SPD-Parteireform: kann nur Anfang sein

Vor einiger Zeit hatte ich das Buch von Sigmar Gabriel gelesen und bin über einige Äußerungen gestolpert, daß Parteiarbeit anders funktionieren könnte, was ich sehr gut finde. Jetzt hat SIgmar Gabriel nachgelegt und zum nächsten Bundesparteitag Reformen angekündigt: „Keine starren Regeln, sondern Angebote für die Arbeit vor Ort“. Die Ankündigungen halte ich allesamt für richtig und lange überfällig:

Alle Parteien – auch die SPD – haben seit vielen Jahren sinkende Mitgliederzahlen. Die Verankerung in allen Generationen und gesellschaftlichen Bereichen ist schwächer geworden und es fehlt in allen Parteien an breit gefächerten Lebenserfahrungen aus dem Lebensalltag. Und wenn wir ehrlich zueinander sind: Wir bemerken diese Entwicklung schon seit Jahren.

Wir meinen: Damit muss man sich nicht abfinden! Wir wollen und können neue Beteiligungsformen entwickeln, z.B. für diejenigen, die nicht mehr über die Ortsvereine den Weg zur SPD finden, sondern über das Internet. Wir sehen, dass Mitglieder in großer Zahl die Angebote ihrer Landesverbände nutzen, wenn sie wirklich gefragt und zur Mitentscheidung aufgerufen werden.

Ich glaube, daß letztendlich mit dem Abschaffen des Ortsvereinskassierers zu Gunsten des Bankeinzugs ordentlich viel Bezug zur Lebensrealität der Menschen abhanden gekommen ist. Wenn eine Partei ein Durchschnittsalter von 60 Jahren hat, dann bezweifle ich einfach mal stark, daß alle Themen so präsent sind, wie sie eigentlich sein müssten. Das gilt es ganz dringend zu ändern, da viele drängende Probleme meines Erachtens nicht mehr mit Rezepten der Industriegesellschaft gelöst werden können.

Ganz klar gibt es bei einer Reform der Parteistruktur, die zu einem guten Teil die Macht der Funktionäre aushebeln soll, einiges an Gegenwind. SPD: Genossen wettern gegen Gabriels Reformkurs titel SpOn und viele anderen Medien greifen das Thema genüßlich auf. Es heulen genau die auf, die von der Reform betroffen sind: diejenigen, die das System verstanden haben und in der Hierarchie entsprechend nach oben gespült wurden. Das sind aber auch genau diejenigen, die in den letzten Jahren dafür gesorgt hat, daß die SPD sich nicht mehr wirklich wieterentwickelt hat in den entscheidenen Fragen. Gabriel tut gut daran, die Strukturen durcheinander zu wirbeln, denn wir müssen ganz dringend die Verkrustungen lösen und Leistungsträger an die Partei binden, die in der derzeitigen Verfassung der Parteiorganisatin keinerlei Interesse an einer Mitarbeit haben. Wir brauchen neue Themen in der Partei und wir brauchen ganz dringend Entscheidungen über Themen und Personal, die nicht nur aufgrund von persönlichen Beziehungen oder bisherigen Verdiensten erfolgen, sondern sich an Themen orientieren.

Sigmar Gabriel muß unbedingt diese Reform einleiten und sie mit breiter Brust verteidigen, ansonsten geht die SPD die Tuchfühlungen zu vielen Teilen der Gesellschaft komplett verloren, weil sie keine Antworten mehr liefern kann auf die anstehenden Fragen. Wenn in diesem Prozeß einige Funktionäre auf der Strecke bleiben, dann ist das im Zweifel zu begrüßen. Der Mief in der Partei ist groß, Sigmar Gabriel darf gerne mal länger lüften.

Bob Dylan live, damals.

Eine der für mich tollsten Errungenschaften der späten 80er Jahre in den USA war die Mitgliedschaft im Schallplattenclub Columbia House. Wenn man die richtige Promotion abgewartet hatte, bekam man 18 Langspielplatten für 1$ und musste sich dann verpflichten, monatlich weitere Langspielplatten zu kaufen. Wenn man nur ein Jahr in den USA bleiben wollte, dann war das ein überschaubares Risiko, auch wenn natürlich noch Jahre später meine Gasteltern Post von Columbia House bekommen hatten. Bob Dylan gehörte zu den Küsntlern, deren Platten ich mir auf diese Weise besorgt hatte und die in einer Endlosschleife liefen. Ich trug damals längere Haare und Batikshirts, hörte Doors, Creedence Clearwater Revival, Grateful Dead und eben Bob Dylan. Ich habe mich also kaum verändert in all den Jahren.

Anfang 1990 wurde dann eine kleine Sensation angekündigt: Bob Dylan sollte ein Konzert in Iowa spielen und es hiess, dieses Konzert würde innerhalb kürzester Zeit ausverkauft sein, denn es könnte seine letzte Tour sein, Bob Dylan sei ja schon älter. Also bin ich mit meinem Kumpel Wade in aller Frühe an einem trüben, naßkalten Samstag in ein eher nicht so schönes Viertel am anderen Ende der Stadt gefahren, wo zwischen trostlosen Drive-Thrus und Discountmärkten ein unscheinbares Büro von Ticketmaster versteckt war. Wir hofften, daß wir dadurch nicht in einer Schlange stehen müssten und einen der wenigen Plätze für das Konzert im Adler Theatre in Davenport, IA am 10. Juni 1990 ergattern würden, denn Ticketmaster war die einzige Verkaufsstelle für die begehrten Tickets. Und so war es auch, nur eine Handvoll älterer Menschen, die man als Ex-Hippies bezeichnen würde, standen mit uns in der Schlange. Wir waren 17 Jahre alt. Das Konzert war rasant schnell ausverkauft und es sollte noch etliche Wochen dauern, bis wir die lange Fahrt nach Davenport antraten.

Das Konzert im Adler Theatre war für mich eher unüblich, ich war damals eher so bei irgendwelchen schraddeligen Punkkonzerten, mal abgesehen vom REM-Konzert 1989, aber das war Zufall, ich kannte die nicht und sollte mitkommen, war aber ziemlich cool, und daher fand ich das Setting in einem kleinen Theater mit 2500 Sitzplätzen eher merkwürdig. Den Altersdurchschnitt konnten wir nur marginal senken, alle waren mindestens doppelt so alt wie wir. Viele hatten verblichene T-Shirts an mit Tourdaten aus den 60ern und 70ern von Bob Dylan oder den Grateful Dead. Ich fühlte mich so ein wenig wie auf einem Klassentreffen von alternden Ex-Hippies. Geraucht wurde natürlich auch. Die Setlist war ok, einige meiner Lieblingssongs wie “It’s All Over Now, Baby Blue” oder “All Along the Watchtower” wurden gespielt, aber leider nicht “The Times They Are A-Changin'” – ich weiss noch, daß ich echt eine Gänsehaut hatte, als Bob Dylan auf die Bühne kam, weil ich dachte, daß ich ihn wahrscheinlich nie wieder spielen sehen können würde, denn wer käme denn in so einem hohen Alter noch nach Europa, und insofern war ich ziemlich hin und weg. Allerdings auch etwas deprimiert, als das Konzert ohne große Zugaben zügig vorbei war.

Bob Dylan ist heute 70 Jahre alt geworden. Ich dachte damals, er wäre kurz vorm Karriere-Ende. Naja, leicht verschätzt. Aber seine Songs mag ich noch immer. The Times They Are A-Changin’.

Papa, seit wann hast Du eigentlich ein iPhone?

Wir reden immer so gerne über Digital Natives und überlegen uns, wie die Kinder und Jugendlichen künftig das Internet nutzen werden. Für viele Menschen ist es ja immer noch neu und ungewöhnlich, was man heutzutage alles mit dem Internet so anstellen kann. Mobile Endgeräte spielen dabei eine besondere Rolle, sie manifestieren den nächsten Quantensprung der Entwicklung und sind nicht für jeden wirklich begreifbar. Für unsere Kinder allerdings ist das alles nichts Aufregendes, sondern völlige Normalität, wie folgendes Gespräch mit meiner 7-jährigen Tochter verdeutlicht:

“Papa, seit wann hast Du eigentlich ein iPhone?”
“Seit ungefähr vier Jahren.”
“Papa!” (ungläubiger Blick)
“Doch, wirklich. Aber länger gibt es das iPhone auch noch nicht.”
“Papaaa!” (ungläubigerer Blick)
“Doch, wirklich.”
“Und was hattest Du, bevor Du ein iPhone hattest, hä?” (Ein Blick, der sagt: “ich lasse mich hier doch nicht von dem verarschen!”)
“Ein ganz normales Handy?”
“Was meinst Du damit?” (Ein Blick der sagt: “er versucht es doch wieder, aber ich lasse mich nicht verarschen.”)
“Naja, vor dem iPhone konnten Handys nicht viel, man konnte eigentlich nur telefonieren und SMS schicken.”
“Papaaaaaa!” (Augen verdreht, das Kind glaubt mir nicht)
“Doch, wrklich.”
“Und wie alt warst Du, als Du Dein erstes Handy bekommen hast?” (Das Kind würde gerne demnächst ein Handy bekommen und findet dies auch völlig normal, natürlich eins mit Apps und Musik und so, “mit Kopfhörern wäre gut”.)
“Ich habe mir mein erstes Handy mit 26 Jahren gekauft.”
“Papaaaaaaa!” (Ein Blick, der darauf deutet, daß das Kind zwischen “der will mich echt nur verarschen” und “was für ein Depp, der hat erst mit 26 Jahren ein Handy bekommen”, so ähnlich wie Marty McFly auf seinen trotteligen Vater guckt, hin- und herschwankt.)

Demnächst erzähle ich ihr mal, wie wir damals stundenlang Pong gespielt haben. Das glaubt sie mir eh nicht.

Ein langer Gedanke zur Next11

So, die Next11 ist vorbei und ich weiss nicht genau, wie ich die Konferenz zusammenfassen soll. Also schreibe ich einfach mal meine Eindrücke runter. Der Veranstaltungsort ist viel zu riesig, die Vortragsräume bieten neben den Stuhlreihen genug Fläche für Rollhockey, der Innenbereich heizt sich bei minimaler Sonneneinstrahlung auf wie ein Troparium, die Toiletten sind gefühlt 500m weiter am Ende eines Heizungstunnels, ja alles toll, Berlin und so, aber die Räumlichkeiten sind zu groß. Wir haben dieses Jahr den Track Branding als Sponsor kuratiert und habe daher eine ziemlich gute Vorstellung, wie schwierig es ist, gute Redner zu bekommen, aber ich war teilweise erschüttert von der Qualität der Vorträge insgesamt. Wenn man sich schon die Mühe macht, eine Präsentation vorzubereiten, oder sich auch noch als Sponsor betätigt und damit quasi einen Redebeitrag bekommt, dann sollte man diese Zeit nicht sinnlos vergeuden mit einem Vortrag, der eher auf dem betonungslosen Ablesen von Powerpoint-Charts beruht. Ich bin nicht der weltbeste Redner, aber meine Güte, es ist doch verschwendete Zeit für alle, wenn ein Redner nicht weiß, was er eigentlich für eine Story erzählen könnte über seine Firma, seine Idee, odersein Projekt. Ich bin aus mindestens fünf Vorträgen sofort herausgegangen, weil ich mir das Trauerspiel nicht angucken konnte. Überhaupt, der erste Tag war inhaltlich schwach, der zweite Tag dafür umso besser und leider für mich äusserst unpraktisch konfiguriert, da die Themen Social und Branding zeitgleich waren. Schade, das. Was ich vermisst habe, auch in unserem Track, ehrlich gesagt, waren richtig gute Diskussionen. Es gab nur Vorträge, nur selten mal ein paar Fragen und Antworten, oder gar Diskussionsrunden. 1600 Leute waren in Berlin. Viele, viele bekannte Gesichter. Und viele junge Leute, da es auch ein Juniorenticket gab, was ich auch angeregt hatte. Es fehlten aber völlig die Entscheider aus den Firmen, die neue Technologien einsetzen, Werbespendings vorhaben, oder sich irgendwie mit den Themen auseinandersetzen. Ein Rolf Schmidt-Holtz reicht nicht aus, wo waren denn alle seine Kumpels oder Leute von ähnlichem Kaliber? Auf der DLD sicherlich. Aber warum nicht auf der Next11? War das Thema zu nerdy, das Setting zu seltsam? Die Next11 hatte stellenweise den Charakter einer Jugendnachhilfeveranstaltung. Data Love ist ein sehr passendes Thema gewesen, dringend überfällig in Deutschland, aber irgendwie fehlte das Thema Next, wir haben maximal über den Status Quo geredet, aber nicht über die heisse Scheisse von übermorgen und die Diskussion, ob es jemals so kommen wird oder doch anders, und was das alles für uns bedeutet und überhaupt. Ich bin underwhelmed nach dieser Veranstaltung und immer noch genervt, daß wieder der Kardinalfehler aller Konferenzparty-Organisatoren gemacht wurde: viel zu laute Musik, wenn Leute doch nur reden wollen. Abgesehen davon war der Raum zu groß und alles wirkte leer, siehe oben. Mir fehlten die Rockstars dieses Jahr, die alten Rocker genauso wie die jungen Punks, mir fehlten Visionen, mir fehlte eine Stimmung, eine Schwingung, ein Aha-Moment oder einfach nur irgendwas Neues. Next eben. Die Next11 blieb hinter dem von mir gesetzten Anspruch deutlich zurück. Dennoch war es schön, alle mal wieder gesehen zu haben und ich mag die Next. Nächstes Jahr würde ich gerne über die Zukunft und die daraus resultierenden Möglichkeiten reden, was gestern war und heute ist, findet man auch so heraus.