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die letzte FTDHeute habe ich mir das erste und letzte Mal die Financial Times Deutschland gekauft. Und war schockiert. Das Blatt kostet € 2,20! Nun bin ich mir sicher, dass die FTD eine ganz tolle Zeitung war, aber wer gibt denn eigentlich so viel Geld aus für so viel Inhalte, die man doch gar nicht alle lesen kann?

Gibt es das noch? Chefs, die sich die Wirtschaftszeitung nehmen und morgens als allererstes durcharbeiten, um dann zu wissen, was der Tag so bringen wird? Dann Artikel mit Textmarker markieren und brüllen “Schulze, gucken Sie sich das mal an! Wir müssen handeln! Fräulein Koslowski, bitte zum Diktat!” – wenn ja, würden diese Leute die FTD in Print lesen und wären das genügend Abonnenten?

Ich lese verdammt viel, glaube ich. Aber eine ganze Zeitung am Tag schaffe ich beim besten Willen nicht. Na gut, wenn ich mir mal das Hamburger Abendblatt kaufe, dann lese ich das auch komplett durch, die 5 Minuten habe ich immer, frage mich dann aber, wieso das schnelle Erlebnis € 1,20 oder so kosten soll. Vor allem stelle ich immer fest, dass die Erkenntnisse, die ich aus einer Zeitung aus Papier ziehe, nur sehr schwer in meinen Workflow einzubetten sind. Klar, ich kann Textpassagen abfotografieren und bei Evernote speichern, aber das ist nicht so elegant wie das Ablegen eines Textes für spätere Lektüre bei Instapaper oder das direkte Verlinken auf einen Artikel in einer Mail an die Kollegen.

Ich glaube, wir müssen uns davon lösen, dass eine Tageszeitung auf Papier das Nonplusultra eines journalistischen Angebots ist, sondern wir müssen eher sehen, dass sich die Arbeitsweisen der Menschen verändern und damit auch die Aufmerksamkeitsökonomie eine andere ist. Eine Publikation, die sich dem Filtern und Kuratieren dadurch entzieht, dass sie in nicht-digitaler Form vorhanden ist, wird es künftig immer schwerer haben, überhaupt als relevant zu gelten. Leider hat FTD.de niemals die Stellenwert erreicht, den es hätte haben können, denn es war dann doch nur die digitale Version eines Printerzeugnisses.

Auf Mashable ist vorgestern ein Artikel erschienen, der die Herausforderungen des Journalismus der Zukunft ganz exzellent provokativ zusammenfasst und auch ein paar Hinweise gibt, wie es weitergehen könnte: 4 Things Media Companies Must Do … or Die

Die Ausgangslage:

We fear change. We’re still pushing the same stuff that worked for us a decade ago.

We fear technology. We say we don’t, but if you really look at us, we do.

We fear product development. We’ve outsourced product engineering and innovation to tech companies, and it’s killing us.

Die Vorschläge von Mashable:

Step 1: Think Social First, Then Search
Step 2: Embrace Mobile, Before it Runs You Over
Step 3: Redefine Advertising
Step 4: Become Product-Driven

Jupp, das wird nicht leicht, aber nun sind ja gerade ganz viele schlaue Menschen mit jeder Menge Berufserfahrung und, wie man hört, einer ordentlichen Abfindung auf den Markt gespült worden, vielleicht finden sich ja ein paar davon zusammen und versuchen eine Wirtschaftspublikation auf die Beine zu stellen, die künftig relevant sein wird.

Ich glaube, dass der Kardinalfehler der FTD war, dass sie als Print-Produkt auf den Markt geworfen wurde, anstatt die etablierten Blätter auf einem anderen Terrain anzugreifen. Das wäre mutig gewesen und hätte auch viel Geld gekostet, aber dann hätte man nicht 12 Jahre lang in ein Printprodukt investiert, sondern in ein Produkt, dass sich an den Veränderungen des Marktes orientiert. Ja, ich habe gut reden, ich bin ja auch kein Verlagsmanager, aber wenn man schon mal ein Zeichen setzen will, dann doch bitte richtig! Es fehlte wohl leider von Anfang an der Mut, etwas wirklich Neues zu wagen.