Was erlauben Brigitte?

Ich hätte nie gedacht, dass die Platzfrage bei einem Strafprozess mal dafür sorgen würde, dass viele Leute einfach ihrem inneren Chauvi freien Lauf lassen. Der NSU-Prozess hat im Vorfeld zu vielen Diskussionen geführt und nun ist beim Losverfahren, das nach journalistischen Gattungen gewichtet wurde, eben herausgekommen, dass die BRIGITTE vom NSU-Prozess direkt berichten können wird.

Was passiert daraufhin? Spott und Häme.

Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wieso die BRIGITTE diese Reaktionen hervorruft. Natürlich ist es schade, dass nicht alle Journalistinnen und Journalisten, die vom NSU-Prozess berichten wollen, auch die Gelegenheit dazu bekommen werden. Aber bei über 40 zugelassenen Journalisten bekomme ich nicht das Gefühl, zu wenig über den NSU-Prozess erfahren zu können.

Also, was ist jetzt das Problem, wenn die BRIGITTE vom NSU-Prozess berichten wird? Sicherlich, die BRIGITTE ist eine Frauenzeitschrift, aber das bedeutet nicht, dass die BRIGITTE nicht in der Lage sein wird, tiefgründig zu berichten. Warum lassen wir uns nicht einfach mal darauf ein, dass die digitale Transformation auch dafür sorgt, dass die herkömmliche Einteilung in Tageszeitung, Wochenzeitung und Zeitschrift durcheinander gewirbelt wird. Ich bin mit der BRIGITTE groß geworden und habe gerne die Dossiers gelesen, daher gehe ich davon aus, dass die BRIGITTE den NSU-Prozess anders begleiten wird als die üblichen Verdächtigen, aber das sorgt doch eher für Abwechslung für den Leser oder die Leserin.

Die Losvergabe beim NSU-Prozess ist sicherlich nicht glücklich für alle Beteiligten verlaufen, aber die BRIGITTE sehe ich als einen möglichen Gewinn für die Berichterstattung an.

VSRE – very short reply expected

150 Jahre SPDEmail. Ich verbringe jeden Tag mit Email. Email ist klasse, aber Email nervt auch tierisch. Email nervt nicht nur wegen Spam, sondern auch, weil man ständig Mails bekommt, die man gerade nicht beantworten kann oder will, oder für deren Beantwortung man gerade keine Zeit hat. Ich nutze für meine Mails mittlerweile Sanebox, um mir nur die relevanten Mails in die Inbox schieben zu lassen, ich nutze WriteThat.name, um aus den Emails immer die Signaturen mit den Kontaktdaten abgleichen zu können und ich nutze Mailbox auf dem iPhone, das mittlerweile für mich zu einem sehr produktiven Tool geworden ist. Ach ja, natürlich nutze ich Gmail, was denn auch sonst?

Aber was mich immer noch nervt sind diese Mails, auf die man nicht einfach “ok” antworten kann, weil der Gegenüber wahrscheinlich eine “ordentliche” Mail erwartet, oder die Mails, bei denen mir ein einfaches “ok” gereicht hätte, die dann aber doch wieder formvollendet mit einem langen Text ankommen. Da ich meine Mails sehr häufig auf dem iPhone lese und schreibe, bin ich ein großer Fan von kurzen Stakkato-Mails geworden, auch wenn ich Mitte der 90er noch einen ganz anderen Umgang mit Mail erlernt hatte und viel schöner zitiert habe. Mittlerweile bekomme ich täglich die x-fache Menge an Mails und dann ist einfach kurzfassen angesagt.

Vor ein paar Tagen bin ich über das Konzept von VSRE – very short reply expected gestolpert. Die Idee von VSRE ist ziemlich simpel, dennoch kann man hier noch einmal nachlesen, wie es dazu kam.

VSRE soll sich zu einer Konvention entwickeln, die man verwendet, um dem Gesprächspartner zu signalisieren, dass eine kurze Antwort völlig reicht. Das kann im Subject (der Betreffzeile) oder bei der Grußformel passieren. Ich finde das super. Damit wird Email zwar etwas mehr wie Instant Messaging genutzt, aber so kann man die Flexibilität von Emails dazu nutzen, ohne einen Gesprächspartner zu brüskieren, kurz und knapp zu antworten. Da sicherlich noch nicht alle wissen, was VSRE bedeutet, sollte man spätestens in der Signatur auf VSRE – very short reply expected hinweisen.

VSRE – für alle die am Ende des Tages ein Effizienzsternchen bekommen wollen und auch noch etwas anderes vorhaben, als Emails zu lesen.

Telekommunikationsanbieter und die Irrtümer

Mit der lapidaren Überschrift Deutsche Telekom: Telekom ändert Tarifstruktur fürs Festnetz hat die Telekom heute das Ende der Netzneutralität eingeleitet:

Angesichts des rasanten Datenwachstums stellt die Telekom die Tarifstruktur für Internetanschlüsse im Festnetz um: Genauso wie im Mobilfunk wird es künftig für neue Call&Surf- und Entertain-Verträge integrierte Highspeed-Volumina geben. Ist die Volumengrenze erreicht, sehen die Leistungsbeschreibungen eine einheitliche Reduzierung der Internetbandbreite auf 384 Kbit/s vor. Zunächst werden nur die Leistungsbeschreibungen angepasst. Sobald die Limitierung technisch umgesetzt wird, können Kunden über Zubuchoptionen weiteres Hochgeschwindigkeits-Volumen hinzubuchen.

Künftig werden Datenpakete unterschiedlich beurteilt, so lange die Kunden Dienste der Telekom benutzen, werden sie nicht von der Volumenbegrenzung betroffen sein. Aus der Sicht der Telekom macht das total viel Sinn, was aber auch daran liegt, dass der Telekommunikationsanbieter an sich ein völlig schräges Bild von sich selbst entwickelt hat und dazu neigt, dem eigenen Marketing zu glauben.

Die Geschichte der Telekommunikationsanbieter in Deutschland ist eine Geschichte voller Irrtümer:

1. Die Kunden wollen Vielfalt.
– Nein, die Kunden wollen nicht umständliche Tarifstrukturen erlernen müssen, sie wollen einfach nur einen günstigen Preis und verstehen, was sie gerade im Stande sind zu buchen. Die Kunden haben kein Interesse daran, dass sich permanent die Tarifstruktur verändert und nicht mehr vergleichbar ist.

2. Die Kunden wollen Inhalte.
– Ja, die Kunden wollen Inhalte. Aber nicht vom Telekommunikationsanbieter. Wer ist jemals auf die Idee gekommen, bei Vodafone nach Musik zu gucken und bei der Telekom nach Fußball? Eben, niemand, das ist ein Wunschtraum der Provider. Die Kunden wollen ein stabiles Netz und guten Service, mehr nicht. Die Inhalte besorgen sich die Kunden bei Anbietern, die etwas von Inhalten verstehen.

3. Die Kunden mögen uns.
– Nein, egal wieviele Millionen im Jahr für das Marketing herausgeblasen werden, Telekommunikationsunternehmen werden nie geliebt werden. Die Telekom wird nie wie Nutella sein, Vodafone nie wie Coca-Cola. Der Drops ist gelutscht, Provider werden nie zur Lovebrand werden, jedenfalls nicht so.

4. Die Kunden wollen von uns hören.
– Nein, die Kunden haben kein Interesse, von einem Call-Center, mit Emails oder Briefen immer wieder aufgefordert zu werden, ihr aktuelles Paket zu erweitern oder noch ein Paket dazu zu buchen. Die Kunden wollen in Ruhe gelassen werden und nur informiert werden, wenn es günstiger wird bei gleichen Leistungen. Up- und Cross-Selling interessiert die Kunden nicht, sie fühlen sich geschröpft.

5. Die Kunden haben Verständnis.
– Nein, den Kunden ist es völlig egal, warum Produkte neu zugeschnitten und Preise angehoben werden. Für die Kunden ist ein Telekommunikationsanbieter ungefähr so spannend wie die Wasserwerke. Die Leitungen sollen funktionieren, und zwar immer und zu möglichst günstigen Preisen. Die dafür zu tätigenden Investitionen sind den Kunden egal, ebenso wie die Altlasten der Vergangenheit oder die Probleme der Unternehmensstrategie. Die Kunden sind genervt, wenn ein Telekommunikationsanbieter nicht liefert.

Das schrittweise Aushebeln der Netzneutralität durch die Telekom, erst durch das Bundling mit Spotify, dann durch eine Kooperation mit Evernote, jetzt durch die Veränderung der Tarifstruktur und der Exklusion der IPTV-Inhalte der Telekom, sorgt für eine Ungleichbehandlung der Daten und geht damit zu Lasten der Kunden und der Vielfalt im Netz. Ich bin mir sicher, dass viele Kunden der Telekom die Vorzüge der Marktwirtschaft nutzen werden, um zu einem anderen Anbieter zu wechseln. Ich bin mir auch sicher, dass die Telekom nicht verstehen wird, warum die Kunden kein Interesse daran haben, dass zu Gunsten der Average Revenue per User (ARPU), dem universellen Kriterium der Telekommunikationsbranche, die Verträge künftig zu Lasten der Kunden ausfallen werden.

Die SPD hat in ihrem Regierungsprogramm 2013-2017 (PDF) auf Seite 61 folgenden Abschnitt stehen:

Eine flächendeckende Breitbandversorgung auch in ländlichen Räumen wollen wir durch eine Universaldienstverpflichtung gesetzlich absichern. Darüber hinaus brauchen wir den dynamischen Ausbau von Hochgeschwindigkeitsnetzen. Dabei setzen wir auf zusätzliche private Investitionen, für die wir die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen werden. Wir werden die Netzneutralität gesetzlich verankern. Wir wollen dafür sorgen, dass in öffentlichen Räumen ein Zugang zum WLAN ermöglicht wird. Die SPD wird sich für eine Änderung der WLANBetreiberhaftung einsetzen, um mehr Rechtssicherheit für die Anbieter zu schaffen.

Die SPD zeigt, in welche Richtung es gehen sollte, die Telekom stellt dann das andere Ende der Skala dar.

Ich setze mich wie viele andere seit Jahren für die Verankerung der Netzneutralität ein. Jetzt dürfte jedem klar sein, warum dies richtig ist. Netzneutralität ist Teil des Verbraucherschutzes in der digitalen Gesellschaft.

Eine Internet-Enquete ohne Ruck

Die Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft (EIDG) hat nach vielen Sitzungen und dem Veröffentlichen von Unmengen Papier jetzt ihren Abschluss gefunden. Die Mitglieder haben viele Themen umfangreich erörtert und wichige Aspekte beleuchtet. Aber irgendwie bleibt für mich als entfernten, aber interessierten Betrachter irgendwie der Eindruck, dass die Internet-Enquete eher doch nur eine Veranstaltung für die Galerie war. Es wurde engagiert gearbeitet, aber wofür eigentlich?

Die übereinstimmende Erkenntnis nach dem Abhalten der Enquete-Kommission scheint zu sein, dass man einen Internet-Minister bräuchte, weil das Thema Internet in der Regierung besser koordiniert werden müssse.

O RLY? Diese Internet-Enquete kommt mindestens 10 Jahre zu spät und wirkt eher wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, um zu suggerieren, dass die Politik das Internet wichtig findet und jetzt endlich mal ein tiefergehendes Verständnis davon erlangen will. Trotz Enquete kann man nicht behaupten, dass der Bundestag in Sachen ACTA, Vorratsdatenspeicherung, Leistungsschutzrecht oder De-Mail irgendwie schlauer agiert hätte als sonst.

Sicherlich ist es immer gut, wenn sich Leute zu einem Thema aufschlauen wollen, das kann nie schaden. Aber wenn eine Enquete doch wieder anhand der Parteilinien ihre Handlungsempfehlungen deklariert, dann wirkt die Deliberation eher wie ein Schauspiel denn wie eine Auseinandersetzung über Sachthemen. Das Signal sollte sein “wir machen was, ihr müsst nicht die Piraten wählen!” – aber niemand dürfte ernsthaft davon ausgehen, dass aus der Internet-Enquete ernsthafte Impulse entstehen können, die die Politik in Deutschland irgendwie verbessern würde. Dieses Jahr werden strittige Themen ausgeklammert werden, aber pünktlich nach der Wahl wird sich die Politik mit einer Reform des Urheberrechts auseinandersetzen müssen, wird sich die Politik mit den Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt abmühen und wird eine Bildungslandschaft vorfinden, die durcheinander gewirbelt wird, während Verbraucherrechte weiter unter Druck geraten und Datenschutz als Standortnachteil ausgelegt wird – dafür aber andere Länder verstärkt auf Breitband setzen und damit attraktiver für Unternehmen und Bürger werden. Dann werden wir sehen, wie wenig Impulse von der Internet-Enquete ausgehen und wieviele Politiker weiterhin in den Denkmustern des 20. Jahrhunderts verharren und Erklärungs- als auch Lösungsansetze verwenden, die mit der real existierenden und sich immer schneller verändernden Gegenwart wenig zu tun haben.

Die Internet-Enquete war eine Placebo-Pille. Wichtig ist, dass die Politik endlich die richtigen Weichenstellungen angeht, damit wir in Deutschland von den Chancen des Internets profitieren und die Risiken eindämmen können.

[n.b.: Ich wurde damals gefragt, ob ich als Sachverständiger für die SPD teilnehmen würde, habe abgelehnt, da ich bereits in Rheinland-Pfalz in einer Enquete-Kommission als Sachverständiger für die FDP tätig war.]

Peer Steinbrück und die digitale Gesellschaft

Heute war der Wahlparteitag der SPD in Augsburg, auf dem Peer Steinbrück eine sehr gute, vor allem inhaltlich spannende Rede gehalten hat. Ich habe in den letzten Wochen durchaus mit meiner Partei gehadert und dies auch zum Ausdruck gebracht. Allerdings bin ich sehr angetan von der Rede Steinbrücks heute, die eine ganze Reihe von Aspekten der digitalen Gesellschaft angesprochen hat, von Bildung bishin zu Gründungen.

Ich möchte Euch naheliegen, wenigstens diese Passage der Rede Steinbrücks einmal zu lesen:

steinbrueckIch bin davon überzeugt, liebe Genossinnen und Genossen, dass auch wirtschaftlich-technologisch ein neues Zeitalter anbricht. Die SPD wird dieses mitgestalten müssen. Einige reden von der vierten industriellen Revolution nach den Dampfmaschinen, der Elektrizität, dem Computer – Konrad Zuse war in den 30er-Jahren. Und jetzt redet man von der Digitalisierung. Richtig ist, dass diese Digitalisierung alle Produktions- und Arbeitsprozesse massiv beeinflussen wird. Alles wird vernetzter. Diese Entwicklung greift ja auch in unseren privaten Verhältnissen weit Raum. Diese Digitalisierung betrifft die Arbeitswelt insgesamt: den Mittelstand, auch den Tischlermeister im ländlichen Raum. All diejenigen werden das als Chance empfinden, die stärker differenzieren wollen zwischen ihrem Heimarbeitsplatz und gegebenenfalls ihrer Anwesenheit im Betrieb, die die Chancen nutzen wollen, das zu kombinieren und damit auch Familie und Beruf besser zu koordinieren. Darin liegt ein riesiges Chancenpotenzial.

Worauf ich hinaus will, ist, dass die SPD vor 150 Jahren richtig lag, als sie nicht nur den Wählerinnen und Wählern, sondern auch der Arbeitnehmerschaft, der arbeitenden Bewegung gesagt hat: Gebt den Arbeiterinnen und Arbeitern Bücher. Arbeiterbildungsvereine sind eine ganz wichtige Begleiterscheinung dieser Sozialdemokratie gewesen nach dem Motto: Wissen ist Macht und versetzt in den Stand, ein eigenverantwortliches Leben zu führen.

Heute muss es nicht mehr heißen, „gebt den Arbeiterinnen und Arbeitern Bücher“, sondern heute müsste es heißen: Gebt allen digitale Kompetenzen. Denn sie sind der Schlüssel für die Arbeitswelt von morgen.

Unter der Merkel-Regierung ist von einem solchen Aufbruch in diese Richtung nichts zu spüren. Das denke ich mir nicht mal eben so aus, weil er darum geht, mit dem Löffel immer wieder auf ein und denselben Nerv zu klopfen. Viele können sich daran erinnern, dass es diese Regierung mit Frau Merkel an der Spitze war, die den Breitbandausbau zur Chefsache erklärt hat. Nun gebe ich euch allen das Rätsel auf, in den nächsten 24 Stunden im Internet zu recherchieren, was denn dabei rausgekommen ist. Ich erleichtere euch die Recherche: Nix.

Das ist keine typische Übertreibung, sondern zutreffend. Beim Breitbandausbau in der EU sind wir in Deutschland letzter hinter Rumänien. Das ist so, als ob es für unsere tüchtige Automobilindustrie in Deutschland nur Schotterpisten und Waldwege geben würde.

Ich will mit euch eine zukunftsorientierte Regierung führen, die dafür sorgt, dass das Breitbandnetz massiv ausgebaut wird, und zwar nicht nur in den Städten, sondern flächendeckend, auch in den ländlichen Regionen.

Ich will mit euch zusammen eine Politik machen, die auch für die nötigen Fachkräfte – wenn man so will auf der digitalen Werkbank sorgt. Ich will dafür sorgen, dass alle Schülerinnen und Schüler mit einem Laptop oder Tablet lernen können; denn das wird ihre Zukunft bestimmen.

Ich möchte gemeinsam mit euch dafür sorgen, dass Unternehmensgründungen in diesem Bereich stattfinden.

Das ist wichtig. Auf meinen Reisen – davon habt ihr einige Fotos gesehen; einige sind darauf abgebildet , insbesondere in Berlin, Hamburg, Leipzig, habe ich sehr viele junge mutige und neugierige Menschen getroffen, die sich auf eigene Füße stellen wollen. Sie haben eine enorme Risikobereitschaft, an der Grenze zur Selbstausbeutung. In manchen Fällen findet diese Selbstausbeutung längst statt. Sie sind sozial alles andere als abgesichert. Aber das sind junge Leute, die etwas in Gang bringen wollen, die unternehmerisch tätig sein und Unternehmen gründen wollen, die für eine gute Idee alles stehen und liegen lassen, oftmals auch auf einen sicheren Job als abhängig Beschäftigte verzichten, um eine eigene Firma zu gründen, zum Teil verbunden mit einer phantastischen sozialen Verantwortung.

Menschen wie Katja von der Burg. Ich habe sie bei einem Gespräch mit jungen Unternehmensgründerinnen und –gründern in Leipzig kennengelernt. Dort ist Katja von der Burg.

Oder hier in Augsburg, Frau Trinkwalder, eine soziale Unternehmerin.

In ihrem Unternehmen geht sie noch einen Schritt weiter. Sie ist bereit, viele ungelernte, viele Langzeitarbeitslose, Frauen und Männer, in ihrem Betrieb einzustellen, die sonst alles andere als eine Chance auf einen Job hätten. Großer Respekt!

Das Wort Profit kennt sie offenbar gar nicht. Das war mir fast etwas zu altruistisch.

Aber ich will auf Frau Katja von der Burg zurückkommen, die ich, wie gesagt, in Leipzig kennengelernt habe, und deren Geschichte mit zwei Leidenschaften losging, die ich im Kopf behalten habe: nämlich mit dem Internet und mit dem Schreiben.

Aus diesen Leidenschaften ist heute eine Agentur geworden, die heißt Projecter, die ihren Kunden den perfekten Online-Auftritt beschert und die inzwischen 25 Menschen beschäftigt.

Von der Experimentierfreude, die ich bei vielen jungen Frauen und Männern gerade auch in den letzten Wochen konzentriert gesehen habe, die ich nicht nur in Leipzig, Hamburg oder Berlin kennengelernt habe, sondern auch vorher in Köln, wo ich mich mit der sogenannten kreativen Wirtschaft gelegentlich getroffen habe, brauchen wir mehr. Und die SPD muss Anwalt dieser Existenzgründerinnen und gründer sein.

Das, liebe Genossinnen und Genossen, wird dann aber schnell konkret. Da kann man nicht nur etwas in einer Sonntagsrede in den Raum stellen, sondern dann werden wir uns zum Beispiel um das Steuerrecht für junge Existenzgründer kümmern müssen. Die haben nämlich einen dicken Hals wegen dem, was da gerade abläuft – nicht mit Blick auf die Höhe, sondern mit Blick auf die Komplexität dieser Besteuerung. Und die haben alles andere als Bock, sich bereits in den ersten Monaten ihrer Existenzgründung einen teuren Steuerberater zu nehmen, weil sie sich das nicht leisten können. Wir werden beim Steuerrecht ansetzen müssen. Wir werden uns um die soziale Absicherung kümmern müssen, wo die SPD mit der Künstlersozialversicherung schon Verdienste erworben hat.

Und wir werden uns mit dem Urheberrecht beschäftigen müssen, und zwar anders und besser als diese Bundesregierung.

Das bedeutet, die Interessenlage derjenigen, die geistiges Eigentum produzieren oder in Kunst und Kultur etwas auf die Beine stellen, zusammen mit den Verwertern und natürlich zusammen mit den vielfältigen Nutzern im Netz in einen fairen Interessenausgleich zu bringen, aber auch darauf zu achten, dass diejenigen, die geistiges Eigentum produzieren, auch davon leben können.

Abgesehen davon, dass ich manchmal den Eindruck habe, wir müssen in Deutschland etwas stärker eine Mentalität befördern, mit der es auch eine zweite oder dritte Chance gibt. Das gilt nicht nur für diejenigen, die sich ausbilden, die in der Schule sind oder die eine berufliche Ausbildung machen, sondern auch für Existenzgründer. In den USA sind sie uns voraus. Da wird eine Illiquidität oder eine Insolvenz als Anreiz empfunden, aus den Fehlern zu lernen für das zweite Mal. Bei uns sind das Pleitiers, und es gibt kaum eine Bank geben, die denen noch mal Startkapital gibt, nach dem Motto: „Wo ist denn deine Sicherheit?“

Wir brauchen eine andere Mentalität, um diese Existenzgründungen, den Drang, den da viele haben, zu unterstützen.

So, das kann ich alles sofort unterschreiben, das macht Sinn und es freut mich, dass meine Partei einen derartigen programmatischen Fokus auf die digitale Gesellschaft legt. Leider finden diese Themen in der allgemeinen Diskussion der Person Steinbrücks kaum eine Rolle, aber ich finde es bemerkenswert, dass Peer Steinbrück hier die entscheidenen Themen anpackt.

Aber die SPD hat in diesem Wahlkampf noch mehr vor, auch wenn Parteichef Gabriel scheinbar die Details nicht so richtig verstanden hat. Die SPD will über mitmachen.spd.de endlich das Umsetzen, was ich schon sehr lange von ihr vordere, nämlich die Unterstützung des Wahlkampfs vor Ort mit Hilfe einer aktiven Online-Kampagnenplattform. Über die Hintergründe zu mitmachen.spd.de hat Mathias einiges geschrieben.

Und ja, ich weiss, dass einige der Innen- und Medienpolitiker der SPD noch eine Wegstrecke vor sich haben, damit man nicht immer nur kopfschüttelnd und staundend da sitzt, wenn die sich zur digitalen Gesellschaft äußern, aber ich bin sehr froh, dass der SPD Kanzlerkandidat diese Themen für sehr wichtig erachtet und sie immer wieder vorantreibt.

Breitband-Ausbau, Vermittlung von digitalen Kompetenzen in der Schule, ein besseres Urheberrecht und eine neue Gründerwelle – das sind doch schon ein paar richtig gute Punkte, auf deren Umsetzung nach der Wahl ich mich jetzt schon freue.