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Die USA sind ein faszinierendes Land, voller Widersprüche, voller Überraschungen und voller Absurditäten. Ich weiss noch, wie ich als 17-Jähriger in Des Moines, Iowa erst mal irritiert war von den vielen Widersprüchen, die die USA vermittelten. Während meines Studiums in Berkeley gab es wieder andere Widersprüche, die mich beeindruckten. In Amerika ist längst nicht alles besser, vieles ist Fassade, das mag man aus deutscher Sicht, geprägt von den popkulturellen Einflüssen, nur zögerlich verstehen. Ich sehe mich als Transatlantiker, für mich ist die USA faszinierend und ein wichtiger Partner zugleich.

fremdes_land_amerikaDer Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni hat in seinem Buch Fremdes Land Amerika einen sehr guten Überblick über den Zustand dieses Landes geschrieben. Die Relevanz der Partnerschaft mit den USA macht es unerlässlich, dass wir diesen Partner besser verstehen. Ingo Zamperoni hat in den USA studiert und zuletzt als Korrespondent in den USA gearbeitet, daher ist der Blick auf die USA professionell, aber von starken Sympathien geprägt.

Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte. Zuerst wird eine Bestandsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft gemacht, dann die geopolitische Rolle der USA erörtert und zuletzt geht es um die Gemeinsamkeiten und Gegensätze im Verhältnis Deutschland und USA.

Das Buch hat meinen Nerv getroffen – ich teile Zamperonis Analyse vollumfänglich. Zamperoni fordert letztendlich eine progressivere Gesellschaft, hüben wie drüben. Dem kann ich mich gerne anschliessen.

Ich mag, wie er auch, die positive, freundliche Art der Amerikaner, auch wenn sie oberflächlich sein mag. Ich mag auch die „wir schaffen das!“-Attitüde anstelle der in Deutschland vorherrschenden Einstellung, dass der Staat das bitte schön zu lösen hätte oder die übliche Neiddebatte, wenn jemand mehr hat als man selber. Im Abschnitt über die Geopolitik der USA wird deutlich, wie transatlantisch unser Blick auf die USA ist, wobei wir oftmals vergessen, dass es links auf der Weltkarte noch weiter geht und die USA über den Pazifik sich in Richtung Asien orientiert. Insbesondere die Abschnitte zu Überwachung und zu TTIP zeigen, wie unterschiedlich die amerikanischen und deutschen Sichtweisen sein können und wieviel Misstrauen in unserem Verhältnis zu den USA mitschwingt.

Wer die USA besser verstehen will, sollte Fremdes Land Amerika lesen.

„I come from Des Moines, somebody had to.“ – mit diesem wunderbaren Satz beginnt The Lost Continent von Bill Bryson, in dem er schildert, wie er Small-Town America bereist hat. Ich habe das Buch Anfang der 90er Jahre in einem Buchladen in London in die Hand genommen und war von dem Satz direkt begeistert, denn ich war 89/90 als Austauschschüler in Des Moines, Iowa. Bill Bryson ist nur wenige hundert Meter von dem Haus aufgewachsen, in dem ich damals gelebt habe. Das sorgte für eine ziemliche emotionale Verbindung und ich habe daraufhin viele weitere Bücher von Bryson gelesen.

thunderbolt_kidThe Life And Times Of The Thunderbolt Kid: Travels Through my Childhood habe ich allerdings nicht gelesen, weil ich Neuerscheinungen von Bill Bryson sofort mitbekomme – das Buch ist 2010 erschienen – sondern weil neben mir in der Ubahn eine junge Frau saß, die ein Buch las und als ich herausfinden wollte, was sie liest, ist mir irgendwas mit „Des Moines“ aufgefallen und musste ich sie einfach ansprechen und wie sich herausstellte, hatte sie auch nahezu alles von Bryson gelesen und noch bevor ich aussteigen musste, hatte ich wieder einen weiteren Kindle-Impulskauf getätigt.

Das Buch ist prima, wenn man den stellenweise etwas albernen Erzählstil mag und Interesse an den 50er Jahren in den USA hat. Des Moines muss damals eine ziemlich schöne, provinzielle Stadt gewesen sein mit tollen, freundlichen Menschen. Vieles von dem, was Bryson schildert, kannte ich auch noch aus meinem Austauschjahr oder durch spätere Besuche. Im altehrwürdigen Younkers Tearoom habe ich beispielsweise eine Hochzeit gefeiert und auch in den 90ern lies der Raum noch erahnen, wie Downtown damals mal gewesen sein muss, als Kaufhäuser noch neu waren. Viele Orte, an denen Bryson seine Kindheit verbracht hat, habe ich auch sehr geschätzt, sei es die lokale Supermarktkette Dahl’s, die wunderbaren Anwesen „South of Grand“, deren Straßen ich als Fahranfänger unsicher gemacht habe oder natürlich meine Schule, die Theodore Roosevelt High School. Der Iowa State Fair ist immer noch die Attraktion des Sommers und die Freundlichkeit der Menschen in Iowa ist legendär.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, selber viel in Erinnerungen geschwelgt und hatte immer wieder den alten Claim der Tourismuszentrale Iowa im Kopf, der mal lautete „A good place to grow.“ – denn auch wenn natürlich Vieles nicht mehr ist, wie es zu Brysons Kindheit mal war, so ist Des Moines, Iowa immer noch ein wunderbares Fleckchen erde, an dem zwar nichts passiert, aber man eben ganz wunderbar aufwachsen kann. Ich muss dringend mal wieder nach Des Moines reisen.

The Life And Times Of The Thunderbolt Kid: Travels Through my Childhood

Als ich vor ein paar Wochen eine Einladung per Mail bekam, dachte ich erst, jemand will mich verarschen. Transatlantischer Cyberdialog. Was für ein bescheuerter Begriff für einen Austausch über internationale Datenpolitik. Cyberdialog. Das musste ich erst mal sacken lassen und surfte eine Runde auf der Datenautobahn hin und her. Natürlich frotzelte ich später Aussenminister Steinmeier wegen des Begriffs an, er allerdings erwiderte nur, dass es wichtig sei, miteinander in einen Dialog zu treten. Da mag er Recht haben und dieses „man muss doch was machen“ ist auch das Einzige, was ich dem Cyberdialog zu Gute halte.

Die Veranstaltung war für mich alles andere als ein Dialog. Außenminister Steinmeier hielt eine gute Rede, die versuchte, den Blick nach Vorne zu werfen und John Podesta, Berater von Präsident Obama im Bereich Big Data, antwortete mit einer dieser typischen Reden amerikanischer Politiker, die gerne viele Erfolge vorweisen, obwohl sich eigentlich noch nichts geändert hat, aber natürlich seien alle „committed“. Na dann. Laut Podesta sollen EU-Bürger künftig dieselben Rechte wie US-Bürger bei der Überwachung durch die NSA erhalten, also sie sollen nicht überwacht werden und wenn, dann auch einen Rechtsweg beschreiten können. Aber natürlich erst, wenn die NSA mit der Programmierung so weit ist, einige Gesetze verabschiedet wurde, und und und.

Nach diesen beiden Reden folgte eine Debatte mit viel zu vielen Teilnehmern, die alle viel zu lange Statements ablieferten. Natürlich waren alle Teilnehmer total distinguished, aber vor allem die amerikanischen Vertreter kannten sich alle schon seit Ewigkeiten und waren rhetorisch sehr darin geübt, mit salbungsvollen Worten wenig zu sagen. Was sie aber sagten, war dann doch sehr gönnerhaft: die USA und Deutschland verfügten über dieselben Werte und daher werde sich das schon alles einrenken. Da die Werte natürlich unterschiedlich sind, insbesondere wenn es um den Begriff der Freiheit geht, werte ich diese Aussagen als ein „wartet mal ab, ihr übernehmt sowieso unsere Standpunkte, ihr habt ja eh keine Wahl!“

Der Dialog-Teil des Cyberdialogs umfasste dann die übliche Runde mit Fragen und Antworten, wobei natürlich immer mit „that’s a great question!“ geantwortet und dann über etwas ganz anderes geredet wurde. Wirkliche Regierungsvertreter saßen eh nicht auf dem Podium, sondern überwiegend Personen aus dem außen- und sicherheitspolitischen Establishment, die zwar Einfluss haben auf Regierungen, aber eher in beratender Funktion agieren. Parlamentarier saßen nicht auf dem Podium und aufgrund der Abstimmungslage des Tages, waren die geladenen Parlamentarier vor allem im Bundestag und nur kurz beim Cyberdialog.

Ich denke, dass es gut ist, ein Jahr nach den Enthüllungen von Edward Snowden mit den USA in einen Dialog darüber einzutreten, wie die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit in der digitalen Gesellschaft auszusehen hat. Allerdings hat die Bundesregierung auch 2014 kaum Möglichkeiten, die Bundesbürger vor dem Ausspähen durch einen anderen Staat zu schützen. Für mich ist es nachrangig, ob Snowden im NSA-Untersuchungsausschuss vernommen werden kann oder nicht, sondern es ist viel wichtiger, dass der Staat hier seiner Verantwortung nachkommt und die massenhafte Überwachung durch die amerikanischen und britischen Partner unterbindet. Wenn dies politisch nicht klappt, dann sollte die Bundesregierung endlich dafür sorgen, dass die entsprechenden Abwehrmechanismen entwickelt werden. Allerdings sind die derzeitigen Bemühungen eher dem Umstand geschuldet, dass es der US-Regierung ziemlich egal ist, was die Bundesregierung will. Natürlich will die Bundesregierung nicht, dass bei der Beschäftigung mit Edward Snowden herauskommt, dass die Bundesregierung oder deutsche Geheimdienste schon länger involviert waren. Daher wird jetzt der Blick nach Vorne geschärft, auch aus Eigennutz. Der Cyberdialog ist sicherlich ein erster Schritt, aber derartig zaghafte diplomatische Bemühungen mit mediokrer Einbeziehung der Zivilgesellschaft wird die anlasslose Überwachung der Bundesbürger sicherlich nicht zeitnah beenden.

Sonntag, Wahlabend, die erste Hochrechnung ist durch, die Euphorie hat sich gelegt, die ARD schaltet pünktlich zur Lindenstrasse, das ZDF sendet kurz danach Pilcher. Das ist völlig normal, egal wie spannend die Wahl ist und wie viel Interpretationsmöglichkeiten es gibt. Natürlich haben wir auch in Deutschland eine mediale Inszenierung, aber die Berichterstattung hat auch ihre Grenzen und vor allem ihre Rituale wie die Live-Schalte während der Tagesschau mit dem jubelnden Gewinner und seinen Anhängern. Aber dann spätestens ist Schluß, nur auf Phoenix wird unter Ausschluß der Öffentlichkeit weiter so langweilig wie möglich gesendet, bis auch der letzte Zuschauer endlich eingeschlafen ist.

Das Z-TeamKaum wird aber in der USA ein Präsident gewählt, drehen die beiden öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten komplett durch und senden die ganze Nacht über eine Dauerwahlsendung. Laut DWDL haben rund 530.000 Zuschauer diese Sendung bis 3 Uhr geguckt. Herzlichen Glückwunsch, wurde auch jeder Zuschauer namentlich während der Sendung angesprochen? Zeit genug wäre ja gewesen.

Überhaupt, wer denkt sich eigentlich ein Format aus, bei dem Lanz einen aggressiven Anwalt, einen ehemaligen Kanzlerkandidatenberater, eine ehemalige bekannte Journalistin, einen ehemaligen Botschafter und noch irgendwen zur Wahl in den USA befragt? Da kann man schon vorher davon ausgehen, dass der Erkenntnisgewinn ziemlich maßvoll ausfallen wird. Danach geht es dann munter weiter mit einer Pseudoberichterstattung im Stil von „NBC sagt, CBS sagt, ABC sagt, CNN meint“ und dann werden wieder alte Experten und euphorische junge Leute befragt. Zwischendurch werden hektisch aktuelle Hochrechnungen gezeigt und noch mehr Experten zu Rate gezogen, so daß einem ganz schwindelig wird vor lauter Experten zur US-Politik. Natürlich wird das alles eingebettet in eine „riesige Wahlparty“ und ganz viel Stars and Stripes, damit man die Nacht durchfeiern und mitfiebern kann. Ich war auch eingeladen. Danke dafür.

Warum das alles? Warum macht man eine Liveshow in der ARD, eine Liveshow im ZDF, warum fährt man Experten auf und lässt aus dem Twitterstream vorlesen wegen einer Wahl in den USA? Klar, der Präsident ist wichtig, aber das mit dem mächtigsten Mann der Welt glaubt man nach den Jahrzehnten des Gridlock und dem ewigen Hickhack um die immerselben Themen doch sowieso nicht mehr, oder? Ich freue mich ja auch für Obama und denke, dass diese Entscheidung gut für die USA ist, aber letztlich würde uns außenpolitisch nicht so viel Neues bei einem anderen Amtsinhaber erwarten. Warum sollte man sich so eine Sendung angucken, wo doch die Statistiken an jeder Ecke im Internet aktuellst zu finden sind, wo auf Twitter in Echtzeit die neuesten Themen reinlaufen und wo man vor allem nicht irgendwelche Dolmetscher oder Experten quasseln hört.

Die Dauerwahlsendung zur US-Wahl bleibt ein Mysterium für mich. Ich würde es toll finden, wenn mit so einem Aufwand, mit so viel Korrespondenten vor Ort, von mir aus auch mit irgendwelchen Experten, mal eine lange, unterhaltsame und informative Sendung zur Wahl in Deutschland gemacht wird. Von mir aus auch mit Emotionen und Meinung, aber immer noch besser als die ewigen Elefantenrunden und Spitzenkandidatenlaberwirhabengewonnenobwohlwirverlorenhabenstatements, da werden Lindenstraße und Pilcher in der Tat zur Alternative. Aber das haben die Sendeanstalten in der Hand, sie beugen sich mit den Formaten den Parteien und verschenken die Chance, auch Wahlen in Deutschland wirklich ausführlich zu begleiten. Vermutlich würden sogar mehr als 500.000 Zuschauer den Abend bei einer derartigen Wahlsendung verbringen.

Obama wurde wiedergewählt

Nico —  7.11.2012

fourmoreyearsoabama

Boah. Was bin ich froh.