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Ich folge über 6000 Leuten auf Twitter und nutze Twitter tagtäglich, um mich auf dem Laufenden zu halten. Aber seit einiger Zeit beobachte ich, dass mich Twitter immer mehr nervt. Das liegt nicht nur an den neuerdings direkt angezeigten Bildchen, sondern eher an der grassierenden Empörungskultur und dem damit verbundenen Absolutsheitanspruch der eigenen Meinung. Was mal als Shitstorms angefangen hat, weil so Unternehmen aufmerksamkeitsstark kritisiert werden können, ist nun zu einer allgemeinen Geisteshaltung geworden. Jedenfalls in meiner Twitter Timeline, also meiner eigenen Filterbubble, an der ich aufgrund der Nutzung meiner eigenen selektiven Fähigkeiten selber schuld bin, hat sich die kritische Grundhaltung in den letzten Monaten gewandelt hin zu einer Dauerempörung gegenüber dem Unrecht dieser Welt.

416K23CL1SL._SL160_Das ist ganz schön anstrengend. Nicht nur für mich als Rezipienten, sondern sicherlich auch für die sich empörenden Personen, die sich abmühen und vor sich hin empören, aber doch dauerhaft enttäuscht sein werden, weil nach der Empörung auch gleich wieder die nächste Empörung steht. Über Empörung wird im Idealfall Aufmerksamkeit erzeugt, eine Debatte angeregt und eventuell auch etwas geändert. In meiner Timeline stelle ich allerdings einen gewissen Dauerempörungszustand fest, der einfach nur noch verbittert und verhärmt wirkt. Alles ist sofort #fail. Differenzierungen sind schwierig auf 140 Zeichen, daher ist das Motto immer “hängt sie höher!” und der durch die Zeichenlimitierung eh schon schwierige Diskurs mit 140 Zeichen wird noch zusätzlich erschwert durch persönliche Angriffe und die grosszügig gebrauchte Verwendung des Hashtags #fail.

Gefühlt würden bei der Sonntagsfrage in meiner Timeline 50% für die Piraten stimmen, danach mit je 10% die SPD, Grüne, CDU, FDP und die sog. LINKE. Das erklärt natürlich auch ein Stück der Bitterkeit, denn dieses Jahr wurde deutlich, dass die Piraten auf Bundesebene bestenfalls marginalisiert sind, aber es ist schon verblüffend, dass so viele Menschen meinen, komplexe Themen lassen sich auf 140 Zeichen diskutieren und in Gut oder Böse, Null oder Eins, #hach oder #fail einsortieren.

Ich habe überhaupt nichts gegen Kritik an der Politik, der Gesellschaft oder der Wirtschaft, ganz im Gegenteil. Aber ich habe gerade den Eindruck, dass sich viele Protagonisten der deutschen Twitterei in einen virtuellen Wagenbau zurückziehen und auf alles zielen, was ihnen bedrohlich vorkommt. Wenn man sich belagert fühlt, dann ist das erstmal so ziemlich alles. Wir gegen die da draussen. Dann laufen die selbsternannten Empörungsbeauftragten zu Hochform auf und sorgen dafür, dass ein neuer Hashtag publik gemacht wird. Das Ziel ist immer die Erwähnung in den sonst so verhassten journalistischen Erzeugnissen der Republik, die ja eigentlich so was von #fail sind, weil dort jeden Tag irgendwo etwas Falsches steht. Aber hey, wenn sie über Empörungswellen auf Twitter berichten, dann sind sie doch nützliche Idioten und tragen zur eigenen Bauchpinselei bei.

Empörung auf Twitter ist allerdings genau das, was es ist. Empörung auf Twitter. Das erinnert mich an meine Zeit als Student. Da gab es Resolutionen des AStA zu jedem erdenklichen Thema der Weltpolitik und es war eben genau das, was es war. Eine Resolution des ASta. Interessiert hat das ausserhalb der Filterbubble des ASta niemand. Ich bekomme langsam den Eindruck, Twitter verkommt zu einem Werkzeug der Empörung, der permanenten Kritik an allem und jedem – und damit wird es immer schwerer, Twitter für konstruktive Themen zu nutzen. Vielleicht ist auf 140 Zeichen auch nicht mehr drin als die Empörung, aber ich glaube, dass die Dauerempörten sich in eine Spirale hereinbegeben haben, aus der sie nur schwer wieder herauskommen werden, denn natürlich zieht man einen gewissen sozialen Status aus dieser Emörungskultur, die Aufmerksamkeit mit sich bringt.

Ich stehe jetzt vor der Herausforderung, meine Filterbubble so zu konfigurieren, dass ich nicht den ganzen Tag durch die Dauerempörten genervt bin, trotzdem aber nicht alle kritischen Menschen aus meiner Timeline kicke, denn dann wäre Twitter auch langweilig und uninspirierend. Ich will ja explizit Leuten folgen, die anderer Meinung sind als ich, oder eine andere Herangehensweise an Themen haben, weil mich persönlich das eher weiterbringt, als wenn alle einer Meinung sind. Ich brauche auch keine Stars oder Sternchen, die Twitter zur Eigenpromo nutzen, ich finde Twitter viel charmanter, wenn es rauh und direkt die Meinung der Nutzer abbildet. Parallel dazu stelle ich gerade fest, dass ich immer mehr Zeit mit Facebook verbringe, nicht nur, weil man da auch mal länger kommentieren kann, sondern weil dort mein Bekanntenkreis nur halb so groß ist und irgendwie eine andere Gesprächskultur möglich ist.

Mir fehlt quasi ein Filter für meine Filterbubble, damit die Dauerempörten weniger stark gewichtet werden.

shitstormDer Shitstorm an sich, er hat es weit gebracht in der deutschen Aufmerksamkeitsliga. Immerhin wurde letztes Jahr das Wort Shitstorm zum Anglizismus 2011 gewählt. Zeitgleich mit der wachsenden Popularität des Wortes tauchte neben dem Fachgebiet der Krisen-PR auch noch der Shitstorm-Berater auf, der Unternehmen in Shitstorms berät und dabei hilft, dass diese wieder frische Luft schnappen können.

Jede Woche gibt es neue Shitstorms und immer wieder ist die Aufregung groß bei den Berufskommunikatoren und -kommentatoren. Ich finde diese deutschen Shitstorms völlig egal und die Aufregung nicht wert. Überhaupt nicht. Ich würde alle rausschmeissen, die im Meeting auf eine Shitstorm-Gefahr hinweisen oder als externe Berater meinen, sie könnten einen Shitstorm wegberaten. Das ist alles völliger Humbug.

Der Ablauf bei einem sog. Shitstorm ist immer wieder gleich. Ein Unternehmen macht einen oder mehrere Fehler, ein Nutzer weist darauf hin und beschwert sich, viele andere Nutzer sehen das ähnlich und sorgen dafür, dass noch mehr Nutzer den Fehler mitbekommen, dann teilt das Unternehmen mit, dass allen Beteiligten der Fehler leid tue oder der Fehler Absicht war, aber sich nicht ändern liesse, dann gibt es ein paar Goodies oder warme Worte oder Podiumsdiskussionen und dann ist der Fall vom Tisch.

Gemessen an der hohen Jack Wolfskin Partnerlookquote in der bundesdeutschen Provinz, der Anzahl der Vodafone-Verträge oder der wöchentlichen Galileo-Zuschauer kann niemand ernsthaft behaupten, dass ein Shitstorm eine negative Auswirkung auf das jeweilige Unternehmen hatte. Sicherlich, es ist nicht schön, wenn gerade viele Leute irgendwas Negatives über das Unternehmen schreiben, für das man arbeitet oder das einem gehört, aber so lange das Thema nicht über Wochen in der Tagesschau diskutiert wird, bleibt es doch ein Sturm im Wasserglas. Berufskommunikatoren und -kommentatoren verstehen einfach nicht, dass der normale Like-Clicker an sich mit dem Click auf den Button keine ausgetüftelte Kommunikationsstrategie verfolgt, sondern einfach nur mal clickt, weil er oder sie etwas interessant findet. Auch das aufregendste Thema ist dann doch nur ein Thema von vielen und daher reihen sich die Aufreger-Likes ein in eine Reihe von Likes für Fotos, Musik oder Zitate.

Das, was derzeit als Shitstorm bezeichnet wird, ist letztendlich nur eine geballte Anzahl von Unmutsäußerungen irgendwo online. Das gehört dazu, gerade wenn es sich um Unternehmen handelt, die in Telekommunikation, Atom-Energie, Verkehr oder Lebensmittel machen. Da gibt es immer wieder etwas zu meckern, da sind Kunden sowieso per se unzufrieden und fühlen sich von Unternehmen verarscht, daher ist es nicht verwunderlich, dass es Unmutsäußerungen gibt. Das beste Mittel gegen Shitstorms sind übrigens nicht beratende Shitstorm-Experten, sondern gesunder Menschenverstand. Das ist für Unternehmen nicht immer ganz leicht, sorgt aber in der Regel zügig dafür, dass Nutzer wieder witzige Bilderchen irgendwo auf Facebook liken und über das Mittagessen der Freunde diskutieren, anstatt sich über ein Unternehmen auszulassen. Natürlich kann jeder Nutzer nachvollziehen, wie ätzend es ist, wenn man ein Problem mit seinem Telekommunikationsanbieter hat oder wenn die Bahn mal wieder zu spät ist oder der letzte Flug gestrichen ist, aber das passiert eben bei großen Unternehmen mal, egal wie sehr sich angestrengt wird, dies zu verhindern. Das liegt in der Natur der Sache, aber in einem öffentlichen Forum fühlt sich der einzelne Nutzer stärker als bei der Telefonhotline und freut sich dann auch, mal seinen gesamten Frust abzulassen und etwas Stimmung zu machen. Aber das ist immer nur punktuell und nichts andauerndes, egal wieviele Likes generiert werden, denn es geht dann doch nur um ein Unternehmen oder Produkte. Aus der Binnensicht eines Unternehmens hat das natürlich die totale Relevanz, aber der Nutzer an sich kann auch abends getrost einschlafen, egal ob 90% seiner Facebook-Freunde gerade gegen oder für Kitkat sind. Die Attention-Economy sorgt ganz normal auch dafür, dass wieder andere Themen mehr Aufmerksamkeit bekommen.

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Kann man sich ganz einfach selber konfigurieren bei mi adidas.

Alles nur laue Pupse

Nico —  19.01.2011 — 29 Comments

Irgendwie finde ich das goldig. Alle zwei bis drei Monate dreht die versammelte Blog- und Twitter-Szene Deutschlands unrund. Eine kollektive, oftmals sehr selbstgerechte Entrüstung wird in Windeseile von Bloggern und Twitter-Nutzern aufgegriffen. Irgendwie in der Hoffnung, daß man Teil einer großen, disruptiven Bewegung sein könnte. Power to the people, jetzt aber wirklich, volle Pulle, mit meinem Retweet zeige ich es denen aber so richtig!

In der Theorie klappt das ja auch alles ganz toll, nur in der Praxis suchen sich die Protagonisten immer Themen, die nicht wirklich für die massive mediale Verbreitung taugen. Und überhaupt, warum wird bei jedem Aufreger im deutschen Social Web, der dann als Shitstorm tituliert wird, immer sofort auf die sonst so verpöhnten Massenmedien geschielt? Wenn man die Reichweite alleine nicht Zustande bekommt, dann hat das vielleicht auch mit der Relevanz des Themas für die Masse zu tun, oder?

Die Shitstorms der letzten Jahre waren allesamt laue Pupse, nicht mehr. Anders ausgedrückt: Berlin Mitte ist nicht Deutschland, es gibt anderswo oft noch wichtigere Themen als irgendeine Tigerkralle oder ein amüsierendes Weblog, das offline gegangen ist. Wo ist eigentlich der Shitstorm zur Hartz IV Erhöhung? Oder der Shitstorm zum Dioxin-Skandal? Der Shitstorm gegen die schwarz-gelbe Bundesregierung?

Die Selbstüberschätzung einiger Protagonisten aufgrund irgendwelcher PageImpressions, Verlinkungen oder Retweets ist gigantisch, die tatsächliche Reichweite geht über die eines erweiterten Stammtisches nicht hinaus. Substanz entscheidet, nicht das Vervielfältigen einer Meldung durch möglichst viel Followerclickvieh.

Mein Wunsch für 2011: mal ein richtiger Shitstorm. Über den die Menschen morgens in der Ubahn reden, der abends beim Sport diskutiert wird und dann Thema beim Wort zum Sonntag wird. Nicht immer diese Pillepalle-Themen, die nur die Nische Social Web manifestieren.