“Zensur!” schreien die Einen, “wirtschaftlich notwendig!” die Anderen – und doch haben beide irgendwie Recht. Twitter hat gerade angekündigt, daß künftig Maßnahmen ergriffen werden können, um Tweets in bestimmten Ländern blocken zu können.
As we continue to grow internationally, we will enter countries that have different ideas about the contours of freedom of expression. Some differ so much from our ideas that we will not be able to exist there. Others are similar but, for historical or cultural reasons, restrict certain types of content, such as France or Germany, which ban pro-Nazi content.Until now, the only way we could take account of those countries’ limits was to remove content globally. Starting today, we give ourselves the ability to reactively withhold content from users in a specific country — while keeping it available in the rest of the world. We have also built in a way to communicate transparently to users when content is withheld, and why.
Auf der einen Seite amüsiert es mich geradezu, wieviel Relevanz Authoritäten in Ländern den 140 Zeichen einzelner Nutzer zuschreiben, wo doch in diesem unseren Land der Dichter und Denker Twitter noch nicht einmal von der Masse der Leute ignoriert wird, aber auf der anderen Seite sieht Twitter natürlich seine globale Wachstums-Strategie bedroht und muß daher handeln. Es gibt nicht die globale Kommunikationskultur, es gibt noch dazu vielfältige rechtliche Rahmenbedingungen, die sich zwar alle mehr oder weniger auf die freie Meinungsäußerung berufen, aber doch irgendwie anders sind. Und es gibt natürlich viele Länder, die für die Expansion von Twitter interessant zu sein zu scheint, in denen die freie Meinungsäußerung kein Thema ist.
Fast schon flehentlich wirbt das Unternehmen daher im letzten Absatz um das Vertrauen der Nutzer:
One of our core values as a company is to defend and respect each user’s voice. We try to keep content up wherever and whenever we can, and we will be transparent with users when we can’t. The Tweets must continue to flow.
Für die vielen besorgten Nutzer in Deutschland wird sich nichts ändern, außer daß eklige Nazi-Tweets geblockt werden könnten. Für Demokratie-Bewegungen in Ländern mit autoritären Regimen ist diese Policy ein herber Schlag, da Twitter das jeweilige geltende Recht des Landes aktzeptiert. Twitter spielt auf einem globalen wirtschaftlichem Spielfeld und muß eine ordentliche Wachstumsgeschichte präsentieren, daher ist es aus Sicht des Unternehmens nachvollziehbar, daß für Staaten wie China jetzt entsprechende Vorkehrungen getroffen werden. Allerdings hat eine globale Infrastruktur nicht nur das Thema Meinungsäußerung zu berücksichtigen, sondern auch das Thema Urheberrecht. Auf chillingeffects.org/twitter wird man künftig sehen können, welche Twitter-Nutzer betroffen sind von den neuen Regelungen. Bislang findet man dort vor allem Tweets, die aufgrund der Beschwerden von Rechte-Inhabern gelöscht wurden.
Ich bin gespannt, auf das Twitter-Lösch-GoogleMaps-Mashup, das dann aufzeigt, wann wo welche Tweets gelöscht bzw. geblockt wurden und weshalb. Meine Prognose: 5% Zensur, 95% Urheberrechtsverletzungen.


























