Hubertus Heil twittert und SpOn/Süddeutsche ätzen rum

Man muss nur kurz die Schlagzeilen sehen, dann weiss man schon, wie der Artikel aussieht:SPD-Generalsekretär Heil in Denver: Twittern im Obama-Rausch und SPD-Generalsekretär Heil – Zwitschern müsste man können. Liest man dann die Artikel, wird ziemlich schnell klar, dass die Herren Volkery und Matthäus nicht den Schimmer einer Ahnung haben, was Twitter ist und wie man es nutzen kann. Ein paar Auszüge:

Ein Beispiel (in dem wir aus Dokumentationszwecken die Rechtschreibung nicht korrigiert haben)[…]

oder auch

Die Demokraten-Show in Denver wirkt wie ein Jungbrunnen auf den 35-Jährigen – oder es liegt am Internet. Jedenfalls sind die Einträge durchweg in einem Jargon gehalten, der selbst manchen Teenager erbleichen lassen dürfte.

Das demokratische Urgestein Ted Kennedy fand der deutsche Gast “super”. Die Rede von Obamas Frau Michelle war “der Kracher”. Auf den Straßen herrsche “unglaublicher Trubel”. Mit der gleichen Begeisterung kommentiert der SPD-Generalsekretär auch noch die banalsten Reiseeindrücke. Nach einer Erfrischungspause auf einem Markt notiert er: “Lecker Icetee”.

Halten wir mal fest: Hubertus Heil hält sich nicht penibel an die Konventionen der Rechtschreibung und ausserdem schreibt er ungefiltert, wie er den Event findet.

Da wurden zwei Artikel geschrieben nach dem altbekannten Muster: “Internet ist eh alles quatsch. Sozis kann man immer mal bashen.” Ausserdem legt man noch ordentlich Linkbait aus, damit auch ja alle auf diese Artikelchen verlinken.

Wenn man sich jetzt allerdings mal anguckt, was Hubertus Heil da so treibt, dann tut er genau das, was ich schon seit Jahren in Gesprächen mit Politikern angeregt habe. Es geht darum, einfach ungefiltert vom eigenen Tagesablauf zu berichten, ansprechbar zu sein und Leute teilhaben zu lassen an dem, was einen aktuell umtreibt. Dafür ist Twitter sehr geeignet. Hubertus Heil ist jemand, der zum Thema Web 2.0 nicht nur Lippenbekenntnisse formuliert, sondern ein echtes Interesse an den neuen Themen hat, wie ich in vielen Gesprächen mit ihm erfahren durfte. Twitter hat natürlich durch die Schnelligkeit und mögliche Direktheit eine ganz eigene Faszination, wie Sascha Lobo und ich schon mal während einer Sitzung des Online-Beirats der SPD zeigen konnten.

Ganz besonders bemerkenswert finde ich, dass Hubertus Heil mitten beim Parteitag der Demokraten anfängt zu twittern und eben nicht irgendwelche Pressemitteilungen per Twitter verbreitet werden, sondern er echte Eindrücke schildert. Noch dazu antwortet er auf Anfragen seiner Follower, und das auf einem Blackberry, sicherlich während um ihn herum reges Treiben herrscht. Wer das schon mal gemacht hat, der weiss, wie anstrengend es sein kann, parallel zu dem gerade erlebten auch noch etwas zu tippen, zu lesen und zu beantworten. Hubertus Heil hat derzeit etwas mehr als 500 Follower, was noch nichts ist im Vergleich mit Barack Obama, aber dafür, dass er erst seit 2 Tagen twittert, ist er schon sehr gut unterwegs auf dem Weg in die Top50-Twittercharts.

In einem Kommentar wurde ich gefragt, ob ich mich auch über einen twitternden Kauder freuen würde. Aber natürlich würde ich das. Ich weiss nicht, ob ich ihm unbedingt followen würde, aber ich finde es gut, wenn immer mehr Politiker das Internet für eine direktere Kommunikation mit den Wählern nutzen wollen, auch wenn und gerade weil Twitter ja eher indirekt direkt ist, aber das versteht man erst, wenn man es nutzt. Social Media kann man schlecht von aussen beurteilen, man muss es nutzen, um es zu verstehen.

Spätestens in einem Jahr werden SpOn und Sueddeutsche.de auf ihre Twitter-Accounts verweisen, mit der Anmerkung “hier bekommen Sie direkt und ungefiltert aktuelle Informationen über den Bundestagswahlkampf”, aber das ist dann natürlich etwas ganz anderes.

Über politische Blogger und twitternde Generalsekretäre

Oh, da habe ich ja gefreut, als ich diese Schlagzeile gesehen hatte: The Year of the Political Blogger Has Arrived. Vor 4 Jahren war es schon en vogue, von Parteitagen bloggen zu lassen, aber dieses Jahr wird es in den USA richtig genutzt werden:

This year, both parties understand the need to have greater numbers of bloggers attend. While many Americans may watch only prime-time television broadcasts of the convention speeches, party officials also recognize the ability of bloggers to deliver minute-by-minute coverage of each day’s events to a niche online audience.

“The goal is to bring down the walls of the convention and invite in an audience that’s as large as possible,” said Aaron Myers, the director of online communications for the Democratic National Convention Committee. “Credentialing more bloggers opens up all sorts of new audiences.”

An dieser Stelle könnte ich jetzt wieder meinen üblichen Rant über die deutschen Verhältnisse reinlaufen lassen, über das Verharren in alten Denkmustern, dem Glauben an Rundfunk, und so weiter, aber es gibt neben dem Besetzen des Begriffs Kanzlerkandidat durch Frank-Walter Steinmeier auch noch eine neue erfreuliche Entwicklung:
@hubertus_heil twittert aus Denver vom Parteitag der Demokraten.

Obama, Biden und das Ende der Grassroots-Dramaturgie

Nun ist die Entscheidung wohl gefallen, jedenfalls berichtet die New York Times Obama Chooses Biden as Running Mate – NYTimes.com:

Senator Barack Obama has chosen Senator Joseph R. Biden Jr. of Delaware to be his running-mate, turning to a leading authority on foreign policy and a longtime Washington hand to fill out the Democratic ticket, people told of the decision said.

Joe Biden ist sicherlich eine Authorität in Washington, D.C., der insbesondere durch seine aussenpolitische Kompetenz einen Bereich abdeckt, bei dem man Obama wenig Erfahrung zuschreibt, insofern ist die Entscheidung durchaus nachvollziehbar.

Man kann aber auch sehen, dass alten Muster im Wahlkampf zurückgekehrt sind und die große Ankündigung der Obama-Kampagne, dass die Unterstützer sofort als Allererste erfahren würden doch nur eine Ankündigung blieb, da ein paar Insider nun doch nach dem alten Muster die Presse informiert haben. Ich könnte mir denken, dass mit der Entscheidung für Joe Biden jetzt auch das Politik-Establishment in Washington, D.C. wieder für eine andere Dramaturgie im Wahlkampf sorgen wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht alle Verantwortlichen mit der Art und Weise wie Obama seine Kampagne aufgezogen hat zufrieden sind.

Marc Ambinder hat eine gute Einschätzung der Gründe für die Auswahl Bidens und seine Vermutungen seitens der McCain-Kampagne im Bereich Negative-Campaigning beim Atlantic Monthly gebloggt.

Eine Frage der Definition von “Vorreiter-Rolle”

Wenn es eine Sache gibt, mit der die politischen Parteien nicht prahlen sollten, dann ist es ihre Internet-Kompetenz, denn die ist bei jedem Senioren-Nachmittag einer AWO-Altentagesstätte stärker ausgeprägt als in den Berliner Parteizentralen. Da freut es mich natürlich ungemein, eine derart zurückhaltente Pressemitteilung lesen zu dürfen wie die der CDU: CDU baut Vorreiter-Rolle als Internet-Partei aus. Nee, ist klar, da wird enorm etwas ausgebaut bei den Internet-Vorreitern aus der CDU, bei denen Al Gore damals in die Lehre gegangen ist, als er das Internet erfand.

Aber bleiben wir bei der nüchternen Meldung aus der CDU-Zentrale:

In einem Video-Interview mit CDU TV, dem neuen Online-Instrument der CDU, unterstrich Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel die Bedeutung des Mediums Internet-Fernsehen. “Die bewegten Bilder zeigen die Dynamik und geben einen Eindruck von der Atmosphäre. Wir glauben, dass wir damit ein tolles Angebot machen”, sagte die Parteivorsitzende gegenüber CDU TV.

Wow. Bewegte Bilder. Dynamik. CDU. Quasi das Dreigestirn der Internet-Vorreiterei. Darauf muss man erst einmal kommen, zumal schon der Kanzlerin-Podcast so etwas von dermassen dynamisch war, dass Warnhinweise für Schwangere und Epilektiker angebracht wären.

CDU TV startet heute mit einem Videotagebuch zur Dialog-Tour von CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla. Als erste Partei in Deutschland macht die CDU zudem ausgewählte Inhalte ihres Internet-Angebots für mobile Endgeräte wie Handys, Blackberrys und PDAs nutzbar. Dieses mobile Angebot zur Dialog-Tour wird für rund 5.000 unterschiedliche Geräte optimiert und arbeitet sowohl mit WAP als auch mit Web-Browsern.

Krasse Sache, die CDU macht ein Internet-Angebot, das sogar mit mobilen Web-Browsern arbeitet. Und dann noch 5000 unterschiedliche Geräte. Mit WAP. Das hat die Welt ja noch nicht gesehen. Vor so viel Vorreiter-Rolle werden alle Parteien, ach was, die gesamte Internet-Branche völlig vor Neid erblassen und sich ganz dringend das neueste Internetbuch von Data Becker kaufen. Eigentlich ist das schon Web 4.0, aber der diensthabene Praktikant wollte wohl nicht so stark auf die Pauke hauen beim Verfassen dieser Pressemitteilung, das muss man ihm nachsehen. Meine Partei hat dazu eine kurze Replik ins Netz gestellt. Das war schon mal ein Ansatz, aber es könnte gerne noch etwas bissiger werden, schliesslich ist Wahlkampf.

Hourtown – Dienstleister online buchen

Seit Jahren schon wünsche ich mir eine Plattform, über die Dienstleister aller Art ihre Dienste anbieten können, damit ich als Kunde diese schnell und einfach buchen kann. Mir fallen so Sachen immer genau dann ein, wenn Feierabend ist, was dazu führt, dass Terminabsprachen unter Umständen ewig dauern können. Sicherlich ist oftmals ein persönliches Gespräch sinnvoll, aber es gibt viele Dienstleistungen, die man einfach so buchen kann, insbesondere wenn es schon bestehende Kundenbeziehungen mit dem Dienstleister gibt.

I offer online scheduling using HourTownVor ein paar Tagen bin ich über Hourtown gestolpert und habe mal Mein Test-Profil angelegt, falls jemand etwas mit dem Dienst rumtesten möchte (Nein, ich biete keine Dienstleistungen an). Sicherlich wird es nicht ganz einfach sein, die entsprechenden Dienstleister davon zu überzeugen, diesen Dienst zu nutzen, denn bisher ging es ja auch irgendwie so und zu viel Transparenz findet auch nicht jeder gut, aber ich sehe bei derartigen Angeboten jede Menge Potential. Das Featureset finde ich sehr gut für einen Start und ich glaube, dass Dienstleister damit nicht nur zur Kundenzufriedenheit beitragen, sondern auch ihre Auslastungsquote verbessern können. Pfiffigerweise sieht Hourtown mit dem sog. Advertising Blast vor, dass die entsprechenden Dienstleistungen auch an die üblichen Online-Tools (Google Base, Oodle, etc.) kommuniziert werden, um mehr Sichtbarkeit zu erreichen. Hourtown wirkt eher 37Signals-inspiriert, was ich durchaus charmant finde.

So ein Dienst fehlt in Deutschland noch. Oder zumindest in Hamburg, damit ich ihn nutzen kann. Insgeheim ertappe ich mich durchaus gerade dabei, über einen Businessplan für ein derartiges Konzept nachdenken zu wollen.