52 Bücher – Nr. 29: Neben uns die Sintflut

Das Buch des Soziologen Stephan Lessenich ist fies. Denn Lessenich reibt dem Leser dauerhaft rein, was dieser eh schon weiss, vermutet oder nicht wahrhaben will. Ich kenne Lessenich noch aus meiner Zeit als Student in Göttingen, damals hatte ich allerdings nie eine seiner Lehrveranstaltungen besucht, war aber mal mit ihm in einer Kneipe. Grund genug, mal sein aktuelles Buch zu lesen.

neben_uns_die_sinnflutNeben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis handelt von der Externalisierungswirtschaft, deren Auswirkungen uns seit Jahrzehnten als Nord-Süd-Gefälle bekannt ist. Unser Wohlstand geht zu Lasten der Ärmsten der Welt – das ist jetzt nicht die allerneueste Erkenntnis, aber Lessenich sorgt in seinem Buch noch einmal dafür, dass das Thema wieder präsent wird. Wir schieben Risiken von uns weg, feiern uns für eine tolle Ökobilanz, während der Müll und die damit verbundenen Gefahren woanders hin exportiert werden. Ebenso feiern wir Sozialstandards und Mindestlohn, während Arbeiter am andere der Welt unter menschenunwürdigen Bedingungen für uns schuften müssen.

Das Schlimme an dem Buch ist: es gibt kein Happy End und auch nicht viel Hoffnung auf Veränderung. Es sei denn wir verändern unseren Lebensstil radikal. Davon würde ich jetzt mal nicht ausgehen, eher erhöhen wir die Ignoranz, so wie gerade bei den US-Wahlen geschehen.

Neben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis

52 Bücher – Nr. 28: Sigmar Gabriel – Patron und Provokateur

sigmar_gabriel_patron_und_provokateurSigmar Gabriel lässt niemanden kalt. Viele Menschen finden ihn fürchterlich, andere wiederum halten sehr viel von ihm. Kaum ein Spitzenpolitiker polarisiert so sehr wie er. Ich finde das positiv, denn wenn man versucht, es allen Recht zu machen, dann wird man beliebig. Die vorliegende Biographie Sigmar Gabriel – Patron und Provokateur versucht zu ergründen, warum Sigmar Gabriel so unterschiedlich wahrgenommen wird und zeigt viele seiner Stärken und Schwächen auf.

Ich kenne Sigmar Gabriel nur als Bundespolitiker, daher war ich ziemlich beeindruckt, dass er sich bereits als Kommunalpolitiker ein Image als Kümmerer erarbeitet hatte. Das erinnerte mich stark an meine Kindheit und Jugend, denn mein Vater war ebenfalls ein Kümmerer und versuchte, ausgestattet mit den Insignien der Macht, also Briefpapier mit entsprechenden Wappen (stellvertretender Kreispräsident, MdL), für Menschen im Wahlkreis bei Unternehmen und Behörden etwas zu erreichen. Ich kann mich an viele abendliche Hausbesuche in den nicht so schönen Wohngegenden des Kreises Herzogtum Lauenburg erinnern, zu denen mich mein Vater mitgenommen hatte und bei denen er als Sozialdemokrat die letzte Hoffnung war, wenn Menschen nicht mehr weiter wussten. Das prägt. Diese Verbundenheit Gabriels mit Goslar sorgt für eine gewisse Erdung, die man als Spitzenpolitiker dringend benötigt.

Neben Gabriel als Kümmerer werden in dem Buch noch andere Seiten beschrieben, die mir so nicht präsent waren. Da meine ich jetzt nicht seine marxistische Zeit bei den Falken, sondern viel mehr seine Arbeit als Fachpolitiker. Gabriel wird als jemand beschrieben, der sich sehr schnell in komplexe Zusammenhänge einarbeiten kann und dann auch gemeinsam mit Fachleuten Details diskutieren kann. Da er sich gerne mit einem Augenzwinkern als Universaldilettant beschreibt, ist diese Facette von ihm in der Aussenwahrnehmung eher wenig beleuchtet worden. Gabriels Antifaschismus und seine Haltung zu Israel fand ich ebenfalls eindrucksvoll, aber irgendwie auch erwartbar von einem Sozialdemokraten.

Das Buch thematisiert allerdings auch seine Schwächen. Gabriel verspricht gerne viel, wenn der Tag lang ist, schafft es dann aber nicht, allen Ankündigungen wirklich Taten folgen zu lassen. Das hat zum Einen sicherlich mit einer Mischung aus Kreativität und Ungeduld zu tun, andererseits aber eben auch damit, dass er für sein Umfeld nicht immer der einfachste Chef ist und bei der Kombination aus hohem Druck, schnellem Tempo und einigen Kurswechseln eben auch Themen auf der Strecke bleiben. Die vermutlich größte Schwäche: Gabriel hört zu oft auf irgendwelche Einflüsterer, die schnell wieder weg sind, und hat sein Umfeld nicht optimal aufgestellt. Jemand wie er braucht Leute, die aus Loyalität heraus Leitplanken schaffen, in denen er wirken kann.

Mein erstes Treffen mit Sigmar Gabriel vor 3 Jahren war dann auch so, wie er im Buch beschrieben wurde. Anfänglich lies er mich spüren, dass ich aus der Großstadt komme und er nichts von den damit verbundenen Allüren hält und hat mich wissen lassen, dass meine Einschätzungen zur Digitalisierung „totaler Scheiss“ seien. Diese schroffe norddeutsche Art muss man mögen, ich kann damit gut umgehen. Zumal meine Frau auch aus dem Braunschweigischen kommt und ich das irgendwie kenne… Nachdem ich ihm dann aber mitgeteilt hatte, dass ich seine Überlegungen zu dem Thema digitale Gesellschaft für „völligen Schwachsinn“ halte und aus einer Kleinstadt im Lauenburgischen komme, ergab sich eine prima Diskussion, an deren Ende Gabriel mir versprach, einen Bundesparteitag zur Digitalisierung der Gesellschaft zu machen mit dazugehörigem Programmprozess. So durfte ich auf dem Parteikonvent reden, was für ein einfaches Parteimitglied schon eher unüblich ist, denn das ist eigentlich eine geschlossene Veranstaltung für Delegierte. Dass aus diesem versprochenen Bundesparteitag 10 Minuten auf einem Bundesparteitag wurden, hat mit Gabriel und dem bereits erwähnten „overpromise and underdeliver“ zu tun, der dem Thema dann doch nicht die Priorität zugebilligt hatte, die es verdient hat, aber es hat vor allem mit der völligen Inkompetenz der damaligen Generalsekretärin Fahimi auf allen Ebenen zu tun. Auch das wurde im Buch richtig beschrieben. Wenn ich mir allerdings angucke, wo Gabriel vor 3 Jahren stand beim Thema Digitalisierung und wo er heute steht, dann sind das Welten, die dazwischen liegen – er hat einen enormen Sprung nach Vorne gemacht. Abgesehen von der Vorratsdatenspeicherung, die er aus dem falschen politischen Kalkül wollte und gegen die ich immer vorgegangen bin.

Natürlich schwingt beim Lesen des Buches immer die Frage „kann er denn nun Kanzler oder wenigstens Kanzlerkandidat?“ mit. Die Autoren ziehen sich da geschickt aus der Verantwortung, verweisen immer auf Gabriels Talent und seine Rhetorik, machen aber auch klar, dass seine Sprunghaftigkeit und sein Tempo das größte Manko sind: „Es ist eine Zeit, die eigentlich vieles von dem gebrauchen könnte, was Sigmar Gabriel kann. Was diese Zeit nicht braucht: den Sigmar Gabriel, der er für die meiste Zeit seines politischen Lebens gewesen ist.“

Sigmar Gabriel – Patron und Provokateur

52 Bücher – Nr. 26: Fremdes Land Amerika

Die USA sind ein faszinierendes Land, voller Widersprüche, voller Überraschungen und voller Absurditäten. Ich weiss noch, wie ich als 17-Jähriger in Des Moines, Iowa erst mal irritiert war von den vielen Widersprüchen, die die USA vermittelten. Während meines Studiums in Berkeley gab es wieder andere Widersprüche, die mich beeindruckten. In Amerika ist längst nicht alles besser, vieles ist Fassade, das mag man aus deutscher Sicht, geprägt von den popkulturellen Einflüssen, nur zögerlich verstehen. Ich sehe mich als Transatlantiker, für mich ist die USA faszinierend und ein wichtiger Partner zugleich.

fremdes_land_amerikaDer Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni hat in seinem Buch Fremdes Land Amerika einen sehr guten Überblick über den Zustand dieses Landes geschrieben. Die Relevanz der Partnerschaft mit den USA macht es unerlässlich, dass wir diesen Partner besser verstehen. Ingo Zamperoni hat in den USA studiert und zuletzt als Korrespondent in den USA gearbeitet, daher ist der Blick auf die USA professionell, aber von starken Sympathien geprägt.

Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte. Zuerst wird eine Bestandsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft gemacht, dann die geopolitische Rolle der USA erörtert und zuletzt geht es um die Gemeinsamkeiten und Gegensätze im Verhältnis Deutschland und USA.

Das Buch hat meinen Nerv getroffen – ich teile Zamperonis Analyse vollumfänglich. Zamperoni fordert letztendlich eine progressivere Gesellschaft, hüben wie drüben. Dem kann ich mich gerne anschliessen.

Ich mag, wie er auch, die positive, freundliche Art der Amerikaner, auch wenn sie oberflächlich sein mag. Ich mag auch die „wir schaffen das!“-Attitüde anstelle der in Deutschland vorherrschenden Einstellung, dass der Staat das bitte schön zu lösen hätte oder die übliche Neiddebatte, wenn jemand mehr hat als man selber. Im Abschnitt über die Geopolitik der USA wird deutlich, wie transatlantisch unser Blick auf die USA ist, wobei wir oftmals vergessen, dass es links auf der Weltkarte noch weiter geht und die USA über den Pazifik sich in Richtung Asien orientiert. Insbesondere die Abschnitte zu Überwachung und zu TTIP zeigen, wie unterschiedlich die amerikanischen und deutschen Sichtweisen sein können und wieviel Misstrauen in unserem Verhältnis zu den USA mitschwingt.

Wer die USA besser verstehen will, sollte Fremdes Land Amerika lesen.

52 Bücher – Nr. 22: Deutschland 4.0 – Wie die digitale Transformation gelingt

deutschlandviernullSeit einigen Jahren versuche ich einen Verlag zu finden, um gemeinsam mit einem Freund ein Buch zu schreiben, das der Politik die Leviten liest und klar macht, worauf es bei der digitalen Transformation ankommt. Irgendwie hat das bislang nicht geklappt und nun liegt das Buch Deutschland 4.0 – Wie die digitale Transformation gelingt vor, also lest erstmal dieses Buch bitte anstatt auf unser Buch zu warten!

Holger Schmidt und Tobias Kollmann kenne und schätze ich seit vielen Jahren. Ihre Expertise bei dem Thema Digitalisierung ist offensichtlich und das zeigen sie auch in dem Buch. Präzise gehen sie Kapitel für Kapitel vor und beleuchten die unterschiedlichen Aspekte von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft. Es gibt derzeit kein besseres Buch zu diesem Thema, denn die beiden Autoren verdichten ganz vorzüglich und greifen alle Aspekte auf, die relevant sind.

Schmidt und Kollmann verschwenden keine Zeit mit Traumtänzerei oder Floskelbingo, sondern zeigen auf, wo es hakt und was man tun kann, damit es voran geht in diesem Land. Ich teile eindeutig ihre Bestandsaufnahme: Deutschland droht international zurückzufallen, wenn wir nicht endlich die Schalter umlegen und die digitale Transformation aktiv vorantreiben. Ansonsten werden wir die digitale Transformation übergestülpt bekommen und es wäre sinnvoller, dass wir selber definieren, was wir wollen. Dafür fehlt es allerdings immer noch an entsprechend voraus denkenden und agieren Personen in Wirtschaft und Politik.

Meine Empfehlung an alle Minister und Parteivorsitzenden, aber auch an Chefs in der mittelständischen Wirtschaft: kauft dieses Buch und verteilt es an alle Führungsebenen. Deutschland 4.0 ist für mich die Vorlage für die künftigen Wahlprogramme und Koalitionsverträge.

Deutschland 4.0 von Tobias Kollmann und Holger Schmidt

52 Bücher – Nr. 14: Talking Points

Auf dieses Buch bin ich durch Twitter gestoßen. Dushan Wegner ist mir dort aufgefallen, weil er des Öfteren Links zu interessanten Artikeln gepostet oder aktuelle politische Themen kritisch kommentiert hat. Nun kaufe ich nicht gleich jedes Buch, das irgendjemand auf Twitter geschrieben hat, aber natürlich sorgt es bei mir für eine gewisse Neugier, wenn jemand ein Buch geschrieben hat und sich auf Twitter auch nicht ganz blöd anstellt.

talking_pointsPolitische Kommunikation ist ein Thema, das mich seit meinem Studium fasziniert, damals waren die Seminare zu Wahlen und Wahlkämpfen immer die Highlights für mich. Talking Points oder die Sprache der Macht: Mit welchen Tricks Politiker die öffentliche Meinung steuern von Dushan Wegner wirft einen Blick auf die Sprache der Politik und wie sie uns Wähler beeinflussen soll. Dabei benennt Wegner Effekte wie „Güte“, „Weisheit“, „Echtheit“, „Vereinfachung“, „Angst“ oder „Mit der Herde sprechen“ und erläutert, wie diese von Politikern und ihren Kommunikatoren eingesetzt werden und welches jeweilige Ziel damit verfolgt wird. Zusätzlich bringt Wegner immer wieder Exkurse, um speziellere Themen wie „Essen in der Politik“, „Spindoctors“ oder „Nimby“ zu beleuchten.

Wegner seziert die politische Sprache und erläutert dem geneigten Leser, was sich hinter Formulierungen versteckt und wie Reden funktionieren sollen. Allerdings fehlt mir der Lesefluss bei diesem Buch. Die Effekte werden erläutert und von Exkursen, die durchaus interessant sind, immer wieder unterbrochen. Vermutlich liegt es an der Linearität eines Buches, aber bei der Lektüre fehlte mir nach einigen Kapiteln der rote Faden. Es hätte dem Buch gut getan, wenn am Ende des Buches noch zwei, drei Reden anhand der vorher diskutierten Effekte erläutert worden wären, damit man einen besseren Überblick bekommt.

Von allen Effekten fand ich am einprägsamsten, dass man zuerst eine Forderung aufstellen sollte, um sie dann zu begründen und nicht erst die Begründung formuliert, um dann eine Forderung davon abzuleiten. Das ist für mich für meine politische Arbeit ganz praktisch zu wissen, genauso wie die das Umhängen des Deutungsrahmens.

Was mir ziemlich sauer aufgestossen ist: Wegner formuliert immer wieder von Oben herab und es wirkt so, als ob er von den handelnden Personen seines Buches, nämlich den Politikerinnen und Politikern, nicht viel hält. Das tut dem Buch nicht gut. Insgesamt bietet Wegner einen guten Überblick über das, was hinter der Sprache der Politik steckt.

Talking Points oder die Sprache der Macht: Mit welchen Tricks Politiker die öffentliche Meinung steuern