Archives For interview

jungundnaiv77

Seit mehr als 10 Jahren werde ich immer wieder danach gefragt, was denn die Auswirkungen für Journalisten sind, wenn Blogs und Social Media immer mehr Zulauf bekommen. Und seit 10 Jahren antworte ich mehr oder weniger dasselbe: Journalisten sollten die neuen digitalen Möglichkeiten als Chance begreifen, neue Formate oder Nischen besetzen, um sich so einen Namen zu erschreiben. Beispiele gibt es in den USA viele und das seit Jahren (Gawker, The Wirecutter, Brit + Co, etc.), in Deutschland sind es nur einige, wie z.B. Ehrensenf (eingestellt), der Elektrische Reporter, Karrierebibel oder andere. Alle diese Journalisten haben eins gemeinsam: sie probieren etwas aus, gehen ins unternehmerische Risiko und versuchen so, Leser oder Zuschauer zu erreichen.

Das finde ich prima und begrüßenswert. Entweder sie werden mit ihrem Projekt erfolgreich und verdienen damit Geld, oder sie nutzen das Projekt als Sprungbrett für einen anderen Job. Katrin Bauerfeind beispielsweise hat Ehrensenf als gecastete Moderatorin geprägt, aber längst hinter sich gelassen und moderiert jetzt ihre eigene Sendung bei zdfKultur.

Jung & naiv ist als Format neu in der Form, dass Tilo Jung nicht nur den Befragten körperlich sehr nahe rückt, sondern auch einen Fragestil hat, der sich erfrischend abhebt von den sonstigen Polit-Talks. Tilo Jung hakt nach, lässt Dinge erklären und hakt wieder nach, so lange bis ein Politiker allgemeinverständlich formuliert hat. Dabei wirken Politiker auf einmal ganz anders. Sie wirken geradezu natürlich, nahbar und menschlich. Selbst Sahra Wagenknecht, die ich sonst im Fernsehen nicht ertrage, kommt im Interview mit Tilo Jung gut und verständlich rüber. Das finde ich bemerkenswert und das geht nicht nur mir so und es gibt noch andere Beispiele. Tilo Jung im Gespräch mit Erika Steinbach gehört allerdings nicht dazu, die ertrage ich auch bei jung & naiv kaum.

Jung & naiv nennt sich Politik für Desinteressierte. Das ist natürlich kokettiert. Jung & naiv bringt die Befragten an den Rande des Verlusts der Contenance und sorgt dadurch dafür, dass die Befragten ganz anders herüberkommen, als man sie bisher kennt. Dieses Format bringt die durch Social Media empfundene neue Art der Nähe auf einen Punkt und hält diesen per Video fest. Ich finde es großartig und toll, dass Tilo Jung dieses Projekt gestartet hat.