Es wird mal wieder Zeit für einen beruflichen Tapetenwechsel. Nach zwei Jahren Selbständigkeit werde ich künftig als COO des Next Media Accelerator in Hamburg arbeiten. Gemeinsam mit der dpa und namhaften Investoren haben wir diesen neuen Accelerator in Hamburg gestartet.

Ich freue mich wahnsinnig auf die Aufgabe. Ich bin jetzt seit 20 Jahren online und ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch alles, was ich seitdem beruflich getan habe: die Veränderung der Medien und der Kommunikation durch digitale Technologien. Es gibt kaum etwas, das ich spannender finde, als frühzeitigst neue Startups zu identifizieren, die neue Produkte an den Markt bringen wollen.

Ich mag es, ein Startup-Trüffelschwein zu sein.

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Wir werden zwei Mal im Jahr je 5 Startups zu uns ins betahaus holen und ihnen dabei helfen, möglichst schnell zu wachsen. Das tun wir, indem wir Grundlagen vermitteln in wichtigen Bereichen wie Online Marketing, PR und Branding, aber auch indem wir die Finger in die Wunden legen und dabei helfen, das jeweilige Produkt noch besser zu machen. Zu unserem Angebot gehört natürlich auch ein großes Netzwerk an Mentoren und Partnern. So bieten Facebook, Google, Twitter, Amazon, IBM und andere kostenlose Dienste wie z.B. Cloud-Nutzung für unsere Startups an, die unser Angebot noch zusätzlich attraktiv machen. Je nach gewähltem Paket bekommen Startups bei uns 25.000 € oder 50.000 € und geben dafür 5 % bzw. 10 % der Firmenanteile an uns ab. Für 3 % Anteile bieten wir Bürofläche, Netzwerk und alles, was dazu gehört, aber keine finanzielle Unterstützung.

Unser Ziel ist es, dass wir die besten jungen Startups im Bereich Medien identifizieren und zu uns holen. Es geht um Inhalte, Werbung, Technologie und Dienstleistungen – also alles, was spannend ist und sich andauernd verändert. Das Programm für die Startups läuft 6 Monate und wir setzen darauf, dass wir möglichst für jedes Startup eine Folgefinanzierung hinbekommen werden in diesem Zeitraum.

Ich bedanke mich schon jetzt für viele tolle Bewerbungen beim Next Media Accelerator!

Walden und die Sehnsucht

Nico —  10.05.2015

WALDEN_Cover_final_02042015.inddDas mag jetzt vielleicht einige von Euch überraschen, aber hinter meiner knallharten Digitalschale verbirgt sich durchaus ein weicher Printkern. Und ich lese auch mal ganz gerne Zeitschriften. Ja, jetzt ist es raus.

Und seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten, beneide ich die Frauen um ihre vielfältigen Frauenzeitschriften, während es bei den Männerzeitschriften immer nur um Muskeln, Sex, Geld und Autos geht.

Daher bin ich ganz erfreut, dass Gruner & Jahr jetzt mit Walden eine neue Zeitschrift auf den Markt gebracht hat.

Allein schon der Name der Zeitschrift ist super gewählt. Walden. Henry David Thoreau muss man einfach mögen, nicht nur wegen Walden, sondern vor allem wegen seines Aufsatzes Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. Als ich mit 17 Jahren Thoreau entdeckte, war ich sehr fasziniert von der Rigorosität, mit der er versuchte, sich gegen den Staat und die seiner Meinung nach falsche Politik zur Wehr setzte und sich fernab der Zivilisation zurückzog.

Nun also Walden, als Zeitschrift für Männer, die Sehnsucht nach Outdoor haben. “Die Natur will Dich zurück” ist der Untertitel und ich bin wohl voll die Zielgruppe.

Ich lebe mit meiner Familie in der Stadt und tue das auch sehr gerne, aber das Gefühl, mal raus zu müssen, hat bei mir in den letzten Jahren stetig zugenommen. Wanderschuhe habe ich gekauft und auf dem Brocken war ich letztes Jahr auch mal kurz, aber man kommt ja zu nix. Nur die Sehnsucht nach Natur bleibt und Bücher wie The Outsiders: New Outdoor Creativity lassen erahnen, dass ich nicht der Einzige bin, der urban lebt und einen Drang danach hat, wieder mehr Erlebnisse in der Natur zu haben.

Walden ist die erste Zeitschrift seit langem, die ich in einem Rutsch von Vorne bis Hinten durchgelesen habe. Das mag ein wenig daran liegen, dass ich im IC von Düsseldorf nach Hamburg saß und es nur maximal EDGE gab. Es liegt aber vor allem daran, dass mir Walden sehr gut gefallen hat: interessante Stories, tolle Fotos, ungewohnt dickes Papier und ein zeitgemäßes Design. Vor allem aber: keine Leistungsshow mit Spezifikationen und Hightech, sondern wenn Produkte vorgestellt wurden, dann qualitativ hochwertige, aber doch eher einfache Produkte. So wie ich sie mag und seit über einem Jahr immer mal wieder bei Neueszeugs.de verewige.

Was mich aber jetzt schon ärgert: Walden erscheint nur zwei Mal im Jahr. Was soll das denn? Erst anfixen und dann sowas.

Ich habe ja vor etwas über 3 Jahren einen kleinen, aber feinen Verein gegründet, der zur Aufgabe hat, progressive Digitalpolitik zu entwickeln: D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. Ende Februar hatten wir unseren Neujahrsempfang veranstaltet und das politische Berlin eingeladen.

Das war eine sehr schöne Veranstaltung und mit über 300 Gästen auch sehr besucht. Neben dem Netzwerken gab es auch einen offiziellen Teil. Ich durfte als Gastgeber eine kurze Rede zur Begrüßung halten, danach SPD-Chef Sigmar Gabriel lauschen und kurz mit ihm diskutieren. Danach haben Lars Klingbeil, MdB und ich über die letzten Jahre Netzpolitik geredet.

Hier sind ein paar Videos von der Veranstaltung.

Meine kurze Rede zur Begrüßung:

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Es gibt kaum eine Frage, die mich derzeit mehr nervt als die Frage nach einem Livestream von Veranstaltungen. Nur weil etwas geht, muss es noch lange nicht Sinn machen, es zu tun.

Livestreaming ist eine völlig falsch verstandene Art der Transparenz, eines der vielen Irrtümer, die aus dem Umfeld der Piratenpartei hervorgegangen ist. Der kleine Bruder des Livestreaming ist übrigens die Twitterwall, die ich auch für völlig schwachsinnig halte.

Ich glaube nicht, dass alles, was wir machen, live gestreamt werden muss. Und ich glaube auch nicht, dass wir in Echtzeit auf alles antworten müssen, nur weil es theoretisch ginge.

Natürlich finde ich es erstrebenswert, die Teilhabe zu verbreitern, weswegen ich Vorträge durchaus live streamen würde.

Nicht aber Diskussionsveranstaltungen. Sobald eine Kamera läuft, verändert sich die Dynamik einer Veranstaltung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer versuchen dann so zu sprechen, dass es kameratauglich ist. Das wird dann ungefähr so spannend wie das gegenseitige Verlesen von Pressemitteilungen, denn alle Teilnehmer greifen auf Textbausteine zurück. Das wird noch schlimmer, wenn man gleichzeitig eine Twitterwall im Blick haben soll, denn Sprechen, Lesen, Zuhören und Denken ist ganz schön viel auf einmal. Da sorgt der Ruf nach Transparenz schnell für eine Fassade aus Worten, die dann auch niemandem wirklich weiterhilft.

Nach unserer D64 Veranstaltung mit Dorothee Bär sagte ein anwesender Journalist anerkennend, dass er überrascht sei, wie offen auf meine Fragen geantwortet wurde. Das liegt vermutlich nicht daran, dass ich so ein toller, einfühlsamer Moderator bin, der elegant die Schwingungen nutzt und so mehr in Erfahrung bringt als andere. Es liegt vor allem daran, dass wir bei diesen Gesprächen unter uns sind. Noch nicht einmal einen Hashtag gibt es.

Ich mache das ganz bewusst so. Denn ich finde, dass eine Veranstaltung besser ist, wenn alle vor Ort nicht nur anwesend, sondern auch dabei sind. Wer nebenbei auf Twitter kommentiert oder liest, ist vermutlich nicht so sehr dabei.

Bei allen Möglichkeiten, die sich durch Technologie bieten, sollten wir nicht vergessen, dass die Zusammenkunft an einem Ort eine ganz besondere Qualität hat. Zwar mag es für einige Leute nicht machbar sein, an einer Veranstaltung teilzunehmen, aber würde man auf alle Befindlichkeiten Rücksicht nehmen, wäre allein schon die Terminfindung zum Scheitern verurteilt.

Livestreaming und das Beharren auf Echtzeit immer und überall sorgt auch dafür, dass wir immer weniger Zeit für das Reflektieren haben. Wir sollten uns nicht die Möglichkeiten nehmen lassen, in einem Gespräch auch neue Dinge lernen und seine eigenen Positionen eventuell anpassen zu können. Wenn alles aufgezeichnet und dabei kommentiert wird, werden wir das nicht mehr schaffen. Daher werde ich künftig weiter Veranstaltungen ohne Livestream machen – ich freue mich auf viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort.

Über das Phänomen PEGIDA wurde schon viel geschrieben und auch darüber, dass nicht alle Demonstranten Rassisten und Ausländerfeinde seien. Ich glaube auch, dass man hier differenzieren muss zwischen den Organisatoren, die plumpe ausländerfeindliche Rhetorik nutzen, um unzufriedene Bürger zu mobilisieren und denjenigen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, von der Politik nicht repräsentiert oder gehört fühlen.

Mit den Organisatoren sollte man nicht reden, denn sie schüren Ausländerfeindlichkeit und Intoleranz. Das ist klar und da darf es keinen Dialog auf Augenhöhe geben, das würde diese Spinner nur aufwerten. Weder bei Jauch noch bei runden Tischen sollte man mit diesen Hetzern zusammensitzen.

Aber ich finde es klug und richtig, dass sowohl Sachsens Ministerpräsident Tillich (CDU) als auch SPD-Chef Gabriel mit dem dialogbereiten Teil der Demonstranten redet. Es ist übrigens schlau von Gabriel, sich ohne Ankündigung einfach ins Publikum zu setzen und zuzuhören.

Die Kritik am Besuch Gabriels bei der Diskussionsveranstaltung teile ich ausdrücklich nicht. Seine Betonung, er sei als „Privatmann“ anwesend, ist natürlich etwas affig, er kann ja seinen SPD-Vorsitz nicht einfach so abstreifen wie ne olle Badehose. Aber wenn in Deutschland Menschen frustriert sind und das Gefühl haben, zu den Verlierern zu gehören, dann ist die SPD gut beraten, zuzuhören. Das sagt übrigens auch der Parteienforscher Franz Walter:

Noch macht die klassische Kernklientel der Partei nicht bei Pegida mit. Damit das so bleibt und sich nicht so deprimierend entwickelt wie in Österreich, in Frankreich, derzeit auch in Großbritannien, sollten die Sozialdemokraten eine hohe Sensibilität für die Alltagslasten dieser Schichten bewahren, besser: neu gewinnen. Aber das darf nicht sozialtherapeutisch bleiben. Es muss politisch werden; und man muss politisch führen.

Damit man politisch führen kann, muss man aber auch verstehen, wo man die Menschen abholen kann. Das bekommt man nur über einen Dialog hin und das bedeutet, dass man auch mal mit den Menschen vor Ort redet.