Twitter wird das neue AOL

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Ja, ich weiss, catchy Headline und so, aber so langsam sehe ich Twitter abgleiten. Noch gibt es keinen massiven CD-Versand, aber die Transformation von einer Firma, die fokussiert war auf das Bereitstellen eines auf Infrastruktur ausgerichteten Ökosystems hin zu einem Medien-Unternehmen wird immer deutlicher und damit verändert sich der Charakter von Twitter maßgeblich. Natürlich kann man dies als Wachstumsschmerzen abtun und einfach mal konstatieren, dass sich Twitter einfach über die Jahre ändert und aus einer Spielwiese für Geeks natürlich eine Mainstream-Mall werden musste, aber so leicht mache ich mir es nicht. Eigentlich habe ich auch gar keine Lust, immer über den drohenden Niedergang von Twitter zu schreiben, aber da ich täglich primär Twitter nutze, bin ich schon massiv angefressen von dem was passiert.

1. Die Kastration des Ökosystems geht munter weiter. Anstatt weiterhin auf die API zu setzen und sie als Teil der Monetarisierungs-Strategie zu nutzen, werden Drittanbieter zugunsten eigener Angebote zurückgedrängt. Kürzlich wurde sogar Instagram untersagt, über die Twitter-API den Nutzern das Finden der Freunde zu ermöglichen, die bereits Instagram nutzen. Instagram wurde von Facebook gekauft und prompt wird hier die API-Nutzung beschränkt, ebenso wie es jüngst bei LinkedIn passiert ist. Das gute alte Web 2.0 Mantra mit dem Nutzer im Mittelpunkt – das existiert bei Twitter nicht mehr wirklich.

2. Innovationen gibt es kaum noch und wenn, dann werden sie angekündigt und später kaum wahrnehmbar ausgerollt. Oder nutzt irgendjemand Brand Profiles, bzw. nimmt irgendwelche Twitter-Profile besonders wahr? Die ach so effiziente Werbung sehe ich kaum und so lange mir Twitter weiterhin im Web vorschlägt, doch endlich mal eine Twitter App für die mobile Nutzung herunterzuladen, und das wo ich sicherlich die Hälfte der Zeit über die iPhone App wittere, glaube ich nicht an die Effizienz und das Targeting der Werbung, ähnlich wie von Mario Sixtus neulich bei tagesspiegel.de gerantet. Die neueste Innovation ist das Erkennen von Börsentickersymbolen, wie es bei Stocktwits bereits seit 4 Jahren genutzt wird. Wow. Da wurde eine gute Idee aber mal schnell umgesetzt, das hat ja schon nahezu move fast and break thingssche Züge.

3. Der Werbekunde ist König. Natürlich brüstet sich Twitter immer wieder damit, dass auf 140 Zeichen dafür gesorgt wird, dass böse Regime kritisiert werden können, aber wenn ein Journalist sich über NBC und deren Olympia-Berichterstattung aufregt und dabei die Email-Adresse eines Verantwortlichen twittert, dann wird der Account gesperrt. Das ist vorauseilender Gehorsam, der zu dem üblichen Free Speech Pathos überhaupt nicht passt, aber da es eine Zusammenarbeit mit NBC gibt, wird hier mal eben durchgegriffen. Im Zweifel für den Werbepartner und gegen den Nutzer.

Diese drei Punkte zeigen, wie Twitter gerade sämtliche Konturen verliert, die es mal gross und attraktiv gemacht hat. Twitter hatte den Vorteil, über eine API schnell eine gute Verbreitung zu bekommen, aber dieses Ökosystem wird kontinuierlich zurückgefahren und der Gleichförmigkeit geopfert. Twitter verliert so nach und nach sämtliche Alleinstellungsmerkmale gegenüber Facebook, dass es trotz aller Kritik weiterhin schafft, eine für Entwickler und Nutzer attraktives Ökosystem zu gestalten. Sicherlich nervt auch bei Facebook einiges, aber die Entwickler von Apps können sich ziemlich sicher sein, dass sie auch in Zukunft auf eine API zurückgreifen können, da Facebook verstanden hat, dass Entwickler zur Attraktivität des Ökosystems beitragen und nicht störend sind für die Monetarisierung der Plattform. Twitter baut gerade einen Walled Garden um sich herum, damit die Werbekunden genügend Aufmerksamkeit bekommen können. AOL lässt grüssen und Twitter wird zunehmend belangloser werden.

Während Twitter zunehmend aolisiert wird, wirkt die geplante kostenpflichtige Alternative App.net immer attraktiver, braucht aber immer noch mehr Unterstützer.

Facebook App-Zentrum ist jetzt live

Facebook App-Zentrum

Vor etwas über einem Monat hat Facebook das App Center gestartet, das heute in der deutschsprachigen Variante App-Zentrum für die deutschen Nutzer an den Start gegangen ist. Die Grundidee des App-Zentrums ist, den Facebook-Nutzern ausgewählte Apps für Web und Mobil zu präsentieren, diese aber in den Kontext der Nutzung durch die Freunde der Nutzer zu stellen. Dadurch soll es Nutzern leichter gemacht werden, interessante Apps zu finden, aber auch Entwicklern von Apps leichter die passenden Nutzer zu erreichen.

Ich hatte zum Start des App Centers folgendes geschrieben:

Facebook macht mit dem App Center drei Sachen genau richtig:

1. es wird ein massiver Filter über alle Apps gelegt und nur die Apps werden in den App Center aufgenommen, die social Signals aussenden, also die Vorteile eines Ökosystems wie Facebook ausnutzen.
2. dem Nutzer wird angezeigt, wie viele Nutzer eine App hat und wieviele Freunde diese App nutzen, und zwar für Web-Apps und mobile Apps.
3. die Nutzer werden von Facebook nach einem intransparenten Prinzip dazu aufgefordert, Apps zu bewerten. Dies schliesst massenhaft generierte Jubel-Bewertungen ebenso aus, wie negative Bewertungen durch die Konkurrenz.

Das Auffinden von Apps und das Bewerben von Apps ist bislang noch nicht zufriedenstellend gelöst worden, aber Facebook geht einen Schritt in die Richtung, um Nutzer und Apps zusammenzubringen. Als Nutzer finde ich interessant, welche Apps meine Freunde nutzen. Als Entwickler kann man über Facebook dafür sorgen, dass die Apps für die Nutzer relevanter werden. Hinzu kommen nette kleine Features wie die Möglichkeit, eine mobile App direkt ans Handy zu senden, damit man direkt im App Store die App installieren kann. Ich finde das äußerst praktisch und freue mich darauf, künftig auch über Facebook direkt Apps bewerben zu können. Nicht, weil ich gerne Geld ausgebe für Werbung, sondern weil ich vermute, dass es über das Facebook App-Zentrum effizienter werden wird, neue Nutzer für eine App zu begeistern, weil man sie im sozialen Kontext bewirbt.

Unser Startup Stuffle ist bereits im App-Zentrum vertreten und ich bin gespannt, wie sich dies auf die Download-Zahlen auswirken wird. Stuffle setzt auf eine tiefe Facebook-Integration, denn bei einem mobilen Flohmarkt ist es wie bei einem stationären Flohmarkt: ohne Menschen ist es langweilig und es ist besonders nett, wenn man die anderen irgendwie kennt. Teil des App-Zentrums sind umfangreiche Statistiken, die Entwicklern dabei helfen, die Nutzungsmuster zu verstehen und entsprechend die App weiter zu verbessern.

Mir fehlt allerdings beim App Center wie auch beim App-Zentrum noch eine gewisse persönliche Note oder Empfehlung der Redaktion, noch wirkt alles sehr algorithmisch. Zur Unterteilung der Apps in “Internet” und “Handy” sage ich jetzt mal nix, da finde ich “Web” und “Mobil” ca. dreitausend mal passender, aber das ist sicherlich Teil der “move fast and break things”-Strategie und der Hackerkultur von Facebook. Generell ist es aber sehr vorteilhaft, dass das App-Zentrum im Web, aber auch mobil verfügbar ist und jeweils passende Apps anzeigt. Facebook geht mit dem App-Zentrum konsequent den Weg der social App-Discovery weiter.

In deutschen Autos nur Handarbeit

• PKW-Kauf - Wichtige Ausstattungsmerkmale | Statistik

Ist Euch das mal aufgefallen? In deutschen Autos wird immer noch von Hand geschaltet. Wieso eigentlich?

Ich habe meinen Führerschein vor 22 Jahren im Lotto gewonnen in den USA gemacht und das natürlich in einem Wagen mit Automatik-Getriebe, denn das ist Normalität in den USA. Autos mit Schaltgetriebe sind dort Exoten, die man extra bestellen muss. Hier in Deutschland wird ein Automatik-Getriebe immer noch als etwas angesehen, was bestenfalls Senioren im Auto haben wollen, es schwingt der Nimbus des Weicheierigen mit, wenn man Automatik fährt. Der Deutsche an sich schaltet selber. Aktuell fahre ich einen Opel Zafira Tourer und das ist als Pool-Fahrzeug natürlich ein Wagen mit Schaltgetriebe, davor hatte ich einen Audi Q5 und es gab bei der Konfiguration durchaus Diskussionen, warum ich denn unbedingt ein Automatik-Getriebe haben möchte. Mietwagen gibt es in Deutschland nahezu immer mit Schaltgetriebe, selten mit Automatik, egal welche Kategorie man bucht.

Ist das eine gesunde Ablehnung gegenüber Technologie, weil der Autofahrer an sich besser weiss, wann geschaltet werden sollte? Liegt dies an den 3-Gang Automatik-Schaltungen der 70er Jahre, die alles andere als perfekt waren? Wollen alle ihren inneren Schumi rauslassen, wenn sie noch mal kurz runterschalten, um mit ordentlich Karacho überholen zu können? Ist Automatik zu sehr Auto-Scooter?

Ich verstehe das echt nicht. Gerade im Stadtverkehr ist es total nervig, immer auf der Kupplung rumzustehen und die Gänge rein- und rauszupuhlen, außerdem schaltet ein Automatikgetriebe viel geschmeidiger und ist mittlerweile auch effizienter als das manuelle Schalten. Hinzu kommt, dass man eine Hand frei hat zum Kaffee trinken, twittern, Nase popeln oder einfach nur wild gestikulieren. Mittlerweile gibt es manuelle 6-Gang-Getriebe und 7-Gang-Automatik-Getriebe, warum? Wir haben doch auch Klima-Automatik und elektrische Fensterheber, aber von dem Schaltgetriebe kommen wir nicht weg? Liegt es nur an dem Aufpreis, den Hersteller in Deutschland für Automatik-Getriebe verlangen? Dieselmotoren sind auch teuerer, werden aber trotzdem gekauft.

Hat jemand Erklärungen parat? Eine Allensbach-Studie aus dem Jahr 2010 gibt immerhin an, dass für 18,9% der Befragten das Automatikgetriebe zu den wichtigsten Ausstattungsmerkmalen eines Autos gehört, aber warum nur so wenig und warum sind Breitreifen mit 15,7% fast genau so wichtig? Getränkehalter, nach dem Automatik-Getriebe und dem Radio mein drittwichtigstes Auto-Feature, tauchen in dieser Aufstellung gar nicht auf, dafür aber Einparkhilfen mit 35,9% – da wird auf die Handarbeit plötzlich gerne verzichtet.

Was meint ihr? Warum fährt man in Deutschland nicht Automatik?

Smartphone aus! Urlaub!

Was für ein Quatsch. Wenn ich das schon lese, dass Leute meinen, für den Urlaub Vorschriften zu erlassen. Spann mal aus, kein iPhone. Kein Roaming. Kein iPad. Ich glaube, es hackt!

Ich verbringe meinen Urlaub so wie ich es möchte (oder meine Familie mich lässt) und dazu gehört auch die Nutzung irgendwelcher elektronischen Geräte. Oder wie meine Frau immer sagt “aber da sind meine Freunde drin”. Das ist doch genau der Punkt: ich möchte selbstbestimmt definieren, ob und wie ich im Urlaub mein iPhone benutze. Wenn dann irgendwelche Leute auch noch meinen, dass die hohen Roamingkosten positiv zu sehen sind, weil sie dabei helfen, im Urlaub abzuschalten, dann frage ich mich echt, wie tief im 20. Jahrhundert einige Menschen immer noch stecken.

Das Smartphone an sich ist doch keine Geißel, sondern eine wahnsinnige Erleichterung für viele umständliche Dinge des Alltags, und noch dazu eine Spielekonsole und ein Brieftaubenschwarm auf Steroids. Mit dem Smartphone finde ich heraus, welches Restaurant empfehlenswert ist, finde den den Weg dorthin, mache Fotos, schicke sie meinen Freunden, bestelle kurz ein eBook fürs Kind, recherchiere Ausflugsziele, und so weiter und so fort. Wir reden überall von Medienkonvergenz und das passiert doch auch im Urlaub. Ist ein Kindle erlaubt, weil man da nur Bücher lesen kann, ein iPad aber nicht, weil man da auch daddeln oder gar twittern kann?

Natürlich kann ich das auch mit einem Reiseführer, einer Karte, einer Kamera, vielen Postkarten, Briefen und Büchern und so erledigen, aber im Urlaub soll man sich doch entspannen, warum meinen dann irgendwelche Leute, man solle das Smartphone ausschalten? Mir wird nicht klar, warum andere Menschen verordnen wollen, wie man sein Urlaub zu gestalten hat. Aber achtet mal drauf, derartige Tipps gibt es an jeder Ecke. Ich jedenfalls war gerade im Urlaub und das einwöchige 100 mb Roaming-Paket der Telekom hatte ich nach einem Tag aufgebraucht und wurde erst wieder entspannt, als ich eine lokale Data-SIM mit 1 GB erstanden hatte. Ich fühle mich ohne Smartphone mit Daten-Nutzung abgeschottet von der Welt, quasi wie im Blindflug. Das kann man entspannend finden, aber ich möchte mir diesen Zustand selber wählen können.

App.net – geniale Idee oder total überflüssig?

Vor ein paar Tagen bin ich über den Artikel Announcing an audacious proposal von Dalton Caldwell gestolpert, der genervt von Twitter und der Fokussierung auf Werbe-Erlöse folgendes vorgeschlagen hat:

I believe so deeply in the importance of having a financially sustainable realtime feed API & service that I am going to refocus App.net to become exactly that. I have the experience, vision, infrastructure and team to do it. Additionally, we already have much of this built: a polished native iOS app, a robust technical infrastructure currently capable of handing ~200MM API calls per day with no code changes, and a developer-facing API provisioning, documentation and analytics system. This isn’t vaporware.

To manifest this grand vision, we are officially launching a Kickstarter-esque campaign. We will only accept money for this financially sustainable, ad-free service if we hit what I believe is critical mass. I am defining minimum critical mass as $500,000, which is roughly equivalent to ~10,000 backers.

In Kurzfassung will er $500.000 von ungefähr 10.000 Unterstützern bekommen, um eine eine Art Twitter 2.0 mit einer Fokussierung auf einem Ökosystem für Entwickler zu erschaffen. Caldwell geht davon aus, dass das bisherige System bei werbefinanzierten Plattformen sich immer zu Ungunsten der Entwickler und der Nutzer verhält, daher will er App.net grundsätzlich anders ausrichten.

Ich finde die Idee extrem spannend und gehöre zu den Unterstützern von App.net. Bis zum 13. August will Caldwell die Summe von $500.000 erreicht haben. Ich sehe in der Tat Vorteile darin, den Versuch zu unternehmen, eine Plattform an den Bedürfnissen der Entwickler auszurichten und glaube, dass über die mobile Nutzung durchaus eine Bereitschaft zum Bezahlen geschaffen werden kann. Natürlich ist es nicht leicht, neben den bestehenden sozialen Netzwerken einen neuen Dienst zu etablieren, wie wir das seit einem Jahr an Google+ sehen, aber dennoch finde ich die Idee unterstützenswert.

Mach mit!