Selbstdarstellung vs. Reportage

Richard Gutjahr, bislang aufgefallen durch ein ausgeprägtes Dasein als Apple Fanboy und eine kritische Berichterstattung zum WeTab, ist jetzt Unterwegs nach Kairo. Auf Twitter wird der geneigte Leser sehr immer wieder mit Updates von seiner Reise versorgt, man kann Bilder sehen und Zustandsbeschreibungen aus Ägypten lesen.

Mich erinnert das sehr stark an Richards Berichterstattung über das Schlangestehen für den iPad. Auch da hat Richard sich auf ein Thema gestürzt, das viel Aufmerksamkeit garantierte und er hat sich dementsprechend inszeniert.

Twitter-Meldungen wie I’m live on Ustream! Check out my show wirken noch zusätzlich als ob jemand bewusst in ein Krisengebiet fliegt, um sicherzustellen, daß er dort stattfindet. Richard will die Story “Todesmutiger Blogger und Reporter fliegt nach Ägypten, um live und ungefiltert zu berichten” schreiben und von der Aufmerksamkeit profitieren.

Derzeit 338 Retweets zeigen deutlich, wie sehr die deutschen Twitter-Nutzer auf diese Inszenierung aufspringen, getrost des guten alten Mottos “unreflektiert Retweeten geht am schnellsten” – die Menge jubelt und der Held berichtet live. Einen Mehrwert kann ich bislang bei seiner Berichterstattung allerdings nicht erkennen, zu präsent sind die Bilder der Unruhen, die von vielen, vielen Ägyptern ins Netz gestellt werden.

Ich hoffe, Richard Gutjahr kommt heil wieder nach Hause, es wäre unschön, wenn aus seinem Hang zur Selbstinszenierung gefährliche Situationen resultieren würden.

Adhocracy nicht hier, Twitter dort

Auf den ersten Blick haben die Meldungen nichts mit einander zu tun: Doch kein Adhocracy im Bundestag und Twitter Goes to Capitol Hill – aber auf den zweiten Blick schon.

Der Bundestag hat letztes Jahr die Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft (EIDG) eingesetzt, um sich endlich des Themas mal anzunehmen. Hierbei sollte es neben 17 Bundestagsabgeordneten und 17 Sachverständigen auch einen 18. Sachverständigen geben, der die Diskussion aktiv begleiten sollte: das Volk. Oder jedenfalls der netzpolitisch interessierte Teil des Volkes. Die Enquete-Kommission hat im Laufe ihrer Beratungen einstimmig beschlossen, daß das Software-Tool Adhocracy dafür bestens geeignet wäre und eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen. Der Ältestenrat des Bundestags hat jetzt mit den Stimmen der CDU/CSU/FDP-Koalition nun die Einführung des Tools abgelehnt. Warum? Vordergründig aus Kostengründen, aber eigentlich geht es darum, daß die EIDG nicht einen Präzedenzfall schaffen soll für eine neue Art der Bürgerbeteiligung. CDU/CSU/FDP reden also gerne davon, wie wichtig Bürgerbeteiligung ist, haben dann aber kein Interesse, ihren Worten auch Taten folgen zu lassen, aus Angst, die engagierte Netz-Öffentlichkeit könnte zu anstrengend werden auf Dauer.

In Washington, D.C. hingegen ist der Stellenwert der technisch-interessierten und -versierten Bürger merklich gewachsen und der Einfluß auf dem Capitol Hill hat nicht erst seit der Entsendung von Google-Lobbyisten merklich zugenommen. Abgeordnete versuchen, Twitter und Facebook zu nutzen, um mit den Wählern ins Gespräch zu kommen und ihre Messages zum Wahlvolk tragen zu lassen. Es wird mit unterschiedlichsten Ansätzen experimentiert, wie z.B. TownHall-Meetings online. Man hat offensichtlich erkannt, daß heutzutage auch das Wahlvolk anders kommuniziert und auch anders zu erreichen ist als noch vor 10-20 Jahren. Twitter hat jetzt einen Mitarbeiter vor Ort, der Abgeordneten und anderen Akteuren in Washington, D.C. helfen soll, Twitter für sich zu nutzen.

Ich finde das bedenklich. Ich sage nicht, daß 140 Zeichen das Ende aller unser Probleme darstellen, aber ich sehe eine gewisse Akzeptanz für Veränderungen in der politischen Kommunikation in den USA. Die Impulse, die von der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft ausgehen sollten, werden minimal sein, wenn man noch nicht einmal den Schritt wagen kann, eine neuartige Form der politischen Diskussion zu testen. Angst vorm Wähler ist auch keine Lösung, liebe CDU/CSU/FDP-Koalition! Mut zur Veränderung hingegen wäre mal ein interessanter Ansatz.

Mark Zuckerberg und Jesse Eisenberg bei SNL

Großartig. Diese Art der Lockerheit schätze ich sehr. Jesse Eisenberg eröffnet als Gastgeber Saturday Night Live und Mark Zuckerberg kommt dazu.

ZEIT Matinee: Ahlhaus vs Scholz


Heute vormittag war ich zusammen mit meiner Frau in den Hamburger Kammerspielen zur ZEIT Matinee mit Christoph Ahlhaus und Olaf Scholz eingeladen, die unter der Überschrift “Zurück in die Zukunft: Rot-Grün oder Große Koalition?” stattfand. Der ZEIT-Herausgeber Josef Joffe moderierte die Veranstaltung und sorgte dafür, daß die wichtigen Themen des Wahlkamps angesprochen wurden, wobei er mit teilweise spitzbübischem Charme nachbohrte. Jemanden wie Joffe wünscht man sich als Gegenentwurf einer politischen Talkshow im Fernsehen, aber das nur am Rande.

Die beiden Spitzenkandidaten hatten sehr schnell ihre Rollenverteilung gefunden. Christoph Ahlhaus hat permanent aus der Defensive heraus argumentiert und versuchte immer, sich für die Politik des Senats zu rechtfertigen. Olaf Scholz wirkte souverän und formulierte klare Vorstellungen von dem, was er nach der Wahl umsetzen will. Überhaupt finde ich die Rollenverteilung sehr bezeichnend. Ahlhaus wirkte stellenweise gereizt und bissig, Scholz schon fast präsidial. Eindrucksvoll kamen die Unterschiede insbesondere zum Tragen, wenn es darum ging, was konkret in der Stadt passieren sollte nach der Wahl. Ahlhaus verwies entweder auf die GAL, die ihn nicht gelassen hat, oder auf die Bürokratie, die ihn ebenfalls ausgebremst hat. Ahlhaus war programmatisch so schwach, daß er überhaupt nicht sagen konnte, warum man ihn wählen sollte, er kam aus seinem Verteidigungsmodus gar nicht mehr heraus und eierte bei den Themen nur umher. Scholz hingegen präsentierte Programmatisches und war bei seiner Argumentation immer sehr direkt und auf den Punkt. Eine Diskussion hingegen fand nicht statt, zu ungleich waren die beiden Konkurrenten, sie konnten sich gar nicht auf Augenhöhe begegnen.

Bei der ZEIT Matinee wurde sehr deutlich, daß Ahlhaus in seiner aktuellen Rolle als Hamburger Bürgermeister völlig überfordert ist. Scholz wirkte nicht arrogant und siegessicher, wie ihm derzeit gerne vorgeworfen wird, sondern wie jemand mit klaren Vorstellungen und deutlicher Sprache. Stärker könnte der Kontrast zwischen glücklosem Amtsinhaber und entschlossenem Herausforderer nicht sein.

Bezeichnend waren die beiden Abschlußstatements. Nach dem fahrigen Abschlußstatement von Christoph Ahlhaus hagelte es Kommentare aus dem Publikum und kaum Applaus, nach dem Abschlußstatement von Olaf Scholz gab es deutlichen Applaus. So wird die Wahl am 20. Februar auch verlaufen.

[ Disclosure: mir wird seit über 20 Jahren eine Nähe zur SPD nachgesagt. ]

Bloggergate – was sind die Konsequenzen?

In dem Artikel Basicthinking, Onlinekosten GmbH und der Keyword-Spam beschreibt Sascha Pallenberg, wie systematisch versucht werden sollte, Keywords für Geld in Artikeln ohne Kennzeichnung zu platzieren, um entsprechende Vorteile bei der Suchmaschinen-Optimierung zu erreichen. Angeblich sind auch die beteiligten Blogs bekannt, werden aber nicht genannt, da es Pallenberg vor allem darum geht, die Praktiken der Onlinekosten GmbH und deren Blog Basic Thinking offenzulegen.

Es geht bei diesen Vorgängen um Preise von zwischen 25 und 65 €, die pro Keyword/Link und Monat gezahlt werden sollten. Das klingt jetzt erst einmal nicht so üppig. Für die Suchmaschinen-Optimierung können derartige Keyword-Platzierungen allerdings sehr positiv sein.

Ist das jetzt nur ein Nischenthema, oder wird diese Offenlegung dazu führen, daß Blogs genauer unter die Lupe genommen, und wenn ja, von wem? Kann jemand mal errechnen, wie groß der entstandene Schaden ist, und erläutern, wie man diesen errechnet?

In den USA gibt es zu diesem Thema schon länger Bewegung, die zu Regulierungen der Federal Trade Commission (FTC) geführt haben, die Disclosure in Blogs vorschreiben (PDF).

Ich bin generell dafür, daß Blogger mögliche Interessenkonflikte offenlegen und natürlich auf Schweinkram wie bezahlte, nicht gekennzeichnete Keywords in Artikeln verzichten.