ICE zum Wochenausklang

Keep on Running plärrt es aus meinen Ohrstöpseln und der ICE rollt gen Hamburg, mal wieder. Eigentlich fahre ich ja hin und her, damit ich wenigstens etwas Schlaf bekomme, aber dennoch will ich die Zeit nutzen und mich mit ein paar Themen der Woche auseinandersetzen. Eben gerade war die Preisverleihung des Digital Lifestyle Awards im Rahmen der IFA in Berlin und verwandt.de hat im Bereich Community den Preis abgestaubt für ihr gut gemachtes Stammbaumgedöns. Das freut mich für die Jungs, auch wenn ich lieber Shoppero vorne gesehen hätte, aber wir sparen uns das dann für die wirklich wichtigen Preise auf…

Somebody Help me könnte man singen bei der Veranstaltung, denn ausnahmsweise kannte ich eher niemanden dort, was ich schon erstaunlich finde. Der krasse Gegensatz dazu war gestern der Nugg.ad Salon in Hamburg, wo moderiert von Martina Pickhardt eine Diskussion zwischen Sascha Lobo und Claudia von IP Deutschland stattfand. Here right now war ich durchaus in meinem Lieblingsthema unterwegs, der Vermarktung von Web 2.0 Portalen und die Diskussion verlief durchaus anregend, wenn auch eher unter den Teilnehmern als unter den Diskutanten. Ich glaube, die grosse Herausforderung derzeit ist nicht zu sagen, dass man nun auch Web 2.0 vermarktet, was auch immer das heissen mag, sondern das Entwickeln von Werbeformen, die auf das veränderte Umfeld passt. Da wird noch einiges passieren in den nächsten Monaten und ich glaube, Werbung wird dadurch spannender werden. Gimme some lovin’ werden dann viele kleine Startups rufen und hoffen, auch ohne Reichweite auf den Vermarktungszug aufzuspringen, aber Nischenvermarktung wird weiterhin schwierig bleiben in Deutschland. Ab sofort hat die Bahn keine Raucherwaggons mehr, das finde ich super. Wenn jetzt noch kein Warsteiner mehr serviert werden würde und die Bestätigungsmails bei einer Online-Buchung zum einen das PDF oder einen URL für das Ticket enthalten könnten und nicht mit dem Absender “kunde” an mich geschickt werden würde, wäre ich sehr verzückt.

I’m A Man und bin derzeit fasziniert, dass sich auf einmal doch noch Widerstand gegen Wolfgang “Stasi 2.0” Schäuble regt. Kracher der Woche war natürlich die Ankündigung, dass der Bundestrojaner getarnt als legitime Mail einer Bundesbehörde verschickt werden solle. Denn da stehen alle stramm und schalten die Virenscanner aus, das ist ja klar. Die Diskussion zeigt, wie wenig Plan Politik, Presse und die gemeine Öffentlichkeit an sich vom Thema Internet haben. Erschreckend. Praktischerweise überzieht Schäuble dermassen, dass sich nun langsam aber sicher kritische Stimmen hörbar zu Wort melden.

Dimples habe ich auch, früher mehr als jetzt. Ich bekomme langsam das Gefühl, dass ich zum Facebook-Evangelisten werde, so fasziniert bin ich derzeit von dem Thema. Letzte Nacht habe ich mit Lee Lorenzen telefoniert, der mit Altura Ventures den ersten VC nur für Facebook-Apps gestartet hat und fühlte mich doch in vielen meiner Annahmen durchaus bestätigt. It’s gonna work out fine ist derzeit der Grundtenor wenn es um Facebook geht, von der Spamschleuder MySpace redet derzeit niemand mehr und ich denke, dass ausserhalb der Musikbranche und dem frenetischen Zählen gefakter Abspielungen kaum noch jemand auf MySpace setzen wird. Je mehr ich mich mit Facebook beschäftige, desto weniger glaube ich wirklich daran, dass StudiVZ ebenfalls eine Plattform anbieten wird, da liegen konzeptionelle Lichtjahre zwischen beiden Portalen. Der Deutschland-Start von Facebook soll ja im Herbst erfolgen, da bin ich ziemlich gespannt, wie der gemeine Germane an sich das Portal aufnehmen wird, bzw. wie die Markteintritts-Strategie hier in Deutschland sein wird. Let me down easy wird es dann wohl heissen für StudiVZ, denn ich glaube einfach nicht daran, dass die Stickyness unter all den Fake-Accounts vorhanden ist. Klar, der Germane ist stur und sieht neue Sachen eher als Bedrohung denn als Chance an, aber die Wahl zwischen StudiVZ und Facebook sollte leicht fallen, es sei denn begeht die üblichen Fehler, die amerikanische Firmen gerne machen.

Kansas City ist bekannt vor allem für das BBQ und ich würde auch gerne mal wieder hin, aber nun freue ich mich erst einmal auf das Wochenende in Hamburg. Das Wetter ist zwar gerade sauherbstlich, aber ich freue mich extrem, wieder in Hamburg wohnen zu dürfen. Meine Motivation ist extrem gestiegen, ich habe wieder ein Umfeld, dass mir sehr gefällt, vor allem im Privaten und bin ziemlich dankbar, dass mein Arbeitgeber all dieses mitmacht und in Kauf nimmt, dass ich nicht permanent in Köln sitze, sondern nur noch ab und zu. Oh Pretty Woman kann ich in ca. einer Stunde wieder sagen, wenn ich vom Vorort Berlin wieder in Hamburg bin. Die ICE-Verbindung finde ich sowieso sensationell, nur eine dauerhafte UMTS-Abdeckung fehlt und ein ICE, der um 1 Uhr nachts noch fährt. In den letzten Wochen habe ich meine Ökobilanz voll verbessert, wenn das so weitergeht, bekomme ich die grüne Sustainabl-Plakatte am Jutefaden.

I’ll drown in my own tears wenn ich auf die Blogosphäre gucke in der Nacht, wenn mein Feedreader wieder refresht hat und ich sehe, dass bis auf ein paar Ausnahmen, jedenfalls in meiner kruden Selektion, bloggen immer noch als Linkschleuder angesehen wird, nicht aber als Meinungstool. Wir sind 2003 mit Blogg.de und dem Slogan “Blogg’ Dir Deine Meinung!” angetreten und ich finde nachwievor, dass das die Sache ist, die Blogs wirklich von allen anderen Publikationsformen abheben könnten. Massive Meinung, tagaus, tagein. Ncht nur Ein-Satz-Genörgel, sondern fundierte Meinung. Danach sehne ich mich immer noch. Da muss die Blogosphäre gar nicht sensationell wachsen, es reicht mir, wenn mehr originärer Content entsteht und mehr diskutiert wird. Strong Love ist sicherlich das Bloggen für etliche von uns, weil man die Themen anpacken kann, die man anpacken will. Ich finde es schade, dass viele da unter den Möglichkeiten bleiben, die sie beim Publizieren eigentlich hätten. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass man bei Facebook ja sehr darauf achtet, dass die User mit ihren wirklichen Namen agieren und nur echte Freunde hinzufügen. Das macht Sinn, denn dann kann man die Inhalte, die von den Usern veröffentlicht werden, viel besser in einen Context bringen. Georgia on my Mind ist eben immer noch so ein Gänsehautsong und ich glaube, man muss es schaffen, dem Leser bei der Lektüre Gänsehaut zu verschaffen, weil dieser spürt, dass dort Meinung stattfindet, die an- oder aufregt. Mir ist da noch viel zu viel Weichspüler unterwegs, zu viel Bandwagonbloggerei, zu wenig das Abrufen der eigenen Kreativität. Dafür viel Verbissenes, viel Genörgel und Rechthaberei, das muss doch nicht sein, nehmt Euch nicht so wichtig, aber lasst es mal krachen. Polarisiert mal, regt mal eine Diskussion an, aber seid auch in der Lage, den eigenen Standpunkt eventuell wegen besserer Argumente zu verlassen. Das fände ich wirklich anregend. Auch und weil es Grösse erfordert. Nur Nachgeblogge zu veröffentlichen ist doch irgendwie langweilig. Goodbye Stevie.

Slideshowbewertungen – Widgets wirken

Robert geht kurz ein auf die bei MSNBC ins Spiel gebrachte Bewertung von mind. $1,5 Mrd für den Marktführer im Bereich Slideshows slide.com:

Dabei ist Slide nix anderes, als eine ganz popelig einfache Plattform, die es dem User ermöglicht, zB Slideshows anhand von Bildern zu erstellen und auf einer anderen Website einzubinden.

Robert, genau das ist Slide.com und genau darin liegt das Geheimnis des Erfolges. Slideshows sind eine virale Applikation und verbreiten sich überall dort, wo Leute mir nur ein paar Clicks ein paar Fotos aufgepeppt darstellen wollen. Die damit erzielte Reichweite ist immens und hat nichts mehr mit der herkömmlichen Reichweite eines grossen Portals zu tun. Die unique Visits im positiv besetzten Umfeld, nämlich auf einer persönlichen Seite eines in der Regel bekannten Users, haben ein immenses Vermarktungspotential.

Die Magie ist es allerdings, eine Plattform so “popelig einfach” zu machen, dass einfach alle sie nutzen können. Wenn dann noch der Coolness-Faktor hinzukommt und das richtige Timing, dann kann so eine Firma extrem wertvoll werden. Die Reichweite, die Widgets bereits jetzt erzielen, lässt erahnen, wie sich der Kampf um die Aufmerksamkeit der User in der nächsten Zeit entwickeln wird. Slideshows sind ganz vorne dabei und Slide.com sicherlich der Schrittmacher einer spannenden Entwicklung.

Wir haben uns daher ja auch unlängst an Imageloop beteiligt, die in unseren Breiten im Slideshow-Markt ganz Vorne mitmischt und bereits jetzt beachtliche monatliche Reichweiten erzielt. Wenn man sich z.B. bei Imageloop die Nutzung des iPhone-Skins für Slideshows anguckt, dann kann man erahnen, was die Personalisierung von Foto-Inhalten für ein Potential bei der Vermaktung haben kann. Wir sind da erst am Anfang einer Entwicklung, die sicherlich mit dem Exit der Slide.com-Gründer ziemlich an Fahrt aufnehmen wird.

Wer von Euch sieht täglich Widgets? Eben. Alle.

Sustainabl – es grünt so grün Dein Startup

Stephan Uhrenbacher, dessen Qype wohl die meisten kennen, macht sich Gedanken über die Ökobilanz seines Startups und hat daher Sustainabl gestartet. Sicher, wenn bei Qype Papier getrennt wird, dann wird das die globale Ökobilanz kaum beeinflussen, aber es geht letztendlich um die gute alte Idee des think global – act local.

Nachhaltigkeit bei Startups – da denkt man zuerst unweigerlich an das Businessmodell und das vorhandene Geld, aber es ist gut, dass Stephan dafür sorgen will, dass der Awarenesslevel für die Ökobilanz eines Unternehmens gesteigert wird. So ganz genau erschliesst sich mir noch nicht, was Sustainabl machen soll und wird, aber ich gehe mal von einer Art Best Practice Sammlung von und für Startups aus.

Die Auswirkungen des Bahnfahrens auf mein Geblogge

Es ist schon erstaunlich, in der Abgeschiedenheit eines ICE ohne Internet-Zugang komme ich wirklich mal zum Schreiben, nachdem die Feeds mal abgearbeitet sind. Ich geniesse derzeit die Ruhe, die ich im Zug habe und anders als im Flieger, in dem ich grundsätzlich noch vorm Starten einpenne, auch mal zum Nachdenken und Aufschreiben komme.

Bloggen ist auch nach 4 Jahren ein schwer zu packendes Phänomen für mich. So viele Themen, die ich bloggen will, muss, soll, darf, kann, aber nicht immer passt es zeitlich, thematisch, oder ich habe eine Schere im Kopf, die ich mir selber auferlege, die verlangt wird, und so weiter. Ich blogge nichts Negatives über Beteiligungen, spare mir in aller Regel besserwisserische Kommentare gegenüber Konkurrenten und halte mich auch aus dem allgemeinen Rumgeätze zurück. Interessanterweise finde ich meine Blogfreiheiten vor allem im Bereich Politik, da bin ich ganz privat und nicht als Geschäftsführer eines Startups unterwegs und sage, was ich will. Aus dem üblichen Web 2.0-Gelaber versuche ich mich herauszuhalten, da gibt es genügend Besserwisser, denn theoretisch geht es auch ohne Praxis. Ich weiss allerdings durchaus wie schwer die real existierende Praxis sein kann.

Überraschenderweise twittere ich recht regelmässig und füge interessante URLs bei Facebook hinzu, aber das kurze Posten von Snippits auf meinem Blog habe ich bis auf die Dönerstag-Fotos eher zurückgefahren. Ich benutze del.icio.us kaum noch, freunde mich allerdings gerade mit favorit.es an. Letztendlich denke ich wirklich, das Bloggen nur so eine Art Phase ist. Bloggen ist nicht der Weisheit letzter Schluss und es gibt auch keinen allgemeingültigen Anspruch aller Blogger, jeder kann das daraus machen, was er will. Die Phase allerdings dauert bei jedem unterschiedlich lange und ist auch unterschiedlich intensiv, was sicherlich mit der eigenen Motivation zu tun hat, aber auch mit den etwaigen gesetzten Zielen.

Politiktheoretische Rückfahrtsgedanken in der Nacht

Irgendwo im Nirgendwo zwischen Berlin und Hamburg nach einem gepflegten Bierchen und mit guter Musik im Ohr denke ich mal wieder über das nach, was mich eigentlich schon seit 1996 umtreibt.

Wie kann man das Internet für den politischen Entscheidungsfindungsprozess nutzen? Wie kann man Online-Debatten führen, die einen wirklich breiten Diskurs darstellen und Auswirkungen haben?
Ich habe amerikanische Geschichte und auch das politische System studiert, weil ich eine Sache sehr faszinierend fand: wie entsteht ein politisches System, wie werden Diskussionen geführt, wie werden letztendlich die Mehrheiten gefunden? In Nordamerika gab es eben beginnend mit den ersten Siedlungen in Jamestown die interessante Konstellation, dass man sich irgendwie organisieren musste. Es gab sehr lokale Einrichtungen und später dann in der Phase der Amerikanischen Revolution beispielsweise die berühmten Pamphleteers, die dafür gesorgt haben, dass wichtige Themen angesprochen und diskutiert wurden, durchaus in einer gewissen gesellschaftlichen Breite.

Kleiner Schwenk auf ein paar Jahrhunderte später. Der Zugang zu Druckerpressen ist nachwievor recht praktisch, aber Dank des Internets ist die Möglichkeit des Publizierens vielen Millionen Menschen gegeben, sogar in Deutschland. Die Massenphänomene des 20. Jahrhunderts, Zeitungen, Radio und Fernsehen finden in der althergebrachten Form immer weniger Anklang, ein offener öffentlicher Diskurs innerhalb und zwischen den Parteien findet kaum statt, da nicht der Eindruck der Zerstrittenheit vermittelt werden soll. Stattdessen versteigt man sich in Detailverliebtheit, um so den Unterschied zur Konkurrenz zu manifestieren, wobei sich selbst bei einer halbwegs interessierten Öffentlichkeit die Wichtigkeit der Nuancen nicht mehr offenbaren. Die Folge ist eine grassierende Unzufriedenheit mit den herrschenden Eliten, eine Abkehr von den politischen Parteien und damit ein zunehmendes Problem der Legitimation unserer demokratisch gewählten Volksvertreter.

Ich gehe mal davon aus, dass die bekannte 90/9/1 Formel im Bereich der politischen Kommunikation noch viel krasser ausfällt, also eher 97/2/1, daher glaube ich nicht an ein einfaches “Internet für alle” – aber stelle dennoch die Frage was man tun kann, um mit Hilfe des Netzes einen politischen Diskurs wieder anzuschieben, der dafür sorgt, dass zum Einen wirkliche Alternativen erarbeitet werden, zum anderen aber auch abgewägt und überzeugt werden kann. Es werden die spannendsten Tools gebastelt, um wasweissichwas zu bewerkstelligen, gemeinsam, online. Aber den gepflegten Diskurs jenseits der parteipolitischen Floskeln zu führen, zu moderieren und letztendlich zu initiieren, daran hat niemand Interesse und/oder kein wirksames Konzept?

Eins ist auch klar, die derzeit real existierende Funktionärsschicht hat an einem politischen Entscheidungsfindungsprozess, der online geführt wird, keinerlei Interesse, denn das Potential ist vorhanden, die eigene Daseinsberechtigung zu schmälern, bzw. ganz aufzuheben. Dennoch denke ich, dass das deutsche Parteiensystem einen sehr vernünftigen Ansatz darstellt, nur eben den Paradigmenwechsel in der Kommunikation total verpennt hat. Ist das eine Frage der Generationen, müssen wir nur warten bis die jetzt 35-Jährigen Mitte 40 sind? Oder zieht sich das Motto Internet-Agnostik quer durch die Führungsschichten der Parteien wie ein roter Faden? Hat jemand eine Schere?

Ich konstatiere einfach mal, dass wir alle ein Interesse daran haben, dass unser Land irgendwie vorwärts kommt, wie auch immer man dies definieren mag. Wir wollen auf alle Fälle unsere Interessen vertreten sehen, wie auch immer diese sein mögen. Wie aber artikulieren wir diese? Wie bringen wir diese ein? Wieviel Aufwand kann man erwarten? Ich gehe definitiv nicht in miefige Sitzungsräume, um den Abend bei viel Gelaber und wenig Output zu verbringen, dafür ist mir meine Zeit zu schade. Steige ich in viele Online-Diskussionen ein? Habe ich viel Zeit, viel zu schreiben? Wie bekommen wir Politik in unser Zeitbudget? Wie schaffen wir es, Angebote wahrzunehmen? Haben wir nur noch Zeit für Politik im Digg-Stil?

Wir fahren gerade 228 km/h, aber die Politik ist derzeit auf einem Kommunikationstretroller unterwegs. War früher alles besser, oder nur anders? Wenn Parteien die Mitglieder wegsterben und nur noch parteikarrieregeile Anwälte und Lehrer sich engagieren, weil alle anderen nicht so leidensfähig sind, wie schnell fahren wir dann unser politisches System und den Staat an die Wand? Wie kann man den politischen Diskurs von der lokalen Ebene bis zur Bundes-Ebene transparenter, interessanter und partizipatorischer gestalten, damit wieder mehr Bürger tagtäglich daran teilnehmen?