Und jetzt machen wir mal was mit Wahlcomputern

Mal unter uns, jeder hat doch schon mal so einen Moment gehabt. Da kommen die zufriedenen Eltern oder Großeltern an, wollen mal so richtig cool sein, sind stolz wie Bolle, präsentieren irgendetwas und ernten entsetzte Blicke. So muß es gerade den Verantwortlichen im Willy-Brandt-Haus gehen, die dachten, der Einsatz von Wahlcomputern beim kommenden Bundesparteitag sei eine total tolle, moderne, vielleicht sogar coole Sache. Ist ja was mit Computern. Machen die jungen Leute ja so, heutzutage.

Aaaargh. Mentale Frühvergreisung ist echt keine Frage des Alters. Wie kann man nur auf die bescheuerte Idee kommen, nach der Debatte um Wahlcomputer in den letzten Jahren jetzt meinen zu müssen, daß man aus Gründen der Effizienz beim Bundesparteitag nicht mehr mit Papier abstimmen will?

Ich bin echt sprachlos. Ich habe gestern abend davon erfahren und wußte nicht, ob ich lachen, weinen oder enfach nur mit dem Kopf auf die Tischplatte knallen soll.

Ich kann es verstehen, daß jemand auf die Idee kommt und sich denkt “hey, praktisch, das testen wir mal.” – aber wieso fällt niemandem im Willy-Brandt-Haus auf, daß Wahlcomputer aus irgendwelchen Gründen immer noch kein Standard sind? Warum wird niemand gefragt, der sich damit auskennt? Oder einfach mal bei Google nach Wahlcomputer gesucht?

Jetzt haben wir den Salat, die anderen Parteien haben sich das Popcorn bereitgestellt und gucken hämisch amüsiert zu, wie sich die SPD zwei Wochen vor ihrem Bundesparteitag lächerlich macht. Da können noch so tolle netzpolitische Grundsätze verabschiedet werden, aber die Partei macht sich erst mit Vorratsdatenspeicherung lächerlich und jezt auch noch mit Wahlcomputern. Ich kann es den anderen Parteien nicht verdenken, ich hätte es genauso gemacht, die Vorlage ist einfach zu schön.

Aber, hey, so ist es eben, wenn man einen großen Tanker zu Kursänderungen bewegen will. Das geht nicht von jetzt auf gleich, das dauert seine Zeit. Die Netzpolitiker in der SPD sind sich auch des edukativen Auftrags bewußt und wir werden auch dieses Thema allen so lange erklären, bis sie es verstehen. Und natürlich hoffen wir, daß in der SPD mal verstanden wird, daß man lieber mal jemanden fragen sollte, der sich mit diesem Digitaldings auskennt, bevor man wieder irgendenen Unfug veranstaltet. Es ist dann doch wohl so wie mit der heißen Herdplatte, da müssen erst mal alle draufpatschen, bis sie verstehen, daß es weh tut.

Wahlcomputer beim Bundesparteitag, hier macht man was mit. Wenigstens wird es nie langweilig werden mit der SPD.

CDU Berlin startet Facebookparty

Die CDU Berlin zieht im derzeitigen Wahlkampf alle Register und lädt unter dem altbewährten Motto Wie sicher ist Berlin? zu einer groß angelegten Facebookparty ein. Peter Trapp, Vorsitzender des Innenausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses und kürzlich mit dem goldenen Internet-Seepferdchen am Band ausgezeichnet, nutzt diese noch unübliche Form der Mobilisierung, um im Wahlkampf auf sich und sein Anliegen aufmerksam zu machen. Wir sind tief beeindruckt von dieser Guerilla-Aktion, mit der die CDU Berlin sich ein zweistelliges Ergebnis bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus verspricht.

SPD: Neuer Fortschritt und kein Internet.

Anfang der Woche findet die Neujahrsklausur der SPD statt und es gibt dazu zwei Thesenpapiere, eines vom Parteivorstand [PDF], eines von der Parlementarischen Linken [PDF]. Auf SpOn wird davon ausgegangen, daß es Streit um unterschiedliche Steuerkonzepte geben könnte.

Den Streit sollte es an anderer Stelle geben!

Ich finde es gut und richtig, daß die SPD das Thema Fortschritt endlich wieder aufgreift und versucht, es programmatisch zu füllen. Aber es kann absolut nicht sein, daß in diesem Zusammenhang das Internet nicht erwähnt wird. In beiden Thesenpapieren findet das Internet keinerlei Erwähnung. Das Internet ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe, ermöglicht einfachen Zugang zu Bildung und Kultur, veränert nachhaltig die Arbeitswelt und bringt für ein Land ohne nennenswerte Rohstoffe und einem Fokus auf Bildung ein ungeahntes Potential wirtschaftlicher Entwicklung.

Und meine Partei ignoriert dies komplett in ihrem Fortschrittspapier! Das kann echt nicht angehen! Das Internet löst seit Jahrzehnten massive Disruptionen aus, das kann man bei der Beschäftigung mit dem Thema Fortschritt nicht ignorieren!

Die SPD-Führung sollte sich dringend mal den Artikel von Lars Klingbeil und Björn Böhning Ein freies, gerechtes und solidarisches Netz durchlesen, da ist dargelegt, was das Internet für die SPD und einen neuen Fortschrittsbegriff bedeuten kann.