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Die Affäre Wulff hat zwei Dimensionen. Wir haben es erstens mit den Verfehlungen des Bundespräsidenten zu tun, die während seiner Zeit als Ministerpräsident in Niedersachsen vorkamen, und natürlich auch mit seiner verfehlten Krisenkommunikation, zweitens aber sehen wir gerade, wie Angela Merkel als Kanzlerin zunehmend isoliert ist und ihr das Personal ausgeht.

Salami-Taktik nannte man früher das, was später als “wulffen” bezeichnet werden wird. Die Ignoranz, mit der Christian Wulff derzeit zu Werke geht und versucht, alles an sich abprallen zu lassen, tut dem Amt des Bundespräsidenten nicht gut. Der engste Vertraute von Christian Wulff, Olaf Glaeseker, mußte als Bauernopfer dran glauben, aber die Einschläge kommen immer näher und es ist nicht davon auszugehen, daß Christian Wulff von den Machenschaften Glaesekers nichts gewußt haben kann.

Die ganze Affäre um Christian Wulff wird munter befeuert von der Springer-Presse und man fragt sich dann doch, was zwischen Springer und Wulff vorgefallen sein mag. Die Kampagne von Diekmann und der BILD ist das eine, aber wenn sogar die WELT in einer gewissen Regelmäßigkeit den Bundespräsidenten anzählt, muß es doch einen größeren Bruch gegeben haben. Unter dem guten alten Motto “lesen, was der Feind liest” lese ich täglich den Newsletter der WELT und ich weiß nicht, ob es meiner zunehmenden Altersmilde liegt oder einer politischen Werteverschiebung bei der WELT, aber ich kann jedenfalls bei der Auseinandersetzung um Christian Wulff feststellen, daß ich häufig innerlich nicke. In einem Leitartikel heißt es:

Christian Wulff wurde Bundespräsident, weil die Kanzlerin es so wollte. Inzwischen ist er ein Staatsoberhaupt, dem die Würde des Sprechamtes entgleitet. So einen Präsidenten braucht kein Bürger dieser Republik.

Die Republik verändert sich gerade mehr als nur ein bißchen, denn augenscheinlich wird der Bundespräsident aktuell mehr denn je als ordinärer Politiker einsortiert, mit den entsprechenden Vertrauenswerten. Wenn Wulff so weiter macht, dann kann man sich zum Ende seiner Amtszeit fragen, was das Amt eigentlich noch soll.

Natürlich ist die Krise um Christian Wulff und das Amt des Bundespräsidenten immer mehr die Krise der Kanzlerin, deren machtpolitisches Kalkül immer weniger aufgeht und der die Koalition nach und nach zerbröselt. Es bröselt auf allen Ebenen, das wird zunehmend deutlich. Die FDP kann man schon lange nicht mehr als angeschlagen bezeichnen, das ist ein erstklassiger Selbstmord aus Angst vor dem Tod und in der CDU/CSU bringt sich die dritte Reihe in Stellung, um rechtzeitig auf die zweite und erste Reihe feuern zu können, damit man sich irgendwie über 2013 hinaus retten kann. Christian Wulff ist letztendlich der personifizierte Ausdruck der Koalition des Mittelmaßes, die ohne eigenen politischen Gestaltungswillen sich einfach nur noch über die Zeit retten will.

Heute abend wurde das TV-Interview mit Bundespräsident Christian Wulff zur besten Sendezeit in ARD und ZDF ausgestrahlt. Zwei sehr zahm agierenden Journalisten antwortete Christian Wulff in einem Stil, der von Anfang an klar werden lies, daß Christian Wulff keinen Zweifel daran hat, daß er über den Dingen steht.

Am Interessantesten war der Ausspruch, daß er sich als Opfer gesehen habe, weswegen er BILD-Chef Dieckmann angerufen habe. Ja, mir kommen die Tränen. Dieser Mann hat kein Format, das hat man auch gemerkt, als Wulff darauf hingewiesen hat, daß er von jetzt auf gleich vom Ministerpräsident zum Bundespräsident wurde und gar keine Karenzzeit hatte. Klar, als Ministerpräsident von Niedersachsen ist man es ja nicht gewohnt, mit Medien umzugehen.

Das war einfach nur schwach, ein Bundespräsident ohne Format, der nicht zurücktreten darf, weil Mutti und seine Frau ihn nicht lassen. Ein Bundespräsident, der sich selber leid tut, der jammerig argumentiert, der keinesfalls erklären konnte, warum er das Amt nicht als beschädigt ansieht und der sich vor allem immer noch keiner Schuld bewußt ist bei seinen merkwürdigen Kreditgeschäften. Er mißt mit zweierlei Maß, das wird jedem deutlich. In einem Land, in dem Menschen wegen unterschlagener Pfandbons gekündigt werden, interpretiert er seine eigene Verantwort sehr locker. Aber so wie es aussieht, muß da noch mehr kommen, bis Christian Wulff endlich zurücktritt. Er wird dem Anspruch an das Amt nicht gerecht und er wird nicht zurücktreten, weil das Merkels Machtgefüge durcheinander bringen würde. Der Skandal um Christian Wulff wird auch Dank Angela Merkel noch länger diskutiert werden. Die Glaubwürdigkeit des Christian Wulff ist dahin, dieses Interview zeigt deutlich, wie wenig er verstanden hat, warum sein Rückhalt in der Bevölkerung und in der Politik schwindet. Christian Wulff will die 5 Jahre voll machen, ihm ist auch klar, daß eine Wiederwahl nach dieser Performance nichts mehr werden wird. Ein Politiker von Format würde jetzt den Rücktritt verkünden und offen eingestehen, daß er Scheiße gebaut hat, nicht aber winseln und im Amt bleiben.

Das war kein Befreiungsschlag, das war jämmerlich und einem Staatsoberhaupt nicht würdig. Aber es war auch nicht verwunderlich.

Unlängst war im Stern der Ausspruch von Christian Wulf zu lesen: zu lesen: “Auf mich wartet in Berlin niemand” und mittlerweile fragt man sich wirklich, warum Christian Wulff eigentlich Bundespräsident werden wollte. Alles wirkt eine Nummer zu groß für ihn, aber warum ist Christian Wulff eigentlich so überfordert mit seinem Amt? Die Art und Weise, wie Christian Wulff es geschafft hat, aus einer Kreditaffäre eine lange anhaltene Krise zu machen, ist schon eindrucksvoll und wird sicherlich in vielen PR-Handbüchern als Musterbeispiel für miese Krisenkommunikation aufgeführt werden.

Ich habe bereits vor Wochen den Rücktritt des Bundespräsidenten gefordert und ich bleibe dabei, daß Christian Wulff aus Respekt vor dem Amt schnellstmöglich zurücktreten sollte. Ich weiß natürlich auch, daß sich die Zusammensetzung der Bundesversammlung nach der Schleswig-Holstein-Wahl verändern wird, aber darum geht es jetzt überhaupt nicht. Der Bundespräsident muß endlich davon abrücken, immer nur das zuzugeben, was bereits schon öffentlich geworden ist. Der Anruf beim BILD-Chef zeigt, wie wenig Wulff verstanden hat, worum es bei dieser Krise überhaupt geht, ihm fehlt jegliches Unrechtsbewußtsein und seine Aussagen werden zu hohlen Worthülsen, denen man kein Vertrauen mehr schenken kann.

Der Bundespräsident ist überfordert. Berlin ist mehr als eine Nummer zu groß für ihn, es gelten andere Maßstäbe als er es gewohnt ist und als Bundespräsident hat er einfach anders zu agieren als im beschaulichen Hannover. Wulff wird zur tragischen Figur, der ein Amt innehat, das er nicht ausfüllen kann und ihn zum einsamen Irrläufer in eigener Sache werden lässt. Für Deutschland ist dieser Umgang mit dem höchsten Staatsamt allerdings alles andere als förderlich, wir benötigen wieder jemanden, der durch seine Reden Themen ansprechen kann, die schon länger endlich behandelt werden müssen. Dafür allerdings benötigt man Vertrauen. Dieses Vertrauen hat der ewig lächelnde Christian Wulff verspielt. Als überforderter Bundespräsident sollte er zeitnah zurücktreten.

Wulffs Urlaubsdomizil in Florida (Symbolfoto)Christian Wulff macht die übliche Salami-Taktik. Es wird immer nur so viel zugegeben, wie sowieso schon herausgekommen ist. Hinzu kommt, daß Wulff nur noch über seine Anwälte kommuniziert und natürlich streiten diese erst einmal ab, daß es irgendwelche Verfehlungen gegeben haben könnte.

Interessanterweise wird Wulff nicht nur vom Spiegel kritisiert, sondern auch von BILD und der FAZ. Es ist selten, daß eine derartige Übereinstimmung dieser drei Publikationen herrscht. Interessanterweise bringt jetzt die WELT einen neuen Spin ins Spiel, daß nämlich Wulffs Ehefrau Bettina eine treibende Kraft hinter ihm sei: Mehr Ansprüche. Mehr Wünsche.

Ich werde das Gefühl nicht los, daß Christian Wulff sich der Ausweglosigkeit seiner Lage durchaus bewußt ist, daß er aber irgendwie noch versucht, sich in das neue Jahr zu retten, in der Hoffung, daß nach der parlamentarischen Weihnachtspause wieder andere Themen im politischen Berlin vorherrschen.

Christian Wulff muß klar sein, daß er als Bundespräsident höheren moralischen Ansprüchen genügen sollte, will er Gehör finden mit seinen Reden. Zur Finanzkrise und den damit verbundenen Verfehlungen in der Finanzbranche wird er nun sehr wenig sagen können, wie Frank Schirrmacher unlängst herausstellte.

Das Dilemma um Christian Wulff ist meiner Meinung nach symbolisch für die Personalpolitik von Angela Merkel. Alles fällt auseinander, es ist keine gerade Linie erkennbar und Sprachlosigkeit macht sich breit. Sowohl auf Seiten der Regierenden, als auch bei den Regierten, die sich fragen, wie lange das Koalitionsdebakel noch weitergehen kann.

Christian Wulff hat nichts mehr zu sagen, außer das er seinen Rücktritt verkündet. Er hat sich selber um das Amt gebracht, in dem er bislang überhaupt nicht aufgefallen war.

Die Endphase von Helmut Kohl war verbunden mit einer Totalaufgabe der Politik, es wurde einfach nicht mehr regiert, es wurde nur noch ausgesessen. Die damalige schwarz-gelbe Koalition war am Ende, das wußten alle, aber es mußte noch bis zur Wahl gewartet werden.

Kanzlerin Merkel befindet sich in einer ähnlichen Position. Sie weiß, daß sie mit der Trümmer-Koaltion aus CDU/CSU und FDP nichts mehr bewegen können wird. Die Koalition hatte von Beginn an keinen klaren Plan, was sie eigentlich wollte und das rächt sich jetzt. Jede der drei Parteien verfolgt eine eigene Agenda. Die CDU will die Kanzlerschaft behalten, die FDP will überleben und die CSU sorgt sich um die nächste Landtagswahl in Bayern. Bei der Abstimmung letzte Woche über den Euro-Rettungsfonds ESFS hat sich ganz genau gezeigt, wie wenig die Koalition noch an einem Strang ziehen kann. Wer eine große, programmatische Rede der Kanzlerin erwartete hatte, in der sie endlich einmal die Leitlinien ihrer Politik erläutert, wurde enttäuscht. Die schwarz-gelbe Koalition versinkt in Kakophonie und die Kanzlerin hat Zeit für Buchvorstellungen, aber ist nicht in der Lage, ihre eigenen Truppen durch eine große Rede zu mobilisieren.

Die Nerven liegen blank, das hat ihr Kanzleramtsminister Pofalla durch seinen Ausspruch “Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen!” gegenüber Wolfgang Bosbach deutlich gemacht. Zwar gebe ich ihm grundsätzlich recht, daß die Dauerpräsenz von Bosbach in den Medien schwer eträglich ist, aber unter Parteifreunden sollte der Umgang anders sein. Es ist nicht das erste Mal, daß es innerhalb der Koalition Ausraster gibt und dabei habe ich immer gedachtet, der Begriff “bürgerlich” habe auch etwas mit Umgangsformen zu tun. Aber weit gefehlt.

Die schwarz-gelbe Koalition wird sich bis 2013 nichts schenken, der Koalitionsvertrag wird kaum von Interesse sein und es wird nur noch darum gehen, beim späten Reagieren bei den großen Themen noch halbwegs das Gesicht zu wahren. Das sind doch mal interessante Aussichten für Deutschland. Der Anspruch, nach der Wahl einfach nur die Regierung stellen zu wollen, reicht nicht aus. Da haben sich CDU/CSU und die FDP massiv verschätzt, schon nach zwei Jahren ist die Regierung am Ende.