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Sonntag, Wahlabend, die erste Hochrechnung ist durch, die Euphorie hat sich gelegt, die ARD schaltet pünktlich zur Lindenstrasse, das ZDF sendet kurz danach Pilcher. Das ist völlig normal, egal wie spannend die Wahl ist und wie viel Interpretationsmöglichkeiten es gibt. Natürlich haben wir auch in Deutschland eine mediale Inszenierung, aber die Berichterstattung hat auch ihre Grenzen und vor allem ihre Rituale wie die Live-Schalte während der Tagesschau mit dem jubelnden Gewinner und seinen Anhängern. Aber dann spätestens ist Schluß, nur auf Phoenix wird unter Ausschluß der Öffentlichkeit weiter so langweilig wie möglich gesendet, bis auch der letzte Zuschauer endlich eingeschlafen ist.

Das Z-TeamKaum wird aber in der USA ein Präsident gewählt, drehen die beiden öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten komplett durch und senden die ganze Nacht über eine Dauerwahlsendung. Laut DWDL haben rund 530.000 Zuschauer diese Sendung bis 3 Uhr geguckt. Herzlichen Glückwunsch, wurde auch jeder Zuschauer namentlich während der Sendung angesprochen? Zeit genug wäre ja gewesen.

Überhaupt, wer denkt sich eigentlich ein Format aus, bei dem Lanz einen aggressiven Anwalt, einen ehemaligen Kanzlerkandidatenberater, eine ehemalige bekannte Journalistin, einen ehemaligen Botschafter und noch irgendwen zur Wahl in den USA befragt? Da kann man schon vorher davon ausgehen, dass der Erkenntnisgewinn ziemlich maßvoll ausfallen wird. Danach geht es dann munter weiter mit einer Pseudoberichterstattung im Stil von “NBC sagt, CBS sagt, ABC sagt, CNN meint” und dann werden wieder alte Experten und euphorische junge Leute befragt. Zwischendurch werden hektisch aktuelle Hochrechnungen gezeigt und noch mehr Experten zu Rate gezogen, so daß einem ganz schwindelig wird vor lauter Experten zur US-Politik. Natürlich wird das alles eingebettet in eine “riesige Wahlparty” und ganz viel Stars and Stripes, damit man die Nacht durchfeiern und mitfiebern kann. Ich war auch eingeladen. Danke dafür.

Warum das alles? Warum macht man eine Liveshow in der ARD, eine Liveshow im ZDF, warum fährt man Experten auf und lässt aus dem Twitterstream vorlesen wegen einer Wahl in den USA? Klar, der Präsident ist wichtig, aber das mit dem mächtigsten Mann der Welt glaubt man nach den Jahrzehnten des Gridlock und dem ewigen Hickhack um die immerselben Themen doch sowieso nicht mehr, oder? Ich freue mich ja auch für Obama und denke, dass diese Entscheidung gut für die USA ist, aber letztlich würde uns außenpolitisch nicht so viel Neues bei einem anderen Amtsinhaber erwarten. Warum sollte man sich so eine Sendung angucken, wo doch die Statistiken an jeder Ecke im Internet aktuellst zu finden sind, wo auf Twitter in Echtzeit die neuesten Themen reinlaufen und wo man vor allem nicht irgendwelche Dolmetscher oder Experten quasseln hört.

Die Dauerwahlsendung zur US-Wahl bleibt ein Mysterium für mich. Ich würde es toll finden, wenn mit so einem Aufwand, mit so viel Korrespondenten vor Ort, von mir aus auch mit irgendwelchen Experten, mal eine lange, unterhaltsame und informative Sendung zur Wahl in Deutschland gemacht wird. Von mir aus auch mit Emotionen und Meinung, aber immer noch besser als die ewigen Elefantenrunden und Spitzenkandidatenlaberwirhabengewonnenobwohlwirverlorenhabenstatements, da werden Lindenstraße und Pilcher in der Tat zur Alternative. Aber das haben die Sendeanstalten in der Hand, sie beugen sich mit den Formaten den Parteien und verschenken die Chance, auch Wahlen in Deutschland wirklich ausführlich zu begleiten. Vermutlich würden sogar mehr als 500.000 Zuschauer den Abend bei einer derartigen Wahlsendung verbringen.

Heute gibt es wieder dieses wundervolle Schaulaufen der Politiker, die ab 18 Uhr vor die Kameras gezerrt werden und irgendwelche Statements absondern sollen. Die meisten Statements sind völlig inhaltsleer oder falsch, alle Statements haben aber den Zweck, frühzeitig die Meinungen beeinflussen zu wollen. Allen Politikern geht es darum, möglichst zügig zu punkten, damit ihre Meinung, die oft deckungsgleich ist mit der Parteimeinung, bzw. sich dieser unterordnen muß, als die ausschlaggebene Meinung des Abends angesehen wird.

Das gehört echt abgeschafft. Nichts diskreditiert die Politik so sehr wie der Versuch, eine krachende Niederlage zu einem strahlenden Sieg zu wandeln. Die Wähler wählen vielleicht nicht immer das, was sie sollen, aber sie sind nicht doof!

Mir kommt die Galle hoch, wenn ich Sprüche wie diesen höre:

“Wir haben den historischen Wechsel geschafft mit einem Wahlkampf, der klar Kurs gehalten hat.”

Lieber Nils Schmid, Du hast die SPD in einen Wahlkampf geführt, der in den letzten 6 Monaten von einer massiven Wechselstimmung geprägt war und Du hast es nicht geschafft, davon zu profitieren, sondern hast auch noch ein mieseres Ergebnis als bei der letzten Wahl eingefahren! Also stell Dich nicht als Wahlsieger da, sondern dank den Grünen, die mit einem Spitzenkandidaten, der den Charme und den Elan eines Verwaltungsbeamten einer vergessenen Kleinstadt versprüht, es geschafft haben, Dich ziemlich unbedeutend zu machen! Die haben Dir den Arsch gerettet, lieber Nils! Trotz Dir und der SPD ist Mappus jetzt weg. Was war denn Dein klarer Kurs? Bloß nicht auffallen? Das ist super gelungen!

Seid doch einfach mal ehrlich und gebt zu, daß ihr es verbockt habt. Da hat Japan nicht dran schuld, liebe FDP, sondern das ist eigenes Versagen! Die CDU hat in Rheinland-Pfalz und Baden-Würtemberg trotz der allgemeinen Stimmungslage sehr respektable Ergebnisse eingefahren, das sollte auch zu denken geben. König Kurt in Rheinland-Pfalz hat jedenfalls gerade noch so seinen Arsch gerettet, aber schön ist was anderes. Die Leute erwarten Klarheit und Alternativen, nicht einfach nur irgendwas. Für die SPD in Rheinland-Pfalz sollte diese Landtagswahl ein massiver Warnschuß sein, daß “Weiter so!” noch nie gut geklappt hat auf Dauer.

Und bei der nächsten Wahl wünsche ich mir, daß sich die Politiker hinstellen und einfach mal sagen: “ja, wir haben es verkackt, das kann man doch deutlich sehen!” – anstatt wie üblich irgendwelche Traumdeutungen zu machen und die Schuld bei anderen zu suchen.

Am 20. Februar 2011 wird in Hamburg die Bürgerschaft gewählt, da die Koalition zwischen GAL und CDU zerbrochen ist. Wichtig ist bei dieser Wahl, daß ein neues Wahlrecht anzuwenden ist, bei dem die Wählerinnen und Wähler 5 Stimmen für die Landesliste und 5 Stimmen für die Wahlkreisliste zur Verfügung stehen. Da dies noch recht ungewohnt ist, hat die Stadt Hamburg unlängst jedem Wähler Musterstimmzettel zugeschickt, um den Bürgerinnen und Bürgern zu verdeutlichen, wie der künftige Ablauf bei der Wahl ist.

Ich habe mir nach eingehendem Studium der Musterstimmzettel überlegt, daß die Komplexität noch nicht gut genug erklärt worden ist, dies möchte ich daher hier nachholen.
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Ich gehe nicht wählen

Nico —  22.07.2009 — 5 Comments