Die Sache mit Silicon Valley und Europa

Helft mir mal beim Denken, bitte. Ich formuliere mal drauf los und hoffe, dass aus meinen noch nicht ansatzweise zu Ende gedachten Gedankengängen vielleicht etwas entsteht, auf dem man aufbauen kann.

Die Bilder der letzten Woche könnten unterschiedlicher nicht sein. Ziemlich zeitgleich fand in Austin die SXSW statt, während in Hannover die CeBIT die Besucher anlockte. Ich war bei keiner der Veranstaltungen, aber natürlich wäre ich lieber in Austin gewesen, als mir in Hannover unzählige Hallen vollgestopft mit Vertrieblern in schlecht sitzenden Anzügen mit fiesen Krawatten anzugucken. Ja, ich weiss, die CeBIT bemüht sich gerade wirklich und will den Anschluß wieder herstellen, das ist mir alles klar. Aber dennoch war sehr deutlich, wo die Musik spielt und wo vor allem die relevanten Internet-Unternehmen präsent sind: in Austin.

Die Bilder haben bei mir dazu geführt, dass ich noch mehr als sonst über das Verhältnis USA und Europa nachgedacht habe im Kontext der wirtschaftlichen Komponente der Digitalisierung. Wir wissen alle, dass im Silicon Valley die Musik spielt. Dort sind die relevanten Internetfirmen nicht nur zu Hause, sondern dort ist auch das Geld vorhanden, um neue Startups schnell groß zu machen. Natürlich ist dort auch ein Überangebot an Talent versammelt, vielleicht so wie es für die Filmschaffenden Hollywood ist oder für die Musikbranche New York City oder LA. Musik ist ein gutes Stichwort, nicht nur wegen „if you can make it here, you can make it everywhere“, was natürlich auf New York City bezogen war, sondern auch, weil es das Dilemma widerspiegelt, in dem sich die europäischen Internet-Startups befinden. Wenn ich mal deutlich vereinfache, dann sehe ich starke Parallelen zwischen den Internet-Startups und der Musikbranche in den 50er/60er-Jahren. Die wesentlichen Impulse, wenn man mal von der British Invasion mit den Beatles, den Rolling Stones und ein paar anderen absieht, kamen aus den USA. Elvis Presley, die Beach Boys, The Doors, Jimi Hendrix und viele andere, brachten das Establishment durcheinander und fanden genügend Konsumenten, die ihre Musik hören wollten. Gleichzeitig gab es in Deutschland seit den 50er Jahren immer wieder Nr. 1 Hits, die lediglich eine deutschsprachige Variante eines amerikanischen Hits darstellten. Sicher, auch Freddy Quinn hatte mal einen Auftritt in der Late Night Show von Johnny Carson und Jahre später hatte Nena mal einen Nr. 1 Hit in den USA und Kraftwerk oder Rammstein sind quasi das Pendant zu SAP, aber worauf ich hinaus will ist folgendes: die Popkultur ist dominiert von den USA, egal ob wir jetzt von Musik oder Internetfirmen reden. Wenn man so will, hat das Nachahmen eine gewisse Tradition und ist von der Musik zur Internetbranche rübergeschwappt.

Das hat natürlich Auswirkungen und macht es bei globalen Märkten schwierig, direkt zu konkurrieren, weil die Größe des amerikanischen Heimatmarktes ganz andere Entwicklungen ermöglicht, als der vergleichsweise kleine deutsche Markt. Dennoch blickt die deutsche Internetbranche stets in Richtung Silicon Valley, als sei es das gelobte Land, in dem Milch und Honig fliessen. Es werden Reisen für Gründer organisiert, damit sie mal die Luft im Silicon Valley schnuppern können, als sei es die moderne Adaption von Disneyland und es gibt den German Silicon Valley Accelerator (GSVA), damit deutsche Startups mal für ein paar Monate im Silicon Valley arbeiten können. Der damit verbundene Erkenntnisgewinn ist immer derselbe: im Silicon Valley ist mehr Geld, die enge Vernetzung für unzählige Kooperationen, der Konkurrenzdruck ist riesig, Deutschland ist weit weg und spielt keine Rolle, die Kosten sind enorm und die Risikobereitschaft aller Beteiligten um ein Vielfaches höher.

Was ist bislang die Reaktion auf diese Marktsituation? Die Branche fällt hintenüber vor Freude, sobald ein amerikanischer Investor in Deutschland investiert. Ansonsten fokussieren sich alle auf eCommerce und Advertising, weil die dahinterliegenden Monetarisierungsmodelle bekannt sind und der Markt verstehbar ist. Ein Proof-of-Concept in den USA ist für deutsche Risikokapitalgeber immer noch die beste Versicherung, dass das Geld gut angelegt ist. So entstehen unzählige Firmen, die irgendwas in eine Box packen und dies verschicken, oder die rechtzeitig vor dem Markteintritt einer amerikanischen Firma versuchen, sich in Deutschland so weit auszubreiten, dass der Markteintritt wenigstens teuer für die amerikanische Firma wird, weil er nur durch eine Übernahme gelingen kann. Technologisch Innovative Firmen, die neue Geschäftsideen umsetzen, haben es vergleichsweise schwer in Deutschland und sind natürlich einer globalen Konkurrenz ausgesetzt, wobei sie allein schon durch die unterschiedliche Investitionshöhe leicht ins Hintertreffen geraten. Mir geht es jetzt überhaupt nicht darum, den eCommerce zu diskreditieren, in keinster Weise und ich finde es auch interessant, wie Rocket Internet und andere diese Modelle wiederum exportieren in andere Märkte, aber ich sehe eben auch, dass seit der Etablierung der MP3 kaum technische Innovation aus Deutschland den Weg in den Massenmarkt gefunden hat.

Gleichzeitig haben wir diese wundervolle Errungenschaft, die sich Europäische Union nennt und einen riesigen Binnenmarkt mitbringt. Nur leider nutzen wir diesen Markt kaum, was sicherlich auch an der Zerklüftung des Marktes und den unterschiedlichsten Herausforderungen in den einzelnen Ländern liegt. Im Vergleich mit den USA stehen wir allerdings in der Größe des Marktes gut da und müssten daher daran arbeiten, die Vorteile dieses Binnenmarktes stärker zu nutzen, um eine eigenständigere Entwicklung der Internetbranche zu ermöglichen. Dabei geht es mir nicht um Protektionismus oder ein europäisches Internet, sondern primär darum, dass wir in Europa uns beim Zukunftsmarkt der digitalen Wirtschaft mehr als bislang auf die eigenen Stärken konzentrieren. Also beispielsweise anstatt junge Unternehmer ins Silicon Valley zu schicken, würde ich eher Verbindungsbüros in den wichtigsten europäischen Märkten etablieren, um das pan-europäische Business Development zu erleichtern. Parallel dazu würde ich die bereits vorhandenen EU-Fördergelder nicht mehr einsetzen, um ein Internet-Firmen in einer Region zu fördern, sondern um deren pan-europäische Entwicklung zu beschleunigen.

Aber zu allererst müssen wir wohl daran arbeiten, dass sich das Mindset verändert und wir mehr über die Vorteile von Europa reden und weniger über die Verheissungen des Silicon Valley.