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Es gibt kaum jemand, der die vorhandenen Daten so gut zusammenfassen kann wie Mary Meeker. Die Präsentation ist sehenswert, wie jedes Jahr.

KPCB Internet Trends 2012

Ich finde insbesondere die Slide 20 interessant, nämlich die noch starke Abweichung des mobile ARPU vom Desktop ARPU (Average Revenue per User, also wieviel pro Nutzer verdient wird). Toll ist aber, dass es Hoffnung gibt, wie Slide 20 verkündet wird, nämlich dass der mobile Markt noch stark wachsen wird, so wie es im Web auch passiert ist in den letzten Jahren.

“Zensur!” schreien die Einen, “wirtschaftlich notwendig!” die Anderen – und doch haben beide irgendwie Recht. Twitter hat gerade angekündigt, daß künftig Maßnahmen ergriffen werden können, um Tweets in bestimmten Ländern blocken zu können.

As we continue to grow internationally, we will enter countries that have different ideas about the contours of freedom of expression. Some differ so much from our ideas that we will not be able to exist there. Others are similar but, for historical or cultural reasons, restrict certain types of content, such as France or Germany, which ban pro-Nazi content.

Until now, the only way we could take account of those countries’ limits was to remove content globally. Starting today, we give ourselves the ability to reactively withhold content from users in a specific country — while keeping it available in the rest of the world. We have also built in a way to communicate transparently to users when content is withheld, and why.

Auf der einen Seite amüsiert es mich geradezu, wieviel Relevanz Authoritäten in Ländern den 140 Zeichen einzelner Nutzer zuschreiben, wo doch in diesem unseren Land der Dichter und Denker Twitter noch nicht einmal von der Masse der Leute ignoriert wird, aber auf der anderen Seite sieht Twitter natürlich seine globale Wachstums-Strategie bedroht und muß daher handeln. Es gibt nicht die globale Kommunikationskultur, es gibt noch dazu vielfältige rechtliche Rahmenbedingungen, die sich zwar alle mehr oder weniger auf die freie Meinungsäußerung berufen, aber doch irgendwie anders sind. Und es gibt natürlich viele Länder, die für die Expansion von Twitter interessant zu sein zu scheint, in denen die freie Meinungsäußerung kein Thema ist.

Fast schon flehentlich wirbt das Unternehmen daher im letzten Absatz um das Vertrauen der Nutzer:

One of our core values as a company is to defend and respect each user’s voice. We try to keep content up wherever and whenever we can, and we will be transparent with users when we can’t. The Tweets must continue to flow.

Für die vielen besorgten Nutzer in Deutschland wird sich nichts ändern, außer daß eklige Nazi-Tweets geblockt werden könnten. Für Demokratie-Bewegungen in Ländern mit autoritären Regimen ist diese Policy ein herber Schlag, da Twitter das jeweilige geltende Recht des Landes aktzeptiert. Twitter spielt auf einem globalen wirtschaftlichem Spielfeld und muß eine ordentliche Wachstumsgeschichte präsentieren, daher ist es aus Sicht des Unternehmens nachvollziehbar, daß für Staaten wie China jetzt entsprechende Vorkehrungen getroffen werden. Allerdings hat eine globale Infrastruktur nicht nur das Thema Meinungsäußerung zu berücksichtigen, sondern auch das Thema Urheberrecht. Auf chillingeffects.org/twitter wird man künftig sehen können, welche Twitter-Nutzer betroffen sind von den neuen Regelungen. Bislang findet man dort vor allem Tweets, die aufgrund der Beschwerden von Rechte-Inhabern gelöscht wurden.

Ich bin gespannt, auf das Twitter-Lösch-GoogleMaps-Mashup, das dann aufzeigt, wann wo welche Tweets gelöscht bzw. geblockt wurden und weshalb. Meine Prognose: 5% Zensur, 95% Urheberrechtsverletzungen.

Immer wieder sehenswert ist der schnelle Vortrag von Mary Meeker zu den globalen Internet Trends. So kompakt, so auf den Punkt, diese paar Minuten Video sind definitiv lohnenswert. Noch schneller geht es natürlich, wenn man einfach nur einen Blick auf die Präsentation wirft.

Für mich bleibt eine der Kernfragestellungen, wie das Thema “Time spent vs Advertising spend” sich hin zu mobile und Internet verlagern wird, denn hier herrscht ein ziemliches Ungleichgewicht, was ein enormes Wachstumspotential für Teile der Werbebranche bietet.
Time spent vs Advertising spend

Die Geschwindigkeit, mit der Mobile wächst und damit das Mediennutzungsverhalten der Menschen verändert, ist in der Tat atemberaubend, und zwar weltweit. Das ist ein Markt, in dem noch viele Disruptionen entstehen werden.

Ich bin kein Ökonom, echt nicht. Aber ich finde die Debatte über die Staatsverschuldungen derzeit wirklich bemerkenswert. Da wird so getan, als ob die Griechen die verpeiltesten Bürger Europas wären, die aber auch gar nichts auf die Reihe bekommen und die letzten Jahrzehnte in Saus und Braus gelebt haben und nun völlig zu Recht totale finanzielle Probleme haben. Das hätte man ja gleich sehen können. Gleichzeitig diskutieren die USA, ob sie es bis zum 2. August noch schaffen, die Schuldenobergrenze weiter anzuheben, damit der Staat nicht zahlungsunfähig ist. Das muß man sich auch mal auf der Zunge zergehen lassen, der Präsident der USA, der traditionell als mächtigster Mann der Welt tituliert wird, steht mit seinem Land kurz vor der Pleite. In Deutschland lesen wir seit 30 Jahren, daß die Kommunen verschuldet sind, daß das Tafelsilber verkauft werden muß, daß die Schuldenlast der öffentlichen Haushalte zu groß ist und daß man eine solide Finanzpolitik betreiben müsse wegen der nachfolgenden Generationen.

Mal ehrlich, das mit der soliden Finanzpolitik, daß haben doch die westlichen Demokratien auf breiter Flur verkackt! Welche westliche Demokratie steht denn glänzend da und schiebt keinen Schuldenberg vor sich hin, von der Schweiz und Liechtenstein mal abgesehen? Die westlichen Demokratien haben ihre Handlungsfähigkeit verloren und sind seit Jahrzehnten nur noch am Verwalten der Mängel und am Sparen auf Kosten derer, die eigentlich vom Gemeinwohl profitieren sollten. Die Staaten sind allesamt in einer absurden Abhängigkeit von den Banken und beteiligen sich dann noch mit hunderten von Milliarden, um angeschlagene Banken zu retten.

Wenn jetzt über Griechenland diskutiert und hektisch in Richtung Irland und Portugal geguckt wird, dann wird meiner Meinung bewußt ignoriert, daß das gesamte System so nicht weiter funktionieren kann. Ohne einen globalen Schuldenschnitt drehen sich die westlichen Demokratien in einer Abwärtsspirale weiter, die funktionierende demokratische Gesellschaften immer schwieriger werden lässt, denn es wird überall dort gespart, wo eigentlich investiert werden müsste: Bildung, Soziales, Infrastruktur. Eine Abwärtsspirale der westlichen Demokratien ist für den Rest der Welt auch nicht gerade förderlich, da der Druck nur weiter verlagert wird in Richtung anderer Staaten bzw. Märkte. Wenn die Staaten wieder handlungsfähig sein sollen, müssen sie von ihrer Schuldenlast runter, das gilt für Griechenland genauso wie für Deutschland oder die USA, Frankreich, Italien, und so weiter.

Die Welt benötigt also ein neues Bretton Woods, bei dem es nicht um die Abhängigkeit von Wechselkursen geht, sondern um ein Freischaufeln der global angehäuften Schulden, damit die Staaten wieder handlungsfähig werden. Ist das zu radikal gedacht? Wir können uns doch nicht permanent von Schuldengipfel zu Schuldengipfel hangeln, Milliardenbürgschaften für hochverschuldete Staaten oder Banken geben, Kredite hinterherwerfen, ohne selber massiv Kredit aufzunehmen.

Es geht doch eigentlich um seriöse Finanzpolitik zum Wohle der nachfolgenden Generationen. Das ist auf der derzeitigen Basis nicht machbar.