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Twitter wird das neue AOL

Nico —  31.07.2012 — 17 Comments

Ja, ich weiss, catchy Headline und so, aber so langsam sehe ich Twitter abgleiten. Noch gibt es keinen massiven CD-Versand, aber die Transformation von einer Firma, die fokussiert war auf das Bereitstellen eines auf Infrastruktur ausgerichteten Ökosystems hin zu einem Medien-Unternehmen wird immer deutlicher und damit verändert sich der Charakter von Twitter maßgeblich. Natürlich kann man dies als Wachstumsschmerzen abtun und einfach mal konstatieren, dass sich Twitter einfach über die Jahre ändert und aus einer Spielwiese für Geeks natürlich eine Mainstream-Mall werden musste, aber so leicht mache ich mir es nicht. Eigentlich habe ich auch gar keine Lust, immer über den drohenden Niedergang von Twitter zu schreiben, aber da ich täglich primär Twitter nutze, bin ich schon massiv angefressen von dem was passiert.

1. Die Kastration des Ökosystems geht munter weiter. Anstatt weiterhin auf die API zu setzen und sie als Teil der Monetarisierungs-Strategie zu nutzen, werden Drittanbieter zugunsten eigener Angebote zurückgedrängt. Kürzlich wurde sogar Instagram untersagt, über die Twitter-API den Nutzern das Finden der Freunde zu ermöglichen, die bereits Instagram nutzen. Instagram wurde von Facebook gekauft und prompt wird hier die API-Nutzung beschränkt, ebenso wie es jüngst bei LinkedIn passiert ist. Das gute alte Web 2.0 Mantra mit dem Nutzer im Mittelpunkt – das existiert bei Twitter nicht mehr wirklich.

2. Innovationen gibt es kaum noch und wenn, dann werden sie angekündigt und später kaum wahrnehmbar ausgerollt. Oder nutzt irgendjemand Brand Profiles, bzw. nimmt irgendwelche Twitter-Profile besonders wahr? Die ach so effiziente Werbung sehe ich kaum und so lange mir Twitter weiterhin im Web vorschlägt, doch endlich mal eine Twitter App für die mobile Nutzung herunterzuladen, und das wo ich sicherlich die Hälfte der Zeit über die iPhone App wittere, glaube ich nicht an die Effizienz und das Targeting der Werbung, ähnlich wie von Mario Sixtus neulich bei tagesspiegel.de gerantet. Die neueste Innovation ist das Erkennen von Börsentickersymbolen, wie es bei Stocktwits bereits seit 4 Jahren genutzt wird. Wow. Da wurde eine gute Idee aber mal schnell umgesetzt, das hat ja schon nahezu move fast and break thingssche Züge.

3. Der Werbekunde ist König. Natürlich brüstet sich Twitter immer wieder damit, dass auf 140 Zeichen dafür gesorgt wird, dass böse Regime kritisiert werden können, aber wenn ein Journalist sich über NBC und deren Olympia-Berichterstattung aufregt und dabei die Email-Adresse eines Verantwortlichen twittert, dann wird der Account gesperrt. Das ist vorauseilender Gehorsam, der zu dem üblichen Free Speech Pathos überhaupt nicht passt, aber da es eine Zusammenarbeit mit NBC gibt, wird hier mal eben durchgegriffen. Im Zweifel für den Werbepartner und gegen den Nutzer.

Diese drei Punkte zeigen, wie Twitter gerade sämtliche Konturen verliert, die es mal gross und attraktiv gemacht hat. Twitter hatte den Vorteil, über eine API schnell eine gute Verbreitung zu bekommen, aber dieses Ökosystem wird kontinuierlich zurückgefahren und der Gleichförmigkeit geopfert. Twitter verliert so nach und nach sämtliche Alleinstellungsmerkmale gegenüber Facebook, dass es trotz aller Kritik weiterhin schafft, eine für Entwickler und Nutzer attraktives Ökosystem zu gestalten. Sicherlich nervt auch bei Facebook einiges, aber die Entwickler von Apps können sich ziemlich sicher sein, dass sie auch in Zukunft auf eine API zurückgreifen können, da Facebook verstanden hat, dass Entwickler zur Attraktivität des Ökosystems beitragen und nicht störend sind für die Monetarisierung der Plattform. Twitter baut gerade einen Walled Garden um sich herum, damit die Werbekunden genügend Aufmerksamkeit bekommen können. AOL lässt grüssen und Twitter wird zunehmend belangloser werden.

Während Twitter zunehmend aolisiert wird, wirkt die geplante kostenpflichtige Alternative App.net immer attraktiver, braucht aber immer noch mehr Unterstützer.

Vor ein paar Tagen bin ich über den Artikel Announcing an audacious proposal von Dalton Caldwell gestolpert, der genervt von Twitter und der Fokussierung auf Werbe-Erlöse folgendes vorgeschlagen hat:

I believe so deeply in the importance of having a financially sustainable realtime feed API & service that I am going to refocus App.net to become exactly that. I have the experience, vision, infrastructure and team to do it. Additionally, we already have much of this built: a polished native iOS app, a robust technical infrastructure currently capable of handing ~200MM API calls per day with no code changes, and a developer-facing API provisioning, documentation and analytics system. This isn’t vaporware.

To manifest this grand vision, we are officially launching a Kickstarter-esque campaign. We will only accept money for this financially sustainable, ad-free service if we hit what I believe is critical mass. I am defining minimum critical mass as $500,000, which is roughly equivalent to ~10,000 backers.

In Kurzfassung will er $500.000 von ungefähr 10.000 Unterstützern bekommen, um eine eine Art Twitter 2.0 mit einer Fokussierung auf einem Ökosystem für Entwickler zu erschaffen. Caldwell geht davon aus, dass das bisherige System bei werbefinanzierten Plattformen sich immer zu Ungunsten der Entwickler und der Nutzer verhält, daher will er App.net grundsätzlich anders ausrichten.

Ich finde die Idee extrem spannend und gehöre zu den Unterstützern von App.net. Bis zum 13. August will Caldwell die Summe von $500.000 erreicht haben. Ich sehe in der Tat Vorteile darin, den Versuch zu unternehmen, eine Plattform an den Bedürfnissen der Entwickler auszurichten und glaube, dass über die mobile Nutzung durchaus eine Bereitschaft zum Bezahlen geschaffen werden kann. Natürlich ist es nicht leicht, neben den bestehenden sozialen Netzwerken einen neuen Dienst zu etablieren, wie wir das seit einem Jahr an Google+ sehen, aber dennoch finde ich die Idee unterstützenswert.

Mach mit!

Ach, Twitter

Nico —  3.07.2012 — 14 Comments

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich darüber geschrieben, dass Twitter konzeptionell am Ende ist und habe dann 5 Vorschläge für Twitter formuliert, wie sie ihr Produkt anders aufstellen können. Einiges davon wurde mittlerweile umgesetzt, aber auch nicht wirklich überzeugend, wenn man sich z.B. die Unternehmens-Profile auf Twitter anguckt. Ich nutze Twitter seit Ewigkeiten und es ist und bleibt mein primäres Tool, um relevante und auch einige nicht so relevante Dinge mit anderen zu teilen. Von Twitter aus landen meine Tweets dann bei Facebook, dort bekomme ich oftmals anderes Feedback als auf Twitter, daher finde ich dies relativ gut gelöst. Nun aber hat sich Twitter überlegt, dass es wieder einmal an der Zeit ist, die Nutzung der API, die genau so etwas ermöglicht, anders zu regeln, Marcel Weiss spricht von Twitters Kampf gegen die eigene Plattform geht in die nächste Runde:

Twitter hat am letzten Freitag neben dem Ende der Kooperation mit LinkedIn bekanntgegeben, dass in den nächsten Wochen striktere API-Regeln eingeführt werden.

Ich verstehe die Strategie bei Twitter ehrlich gesagt nicht. Alles, aber auch wirklich alles, was in den letzten Jahren gemacht wurde, war halbherzig umgesetzt und bestenfalls lieblos. Die Monetarisierungsstrategie basiert auf plumper Werbung im Stream, die Unternehmensprofile existieren, aber fallen nicht auf, die Content-Discovery ist auch wenig inspirierend und noch nicht einmal Direct Messages können über verschiedene Clients hinweg sinnvoll genutzt werden. Es ist ehrlich gesagt ein Trauerspiel. Und nun will Twitter die API-Regeln dahingehend verändern, dass Dritt-Anbieter noch strikteren Regeln unterliegen, damit alle Nutzer immer schön auf Twitter.com gehen, um die Werbung zu sehen.

Oh Mann, das ist echt so 20. Jahrhundert.

Twitter hatte so ein tolles funktionierendes Ökosystem, aber irgendwie verstehen die Verantwortlichen dort nicht, dass die API das Kernstück dieses Ökosystems ist und dass dort auch der Kern für die Monetarisierung liegt. Nova Spivack hat dies in A Solution to the Twitter API Problem eindrücklich erläutert und ich würde noch weiter gehen, denn Twitter hat eigentlich eine massive Messaging-Infrastruktur aufgebaut und könnte eigentlich Modelle entwickeln, die auch komplett ohne Werbung funktionieren oder wenigstens Werbung smarter machen als es derzeit der Fall ist.

Die zunehmende Fokussierung auf die eigenen Tools werden Twitter weniger interessant machen und der Vorteil der Limitierung auf 140 Zeichen wird immer weniger genutzt werden. Twitter wird nur halbherzig weiter entwickelt, es fehlt eine klare Perspektive nach Vorne für die Entwickler, die dann das Ökosystem noch interessanter machen. Twitter ist kein Facebook und sollte einen eigenen Weg bei der Monetarisierung finden, ansonsten schlägt Twitter den Weg der Beliebigkeit ein.

Weihnachten ist vorbei und Amazon jubelt, verständlicherweise. In den USA war der Kindle Fire der Kassenschlager überhaupt:

Kindle Fire is the #1 best-selling, most gifted, and most wished for product across the millions of items available on Amazon.com since its introduction 13 weeks ago.

Mit dem Kindle Fire auf Platz 1 und dem Kindle Touch auf Platz 2 sowie dem Kindle auf Platz 3 hat Amazon dafür gesorgt, daß das eigene Ökosystem gestärkt aus dem Weihnachtsgeschäft hervorgehen kann, denn auch der Verkauf und vor allem das Verschenken von Kindle eBooks haben ordentlich zugelegt. Der Kindle Fire ist sicherlich kein iPad2, aber in den USA stellt der Kindle Fire ein attraktives Angebot dar, vor allem für Kunden von Amazon Prime, die zusätzlich zu den besseren Versand-Optionen auch noch kostenlosen Zugriff auf eine umfangreiche Film- und Serien-Sammlung bekommen. In Deutschland ist der Kindle Fire noch nicht verfügbar.

Auch in Deutschland war der Kindle sehr erfolgreich

In Deutschland gibt es den Kindle Fire noch nicht, aber hierzulande hat Amazon durch dezente werbliche Maßnahmen auf der Startseite dafür gesorgt, daß der einfache Kindle eReader ordentlich verkauft wurde:

Im diesjährigen Weihnachtsgeschäft 2011 war der neue Kindle für 99 Euro das meistverkaufte, meistgewünschte und meistverschenkte Produkt bei Amazon.de.

Das verwundert mich nicht. Amazon berichtet, daß am 18. Dezember in Deutschland 2,8 Millionen Artikel bestellt wurden, da kann man sich ungefähr vorstellen, wieviele Sichtkontakte für die Kindle-Werbung allein auf der Startseite entstanden sein müssen.

Unter den weiteren 9 Topseller in Deutschland waren dann doch wieder Bücher, Musik und vor allem Spiele:

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes (Teil 2) - DVD FIFA 12 - Videospiele Adele “21” – Musik

Call of Duty: Modern Warfare 3 - Videospiele Assassin's Creed Revelations - Videospiele „Eragon - Das Erbe der Macht“ - Bücher

„Qwirkle“, Legespiel - Spiel des Jahres 2011 (Schmidt Spiele) - Spielzeug Samsung S5230 Smartphone - Elektronik Harry Potter und die Heiligtümer des Todes (Teil 2) (2 Discs) [Blu-ray] - DVD

Ich habe von alledem nichts bestellt, an mir können also die Topsellerlisten nicht liegen.

MusicVor vier Jahren hat mir in Stockholm während der SIME ein junger Gründer schüchtern einen Invite-Code für einen neuen Musik-Dienst in die Hand gedrückt, damit ich eine Alpha-Version teste und Feedback gebe. Simfy war damals noch ganz anders als es heute ist, man konnte seine eigenen MP3s hochladen und damit seinen Freunden zugänglich machen und somit schnell einen Pool von Musik bereitgestellt bekommen. Ich fand die Idee interessant, aber für mich nicht praktikabel, dennoch war ich beeindruckt von den Gründern und ihrem Ansinnen, Musik in Deutschland für Nutzer leichter verfügbar zu machen. Seitdem ist einige Zeit vergangen und Simfy ist als Musik-Dienst in Deutschland etabliert.

In meiner Kolumne für t3n habe ich mir diese Woche mal angesehen, was eigentlich der Unterschied zwischen Spotify und Simfy ist: Lumma Kolumne: Spotify vs. Simfy – ein sehr ungleicher Wettstreit – leider muß man sehen, daß Simfy konzeptionell viel weniger für die Zukunft gerüstet ist als der schwedische Konkurrent Spotify. Spotify hat nicht nur durch die Integration in Facebook und die damit verbundene Social Sharing Funktionalität seine Nutzerbasis ausbauen können, sondern bietet über die API und jetzt neuerdings auch durch Spotify Apps ein Ökosystem für Musik an. Simfy hingegen ist einfach nur ein Musik-Dienst.

Ich vermute mal, daß bei dem Markteintritt von Spotify in Deutschland die Nutzer sehr schnell mit den Füßen abstimmen werden und sehr zügig von Simfy zu Spotify wechseln werden, ähnlich wie es bei Facebook und den VZ Netzwerken der Fall war. Das finde ich sehr schade, denn im Zweifel finde ich es immer besser, lokale Dienste zu unterstützen, aber leider ist Simfy nach einem interessanten Start und etlichen Änderungen im Geschäftsmodell stehen geblieben, während Spotify von Beginn an groß gedacht hat und sich zum Ökosystem für Musik entwickelt hat.