Goodreads und die böse Seite der Macht

Gestern wurde bekannt gegeben, dass Goodreads an Amazon verkauft wurde. Goodreads ist eine Plattform für Menschen, die gerne lesen und sich über Bücher austauschen wollen. Man ist auf Goodreads mit anderen Leuten verknüpft, idealerweise natürlich mit seinen Facebook-Freunden, und kann dann sehen, was diese Freunde lesen oder lesen wollen. Ich bin vor ein paar Monaten auf Goodreads gestossen, allerdings nur, weil ich immer mehr Freundes-Anfragen bekommen habe und mir das dann selber mal angucken wollte.

wanttoreadGoodreads ist sehr mächtig, nicht nur weil mittlerweile 16 Millionen Nutzer dort sind, sondern weil sehr einfach Lesetipps verbreitet werden, die sich dann doch von dem unterscheiden, was man in Buchhandlungen so findet oder was Amazon vorschlägt. Eigentlich ist Goodreads auch ganz einfach, man sagt einfach, was man gerade liest und wenn man damit durch ist, verteilt man ein paar Sternchen und sagt, wie einem das Buch gefallen hat. Man kann auch angeben, was man gerne lesen will. Goodreads verfügt auch über eine mobile App, die es ermöglicht, mal eben den Barcode zu scannen und dann zu sehen, was andere Leute so zu diesem Buch schreiben. Die Community bei Goodreads ist dann doch anders als bei Amazon selber, denn bei Goodreads kann ich erkennen, was meine Freunde zu Büchern sagen, was natürlich bei der eigenen Kaufentscheidung eine entscheidene Rolle spielt.

Bislang war Goodreads unabhängig, aber nun wird es zu Amazon gehören, was laut einem Blogpost der Gründer natürlich nur positive Effekte haben wird:

1. With the reach and resources of Amazon, Goodreads can introduce more readers to our vibrant community of book lovers and create an even better experience for our members.
2. Our members have been asking us to bring the Goodreads experience to an e-reader for a long time. Now we’re looking forward to bringing Goodreads to the most popular e-reader in the world, Kindle, and further reinventing what reading can be.
3. Amazon supports us continuing to grow our vision as an independent entity, under the Goodreads brand and with our unique culture.

Ja, das hört sich doch klasse an für Leute wie mich, die Goodreads vielleicht mal etwas mehr nutzen könnten und die einen Kindle besitzen, auf dem sie vielleicht auch noch mehr lesen könnten. Natürlich macht es Sinn, mir auf dem Kindle direkt anzuzeigen, was in meinem Umfeld gerade so gelesen wird, denn ich kann dort auch gleich den Impulskauf tätigen. So kann ich noch mehr lesen, natürlich auf meinem Kindle. Und mehr Geld ausgeben für Bücher bei Amazon.

Amazon zeigt mit der Übernahme von Goodreads, dass sie verdammt clever sind. Das ist keine Übernahme, die dazu führen wird, dass Goodreads schlechter wird für die Nutzer, sondern da die Kindle eReader eh schon weit verbreitet sind, wird es für die Nutzer mit Kindle einfach noch besser werden, und zwar für andere Lese-Communities unerreichbar besser. Amazon bekommt dafür den Zugriff auf die Database of Intentions im Bereich Bücher, denn bei Goodreads erfährt man nicht nur, was andere lesen, sondern auch, was sie lesen wollen. Das ist natürlich ein wichtiges Asset für Amazon, es wird ihnen helfen, noch mehr Bücher zu verkaufen und die Kunden noch besser zu binden. Sicherlich können wir auch jetzt schon im Buchladen den Barcode scannen und direkt bei Amazon das eBook bestellen, aber über Goodreads können wir sehen, was unsere Freunde zu dem Buch sagen und dann den Kauf tätigen, basierend auf den Empfehlungen unserer Peergroup. Das geht noch mehr zu Lasten des lokalen Buchhandels, das geht noch mehr zu Lasten anderer Plattformen und anderer eReader, aber wenn man, so wie ich, bereits Kindle Nutzer ist, dann wird es künftig noch einfacher sein, gute Bücher zu finden.

Amazon ist nicht erst seit gestern mächtig und weiss viel über uns Nutzer, aber diese Position wurde durch die Übernahme von Goodreads noch weiter ausgebaut und verfestigt. Das macht Sinn für Amazon, das ist toll für Kindle-Nutzer, aber es ist großer Mist für Verlage und Buchhändler. So langsam sollte man beginnen darüber nachzudenken, ob regulatorische Eingriffe notwendig werden, um weiterhin eine Vielfalt auf dem Buchmarkt zu gewährleisten.

Mit netzpolitischer Wut die Parteien hacken!

So, nun sind ein paar Tage vergangen, das Leistungsschutzrecht von CDU/CSU und FDP ist flott durch den Bundesrat gekommen, auch weil meine SPD mal wieder netzpolitisch versagt hat, und wir lecken alle fröhlich unsere Wunden. Sascha Lobo bespielsweise schreibt in Unsere Mütter, unsere Fehler:

Ich war und bin wütend über das Versagen der Netzgemeinde, über unser Versagen, über mein Versagen. Ja, das Leistungsschutzrecht ist unser Versagen. Das Wörtchen “wir” benutze ich so sparsam wie möglich, aber wenn man als Teil einer Gruppe Selbstkritik üben will, lässt es sich nicht vermeiden. Entgegen häufiger Behauptungen der Netzgemeinde gibt es die Netzgemeinde natürlich doch, es handelt sich um eine amorphe, im Kern jedoch überraschend meinungskonsistente Interessengruppe. Diejenigen, die sich aus persönlichem Interesse um Netzpolitik und Netzgesellschaft kümmern und deren Priorität die Erhaltung und Weiterentwicklung des freien, offenen Internet ist.

Da ist mir etwas eingefallen, was mich an meinen alten Professor Peter Lösche erinnerte. Lösche begann gleich das erste Proseminar Politikwissenschaft mit dem Gedankenspiel, wie es wohl wäre, wenn das gesamte Proseminar geschlossen in die örtliche FDP eintreten würde, denn dann hätten wir alle das Sagen in der Göttinger FDP und die alten Kader das Nachsehen.

Wenn man sich Saschas Text so durchliest, dann wird dieses Gedankenspiel von Peter Lösche umso naheliegender. Sascha beklagt unsere mangelnde Vernetzung und er beklagt auch, dass die Parteien andere Themen viel wichtiger nehmen als wir. Das kann man ändern, indem man in den Parteien für Veränderungen streitet und idealerweise ändert man es schneller, indem man gleich die Abstimmungsmehrheiten mitbringt. Dieses Prozedere ist nicht neu, gerade in Großstädten melden sich vor Abstimmungen gerne in den Parteien etliche Mitglieder um, damit sie in anderen Gliederungen Entscheidungen beeinflussen können.

Wie wäre es, wenn einfach mal alle netzpolitisch interessierten Menschen in eine traditionelle Partei ihrer Wahl eintreten und dort dafür sorgen, dass Netzpolitik ein Thema wird? Eine Parteimitgliedschaft kostet nicht viel, in der Regel zwischen 5 und 15 € im Monat. Wir sorgen dann für eine Vernetzung der netzpolitischen Fraktion und unterstützen uns gegenseitig bei diesem einen Thema, so lange bis alle Parteien es verstanden haben. Wenn man sich die Ortsvereine der Parteien so anguckt, dann dürfte es kein Problem sein, mit ein paar Leuten und etwas Beharrlichkeit direkt Einfluß nehmen zu können, sowohl bei Inhalten als auch bei Wahlen. Also quasi wäre das die Fortentwicklung der Grundidee des Politcamps als ständige netzpolitische Interessenvertretung in den Parteien.

Der Nachteil an meiner Idee: man wird Teil der real existierenden deutschen Parteienlandschaft, was oftmals ungefähr so reizvoll sein wird wie eine Wurzelkanalbehandlung ohne örtliche Betäubung. Andererseits kann der netzpolitische Marsch durch die Institutionen auch vor den Parteien nicht halt machen und wenn man etwas bewegen will, dann gehört dies neben gesundem Netzaktivismus auch dazu. Wenn man allerdings mit einer Handvoll Gleichgesinnter eintritt, dürfte auch die verschlafenste Sitzung wieder Spaß bringen.

Damit die Vernetzung auch richtig klappt, könnte man ja ein tolles Crowdfunding- und Crowdsourcing-Projekt daraus machen. Wir sammeln von allen Geld ein, sorgen für die vernetzten Strukturen und analysieren dann, wo aktuell neue Mitglieder in einer Partei benötigt werden, schicken dort die Leute hin und zahlen aus dem großen Pott die Mitgliedsbeiträge. Über eine etwaige Schmerzensgeldzulage bei ganz fiesen örtlichen Partei-Vorkommnissen kann man auch reden.

Ach so, ich bin schon in einer Partei, aber ich komme mir auch eher allein gelassen vor. Wer macht noch mit und tritt ein? Nachholbedarf gibt es in jeder etablierten Partei, allein schon, um die dortigen Netzpolitiker zu unterstützen.

Netzpolitische Hundstage in der SPD

Heute ist so ein Tag, an dem ich leide wie ein Hund. Ich bin kein Politiker, ich bin aber jemand, der dieses Land politisch voranbringen will und ich bringe mich ein bei Themen, die mich etwas angehen und von denen ich etwas verstehe. Ich mache dies nicht, weil ich Politiker werden will oder weil ich irgendwelche Partikular-Intressen vertreten will, sondern weil ich glaube, dass wir als Gesellschaft vorankommen müssen, wenn wir die Zukunft gestalten wollen. Ich habe drei Kinder und sehe mich dafür verantwortlich, alles in meiner Kraft tun zu können, damit die Welt vielleicht ein bisschen besser und lebenswerter werden kann. Allerdings habe ich keine Ahnung, wie man wichtig geopolitische Fragestellungen lösen kann und gehe auch nicht davon aus, dass ich dort irgendwie Einfluß nehmen könnte. Ich verstehe allerdings sehr wohl, in welchem Transformationsprozess sich die Gesellschaft, Staat und Wirtschaft bei der immer weiter zunehmenden Digitalisierung befindet und ich versuche, Ideen zu entwickeln, wie wir aus den verschiedensten Aspekten der Digitalisierung der unterschiedlichsten Lebensbereiche mehr Chancen nutzen können, ohne die Risiken aus dem Blick zu verlieren.

Netzpolitik ist nach meinem Verständnis Gesellschaftspolitik und wir sollten nicht so tun, als ob dieses Thema nur irgendwelche Spinner angeht, sondern dieses Thema tangiert uns alle. Viele Aspekte der Netzpolitik werden und müssen sehr detailliert diskutiert werden, was sie leider wenig massentauglich erscheinen lässt. Netzpolitik ist oftmals auch Wirtschaftspolitik und vor allem Standortpolitik, was mit der rasanten kommerziellen Entwicklung der Digitalisierung zu tun hat.

Wenn ich sage, dass wir uns in einem Transformationsprozess befinden, dann schwingt da natürlich auch mit, dass wir noch nicht genau wissen, was sich wann wie ändern wird und welche Auswirkungen dies haben wird, sondern wir wissen lediglich, dass sich ganz viel ändern wird und wir uns darauf einstellen sollten. Idealerweise begleitet man einen Transformationsprozess mit vielen Fragen und hofft, dass man nach und nach die richtigen Antworten finden kann oder aber die falschen Antworten rechtzeitig korrigiert bekommt. In einem Transformationsprozess gibt es Verlierer und Gewinner, daher müssen wir als Gesellschaft meiner Meinung nach ganz genau hinsehen, welche Veränderungen wem nützen und uns genauestens überlegen, ob Partikular-Interessen im Vordergrund stehen, oder die Allgemeinheit profitieren kann.

Wenn ich sage, dass ich leide wie ein Hund, dann möchte ich damit auch zum Ausdruck bringen, dass Politik für mich eine zutiefst emotionale Angelegenheit ist. Ich bin zu wenig Jurist, als dass ich einen guten Technokraten abgeben könnte, das schaffen allerdings viele Politiker spielend. Ich glaube auch, dass die Vermittlung von Politik ganz viel mit Emotionen und Symbolen zu tun hat, denn es wurden noch nie Wahlen gewonnen, weil in einer Regierungszeit die Gesetze so stringent wie noch nie formuliert wurden.

Diesen Sommer bin ich 25 Jahre Mitglied meiner Partei und ich bin dies vor allem, weil ich mich der Tradition der Arbeiterbewegung verpflichtet fühle, weil ich fest daran glaube, dass Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität Grundwerte sind, für die es sich bedingungslos einzutreten lohnt und weil ich die Tradition dieser Partei liebe, die dieses Jahr 150 Jahre alt wird und so viele positive Veränderungen für dieses Land erkämpft hat. Und ich will verdammt noch mal, dass es den Menschen in diesem Land besser geht und dass mehr Menschen ihre Chancen nutzen können, am gesellschaftlichen Aufstieg zu partizipieren, so wie es mein Vater als Sohn eines Landarbeiters als Erster in der Familie geschafft hat, ein Studium zu absolvieren. Ich will verdammt noch mal, dass die SPD sich ihrer historischen Rolle wieder bewusst wird und mit aller Kraft dazu beiträgt, dass dieses Land besser wird.

Und dann bin ich maßlos enttäuscht, maßlos, wenn meine Partei es trotz vieler guter Initiativen wie dem Kreativpakt, trotz vieler kluger Menschen, die mit viel Engagement dabei sind, trotz vieler Gespräche auf den verschiedensten Ebenen der Partei, dann bin ich maßlos enttäuscht, wenn meine Partei es nicht schafft, ihren eigenen notwendigen Transformationsprozess ernstzunehmen.

Die Chancen für unsere Gesellschaft durch die fortschreitende Digitalisierung sind in meinen Augen weit größer als die Risiken. Als rohstoffarmes Land sollten wir die Digitalisierung umarmen und alles dafür tun, die Arbeitsplätze der Zukunft bei uns zu schaffen. Als Land mit viel Gegend sollten wir alles dafür tun, dass die Digitalisierung genutzt wird, um allen Bürgern einen Zugang zu Informationen und Wissen, aber auch Einkaufsmöglichkeiten und Unterhaltung zu ermöglichen. Als Land der Dichter und Denker sollten wir uns darauf besinnen, dass nur eine gute Bildung dazu führt, dass wir uns weiterentwickeln können, dass wir den nächsten Level erreichen, wie auch immer dieser aussehen mag.

Es gibt viele in diesem Land, die keine Lust haben, sich mit der Digitalisierung wirklich auseinanderzusetzen. Veränderungen sind immer schwierig und mit einer Ungewissheit verbunden, weswegen nicht alle Menschen Veränderungen anstrebenswert halten. Wir können allerdings die Digitalisierung nicht aufhalten, nicht mal in Ansätzen. Wir können also nun so tun als ob uns das nichts angeht und den status quo ante eigentlich ganz toll finden, aber das bringt uns alle nicht weiter und wird dafür sorgen, dass die, die sich den Veränderungen am Längsten entgegenstellen, irgendwann um so brutaler von ihr weggefegt werden.

Heute wird das von CDU/CSU und FDP im Bundestag beschlossene Leistungsschutzrecht Gesetz. Die SPD lehnt es ab, ist aber nicht in der Lage, im Bundesrat ihre Mehrheit zu nutzen, um den Vermittlungsausschuss anzurufen, weil sie meint, das dies auch nichts bringen würde. Das ist eine fatale Fehleinschätzung und reiht sich nahtlos ein in die fatalen Fehleinschätzungen bei den Netzsperren und der Vorratsdatenspeicherung. Niemand erwartet von CDU/CSU und der FDP einen netzpolitischen Sachverstand, der über die Wahrung von Partikular-Interessen hinausgeht. Niemand. Von der SPD allerdings hat man schon immer mehr erwartet als von anderen Parteien. Man erwartet ein bedingsloses Einstehen für den kleinen Mann, man erwartet einen besseren moralischen Kompass und man erwartet das Festhalten an Prinzipien. Im Fall des Leistungsschutzrechts von Union und FDP erwartet man von der SPD zurecht, dass sie sich auf die Hinterbeine stellt, dass sie macht und tut, dass sie zeigt, dass sie dieses Gesetz völlig überflüssig findet und dass sie sich dabei verausgabt, es zu verhindern. Es mag sein, dass das Anrufen des Vermittlungsausschusses nur Symbolpolitik ist und dass das Leistungsschutzrecht aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Bundestag nicht mehr aufgehalten werden kann, aber ganz ehrlich, dass spielt doch gar keine Rolle. Die Menschen erwarten nicht nur ordentliches Regieren, sie erwarten auch Opposition mit Rückgrat, Witz, Raffinesse, Vehemenz und Standhaftigkeit. Von der SPD wird immer, und das völlig zu Recht, erwartet, dass sie auch den hoffnungslosesten Kampf aufnimmt, wenn sie für die richtige Sache kämpft. “Wir können es eh nicht ändern!” ist keine gute Triebfeder für die Politik im Allgemeinen und erst Recht nicht für die SPD. Ach ja, und der Hinweis, dass nach der Bundestagswahl die rot-grüne Bundesregierung das Leistungsschutzrecht sofort kassieren würde, ist allerfeinste Symbolpolitik, aber das nur am Rande. Wenn man es sich jetzt nicht mit den Verlagen verscherzen will, dann wird eine Ankündigung, es nach den Wahlen tun zu wollen, auch nicht ernst genommen, abgesehen davon tut die SPD gerade alles, dass es nach der Bundestagswahl eher nicht auf rot-grün hinauslaufen kann.

Für mich ist das Leistungsschutzrecht nicht nur ein überflüssiges Gesetz, sondern es zeigt auf, wie wenig wir in der Lage sind, die Herausforderungen der Digitalisierung gestalterisch zu nutzen, da wir uns Stattdessen die Rückzugsgefechte der Besitzstandswahrer aufdrängen lassen. So kommen wir nicht weiter in diesem Land, so nicht.

Bahnfahren leichtgemacht mit dem Führerschein für Bahnreisende

Der ICE kommtIch fahre gerne mit der Deutschen Bahn durch Deutschland. Zwar kann man sich als Deutscher immer über die Bahn beschweren und es gibt auch Vieles, was noch besser gemacht werden könnte, aber eigentlich finde ich, dass die Herausforderungen beim Bahnfahren eher im Verhalten der Mitreisenden liegen.

Man sollte meinen, dass das Fortbewegungsmittel Eisenbahn sich in den letzten Jahrzehnten etabliert haben könnte und dass Generationen von Bahnreisenden ihr Wissen an nachwachsende Generationen weitergegeben haben. Aber dem ist nicht so. Jedes Mal, wenn ich mit der Bahn fahre, sehe ich Bahnreisende, die überfordert sind und deren Verhalten letztendlich dafür sorgt, dass andere Bahnreisende in Mitleidenschaft gezogen werden.

Daher fordere ich einen verbindlichen Führerschein für Bahnreisende, der aus einem Theorie- und einem Praxis-Teil besteht.

Der Lehrplan sollte stetig weiterentwickelt werden, aber die 5 Kernpunkte möchte ich hier bereits aufführen:

1. Die Zahlenwelt bis 120:
Viele Bahnreisende haben offensichtliche Schwierigkeiten mit Zahlen und daraus resultieren mannigfaltige Probleme. Jeder kennt vollbepackte, schwitzende Menschen, die gegen den Strom der Mitreisenden versuchen, zu ihrem Wagen zu gelangen, aber nicht realisieren, dass Wagen 4 nach Wagen 3 kommt und nicht vor Wagen 2. Ebenso fehlt vielen Mitreisenden ein Verständnis dafür, dass Sitzplätze ebenfalls nach einer gewissen Logik nummeriert wurden, die das Auffinden erleichtern sollen. Angewandte Chronologie ist hier der Schlüssel zum erfolgreichen Auffinden eines Wagens oder gar Sitzplatzes.

Es gibt Extra-Credit Punkte für das erfolgreiche Ablesen der Sitzplatznummernbereiche und das Auswählen der geeigneten Tür bevor der ICE betreten wird.

2. Das Reservierungssystem:
Ein moderner Fernreisezug der Deutschen Bahn verfügt über die Möglichkeit, Sitzplätze bereits vor der Abfahrt zu reservieren. Allein schon mit diesem Konzept sind viele Mitreisende völlig überfordert und reagieren unwirsch, wenn man sie bittet, die ausgepackten Käsestullen, die Thermoskanne und die BILD-Zeitung wieder zusammenzupacken, weil sie auf einem reservierten Platz sitzen. Äußerungen wie “woher soll ich das denn wissen, dass Sie hier sitzen wollen?” zeigen, dass das einfache Anbringen einer Reservierungsanzeige am Platz nicht ausreicht, sondern hier spezielle Schulungen notwendig sind.

Extra-Credit Punkte können erlangt werden, sobald das Zusammenspiel von Wagen- und Sitzplatznummer unter besonderer Berücksichtigung der umgekehrten Wagenreihung verstanden wurde.

3. Das Verhalten am Platz:
Nicht alles, was man aus dem Wartezimmer eines Landarztes kennt, sollte man auch im Großraum eines ICE machen. Detaillierte und lautstark in Mundart vorgetragene Gespräche oder Monologe zu Themen wie Krankheiten, die besonders eklig eitern und die man bereits gehabt hat, aktuell noch hat, oder die jemand hat, die man kennt, sind ebenso zu unterlassen wie nicht enden wollende Ausführungen zu Enkelkindern, Urlaubsreisen oder den größten Vertriebserfolgen der letzten 10 Jahre unter besonderer Berücksichtigung der Incentive-Wochenenden. Mitteilungsbedürfnis ist etwas ganz Tolles und sicherlich haben wir alle schon viel erlebt, aber ganz oft beschränkt sich das Interesse des eher passiven umhersitzenden Publikums doch sehr.

Extra-Credit Punkte können erlangt werden, wenn die Eleven erkennen, dass die Sitze zwar einige Features besitzen, die man aber nicht alle immer wieder ausprobieren muss. Dazu gehört das Finden der richtigen Sitzposition genauso wie das Aus- und Einklappen des Tisches oder das Festhalten an der Rücklehne beim Aufstehen und Hinsetzen.

4. Essen und Trinken:
Zu den größten Befürchtungen vieler Bahnreisenden scheint zu gehören, dass während der Reise die Nahrungsvorräte zur Neige gehen. Vermutlich sorgen unterschwellig die Erzählungen der älteren Generationen von der Flucht aus Ostpreußen dafür, dass viele Bahnreisende vollgetuppert am Platz erscheinen oder die Tagesproduktion einer Aluminiumhütte dafür genutzt haben, um alles Essbare von zuhause krisensicher verpackt mitnehmen zu können. Aktuelle Studien jedoch zeigen, dass Bahnreisende nicht verhungern und eine Flasche Wasser eigentlich völlig ausreicht, um eine Reise durch Deutschland zu überstehen. Es sei denn, es ist Sommer, dann empfiehlt es sich, nicht ohne einen Kasten Wasser in den Zug zu steigen, aber das wird im Bereich Prävention unterrichtet werden.

Extra-Credit Punkte gibt es für das Auffinden eines Bord-Restaurants oder Bord-Bistros mit dem gleichzeitigen Erkenntnisgewinn, dass die Rezepte zwar mal von einem berühmten TV-Koch gesehen wurden, aber die Speisen natürlich ein Preis-/Leistungsverhältnis haben, das eher an Autobahnraststätte als an gängige Spitzengastronomie erinnern.

5. Timing:
Wann lohnt es sich, den gesamten in überdimensionierten Koffern mitgebrachten Besitzstand, den man für das lange Wochenende bei Oma benötigt, so dicht an die Bahnsteigkante zu manövrieren, dass wirklich niemand mehr durchkommen kann? Wann fängt man an, die Gänge mit seinem Hab und Gut vollzustellen, weil man an der nächsten Station aussteigen muss? Diese Fragen werfen für viele Bahnreisende ein ewiges Rätsel auf, denn der Hinweis auf die baldige Ankunft setzt Stresshormone frei, die nur schwer zu steuern sind und für Schlangestehen vor den defekten und übelriechenden Klos am Ausgang von Spandau bis Berlin Hauptbahnhof sorgt.

Extra-Credit Punkte bekommen diejenigen, die anhand des ausliegenden Fahrplans korrekte Rückschlüsse auf den Ankunftszeitpunkt unter Berücksichtung der bisher kommunizierten Störungen im Betriebsablauf ziehen können.

Ich denke, diese wenigen Kernkompetenzen sollten ausreichen, um erfolgreich das Bahnfahren in Deutschland praktizieren zu können. Das Prinzip des lebenslangen Lernens gilt allerdings auch für Bahnfahrende, daher sollten Aufbau-Schulungen zu den Fragestellungen “Am Wagen ist ein Handy abgebildet, also kann ich ununterbrochen telefonieren?”, “Meine Socken müffeln zwar wie alter, zerlaufener Ziegenkäse, aber ich darf mich doch hier wie zuhause fühlen und meine Schuhe ausziehen, oder?”, “Tastaturgeräusche beim Dauer-SMSen sind doch als Ausdrucksform erlaubt?”, “Sollte wirklich jeder im ganzen Wagen mein Parfüm riechen können?” oder “Darf mein Kegelclub schon vor dem Frühstück lauthals Spaß haben im Großraumwagen?” in regelmässigen Abständen stattfinden.

Bahnfahren ist einfach, man muss es nur wollen.

Don’t be evil? Google Reader wird eingestellt!

Ey, Google, was soll denn das? Powering Down Google Reader:

google-reader-logoWe know Reader has a devoted following who will be very sad to see it go. We’re sad too.

There are two simple reasons for this: usage of Google Reader has declined, and as a company we’re pouring all of our energy into fewer products. We think that kind of focus will make for a better user experience.

Es ist ja toll, dass ihr bei Google jetzt wundervolles Moonshot Thinking betreibt und neue, irre große Ziele habt und viel bewegen wollt, aber warum könnt ihr dann nicht ein paar Mitarbeiter abstellen, um Google Reader weiter zu führen und besser mit Google+ und anderen Plattformen zu verknüpfen?

Ich bin von der Einstellung von Google Reader ziemlich genervt. Nicht nur, weil ich seit Jahren dort alle meine Feeds lese und über verschiedenste Apps auf Google Reader zugreife und so immer fröhlich alle meine Feeds auf dem aktuellen Stand habe, egal ob iPhone, iPad, Nexus 7 oder Laptop, und die mobile Web Variante auf dem iPhone für das effizienteste Interface für das Konsumieren von Newsfeeds halte, nein, sondern auch weil die Einstellung von Google Reader mich persönlich trifft. Noch vor zwei Tagen hat meine Frau mich gefragt, welchen Feedreader sie denn auf dem Mac nutzen solle, weil NetNewswire nach all den Jahren keine Option mehr sei. Vehement habe ich mich für Google Reader eingesetzt, alle Möglichkeiten aufgezeigt, ihr gesagt, dass Google Reader quasi der Backbone für alles mit RSS sei und sie dann Reeder, Feedly, Flipboard oder was auch immer nutzen könnte, um ihre RSS Feeds zu lesen. Sie war not convinced. Und heute muss ich dann wohl zugeben, dass sie Recht hatte mit ihren Zweifeln am Produkt Google Reader. Wie stehe ich denn jetzt da?

Ich habe die letzten Jahre quasi in Google Reader gelebt, dort eine absurd hohe Zahl von RSS-Feeds wenigstens überflogen, aber oft auch gelesen. Zuhause habe ich mit Flipboard durch die Feeds geblättert, so wie andere Leute Zeitschriften lesen oder gelesen haben. Ich habe Google Reader mit Instapaper verknüpft, Artikel in Evernote geschoben und auch das ein oder andere Mal Artikel von Google Reader in Google+, Facebook oder Twitter verlinkt.

Sicher, Google Reader hat in den letzten Jahren eher Nackenschläge von Google bekommen und wurde nicht wirklich als Produkt weiter entwickelt, aber es war eine gute Grundlage ohne viel ablenkendes Gedöns am Rande. Feedly hat angekündigt, bis zum Abschalten von Google Reader eine web-basierte Alternative fertig zu haben und wirbt damit, dass aktuelle Nutzer von Google Reader ohne Aufwand migriert werden würden, wenn sie bereits vor dem Abschalten Feedly nutzen.

Die Geschichte der Feedreader ist irgendwie auch eine Geschichte der Missverständnisse. Was es da alles Tolles gab und was alles eingestellt wurde, nun gesellt sich also Google Reader dazu, damit Google mehr Kapizitäten hat, um die Probleme der Menschheit lösen zu wollen. Ich habe ja wenig Ansprüche, ich wollte nur einen guten, einfachen web-basierten Feedreader mit ordentlichen Sharing-Möglichkeiten.