Ja, es musste so kommen, nun schreibe auch ich noch über die Zeitungen, natürlich ist die Insolvenz der Frankfurter Rundschau der Aufhänger und natürlich haben schon ganz viele Leute dazu ganz viele schlaue Sachen dazu formuliert, exemplarisch sei das Facebook-Posting von Wolfgang Blau und der Blogpost von Dirk von Gehlen empfohlen.
Ich bin aufgewachsen mit einem Stapel Tageszeitungen, bei uns zuhause wurden die Lübecker Nachrichten, die Bergedorfer Zeitung, die Frankfurter Rundschau, aber auch die Kieler Nachrichten und das Hamburger Abendblatt gelesen. Hinzu kamen der SPIEGEL und die ZEIT, natürlich der Stern und später auch der Focus. Als Kind eines Politikers habe ich früh angefangen, Zeitungen zu lesen, vor allem als mein Vater ständig in der Presse war und mich Lehrer mehr und mehr darauf ansprachen, was mein Vater schon wieder gesagt hätte.
Ich lese schon sehr lange keine einzige Tageszeitung mehr. Im Studium habe ich die Frankfurter Rundschau verschlungen, jeden Morgen. Während meines Auslandsjahrs in Berkeley habe ich sofort den San Francisco Chronicle abonniert, ein Tag ohne Tageszeitung konnte ich mir nicht vorstellen. Mittlerweile ist es anders. Ich überfliege die Website des Hamburger Abendblatts und lese 4-5 Artikel, viel mehr finde ich nicht interessant. Die Schlagzeilen-Seite von SPON ist sicherlich die Seite, die ich am Tag am häufigsten öffne, um zu gucken, was es Neues gibt. Ich habe einen proppevollen Feedreader und lese Flipboard auf Tablets oder dem iPhone. Meine sozialen Netzwerke kuratieren Inhalte für mich, die ich über Twitter, Facebook oder Google+ finde und lese. Ich kann mich nicht beklagen, dass ich zu wenig lesen könnte. Ich bin ein News-Junkie, war ich schon immer. Wenn ich alleine bin und nichts zu lesen habe, lese ich die Milchpackung durch, einfach ins Leere gucken fällt mir schwer.
Aber. In meinem News-Konsum findet nahezu keine Linearität mehr statt. Ich blättere nicht von Vorne bis Hinten, ich lese punktuell. Ich kann mir daher nicht mehr vorstellen, für eine Bündelung von Inhalten, eine sog. Ausgabe, eine Handvoll Euro zu bezahlen, nicht bei Inhalten, bei denen es um News geht, oder die Einordnung von aktuellem Geschehen. Dennoch habe ich nicht das Gefühl, ich würde etwas verpassen.
Das hilft aktuell den betroffenen Redakteuren bei der FR oder bei PRINZ oder bei der FTD überhaupt nicht weiter, aber ich glaube, dass diese Bündelung von Inhalten und der Vertrieb mittels Druck auf Papier sich überlebt haben. Das Doofe ist nur, dass niemand ein Patentrezept für die Zeit danach hat.
Ich würde für Folgendes bezahlen:
1. Kickass lokalen Journalismus. Einordnung, kritische Begleitung, von mir aus auch Gossip und Peoplekrams, aber lokale Themen und die ordentlich aufbereitet. Texte, die ich sonst nicht finde, die aber zu Themen um mich herum stattfinden. Dazu gehört auch lokale Wirtschaft, lokaler Sport und lokale Kultur, aber ordentlich und nicht immer nur über die üblichen Verdächtigen.
2. Konsequente digitale Verbreitung, damit der Leser selber entscheiden kann, wann und wie und wo die Inhalte konsumiert werden können. Der Distributionsweg ist egal, nur die Leser sollen erreicht werden.
3. Präsenz beim Leser, damit man noch schneller bei den Themen ist, aber auch Feedback bekommt, bzw. Akzeptieren lernt.
4. Werbung, die lokal ist und nicht nach dem Motto viel hilft viel funktioniert. Ein Kardinalfehler der Online-Vermarktung war das Ausrichten der Online-Werbung am linearen Prinzip der Print-Vermarktung, daraus resultierten lousy Pennies und genervte Nutzer. Das kann man ändern, wenn man den lokalen Markt kennt.
5. Konsequente Nutzung von Hyperlinks in allen Texten. So lange ich noch Überschriften sehe, die nicht verlinkt sind, oder Kastentexte, die fehlen, kann ich die Online-Derivate von Tageszeitungen nicht ernst nehmen, denn sie nutzen das Medium nicht adäquat.
Kann man so etwas heutzutage dem Nutzer liefern? Klar. Kann man das profitabel betreiben? Bestimmt. Noch gibt es Kompetenz-Zuschreibungen für die lokalen Akteure, noch gibt es vorhande Strukturen. Allerdings auch viel angesammelten Ballast, der das agile Vorgehen erschwert, also Strukturen, Köpfe, Verhaltensweisen, und so weiter. Ohne eine verstärkte Agilität am Markt werden in den nächsten Jahren noch viel mehr Zeitungen verschwinden und die Trauer wird immer weniger werden, weil es zur Normalität gehören wird, dass ehemalige Platzhirsche oder Vorreiter vom Markt verschwinden werden. Das Geschäftsmodell der Tageszeitungen hat sich in der aktuellen Form massivst überlebt und die finanziellen Polster werden immer dünner werden. Wer sich jetzt nicht bewegt, hat verloren, und bei dieser Entwicklung sind wir erst am Anfang.
Aber, was weiss ich schon, ich bin nur irgendein Leser mit Flausen im Kopp.














