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Man kommt ja zu nix heutzutage, diese Liste wollte ich schon vor ein paar Wochen gepostet haben. Aber für die Umtauschorgien nach Weihnachten ist diese Liste dann vielleicht doch noch hilfreich. All diese Produkte sind Sachen, die ich irgendwie interessant finde und ich bin ja auch irgendwie ein geekiger Vater.

Noch ist Zeit bis Heiligabend.

Nerd Attack - Chris StöckerAls ich gesehen hatte, daß der von mir sehr geschätzte Christian Stöcker ein Buch über “Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook” geschrieben hatte, bin ich, völlig untypisch für mich, direkt am Samstag in eine lokale Buchhandlung gegangen und habe mir das Buch gekauft und es quasi in einem Rutsch durchgelesen. Und das, obwohl ich eigentlich eine “nie mehr als 200 Seiten”-Policy bei Büchern habe, denn normalerweise schaffe ich selten Bücher, die so lang sind. Nerd Attack! lässt sich wunderbar lesen, insbesondere wenn man selber der Generation C64 angehört.

Während der ersten paar Kapitel des Buches hatte ich das Gefühl, meine eigene Biographie zu lesen. Auch ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich nach der Schule immer zum örtlichen Karstadt in die Schreibwaren-Abteilung getapert bin, um dort am Commodore C64 rumzuspielen, kleinere BASIC-Programme zu tippen und mit Gleichaltrigen fachzusimpeln. Nach genügend Gequengel hatte ich dann endlich einen C64 plus Datasette in meinem Zimmer, inklusive einiger Spiele wie Decathlon, die für einen wahnwitzigen Verschleiß an sauteuren Joysticks sorgten. Ich kann mich noch erinnern, daß ich zu einem Winterurlaub im Harz den C64 mitsamt kleinem, roten schwarz/weiß-Fernseher aus DDR-Produktion mitgenommen hatte, damit ich auch im Urlaub daddeln konnte. Irgendwann hatte ich dann meinem Vater auch noch die Floppy 1541 aus dem Kreuz geleiert und dann konnte das fröhliche Kopieren erst richtig beginnen. Ein 10er-Pack 5 1/4-Disketten von Scotch kosteten lumpige 100 DM, die NoName-Variante kostete 20 DM, aber man konnte sich nicht sicher sein, daß die Disketten auch ordentlich funktionierten. Getauscht wurde mit Mitschülern und so wuchs stetig der Fundus von Spielen an, aber das reichte irgendwie nie aus. Mein Vater brachte mich sogar mit dem Sohn seines MdL-Kollegen zusammen, damit wir Spiele tauschen konnten. So viel zu Thema “Kopieren war irgendwie normal”, wie Chris Stöcker es auch in seinem Buch darlegt. Ich kann mich auch noch lebhaft an Peeks & Pokes, Data Becker Bücher bei Karstadt, aus denen wir Passagen abschrieben, und Interrupt-Routinen erinnern. Damit ich auch mal tolle Demos zeigen konnte, mit Laufschrit und Musik und witzigen Sprites und so, habe ich aus Spielen irgendwelche Interrupt-Routinen rausgefriemelt, mit irgendeinem Assembler-Monitor oder so. Später kam dann Final Cartridge 3 dazu und ich dachte, jetzt könnte ich alles am C64. Einen eigenen Resetschalter hatte ich schon an das Gehäuse gelötet nach Anleitung eines Schulfreundes, aber dann mußte das Kopieren schneller gehen und ein Parallelkabel an die Floppy 1541 gelötet werden. Das Gehäuse stand zum Entsetzen meiner Eltern sowieso immer offen, um thermischen Problemen vorzubeugen. Nachdem eine Lötbrücke beim Parallelkabel abging, funktionierte die Floppy 1541 nicht mehr und meine C64-Karriere war zu Ende. Ich konnte aber immer noch meine Mutter locker in Panik versetzen, indem ich ihren WANG-PC im Büro kaperte und ein simples BASIC-Programm startete, das in einer Endlosschleife “Hallo Mutti!” ausspuckte.

Ich kann mich auch noch gut an die ersten Artikel über den CCC und über Akkustik-Koppler und Mailboxen erinnern, das klang alles so aufregend, aber auch so weit weg, allein schon weil meine Eltern nicht wollten, daß unsere Telefonrechnung noch höher wurde und ich natürlich auch kein Geld für einen Akkustik-Koppler oder gar ein Modem mit Post-Abzeichen hatte.

Stöcker schildert auch, wie restriktiv der Zugang zum Internet Mitte der 90er Jahre an den Unis war, für mich war es das Rechenzentrum der GWDG hoch oben auf einem Hügel über der Stadt Göttingen, von uns lakonisch Tempelberg genannt, das 1995 den Weg ins Internet darstellte. Gegen den strikten Grundsatz “nur für Forschung & Lehre” habe ich natürlich innerhalb von 5 Minuten verstoßen, das gehörte irgendwie dazu. Krass war dann auch der Kulturschock, als ich mein Auslandsjahr an der UC Berkeley 1995/96 absolvierte, denn dort gab es Computerlabs in überall auf dem Campus, Email wurde zum Kommunikationsstandard.

Die Electronic Frontier Foundation, The Well, CCC, BTX, das Aufkommen von Napster, die Reaktionen der Musikbranche, das Netzsperren-Debakel – Stöcker bringt diese Themen in Perspektive und zeigt, wie das Verständnis einer Generation, geprägt vom C64, mit dem Verständnis anderer Generationen kollidiert. Politiker aller Parteien sollten sich dringend Nerd Attack! kaufen, um zu verstehen, wie diese Generation denkt.

Wenn mich später mal meine Kinder fragen werden, wie es damals war, als es den ersten Heimcomputer zu kaufen gab, dann werde ich ihnen Nerd Attack! geben und hoffen, sie verstehen mich dann ein wenig besser.