermittelten Informationen ohne jegliche Auswirkungen. Die Inspiration wird zur treibenden Kraft online. Je mehr Menschen online sind, desto mehr wird Inspiration an Bedeutung gewinnen.

5. Das Wahljahr 2009 wird mühselig. Von Obama wollen alle lernen, aber sie verstehen es nicht im Ansatz, bzw. wollen nicht umsetzen, was sie verstanden haben, weil sich dadurch der politische Entscheidungsfindungsprozeß zu ändern droht. Also werden im Wahlkampf weiterhin Themen gepusht, die wenig mit der Zukunft des Landes zu tun haben, aber die verbliebene Stammwählerschaft mobiliseren soll. Nach der Bundestagswahl wird es weiterhin eine sog. Große Koalition geben, Zukunftsthemen werden mit Hinblick auf die Finanzkrise weitesgehend ausgeblendet, Mehltau 2.0 ist die Folge.

Es dürfte klar sein, dass mir Punkt 5 nicht so behagt und ich nichts dagegen hätte, wenn es anders käme. 2009 wird nicht langweilig werden, so viel ist sicher.