Freiräume bewahren und gestalten

Medien, Netz, ÖffentlichkeitDer folgende Text ist Anfang des Jahres für den Sammelband Medien, Netz und Öffentlichkeit: Impulse für die digitale Gesellschaft entstanden, also lange vor der Diskussion um PRISM.

Das Thema ist allerdings wichtiger als je zuvor, daher habe ich mich dazu entschlossen, den Text hier noch einmal zu veröffentlichen, da vielleicht nicht alle meine Leserinnen und Leser das lesenswerte Buch vorliegen haben.

Das Internet ist allgegenwärtig geworden, wir kommunizieren über das Netz, wir kaufen ein, wir haben Spaß, wir machen Blödsinn, wir schreiben Texte, leiten Katzenfotos weiter und kommentieren das Fernsehprogramm. Die Allgegenwärtigkeit des Internets sorgt allerdings auch dafür, dass das Internet von vielen Seiten angefeindet und angegriffen wird. Das Internet ist schon lange kein Spielzeug für irgendwelche Computerfreaks mehr, das Internet ist eine immense disruptive Kraft, die Staat, Wirtschaft und Gesellschaft weit mehr durcheinanderrüttelt, als viele Menschen es wahrhaben wollen. Aber bei aller Disruption, die vom Internet ausgeht, gilt: Das Internet ist der Garant für freie Meinungs- äußerung in der Zukunft, für die Beteiligung der Menschen an demokratischen Prozessen und stellt damit einen zunehmend wichtigeren Pfeiler unser freiheitlich-demokratischen Grundordnung dar, die es unbedingt zu schützen gilt.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie gehen morgens vor die Tür und jemand will Ihren Ausweis sehen, um sich dann Notizen machen zu können, wann Sie mit wem wie lange sprechen. Sie wären entrüstet, oder? Sie würden sicherlich auch sagen: »Wir leben in einem Rechtsstaat, wo kommen wir denn dahin?«, oder: »Lassen Sie diese Stasi-Methoden!«, wenn Sie etwas direkter werden wollen.

Sie meinen, das Beispiel sei absurd und niemand käme auf die Idee, in Deutschland so ein Verfahren einführen zu wollen? Weit gefehlt. Werfen Sie doch einfach mal einen Blick auf die Vorratsdatenspeicherung, um die in Deutschland gestritten wird, ohne dass viele Menschen diese Diskussion mitbekommen würden.

Die verdachtsunabhängige Vorratsdatenspeicherung soll angeblich dafür sorgen, dass mögliche Verbrechen im Vorfeld verhindert oder im Nachhinein aufgeklärt werden können. Belege für den Erfolg eines derartigen Unterfangens gibt es nicht, hier heiligt der Zweck die Mittel. Sie denken jetzt: »Ist doch nur Internet und ich habe eh nichts zu verbergen.«? – Da muss ich Sie enttäuschen. Internetbasierte Kommunikation ist das Rückgrat unserer Gesellschaft geworden, wir kommen ohne sie nicht mehr aus, daher müssen wir sehr behutsam mit diesem Gut umgehen.

Zu den Gesetzmäßigkeiten der bundesdeutschen medienpolitischen Diskussionen über das Internet gehört es, dass grundsätzlich der Satz »Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein« verwendet wird. Der Satz ist genauso sinnlos, wie er häufig gebracht wird. Mit dem Satz soll aufgezeigt werden, dass das Internet das letzte Refugium der Gesetzlosen darstellt, dass es im Internet drunter und drüber geht und vor allem, dass die herkömmliche Medienlandschaft doch viel netter und überschaubarer war. Wer den Satz sagt, impliziert damit auch, dass er eine Lösung parat hätte, um das Internet zu sortieren und für Recht und Ordnung zu sorgen. Wer den Satz sagt, meint damit, Fear, Uncertainty and Doubt (FUD) einsetzen zu müssen, um die eigenen Argumente platzieren zu können. Das Internet ist mitnichten der Hort des Chaos und des Bösen, auch im Netz herrschen die Gesetze; es ist nur manchmal etwas schwieriger, sie anzuwenden und durchzusetzen, genauso wie im normalen Leben übrigens auch.

Niemand würde auf die Idee kommen, beim Betreten des Bürgersteiges vor dem Haus den Ausweis zu kontrollieren und die Aufenthaltsdauer sowie Gesprächspartner zu protokollieren, warum also sollte dies im Internet der Fall sein? Auch im Internet muss es möglich sein, seine Anonymität zu wahren, genauso wie wir es auf der Straße oder bei Veranstaltungen auch können. Die Schaffung einer Überwachungsstruktur für die Vorratsdatenspeicherung wird sogleich zu Begehrlichkeiten seitens der Content-Industrie führen, diese Struktur auch für die Durchsetzung ihrer Interessen zu nutzen. Die Wahrung der Interessen der Urheberrechtsinhaber kann nicht zulasten der persönlichen Freiheit der Nutzer gehen. Das Urheberrecht tut sich schwer mit dem Internet und der vorhandenen Remix-Kultur, das erleben wir bereits seit einigen Jahren. Die digitale Kopie allerdings sorgt nach wie vor dafür, dass bei Urheberrechtsverletzungen generell Maximalforderungen gestellt werden, die völlig unverhältnismäßig sind. Der Versuch, die nachwachsende Generation pauschal zu kriminalisieren, weil das Mediennutzungsverhalten insbesondere der jüngeren Leute nicht mit den Interessen der Urheberrechtsinhaber übereinstimmt, führt nicht zu einem konstruktiven Dialog über das Urheberrecht der Zukunft.

Das Internet ist ein seltsames Phänomen. Und auch ein massiv unverstandenes. Das Internet ist einmal entwickelt worden, um ohne zentralen Knoten ein funktionierendes Kommunikationsnetzwerk schaffen zu können. Genau darin liegt der Erfolg des Internets und auch seiner massenhaften Verbreitung. Es sorgt aber auch immer wieder für Unverständnis, weil es eben ganz anders funktioniert, als wir es von der deutschen Presse- und Rundfunklandschaft kennen. Das Internet ist supranational und befindet sich
dadurch in großen Teilen außerhalb möglicher Zugriffe staatlicher Einrichtungen. Noch dazu ist das Internet oftmals sehr unsortiert, nicht hierarchisch und auch noch chaotisch, man könnte sogar sagen, man kann hier nahezu alles das machen, was man will. Die Grenzen werden von Software, von Admins und Gesetzen definiert. Das Internet ist per Definition als Netzwerk ausgelegt und diese Struktur sorgt für eine andere Art der Kommunikation, die sich vom herkömmlichen Sender-Empfänger-Prinzip abhebt und damit tradierte Hierarchien und damit verbundene Konzepte infrage stellt. Allerdings ist das Internet zwar mal als Forschungsnetzwerk entstanden und lange von eher universitärer Nutzung dominiert worden, mittlerweile ist es aber durch und durch kommerzialisiert worden. Bei allen Möglichkeiten, die sich den Nutzern so bieten, sie finden nahezu ausschließlich in einem privatwirtschaftlich angebotenen Raum statt.

Diese Gegensätze sind im Kern des Internets vorhanden und das sorgt für eine dauerhafte Auseinandersetzung, wenn es darum geht, den Freiraum Internet zu definieren. In der Vergangenheit hat es viele Versuche auf nationaler, europäischer oder globaler Ebene gegeben, bei denen es darum ging, das Internet in seinem Kern auszuhöhlen. Ich denke hier an die Vorratsdatenspeicherung, an ACTA und an die Versuche, die International Telecommunication Union (ITU) zugunsten von mehr Einschränkungen durch Mitgliedstaaten zu verändern. Letztendlich geht es immer darum, mehr Kontrollmöglichkeiten einzuführen, sowohl was Inhalte, aber auch die Nutzung angeht. Innenpolitiker wünschen sich gerne den zentralen An- und Aus-Knopf und führen als Argument das oft genannte, aber nutzlose Argument »Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein!« an, argumentieren dabei aber am Kern des Themas vorbei. Sicherlich müssen im Internet auch die Gesetze gelten, die ansonsten in Deutschland gelten. Aber es kann nicht angehen, dass wir den Freiraum Internet zum Ersticken bringen, indem wir die Nutzer generell verdächtigen und daher die Internetnutzung protokollieren wollen, denn nichts anderes ist die verdachtsunabhängige Vorratsdatenspeicherung. Wir können nicht nach China gucken, dort Meinungsfreiheit einfordern, die Great Firewall of China kritisieren und im selben Atemzug in Deutschland eine Überwachungsmaschinerie in Gang setzen, um die Vorratsdatenspeicherung möglich zu machen. Ganz im Gegenteil, wir sollten die Menschen ermuntern, ihre Inhalte zu verschlüsseln, genauso übrigens, wie immer wieder darauf hingewiesen wird, dass man seine Wertsachen sicher aufbewahren sollte.

Die Mehrzahl der Bundesbürger ist online und so langsam beginnt die Unterscheidung zwischen online und offline in den Hintergrund zu treten, gerade die jüngeren Leute sind selbstverständlich online, vor allem auch mobil. Daraus resultieren allerdings völlig neue Herausforderungen für die Politik, will sie weiterhin ein relevanter Gesprächspartner bleiben, will sie weiter die Menschen, die Wähler erreichen, will sie weiter Themen platzieren und diskutieren. Im Zeitalter von Social Media können Bürger so leicht wie nie zuvor untereinander kommunizieren, aber diese Kommunikation findet überwiegend auf kommerziellen Plattformen statt. Dagegen ist nichts einzuwenden, nur fehlt ein Freiraum für die Bürger, der nicht durch einen engen kommerziellen Rahmen begrenzt oder gar kontrolliert ist. Twitter, Facebook, Google+ haben viele Vorteile, aber sie verhalten sich zu freier Kommunikation wie ein Einkaufszentrum zu einem Marktplatz. Hier muss gute Medienpolitik ansetzen und Kommunikation ohne Schranken ermöglichen.

Die Dychotomie der Forderung nach staatlichem Rückzug bei gleichzeitiger Forderung nach staatlicher Gestaltung ist mir bewusst, nur führt meines Erachtens kein Weg daran vorbei, dass moderne Medienpolitik dazu führen muss, die Stärken des Internets zu stärken und die Schwächen ebenso auszugleichen. Dazu gehört allerdings auch eine Abkehr vom herkömmlichen Begriff der Medienkompetenz, die eher die passive Nutzung der Medien im Blick hat, hin zu einer Fokussierung auf die sogenannte Digital Literacy, die die Nutzer in die Lage versetzt, im digitalen Zeitalter sowohl passiv als auch aktiv die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu gestalten.

Wir sprechen immer wieder gern über den mündigen Bürger, der wichtig ist für die Demokratie. Wir können den mündigen Bürger nicht staatlich gängeln, sondern müssen dafür sorgen, dass im Internet die Möglichkeiten zur Meinungsbildung, zur Diskussion und zur Versammlung genauso ermöglicht werden, wie wir es bereits kennen. Wir müssen für Freiräume sorgen. Einer dieser Freiräume muss das Internet sein. Wir müssen es aushalten können als Staat und Gesellschaft, dass wir nicht alles kontrollieren oder verfolgen können, was im Internet passiert. Es ist ein Irrglaube zu meinen, mit mehr Überwachung und Kontrolle wird das Internet sicherer. Es ist jetzt schon sicher, allerdings sind noch nicht alle Nutzer in der Lage, das Internet wirklich so zu nutzen, dass ihnen Vorteile daraus entstehen. Der Freiraum Internet setzt zwingend mehr Digital Literacy in Deutschland voraus; dies geht aber nur, wenn man das Internet mit einem positiven Begriff belegt und die Vorteile herausarbeitet, anstatt sich auf mögliche Nachteile zu fokussieren. Das Internet ist nicht perfekt und wird es auch nicht sein, aber es gilt den Freiraum Internet zu schützen, um die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Deutschland zu stärken.

Springer digitalisiert brutalstmöglich konsequent

BILD ist schlimmer Schund und auch die WELT fasse ich nur mit spitzen Fingern unter dem Motto “lesen, was der Feind liest” an. Das ist meine Haltung zu den beiden journalistischen Flaggschiffen des Springer-Konzerns. Dennoch finde ich es bemerkenswert, mit welcher Konsequenz Springer den Umbau des Verlages vorantreibt. Ich hätte niemals gedacht, dass der Digitalisierung des Hauses die beiden Titel Hörzu und Hamburger Abendblatt zum Opfer fallen würden, aber Springer hat gestern angekündigt, sich von diesen Titeln und weiteren Zeitungen und Zeitschriften zu trennen.

axel_springer_erfindet_sich_in_einer_garage_im_silicon_valley_neu_evo_580x326Nach den milliardenschweren Zukäufen der letzten Jahre und der Lehrmonate im Silicon Valley für einige leitende Angestellte und der damit verbundenen Inszenierung als Garagenfirma (wunderbar umgesetzt von meinen Ex-Kollegen von Scholz & Friends) ist mit dem Verkauf von Hörzu, Abendblatt & Co. jetzt sehr deutlich gemacht worden, wie bereit Springer ist, Tradition über Bord zu werfen und alte Zöpfe abzuschneiden. Die Radikalität hat natürlich auch einen Vorteil: der Käufer, die Funke-Gruppe aus Essen, hat jetzt einen sterbenden Klotz am Bein und darf sich überlegen, über welchen Zeitraum sie den Niedergang von Print mit diesen Titeln noch weiter begleiten mag. Die Einsparungs- und Entlassungswelle überlässt Springer generös anderen und kassiert dafür auch noch 920 Millionen EURO, das ist schon sehr clever. Umgekehrt frage ich mich natürlich auch, was die Funke-Gruppe geritten hat, diese Übernahme zu tätigen. Natürlich ist Print noch nicht so tot, wie alle meinen und es gibt in einer überalterten Gesellschaft immer noch genügend Leserinnen und Leser für einige Print-Erzeugnisse und auch lokale Zeitungsangebote werden noch länger ihre besondere Rolle auf dem lokalen Markt nutzen können, aber dennoch halte ich dieses Investment in der Höhe und in dem Umfang, noch dazu mit einem 260 Millionen EURO Kredit von Springer selber, für extrem gewagt.

Zurück zu Springer. Trotz aller Vorbehalte fasziniert mich der Laden schon. Vor einigen Jahren habe ich, quasi als persönliches “Wandel durch Annäherung”-Projekt, an einem CTO-Roundtable der Springer AG als Referent teilgenommen. Die Professionalität und Fokussierung war beeindruckend. Und das deckt sich mit dem, was ich immer wieder höre: Springer drückt auf die Tube bei der Digitalisierung und macht dies sehr strukturiert und mit ordentlichen finanziellen Ressourcen. Insofern habe ich großen Respekt vor einem Konzern, der die Digitalisierung anpackt und nicht nur bei Festreden davon erzählt. Beeindruckend ist auch, dass ein Deal mit einer derartigen Größenordnung, und der daraus resultierenden Tragweite für die beteiligten Unternehmen und die gesamte Branche, nicht im Vorfeld durchgesickert ist. Das zeigt deutlich, wie professionell das Management von Springer agiert.

Natürlich hat die konsequente Umsetzung der Digitalisierungsstrategie Auswirkungen auf den Journalismus und die Journalisten. Es werden tradierte Formate eingestellt, damit verschwinden auch entsprechende Job-Anforderungen und neue entstehen. Das ist nichts Neues oder gar Ungewöhnliches, aber jetzt sollte auch dem letzten Print-Journalisten klar geworden sein, dass es allerhöchste Zeit ist, sich mal mit Journalismus digitaler Prägung auseinanderzusetzen. Springer hat die Zukunft des Unternehmens und die Shareholder-Value im Blick, nicht die Arbeitsplatzsicherheit einer Vielzahl der Mitarbeiter – das dürfte auch allen klar sein. Andererseits sucht Kai Diekmann gerade digitale Medien-Revoluzzer für die journalistische Zukunft der BILD, auch das passt wieder ins Bild eines Unternehmens, dass alte Zöpfe abschneidet und sich neu erfinden will.

Im Vergleich zu den vielen halbherzigen Digitalisierungsstrategien, die große deutsche Unternehmen in der Medienbranche in den letzten 20 Jahren verkündet oder umgesetzt haben, geht Springer am radikalsten vor. Die Fokussierung des Unternehmens auf digitale Geschäftsmodelle ist allerdings die einzig richtige, insofern habe ich großen Respekt vor dieser unternehmerischen Entscheidung, zum jetzigen Zeitpunkt aus Sicht der Digitalisierungsstrategie Ballast abzuwerfen.

Mit analogen Analogien wird die digitale Zukunft nicht gestaltet

Ein immer wieder beliebtes Thema unter deutschen Politikern jeglicher Coleur ist das Internet deutscher Prägung. Schon länger führt bei vielen Protagonisten die Erkenntnis, dass Deutschland es im internationalen Vergleich eher schwer hat und das Silicon Valley oftmals den Ton angibt, zu einer merkwürdigen Diskussion. Unter der munteren Prämisse “nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich” werden Ideen in die Diskussion gebracht, die man bestenfalls als völlig undurchdacht oder naive Träumerei auslegen könnte, um nicht zu sagen, dass diese Ideen komplett bescheuert sind. Durch den Überwachungsskandal und das Nichtstun der Bundesregierung werden jetzt die Ideen nahezu im Tagesrhythmus lanciert, eine bekloppter als die nächste.

Die Kanzlerin fordert eine gemeinsame europäische Initiative, um amerikanischen Internet-Konzernen Paroli zu bieten. Sie führt dabei Airbus als Beispiel an, was als Gegenpol zu Boeing ja ganz gut funktioniert habe. Gerne wird bei der Diskussion auch angeführt, es sei Zeit für ein deutsches Microsoft. Da will dann ein Überwachungsfanatiker wie Dieter Wiefelspütz (SPD) eine europäische Alternative zu amerikanischen sozialen Netzwerken und sein Pendant von der CSU, Hans-Peter Uhl, will einen dreistelligen Millionenbetrag in IT-Sicherheit Made in Germany investieren. Niedlich. Und herrlich weltfremd. Erinnert sich noch jemand an das Projekt THESEUS, mit dem vor 5 Jahren versucht werden sollte, eine Antwort auf Google zu finden? Hat toll geklappt und nur ein paar Hundert Millionen Euro gekostet.

Daraus könnte man lernen, oder einfach den nächsten Blödsinn fordern, wie jüngst SPD Chef Sigmar Gabriel. Gabriel will Verschlüsselung per Gesetz durchsetzen und dann Datenschutz zum deutschen Export-Schlager machen. Da werden Milliarden versickern bei der Telekom, Bertelsmann, SAP und Siemens, um dann einen zentralen Nachschlüssel zu besitzen, mit dem der Staat dann doch Zugriff auf die Daten haben kann. Schöne neue Welt.

Liebe Politiker, und auch liebe Politikerinnen, bitte notiert Euch mal etwas: Digital ist anders. Digitale Wirtschaft sowieso. Und die Nutzer, die nutzen das Netz auch anders als ihr denkt und als ihr es wollt. Es ist ein Irrwitz, dass nun immer öfter die Rufe nach einem deutschen Internet lauter werden, denn Kleinstaaterei wird nur dazu führen, dass sich das Internet ohne deutsche Beteiligung weiterentwickelt. Nur, um es mal ganz deutlich zu machen, die Fördermilliarden für das Projekt “Am deutschen Internetwesen soll die Welt genesen” werden ohne Ereignis verpuffen. Die Nutzer entscheiden und nicht die Politiker. Für die Nutzer ist Convenience genauso wichtig wie Usability und natürlich eine gewisse, in der Popkultur verankerte Anziehungskraft der Produkte. So etwas kann man nicht staatlich sanktionieren. Ebenso wenig kann sich ein freies Land mit einer großen vaterländischen Firewall vom Rest der Welt abschotten. Das Internet ist global und man kann nicht erwarten, dass ein verhältnismässig kleines Land wie Deutschland eine ähnliche Entwicklung wie China oder Russland forcieren kann. Dort gibt es die Pendants zu großen amerikanischen Firmen, die Politiker hierzulande gerne fordern. Aber dort sind auch genügend Nutzer, die eine finanzielle Ausstattung der Firmen ermöglichen, die dafür sorgen kann, dass die Plattformen technologisch halbwegs in einer Liga mit den Anbietern aus den USA mitspielen können.

Ich finde es richtig, zu wollen, dass Deutschland in der digitalen Welt eine größere Rolle spielt. Ich finde es auch richtig, dass Datenschutz dabei eine wichtige Rolle einnimmt. Aber das kann und wird nicht per Verordnung und Fördermilliarden passieren, sondern es bedarf mehr Anstrengungen, um so etwas zu erreichen. So lange wir immer noch darüber diskutieren müssen, dass Schulen Whiteboards bekommen sollten, oder dass Tablets in die Schulranzen gehören, oder dass digitale Lernmittelfreiheit dazu gehört, oder dass das Erlernen einer Programmiersprache dabei hilft, die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft zu verstehen, oder dass freie WLAN ohne Störerhaftung zu nutzen sind, oder dass Breitband wirklich flächendeckend verfügbar ist, oder dass Open Data die Grundeinstellung für Inhalte von Behörden sein sollte, oder dass die Kreativwirtschaft das Zukunftsfeld für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes darstellt, oder dass wir schneller werden müssen, dass wir wieder mehr Neugierde haben müssen, um das Neue zu begreifen, das durch die Digitalisierung tagtäglich entsteht, so lange können die Politikerinnen und Politiker aller Parteien fröhlich irgendetwas postulieren, Fördermilliarden an deutsche Großkonzerne verteilen, Milliönchen an Startups unter Wahrung hoher bürokratischer Hürden mit spitzen Fingern rüberreichen und ansonsten auf einen latenten Anti-Amerikanismus in der Gesellschaft hoffen. Aber es wird nicht helfen, den technologischen Vorsprung der Anbieter aus den USA aufzuholen und es wird nicht dazu beitragen, eine europäischere Vorstellung von Datenschutz und Verbraucherschutz in der digitalen Gesellschaft durchzusetzen.

An den digitalfremden Forderungen vieler Politikerinnen und Politiker sieht man deutlich, wie bislang die bundesdeutschen Eliten bei der Digitalisierung der Gesellschaft versagt haben. Eigentlich können alle über 50 einpacken und gehen, denn sie haben dazu beigetragen, dass diesen Land nun in einer Rolle ist, aus der es ohne weiteres nicht wieder herauskommt. Die Spielregeln in der digitalisierten Welt werden von Anderen definiert, Deutschland ist da eher Zaungast. Viel zu lange wurde das Netz belächelt, viel zu lange wurde von einer Datenautobahn gefaselt, viel zu spät wurde endlich einmal erkannt, was für eine Sprengkraft hinter der Digitalisierung steckt. Viel zu lange wird sich geweigert, alte Zöpfe abzuschneiden und überkommende Denkmodelle über Bord zu werfen. Es geht schon lange nicht mehr nur eine veränderte Medienlandschaft oder ein neues Konsumverhalten, sondern die Digitalisierung erfasst alle Lebensbereiche und immer weniger besitzt die deutsche Politik einen Gestaltungsspielraum, weil sie sich 20 Jahre zu spät mit dem Thema auseinandersetzt und noch dazu immer noch mit Rezepten aus der analogen Welt agiert. Die digitale Wirtschaft kann ein grandioser Jobmotor in Deutschland werden, aber gleichzeitig werden so viele Jobs in anderen Bereichen vernichtet werden, dass in Retrospektive die Rationalisierungswellen der 80er und 90er Jahre wie ein Kindergeburtstag aussehen. Das können wir nicht dauerhaft durch Fördermilliarden auffangen, sondern müssen dafür sorgen, dass jetzt schon die Perspektiven für die Menschen entstehen.

Investiert wirklich mal in Bildung, in Infrastruktur, in Verwaltung, denkt digitaler und nutzt die Chancen, anstatt einfach plump Milliarden in digitale Kleinstaaterei zu pumpen. Definiert eine Vision für das digitale Deutschland in 10 Jahren und macht dieses Thema zu einer breit angelegten Herzensangelegenheit für alle in diesem Land. Findet die richtigen Symbole, sorgt für den digitalen Ruck und blickt auf 2013 zurück als das Jahr, in dem Deutschland damit angefangen hat, sich selber zu erfinden. Ein alternativloses “weiter so” kann es bei der Digitalisierung der Gesellschaft nicht geben.

Fitbit Flex und ich – da geht was!

Fitbit FlexVor einiger Zeit habe ich mich aktiv der Quantified-Self Bewegung angeschlossen und mir ein Nike Fuelband gekauft. Das war eine tolle Idee, aber nach ein paar Monaten hat das Fuelband aufgehört zu funktionieren, stattdessen blinkte es nur noch seltsam. Erstaunlicherweise konnte ich mehrere Wochen durchs Leben schreiten, ohne täglich nachzulesen, wieviele Schritte ich zurückgelegt hatte. Vielleicht lag das auch daran, dass das Fuelband zwar täglich genutzt wurde, aber irgendwie doch zu wenig konnte. Das Fuelband schlackerte immer am Handgelenk rum und die App kann bestenfalls mit “hat noch Potential” beschrieben werden. Also sollte eine neue Handgelenkfessel her. Das Jawbone Up hat eher wechselnde Reviews bekommen, so dass ich da lieber meine Finger von gelassen habe. Stattdessen habe ich mir das Fitbit Flex bestellt und trage es seit ein paar Wochen an meinem Handgelenk.

Fitbit Flex am ArmDas Fitbit Flex schmiegt sich anders als das Nike Fuelband sehr schön um das Handgelenk, dafür zeigt das Display nur ein paar possierlich blinkende LEDs an und deutet den bisher erreichten Stand des Tagespensums nur an. Dafür vibriert das Teil allerdings öfter mal bei der Erreichung eines Milestones, was mich immer noch irritiert. Mit diesem Vibrationsalarm kann man sich auch wecken lassen, was wirklich sehr praktisch ist und bei mir sehr gut funktioniert. Das Aufladen des Fitbit Flex ist etwas fummelig, weil man dazu aus dem Armband das Trackingdingens rauspuhlen muss, um es in einen speziellen USB-Adapter zu stecken. Daran wird irgendwann bei mir die Nutzung scheitern, weil ich den USB-Adapter nicht mehr wiederfinden werde. Das Fitbit Flex ist wasserdicht und man kann also locker damit duschen, was ungemein praktisch ist, weil ich für das Umtüddeln des Armbands noch länger benötige als für meine eleganten Manschettenknöpfe am weissen Hemd. Für das initiale Setup muss man einen seperaten USB-Dongle nutzen, was ich komplett umständlich finde, abgesehen von dem eher großen Potential, auch dieses Dingens zu verlieren.

Fitbit AppDie App von Fitbit ist so ziemlich das genaue Gegenteil der Nike+ App. Diese App hat einen immensen Funktionsumfang und kann damit quasi zum persönlichen Gesundheits-Dashboard werden. Denn es werden nicht nur die Bewegungen getrackt, sondern ich kann auch meine Withings Waage mit der App verknüpfen, meinen zu wenigen Schlaf aufzeichnen, oder, wenn ich es ganz genau wissen will, auch noch meine tägliche Nahrungsaufnahme protokollieren. Für alle, die sich sorgen, dass sie nicht genug trinken, gibt es auch die Möglichkeit, die Wasseraufnahme zu protokollieren. Aktivitäten wie Schwimmen oder Fahrradfahren erfasst das Fitbit Flex nicht, man kann aber diese Aktivitäten aber nachträglich hinzufügen, so dass eine halbwegs genaue Aufzeichnung der gesamten täglichen Aktivitäten erfolgen kann. Badges gibt es auch für das Erreichen von Milestones, allerdings nicht so peinlich animiert wie bei Nike+.

Für mich ist das Fitbit Flex ein ganzes Stück nützlicher als das Fuelband von Nike, allein schon, weil ich es mit meiner Waage verknüpfen kann und es auch ermöglicht, andere Aktivitäten aufzuzeichnen. Natürlich sind die Messungen letztendlich nur Anhaltspunkte, aber für mich ist es hilfreich zu wissen, ob ich mich genug bewege. Ein großer Pluspunkt ist das Armband, denn der Tragekomfort ist um einiges besser als beim Fuelband.

OK, Glass!

Über Google Glass wurde schon viel geschrieben und diskutiert, natürlich in der gesamten Bandbreite von Zukunft der Interaktion bis Untergang des Abendlandes. Gestern hatte ich die Gelegenheit, eine der wenigen in Deutschland verfügbaren Google Glass zu testen. Nein, ich war nicht bei BILD-Chefredakteur Kai Diekmann, sondern bei Stefan Keuchel, Pressesprecher von Google Deutschland.

Nico Lumma mit Mütze und Google GlassIch hatte die Brille leider nur kurz auf der Nase und hätte gerne länger mit Google Glass rumgespielt, aber der erste Eindruck war schon mal ganz gut. Google Glass funktioniert in Verbindung mit einem Android Smartphone und ist letztendlich “nichts weiter” als eine Art neumodische interaktive Fernbedienung mit innovativem Display für das Android Smartphone. Die Bedienung ist intuitiv, sorgt aber eher erst einmal für merkwürdige Momente, wenn man irgendwo steht und Selbstgespräche führt. Auf das Kommando “OK, Glass!” geht das Device in Befehlsempfangsmodus und wartet dann auf weitere Instruktionen, wie z.B. “Take Picture!” oder “Google!”, gefolgt von einem Suchstring. Die Frage nach dem Wetter wird dann netterweise grafisch dargestellt und auch vorgelesen. Die Übertragung der Töne erfolgt ohne Headset, direkt über irgendso ein neumodisches Schädelknochentongenerierungsdingens. Ja, die Slapstick-Comedy Industrie freut sich sicherlich schon auf die Skripte, in denen die Protagonisten Google Glass nutzen und für Verwirrung sorgen, indem Selbstgespräche geführt werden, Devices vertauscht werden und so weiter. Vorher allerdings macht Heineken noch einen Werbespot, der viral durchs Netz geht, bei dem es um Google Glass, schöne Frauen und eiskaltes Bier gehen wird. Da man anstatt “OK, Glass” auch alternativ sein Kopf nach hinten kippen kann, ist die Verknüpfung mit einem zu kippenden Bier irgendwie naheliegend. Denkt bei der Preisverleihung nächstes Jahr in Cannes an mich.

Nach meinen 5 Minuten mit Google Glass kann ich zwar nichts über die Nutzung von Google Glass im Alltag berichten, aber ich sehe Google Glass als einen ersten Entwicklungsschritt eines Produktes an, das in wenigen Jahren auf der Netzhaut oder der Brille landen wird. Bis dahin haben wir als Gesellschaft noch einige ungelöste Fragen im Umgang mit dieser Art von Devices. Einige tendieren zur brutalstmöglichen Ablehnung, während andere sich eher wenig Gedanken darum machen, wie Google Glass vom Umfeld wahrgenommen wird. Erstaunlicherweise gibt es bislang Debatten um Persönlichkeitsrechtsverletzungen durch Fotos und Videos, aber Ton-Aufzeichnungen werden bislang kaum thematisiert, obwohl diese bereits jetzt sehr versteckt erfolgen können. Durch Google Glass wird die Aufmerksamkeit bei diesen Themen sicherlich wieder größer werden, auch wenn letztendlich “nur” ein Android Smartphone bedient wird durch einen Brillen-Ersatz.

Für mich stellt Google Glass eine der aktuell spannendsten UX/UI-Experimente dar, aus dem vielfältigste Innovationen hervorgehen werden. Aktuell mag das noch überteuerter Spielkram mit geringer Akkuleistung sein, aber die Entwicklung, die hinter Google Glass steckt, ist beachtlich. Noch beachtlicher wird allerdings sein, was in den nächsten 5 Jahren rund um Google Glass und ähnliche Produkte enstehen wird.