52 Bücher – Nr. 22: Deutschland 4.0 – Wie die digitale Transformation gelingt

deutschlandviernullSeit einigen Jahren versuche ich einen Verlag zu finden, um gemeinsam mit einem Freund ein Buch zu schreiben, das der Politik die Leviten liest und klar macht, worauf es bei der digitalen Transformation ankommt. Irgendwie hat das bislang nicht geklappt und nun liegt das Buch Deutschland 4.0 – Wie die digitale Transformation gelingt vor, also lest erstmal dieses Buch bitte anstatt auf unser Buch zu warten!

Holger Schmidt und Tobias Kollmann kenne und schätze ich seit vielen Jahren. Ihre Expertise bei dem Thema Digitalisierung ist offensichtlich und das zeigen sie auch in dem Buch. Präzise gehen sie Kapitel für Kapitel vor und beleuchten die unterschiedlichen Aspekte von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft. Es gibt derzeit kein besseres Buch zu diesem Thema, denn die beiden Autoren verdichten ganz vorzüglich und greifen alle Aspekte auf, die relevant sind.

Schmidt und Kollmann verschwenden keine Zeit mit Traumtänzerei oder Floskelbingo, sondern zeigen auf, wo es hakt und was man tun kann, damit es voran geht in diesem Land. Ich teile eindeutig ihre Bestandsaufnahme: Deutschland droht international zurückzufallen, wenn wir nicht endlich die Schalter umlegen und die digitale Transformation aktiv vorantreiben. Ansonsten werden wir die digitale Transformation übergestülpt bekommen und es wäre sinnvoller, dass wir selber definieren, was wir wollen. Dafür fehlt es allerdings immer noch an entsprechend voraus denkenden und agieren Personen in Wirtschaft und Politik.

Meine Empfehlung an alle Minister und Parteivorsitzenden, aber auch an Chefs in der mittelständischen Wirtschaft: kauft dieses Buch und verteilt es an alle Führungsebenen. Deutschland 4.0 ist für mich die Vorlage für die künftigen Wahlprogramme und Koalitionsverträge.

Deutschland 4.0 von Tobias Kollmann und Holger Schmidt

Wo bleibt der Mensch im Internet der Dinge?

o2 hat mich gefragt, was ich denn für die wichtigste Entwicklung bei der Digitalisierung halte. Ich glaube, es geht dabei vor allem um die Rolle des Menschen.

Ein von Nico Lumma (@rednix) gepostetes Foto am

Bis 2020 sollen mehr als 50 Milliarden Geräte am Netz sein und sich untereinander unterhalten, also Daten miteinander austauschen. Die Möglichkeiten sind faszinierend und atemberaubend, vor allem, weil das schon in 4 Jahren sein soll, aber bei aller Euphorie müssen wir immer auch einen durchaus wichtigen Aspekt mitdenken: was passiert mit uns? Wie verändert das Internet der Dinge unsere Gesellschaft?

Ich will jetzt keine technophobe Technologiefolgekostenabschätzungsdebatte heraufbeschwören, sondern einfach nur anmerken, dass das Internet der Dinge vor allem Auswirkungen auf uns Menschen haben wird. Denn es geht nicht nur um die Automatisierung von Fabriken und Veränderungen von Berufen, sondern eben auch um das ubiquitäre Netz in unserem privaten Umfeld. Beides zusammen wird fulminante Veränderungen nach sich ziehen.

Das Berufsleben vieler Menschen wird sich radikal verändern. Und zwar schneller, als viele vermuten. Ein kurzes Beispiel: es wird nur noch wenige Jahre dauern, bis selbstfahrende LKW Realität sind. Das wird eine zentrale Veränderung im Logistikgewerbe nach sich ziehen, denn der Fernfahrer wird kaum noch als Fahrer gebraucht werden, sondern nur noch die Abläufe überwachen. Diese selbstfahrenden LKW werden zu automatisierten Fabriken oder automatisierten Lagern fahren und auch dort werden die Menschen nur noch die Arbeit der Maschinen überwachen. Und auch für die Verwaltungen wird deutlich werden: Sachbearbeiter sind nicht mehr notwendig, denn die Prozesse werden automatisiert.

Wir werden also mehr Zeit haben. Wir werden aus unser Phase der niedringen Arbeitslosenquoten nahtlos übergehen in eine nie gekannte Massenarbeitslosigkeit, die bis tief in die Mittelschicht hereinreichen wird. Wir werden daher darüber nachdenken müssen, ob unsere bisherigen Sozialversicherungssysteme überhaupt noch funktionieren, wenn die klassische sozialversicherungspflichtige Erwerbstätigkeit immer mehr unter Druck gerät.

Aber auch zuhause wird das Internet der Dinge für Veränderungen sorgen und zwar nicht nur durch den smarten Kühlschrank, der automatisch Produkte bestellt, sondern vor allem durch viele neue Interaktionsmöglichkeiten. Ein aktuelles Beispiel ist Amazon Echo – ein einfaches Gerät, das auf Sprachbefehle lauscht und dann Dinge bestellt, Musik abspielt oder einfach nur die Nachrichten aufsagt. Das ist aber erst der Anfang, viele Geräte werden intelligenter werden und Dinge für uns erledigen.

Wir werden also mehr Zeit haben und diese mit der Interaktion mit Geräten verbringen.

Dabei wird eine der großen Herausforderungen der Zukunft sein, herauszufinden, was das für uns als Menschen bedeutet. Wie funktionieren die Algorithmen, die unser Umfeld bestimmen werden? Welche Auswirkungen hat die sog. Machine-to-Machine Communication auf mich und meine Familie? Wenn alles durchoptimiert wird, was verpasse ich? Wie nutze ich die Freiräume, die entstehen werden, oder sind diese Freiräume eher trügerisch, weil sie durch die Kommunikation mit Maschinen gestaltet wird?

Die Diskussion um eine Ethik für Algorithmen ist noch ganz am Anfang, aber wenn wir wollen, dass der Mensch im Internet der Dinge nicht untergeht, dann müssen wir diese Diskussion dringend führen und auch für mehr Transparenz sorgen. Vor allem aber müssen wir die Datensouveränität des Einzelnen stärken und jeden Bürger in die Lage versetzen, selber zu entscheiden, wie sehr die Digitalisierung das eigene Leben beeinflussen soll.

Wir müssen bei aller Euphorie über die Potentiale des Internet der Dinge den Mensch wieder in den Fokus rücken. Sonst wird unsere Gesellschaft noch mehr als bisher auseinanderdriften. Was es bedeutet, wenn viele Menschen unzufrieden sind und um ihre Rolle in der Gesellschaft fürchten, haben wir gerade erst bei den Landtagswahlen sehen müssen. Es wird also Zeit für eine Debatte und daraus resultierende neue Spielregeln.

Die Sache mit dem ach so kaputten Internet

Am Wochenende hat Sascha Lobo im Feuilleton der FAS einen vielbeachteten Artikel geschrieben, der mit dem Titel Die digitale Kränkung des Menschen auch gleich den Tenor des Textes vorgeben sollte:

Ich spüre eine Kränkung. Sie hängt mit meinem Irrtum zusammen, der Spähskandal zwang mich zu erkennen: Das Internet ist nicht das, wofür ich es gehalten habe. Nicht das, wofür ich es halten wollte. Auf eine Art hat es sich gegen mich gewendet und mich verletzt.

Nun denn. Ich finde es gut, dass Sascha Lobo versucht, eine Debatte anzuschieben über den Zustand des Internet nach den Enthüllungen durch Edward Snowden und ich finde es gut, dass er am Ende eines langen, schwurbeligen Textes noch den Blick nach Vorne wagt:

Nach dieser Kränkung muss ein neuer Internetoptimismus entwickelt werden. Eine positive Digitalerzählung, die auch unter erschwerten Bedingungen in feindlicher Umgebung funktioniert, denn der dauernde Bruch sicher geglaubter Grundrechte hält an. Das große Ausspähen ist nicht vorbei. Und wird es vielleicht niemals sein.

Ich bin seit 1995 im Netz. Das Internet war eigentlich schon damals kaputt, wenn man so will. Es basiert auf digitaler Paketvermittlung und aufgrund der Beschaffenheit des Netzes gibt es unzählige Möglichkeiten, diese Datenpakete abzugreifen und ggf. zu verändern.

Eine Email ist so sicher wie ein Gespräch im Bus. Unter dieser Maxime nutze ich das Netz. Sicherlich war auch ich schockiert, als die ersten Berichte über die Breite des Abgreifens der Daten durch die NSA aufkamen, aber ich habe das Netz immer mit der Vermutung genutzt, dass jemand anders an meine Daten herankommen und sie ggf. manipulieren kann. Als ehemaliger SysAdmin weiss ich, wie Netze beschaffen sind, wie die Protokolle funktionieren und wie die Daten von Netzknoten zu Netznoten transportiert werden. Dabei ist das Netz gar nicht kaputt, sondern basiert auf einer Entwicklung, die gegenseitiges Vertrauen als Grundlage des Datenaustauschs annehmen konnte.

Das Internet ist nicht kaputt, es hat nur den nächsten Evolutionsschritt vor sich. Dieser Schritt ist nicht in erster Linie technischer Natur, sondern wird aus dem Blickwinkel der Nutzer erfolgen und die Supranationalität des Netzes im Blick haben. Je mehr der Alltag digitalisiert wird, je mehr Datenpunkte wir alle fröhlich erschaffen, verknüpfen und nutzbar machen, desto wichtiger wird es, diese Daten nicht nur zu schützen, sondern für den einzelnen Nutzer transparent und damit verständlich zu machen. Aktuell reden wir immer noch von Medienkompetenzvermittlung, aber eigentlich müssen wir in der Tat verstärkt über Digital Literacy reden, damit mehr Verständnis für die Abläufe im digitalen Alltag geschaffen wird.

Die Stärkung der Rolle des Verbrauchers und der Schutz des Verbrauchers sind die Themen für die Zukunft des Internets. Wir kommen zwangsläufig um die Frage nicht herum, warum das klassische Briefgeheimnis bei digitaler Kommunikation keine Anwendung findet. Ich glaube, dass der anfangs eher gering ausgeprägte rechtliche Rahmen des Netzes in den letzten zwei Jahrzehnten enorm dabei geholfen hat, das Wachstum und die Akzeptanz zu schaffen, weil es immer wieder wenig regulierte Bereiche gab, in denen sich Nutzer und Anbieter austoben konnten. Aber diese Phase wird nach den Snowden-Enthüllungen jetzt vorbei sein, da die Nutzer nachhaltig verunsichert sind und sich nach mehr staatlichen Rahmenbedingungen sehnen werden. Eigentlich paradox, aber durch das Handeln von staatlichen Einrichtungen wie NSA und GCHQ wird jetzt der Gesetzgeber dafür sorgen müssen, dass Vertrauen in das Netz wieder hergestellt werden kann.

Ich will die systematische Überwachung des Netzes gar nicht kleinreden, aber jetzt wo es alle wissen, können wir entsprechend damit umgehen. Seit PGP und GPG gibt es Möglichkeiten, die Emails zu verschlüsseln oder zu signieren, es nutzt kaum jemand, weil es zu umständlich ist und die Vorteile nicht allen klar sind. Für die deutsche Wirtschaft gibt es eine wunderbare Möglichkeit, sich auf einem neu belebten Markt auszutoben, indem garantiert wird, dass es keine Backdoors aus den USA oder China in relevanten Systemen gibt. OpenSource wird wichtiger denn je zuvor, da die gebotene Transparenz dazu führt, dass mehr Vertrauen in Software und Systeme aufgebaut werden kann. Für Europa gibt es die Chance, als Wertegemeinschaft Standards beim Schutz der Privatsphäre des Einzelnen zu setzen, die sich deutlich vom aktuellen Vorgehen der USA absetzt, wobei sich Großbritannien dann mal entscheiden muss, welcher Wertegemeinschaft sie angehören wollen.

Ich bin nicht enttäuscht vom Internet, auch nicht gekränkt. Ich sehe nachwievor das enorme Potential, das sich durch die vernetzte Gesellschaft bietet. Für mich ist das Internet ein gigantisches Projekt, dass Zugang zu Informationen bietet und Teilhabe an gesellschaftlichem, kulturellem und wirtschaftlichem Leben ermöglicht. Wenn wir weiterhin das Internet nutzen, um zu gestalten, um Meinung zu bilden und uns auszutauschen, dann werden wir weiter die positiven Aspekte der Vernetzung nutzen und dabei auch immer wieder Mißstände anprangern und für ihre Abschaffung sorgen. Trotz der Überwachung ist das Internet eine gigantische Bastion im derzeitig in Schieflage geratenen System der Checks and Balances.

Kaputt ist das Internet nur, wenn man in 0 und 1 denkt, insofern ist der Lobosche Ausspruch bezeichnend für die netzpolitische Diskussion in Deutschland der letzten Jahre, die geprägt ist von Maximalforderungen und wenig Kompromissbereitschaft. Im Internet post-snowdenscher Prägung wird es mehr um Nuancen gehen müssen, um kleine Schritte der Verbesserung, anstatt weiterhin immer nur den großen Wurf jetzt gleich zu fordern. Vor allem wird es Aufgabe der Politik und den Interneterklärern sein, die gemeinen Nutzerinnen und Nutzer an sich mit zu nehmen auf dem Weg zum besseren Internet. Da hapert es gerade noch gewaltig und dem allgegenwärtigen Achselzucken müssen Handlungsempfehlungen entgegenstellt werden, die allgemeinverständlich erklären, wie man die Vorteile der vernetzten Gesellschaft für sich nutzen kann.

Was ich 2014 im Netz nicht mehr lesen will

Artikel im IternetYeah, wieder eine Top 10 Liste mit lauter Verhaltensweisen für Inhalte-Erzeuger. Aber echt mal, diese völlig absurde Idee, dass lauter Leute irgendwelche Texte schreiben, die hat auch ihre Limitierungen. Mittlerweile schreiben nicht mehr nur Experten ins Netz, sondern völlig unterbezahlte Journalisten und die Auswirkungen davon können wir derzeit überall im Netz nachlesen. So kann das nicht mehr weitergehen, daher richte ich hiermit einen eindringlichen Appell an alle Insinternetreinschreiber- und -innen.

Hier ist meine Top 10 Liste der Artikel, die ich 2014 nicht mehr lesen will:

1. Social Media Penislängenvergleich. Ja, wir haben es begriffen, die einen haben mehr Fans als die anderen, dafür haben die einen die kaufkräftigeren Fans, die anderen aber die sharewütigeren Nutzer, jede Firma feiert sich für irgendwas, aber ehrlich gesagt geht es darum überhaupt nicht. Sorgt für zufriedene Kunden, das Gewinnen des Schaulaufens zweifelhafter Rankings ist völlig egal. Der eine schafft das mit 1 Million Fans, der nächste mit 100 Fans und viele Unternehmen weiterhin einfach nur so, weil sie gute Produkte anbieten und sich um ihre Nutzer kümmern. Zuneigung erkaufen kann sich jedes Unternehmen auf Facebook, selbst Strom- oder Telekommunikationsanbieter, aber Fans werden das nie.

2. Politikerinternetnutzungsanalyse. Eine Partei hat mehr twitternde parlamentarische Staatssekretäre als die andere Partei Ausschussvorsitzende mit eigener Facebook Fanpage und mehr als 10 Kommentaren pro Posting hat. Daraus werden Rückschlüsse auf die Anzahl der Kreise auf Google+ und die Güte der zu erwartenden Gesetzesentwürfe gezogen. Ja, sicher, in den Zahlen steckt was drin, aber beschäftigt Euch doch in Stillarbeit mit dieser Kaffeesatzleserei. Und nur weil man so viele Zahlen durcheinander gebracht hat, dass ein buntes Tortendiagramm dabei herauskommt, muss man noch nicht so tun, als ob das eine Studie wäre, die irgendjemand lesen oder gar ernstnehmen sollte.

3. EIL+++Exklusiv+++EIL. Hinter diesem gekonnten Anreisser verbergen sich dann lapidare Ankündigungen einer demnächst stattfindenen Pressekonferenz, bei der die Ergebnisse einer Studie zur Politikerinternetnutzungsanalyse vorgestellt werden sollen, über die sowieso alle berichten werden. Wenn wirklich irgendwas mal eilig wäre, dann verpeilen es gerade diese Inhalteanbieter konsequent, darüber zu berichten, sondern warten ab, bis sie die dpa-Meldung vom Praktikanten umgeschrieben bekommen.

4. Social Media Shitstorm. Jaja, whatever, irgendwer hat wieder irgendwem auf den kleinen Zeh getreten und jetzt wird virtueller Schadensersatz durch das Treiber von Säuen durch Dörfer gefordert. Meistens torkeln aber nur kleine Ferkel ein paar Meter und dann ist das Thema durch. Unternehmen machen Fehler, das liegt meistens an den Menschen, die dort arbeiten und Kommunikation ohne Missverständnisse hat es außer in meiner Ehe noch nirgends gegeben. Nehmt Euch mal alle nicht so wichtig, auch wenn Ihr EIL+++Exklusiv+++EIL den Shitstorm entdeckt habt, oder wenigstens versucht, einen zu inszenieren.

5. Aufschrei. Schreit ihr nur, echt, wenn es denn der Wahrheitsfindung dient, von mir aus auch auf. Ihr schreit in der Echo Chamber und alle Eure tollen Argumente bedienen sich des klassischen Preaching to the Choir, die Bekehrten werden weiter bekehrt. Versucht doch ab und zu mal, andere Leute zu erreichen. Tipp: die sind nicht auf Twitter und lesen nur Blogs über aktuelle Gewinnspieltipps oder Wellness-Gutscheine, wissen aber gar nicht, dass das Blogs sind, weil ihnen das ehrlich gesagt völlig wumpe ist, ebenso wie das aktuell Aufschreithema übrigens auch.

6. 2014 ist das Jahr des <Name des Durchbruchs von irgendwas einsetzen>. Ja, ganz bestimmt, vielleicht aber auch erst nächstes Jahr. Oder gar nicht, oder in 5 Jahren. Wer weiss das schon? Eine Headline alleine macht noch keinen lesenswerten Artikel, auch wenn Buzzfeed, Viralnova und Spiegel Online das im 30-Minuten-Takt immer wieder versuchen zu suggerieren.

7. Was <hier irgendwas einsetzen> für <hier irgendwas einsetzen> bedeutet. Ein stiller Schrei nach einem Beratungsauftrag, mehr sind diese Art von Texten ehrlich gesagt nicht. Aber es ist eine gute Selbsterfahrung, wenn wenigstens in einem Text über die selber mühselig konstruierten Argumente halbwegs Sinn machen, auch wenn man von der Praxis überhaupt keine Ahnung hat.

8. Wir sind so flausch und alle anderen so fail. Der Fail des Flauschs. Wenn ich einen dieser beiden Begriffe lese, zweifle ich sofort an der Zurechungsfähigkeit der Schreibenden. Wer über 12 ist und den Begriff Flausch benutzt, ist genauso wenig ernst zu nehmen wie jemand, der auf komplexe Herausforderungen und die daraus resultierenden Herangehensweisen grundsätzlich mit Fail antwortet. Wir sind doch hier nicht in der Unterstufe und müssen mit Zettelchen kommunizieren, auf denen „ja, nein, vielleicht“ steht, sondern wir haben in diesem Internet total viel Platz, um auch längere Gedankengänge oder gar Gefühlsäußerungen zu publizieren.

9. Morgen ist Live-Chat. Auf Twitter. Nur weil es technisch möglich ist, muss man noch lange nicht jeden Unsinn mitmachen. Der Erkenntnisgewinn einer mit PR-Gesülze weichgespülten Unterhaltung einer Person mit vielen Nutzern auf 140 Zeichen geht gen Null, zumal allein für die Nennung der Nicks, auf die man antwortet, auch gleich 30 Zeichen flöten gehen. So kann man toll die Tücken der EEG-Umlage oder die Auswirkungen der Eurokrise auf die Wettbüro-Industrie auf Zypern diskutieren. Besonders wenig lesenswert sind dann die transkribierten Unterhaltungen, die durch einen bemitleidenswerten Praktikanten zusammengestellt werden, dem in diesem Prozess sicherlich ein Teil des Gehirn wegschmilzt.

10. Facebook stirbt. Na klar, jedes Mal, wenn ein Teenager eine Sinnkrise und ein Journalist schlecht geschissen hat, oder andersrum, wird aus dieser Kombination ein reisserischer Artikel, der mit allerhand selbst zusammengewürfelter Zahlen und aktuellen Beispielen (Teenager mit Sinnkrise jetzt bei WhatsappsnapSMSZalandochat) zielsicher erläutert, dass Facebook jetzt kurz vor der Abschaltung stehen wird wegen jahrelanger wachsender Nichtbeachtung durch alle relevaten Zielgruppen. Ein Blick auf die Unternehmenskennzahlen wäre natürlich zu kompliziert und das kann man auch von einem Journalisten nicht erwarten, der sich etwas anderes erhofft als den Erfolg von irgendwas im Internet.

Ich gehe allerdings davon aus, dass auch dieses Jahr wieder viele Autoren diese Top 10 Liste der Artikel, die ich nicht lesen will, nicht beachten werden. Ich sehe da noch Regulierungspotential für die Internetministerei.

Eine Internet-Enquete ohne Ruck

Die Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft (EIDG) hat nach vielen Sitzungen und dem Veröffentlichen von Unmengen Papier jetzt ihren Abschluss gefunden. Die Mitglieder haben viele Themen umfangreich erörtert und wichige Aspekte beleuchtet. Aber irgendwie bleibt für mich als entfernten, aber interessierten Betrachter irgendwie der Eindruck, dass die Internet-Enquete eher doch nur eine Veranstaltung für die Galerie war. Es wurde engagiert gearbeitet, aber wofür eigentlich?

Die übereinstimmende Erkenntnis nach dem Abhalten der Enquete-Kommission scheint zu sein, dass man einen Internet-Minister bräuchte, weil das Thema Internet in der Regierung besser koordiniert werden müssse.

O RLY? Diese Internet-Enquete kommt mindestens 10 Jahre zu spät und wirkt eher wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, um zu suggerieren, dass die Politik das Internet wichtig findet und jetzt endlich mal ein tiefergehendes Verständnis davon erlangen will. Trotz Enquete kann man nicht behaupten, dass der Bundestag in Sachen ACTA, Vorratsdatenspeicherung, Leistungsschutzrecht oder De-Mail irgendwie schlauer agiert hätte als sonst.

Sicherlich ist es immer gut, wenn sich Leute zu einem Thema aufschlauen wollen, das kann nie schaden. Aber wenn eine Enquete doch wieder anhand der Parteilinien ihre Handlungsempfehlungen deklariert, dann wirkt die Deliberation eher wie ein Schauspiel denn wie eine Auseinandersetzung über Sachthemen. Das Signal sollte sein „wir machen was, ihr müsst nicht die Piraten wählen!“ – aber niemand dürfte ernsthaft davon ausgehen, dass aus der Internet-Enquete ernsthafte Impulse entstehen können, die die Politik in Deutschland irgendwie verbessern würde. Dieses Jahr werden strittige Themen ausgeklammert werden, aber pünktlich nach der Wahl wird sich die Politik mit einer Reform des Urheberrechts auseinandersetzen müssen, wird sich die Politik mit den Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt abmühen und wird eine Bildungslandschaft vorfinden, die durcheinander gewirbelt wird, während Verbraucherrechte weiter unter Druck geraten und Datenschutz als Standortnachteil ausgelegt wird – dafür aber andere Länder verstärkt auf Breitband setzen und damit attraktiver für Unternehmen und Bürger werden. Dann werden wir sehen, wie wenig Impulse von der Internet-Enquete ausgehen und wieviele Politiker weiterhin in den Denkmustern des 20. Jahrhunderts verharren und Erklärungs- als auch Lösungsansetze verwenden, die mit der real existierenden und sich immer schneller verändernden Gegenwart wenig zu tun haben.

Die Internet-Enquete war eine Placebo-Pille. Wichtig ist, dass die Politik endlich die richtigen Weichenstellungen angeht, damit wir in Deutschland von den Chancen des Internets profitieren und die Risiken eindämmen können.

[n.b.: Ich wurde damals gefragt, ob ich als Sachverständiger für die SPD teilnehmen würde, habe abgelehnt, da ich bereits in Rheinland-Pfalz in einer Enquete-Kommission als Sachverständiger für die FDP tätig war.]