Problematisieren eines Para- oder Pseudojournalismus

Nico —  22.09.2005

Hier mal ein kleiner Auszug aus einem Interview der Leipziger Volkszeitung mit dem weltbekannten Marcel Machill, Professor für Journalistik an der Universität Leipzig mit Schwerpunkt Neue Medien:

Können die Blogs mit etablierten Medien konkurrieren?

Nein. Sie stellen eine Nische für eine Publikationsart, die man als Para- oder Pseudojournalismus bezeichnen kann. Das Problem der Netztagebücher ist, dass sie sehr subjektiv sind und keine Qualitätskontrolle stattfindet. Die Schreibenden sind nicht in Redaktionsstrukturen eingebunden und müssen ihr Produkt beispielsweise nicht dem Redaktionsleiter oder Chefredakteur vorlegen.

Das Problem mit Professoren ist oft, dass sie keine Ahnung von den Realitäten haben. Der Vorteil der Weblogs ist, dass sie subjektiv sind und dass sie im Normalfall nicht in Redaktionsstrukturen eingebunden sind. Deswegen bringt ja das Schreiben und Lesen von Weblogs so viel Spass.

Im weiteren Verlauf des Interviews kommt dann noch dieser schöne Satz:

Es können ja nicht täglich hunderte von Websites durchforstet werden. Im Onlinejournalismus sind daher vertrauensvolle Marken und Gatekeeper wichtig.

Der Herr Professor achtet plump darauf, die herkömmlichen Online-Medien in ein positives Licht zu stellen, während Blogs als etwas unsortiertes und nicht vertrauenswürdiges dargestellt werden. Mit einem RSS-Reader kann man locker hunderte von Websites lesen, aber das verschweigt er lieber.

Blogs sind natürlich eine Nische, sie ergänzen den Online-Journalismus. Hier grossartig zu problematisieren ist typische Professorenunart, einfach mal wichtig irgendwas erzählen, auch wenn man keine Ahnung vom Thema hat, aber wenigstens hat man auch zu diesem Thema etwas gesagt.

12 responses to Problematisieren eines Para- oder Pseudojournalismus

  1. Mit dem „subjektiv“ hat der Professor vollkommen recht. Aber so manche große Tageszeitung bringt auch sehr subjektive (oder zumindest stark eingefärbte) Berichterstattung.

    Dass der Mann die RSS-Feeds unterschlägt mag daran liegen, dass er davon vielleicht noch nie etwas gehört hat?

    Und zu behaupten, eine Redaktion unterläge einer Redaktionsstruktur – da war der Mann aber noch nicht in einer Online-Redaktion. Da wird geschreiben, was das Zeug hält. Klar gibt es einen CvD, aber der schaut auch nur auf fremde Beiträge, wenn er mal Zeit und Lust hat. Ansonsten ist man da ziemlich auf sich gestellt.

    Aber schön, dass der Mann auch mal ‚was zum Thema gesagt hat. :-)

  2. Weil es ja auch um Qualitätskontrolle geht: Ich sehe gerade, dass a) die Leipziger Volkszeitung meinen Namen falsch geschrieben hat („Jan-Hindrik“ – nein, ohne ‚d‘!!!) und b) Marcel Machill meine Äußerungen zur Multiplikator-Wirkung von Weblogs als „Unfug“ bezeichnet… Hurra, akademischer Schlammfight!

  3. Der Herr Professor tut so, als würde er das alles überblicken, dabei hat er offensichtlich keinen Peil. Die Blogossphäre ist gerade (zumindest denke ich das) im Begriff sich zu strukturieren, da wird sich in Zukunft noch eine Menge tun.
    Nicht lange und es wird eindeutige Blog-„Gatekeeper“ geben, die als Hauptanlaufpunkt für viele Blogger eben gerade als Multiplikatoren funktionieren werden (bzw. es jetzt schon tun).

  4. Apropos, kannst du mir einen RSS-Reader für den 10.4 empfehlen?

  5. Man sollte es dem Professor nachsehen: Er ist wahrscheinlich zu alt für solche Sachen. Er vertritt die typische Meinung von Unwissenden über Blogs: Sie sind subjektiv, von minderer Qualität, usw..

    Dass er sich nicht ausreichend mit dem Thema auseinander gesetzt hat, zeigt doch die Tatsache, dass nichts zur Technik gesagt wurde.

    Empfehlenswert fand ich übrigens die c’t-Artikel in der (vor)letzten Ausgabe. Den Hauptartikel von den vier Blog-Artikeln fand ich recht objektiv.

  6. Über Nico Lumma bin ich auf ein Interview der Leipziger Volkszeitung mit Prof. Marcell Machill (Uni Leipzig) aufmerksam geworden, bei dem es – wieder mal – um das Verhältnis von Weblogs und Journalismus geht. Aus Angst, sich zu …

  7. Ich möchte da für Marcel Machill in die Bresche springen: Die Arbeiten, die ich von ihm kenne, sind sehr gut, er hat für die Bertelsmann-Stiftung z.B. auch über ICANN geforscht und publiziert (Hamm/Machill (Hg.): Wer regiert das Internet? ICANN als Fallbeispiel für Global Internet Governance. Gütersloh 2001); die Studie über Suchmaschinen greift ein ebenso wichtiges Thema auf.
    Was das „äußern zu Themen von denen man keine Ahnung hat“ betrifft, will ich gar nicht urteilen, sondern nur darauf hinweisen, dass die Auseinandersetzung mit „Weblogs und Journalismus“ nunmal einen Kernbereich der Kommunikationswissenschaften berührt, deswegen sind wir gern gesehene Interviewpartner, ob für SpON oder die LVZ.. ;-)
    Meine Meinung zu dem Thema hab ich auch nochmal niedergeschrieben, siehe den trackback.

  8. jan, das mag ja alles sein, aber dieses pauschale Warnen vor irgendetwas, das ist genau das Problem, dass wir hier in Deutschland haben. Erst mal warnen, dann abwarten, könnte ja vorübergehen, dann hinterherhecheln und doof gucken.

    Herr Machill mag bewandert sein in seinem Fach, aber Weblogs hat er nicht verstanden, oder will sich jedenfalls nur aus seiner Journalismus-Bastion zum Thema äussern.

  9. „Das Problem der Netztagebücher ist, dass sie sehr subjektiv sind“

    Ich glaube, das hat kein Blogger jemals bestritten. Da steht ja oft genug „ich“ in den Texten.

    „und keine Qualitätskontrolle stattfindet.“

    Stimmt. Wenn ich einen Text aus Spiegel-Online zitiere, dann glaube ich dass der stimmt. Aber welcher Politiker würde mit mir reden wollen, wenn ich sage, dass ich der kleine Blogger marcc bin und eine SpOn-Meldung gegenrecherchieren müsse.

    Die andere Qualitätskontrolle machen bei Blogs halt ansonsten die Leser. Murks wird keine Zugriffzahlen haben.

    Qualität ist auch nicht das Problem. Wahrheit, Halbheiten und Lügen sind das Problem. Und davor sind auch die Profis, nur weil sie Profis sind, nicht immun.

    Und zudem: Wem glaubt ein websurfender Leser mehr? SpOn, die wöchentlich ein Druckwerk hervorbringen (und verkaufen müssen), einem Blogger, der vielleicht gerade einmal im Monat seine Zugriffsstatistiken in ein PDF druckt aber ein Impressum hat, oder einem anonymen Schreiberling , der Beschuldigungen in ein Forum postet.

  10. Thomas Gendler 21.11.2005 at 14:10

    Diese Debatte ist selbst-entlarvend. Jörn (weiter oben) meint: „Man sollte es dem Professor nachsehen: Er ist wahrscheinlich zu alt für solche Sachen. Er vertritt die typische Meinung von Unwissenden über Blogs.“ Wenn Jörn ein professioneller Journalist wäre und nicht bloß ein beleidigter und selbstverliebter Blogger, dann hätte er zunächst mal recherchiert und herausgefunden, dass Machill einer der jüngsten Journalisten-Professoren im deutschsprachigen Raum ist und derzeit ein größeres Forschungsprojekt zu Blogs leitet. Aber so ist das halt bei den Blogs: keine Qualitätskontrolle und extrem subjektiv. Nichts anderes hat Machill gesagt…

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