Anmerkungen zur Debatte um Google Street View

Die deutsche Aufregung um Google Street View ist beachtlich und auch wenn ich die Aufregung nicht teile, habe ich dennoch ein paar Anmerkungen zur Debatte.

1. An “don’t be evil” glaubt bei Google schon lange niemand mehr. Google hat völlig verkannt, wie der deutsche Markt auf Google Street View reagieren würde und hat daher das neue Produkt völlig falsch eingeführt und zu wenig im Vorfeld Vertreter von politischen und gesellschaftlichen Gruppen involviert. Der deutsche Markt ist anders, das ist jetzt keine sonderlich neue Erkenntnis, aber das hätte Google wissen müssen. Da ist es mit dem Schalten von Anzeigen nicht getan.

2. Die Diskussion um Google Street View ist geprägt von Halbwissen und der Verbreitung von Halbwahrheiten unter Ausschöpfung der gängigen Vorurteile. Panikmache ist gut für die Auflage, bzw. die Quote, also machen alle fröhlich mit, interviewen unbedarfte Rentner, pushen ein Nicht-Thema in das Sommerloch und zwingen dann auch noch die Politik zum Handeln, wo eigentlich gar kein Handeln erforderlich ist.

3. Die Beschäftigung mit Google Street View führt zu einer Nichtbeachtung anderer, viel relevanterer Netz-Themen, die aber weniger greifbar sind. Naheliegend wäre beispielsweise, das Thema Digital Literacy in den Vordergrund zu stellen, denn wie die Diskussion um Google Street View zeigt, gibt es zu diesem Thema noch massiven Nachholbedarf in Deutschland. Oder auch Netzneutralität, Online-Profiling, Informationelle Selbstbestimmung oder Vorratsdatenspeicherung, um nur einige zu nennen, wären Themen, die in der Breite der Gesellschaft diskutiert werden sollten.

Übergangssenat in Hamburg gewählt

Niemand scheint davon auszugehen, daß die Konstellation schwarz-grün über das Ende der Legislaturperiode Bestand haben wird. Anders kann ich mir das Personaltableau nicht erklären. Die CDU hat sich mit einem bereits in den Ruhestand entlassenen Staatsrat als Chef der Kulturbehörde nicht wirklich verstärkt, dazu kommt ein politisches Irrlicht Ian Karan, das bestenfalls als kreativer Kopf gelten kann, aber wohl kaum wirtschaftspolitische Akzente außerhalb von Stehempfängen und den Society-Seiten des Abendblatts setzen wird. Die Grünen haben sich dann auch lieber überlegt, alles beim alten zu lassen und so darf man sich fragen, was die Damen Goetsch und Hajduk die nächsten Jahre tun wollen. Der einen ist die Schulpolitik abhanden gekommen, die andere hat viele Pläne und bekommt nichts umgesetzt.

Für mich ist das ein eindeutiges Zeichen. Zukünftige Protagonisten beider Parteien haben diese Senatszmbildung lieber ausgesessen, um sich nicht im nächsten Wahlkampf mit einer verheerenden Bilanz zu verbrennen.

Der Lack des Hamburger Senats ist endgültig ab und nun will Herr Ahlhaus sich 3 Wochen Zeit lassen bis zu seiner ersten Regierungserklärung. Durchhalten bis zur Wahl ist der einzige Zweck dieses Senats und Ahlhaus macht deutlich, daß er alle Zeit der Welt hat, vor allem auch, weil der Senat bereits beim Neustart nach Ole von Beust inhaltlich am Ende ist.

Karl-Theodors planlose Bundeswehrreform

Ich bin immer wieder irritiert, wenn ich mir das aktuelle Vorgehen der Bundesregierung zur Reform der Bundeswehr ansehe. Aus Budget-Ristriktionen die Ausrichtung der Bundeswehr abzuleiten ist schon eher merkwürdig, man sollte meinen, daß sich die Zusammensetzung der Truppe an den außen- und sicherheitspolitischen Erfordernissen orientieren müsste. Als Lösung präsentiert Karl-Theodor zu Guttenberg jetzt die Waschmichabermachmichnichtnaß-Variante der Reform. Die Bundeswehr soll verkleinert werden, aber die Wehrpflicht soll weiter bestehen bleiben, nur eben ausgesetzt, dafür allerdings sollen freiwillige Wehrpflichtige eingezogen werden. Alles klar?

Ich halte es für sehr sinnvoll, die Bundeswehr zu verkleinern und die Wehrpflicht abzuschaffen. Aber nicht aus Gründen des Budgets, sondern weil 20 Jahre nach dem Ende des Eisernen Vorhangs die Bundeswehr neu ausgerichtet und den real existierenden Anforderungen angepasst werden muß. Wir brauchen keine Massen von Wehrpflichtigen, die beim Heer dafür sorgen sollen, daß die anstürmenden kommunistischen Armeen aus dem Osten noch ein wenig länger aufgehalten werden sollen bis die NATO mit richtigen Soldaten kommt. Das kann irgendwie nicht mehr die aktuelle Anforderung der Bundeswehr sein.

Daher müssen wir jetzt in eine Diskussion eintreten und definieren, was die Bundeswehr leisten soll und wie die Rolle Deutschlands in der Außen- und Sicherheitspolitik aussehen soll. Dann brauchen wir hochmitivierte Menschen, die in dieser Bundeswehr dienen wollen und wir brauchen vernünftige Ausrüstung, um die Soldaten bei der Erfüllung ihrer Aufträge unterstützen. Wahrscheinlich wird die Diskussion darauf hinauslaufen, daß man eine kleine Armee mit ca. 150.000 Soldaten benötigt und eben keine Wehrpflicht mehr. Das Aussetzen der Wehrpflicht ist halbherzig und macht keinen Sinn. Die Interessen der Gemeinden, in denen derzeit die Standorte sind, müssen nachrangig behandelt werden, ebenso wie die Frage der Zivildienstleistenden und die Finanzierung des Pflegebereichs.

Nur leider kann der Bundesverteidigungsminister das Thema nicht so angehen, wie es Sinn macht, sondern kommt von der Budget-Seite. Dafür ist das Thema Bundeswehr zu wichtig, als mit dem Rotstift in der Hand die Strategie für die Zukunft festzulegen.

[ Disclosure: Ich habe 1992/1993 meinen Wehrdienst im Panzerbatallion 164 in Lanken abgeleistet. Ein Jahr später wurde der Standort geschlossen. Ich lehne weiterhin jede persönliche Verantwortung dafür ab. ]

Nugg.ad wird gelb

Der Berliner Predictive Behavioral Targeting Dienstleister Nugg.ad AG wurde von der Deutschen Post übernommen. Eigentlich ist kaum eine Firmen-Übernahme es wert, in diesem Blog diskutiert zu werden, aber dieses Mal mache ich eine Ausnahme.

Vor ein paar Jahren, als ich noch bei Media Ventures war, bin ich beim Scouting von Internet-Startups auf Nugg.ad gestoßen und war von der Grundidee ziemlich angetan. Nugg.ad macht Predictive Behavioral Targeting, d.h. neben den üblichen Targeting-Kritieren, die zu Rückschlüssen auf die User führen können, werden Umfragen eingeblendet, um die Profile noch zu verfeinern. Das Ergebnis ist, daß Online-Werbung gezielter ausgeliefert werden kann, im Idealfall weniger nervt und noch dazu auch die Clickrate erhöht wird. Targeting-Anbieter gibt es zahlreiche, aber die Grundidee des umfrage-gestützten Targetings finde ich sehr naheliegend. Nach einigen Gesprächen ist dann Media Ventures bei Nugg.ad als Investor eingestiegen und seitdem betrachtete ich die Entwicklung von Nugg.ad immer etwas genauer als die anderer Firmen, zumal ich mittlerweile mit dem Gründer Stephan Noller befreundet bin. Ich will jetzt aber nicht ansatzweise irgendwelche Lorbeeren für die Entwicklung von Nugg.ad claimen, mit dem operativen Geschäft hatte ich nie etwas zu tun, vielleicht auch ein Grund für den Erfolg, man weiß es nicht.

Die Übernahme ist aber auch deshalb spannend, weil die Post einen beachtlichen Schritt in den Onlinewerbemarkt macht. Und zwar nicht, indem irgendwelche Portale gelaunched werden, die dann verkümmern, weil sie niemand braucht, sondern als Teil der Kernkompetenz der Post, als Dienstleister, um Kunden zu erreichen. Böse Zungen sehen da noch einen anderen Grund, auf den ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen werde…

Nugg.ad funktioniert idealerweise als neutraler Dienstleister, der dafür sorgt, daß die Reichweite der Websites bzw. der Vermarkter veredelt werden, damit Online-Werbung zielgerichteter und effizienter ausgeliefert werden kann. Da der deutsche MItbewerber Wunderloop kürzlich insolvent gegangen ist und dann vom amerikanischen Marktführer Audience Science aufgekauft wurde, benötigte der deutsche Markt eine neutrale Lösung, die die Interessen der Medienhäuser und Verlage wahrt und ein Gegenpol zu amerikanischen Anbietern wie Audience Science und Google bilden kann. Die Post ist so unabhängig, daß durch die Übernahme von Nugg.ad jetzt die Firma wachsen und ihre Marktposition ausbauen kann.

Ich freue mich für Stephan Noller und das Team von Nugg.ad, die jetzt gestärkt ihren Weg weiter beschreiten können.

[ via: Neues Geschäftsfeld im Internet: Deutsche Post will Online-Werbung verkaufen – Unternehmen – Wirtschaft – FAZ.NET ]