Phantasielose Kleingeister

Nico —  11.12.2005

Wolfgang Sommergut setzt sich mit der trostlosen deutsche Debatte über Web 2.0 auseinander und ich könnte eigentlich so ziemlich jede Zeile unterstreichen. Mir geht es dermassen auf den Zeiger, wie in Deutschland mit neuen Sachen umgegangen wird, vor allem, wenn es sich um das Internet handelt. Da werden immer wieder zwei der drei meistgesagten Sätze eines sozialdemokratischen Hausmeisters angeführt: 1. Das haben wir schon immer so gemacht, 2. da kann ja jeder kommen, 3. hier dürfen Sie nicht parken.

Während in den USA ein Startup-Boom losgeht, gefolgt von einem Kaufrausch der Grossen Drei, sehen wir in Deutschland eher wenig bis gar nix. Zwar spriessen derzeit die Blogdienste wie Pickel bei Kommentatoren in Threads zum Tokio Hotel, aber jede Woche ein neuer Blogdienst mit denselben bekannten Features macht noch kein Web 2.0, im Gegenteil. Es zeigt eher, wie träge man in Deutschland reagiert auf Trends aus den USA. Wenn in Deutschland irgendein neuer Dienst aufpoppt, dann kann man sich sicher sein, dass dies ein Klon eines amerikanischen Dienstes ist und mangels Alleinstellungsmerkmal auch recht flott wieder von der Bildfläche verschwindet. Die überall erwähnten Ausnahmen sind OpenBC und Plazes, die ich beide nutze, warum auch immer. Wenn man sich dann einmal die grossen deutschen Portale anguckt, dann wird einem noch schlechter. Hier regieren phantasielose Kleingeister, die ihre Portale auf das Abschliessen von DSL oder VOIP und den Abverkauf von Produkten aus den Integrierten Shops optimieren. Neuerungen sind lediglich Optimierungen des Clickstreams, für die User hat man eine Foren-basierte Community, friss oder stirb, aber shop vorher noch mal ordentlich. Email ist der Standarddienst, damit darf sich der Deutsche an sich zufrieden geben und als Dreingabe wird auch noch mal etwas Spam gefiltert. Schnittstellen gibt es zu Hauf, aber nur zur Shop-Integration und zur Messung des Abverkaufs.

Bei den Verlagen sieht das Bild ähnlich aus, hier haben die wenigsten begriffen, dass man sich auch ein klein wenig darum kümmern muss, wie sich das Lese-Verhalten und die Online-Nutzung der User ändert. Bei vielen Online-Angeboten von Tageszeitungen oder Wochenzeitschriften hat man den Eindruck, dass hier die Grundlage für eine Neuerung ein halbherziges „die anderen machen das jetzt auch, also sollten wir das auch irgendwie machen“ ist. Ein Beispiel ist RSS, das man fast überall findet, aber selten in einer benutzbaren Form, oder eben ein paar Weblogs. Die Ausnahmen sind hier die Zeit (Disclaimer für alle, die sonst den Blog-Ethikrat anrufen wollen: Zeit.de nutzt Blogg.de als ASP-Lösung und ich bin für Blogg.de verantwortlich, auch wenn die hier dargelegten Meinungen einzig meine sind und nicht immer denen meines Arbeitgebers entsprechen), die schon alleine durch eine konsequente Nutzung von OpenSource im Backend einen anderen Weg eingeschlagen haben als andere, auch wenn das sicherlich lange im Verlag niemand verstanden hat, und zunehmend auch Burda, die derzeit alles bloggen lassen wollen, von den impactlosen Blogs auf Focus Online bishin zu gemobloggten Zuschnitten bei Burda Moden. Ansonsten vermisst man auch hier neue Ideen, da sind Verlage im Ausland weiter.

Warum das so ist? Dazu fällt mir nur eine sehr pauschale Antwort ein. Ich sehe eine Melange (hab bei der Les Blogs zu lange neben Dieter gesessen, das färbt ab) von Nichtkönnen und Nichtwollen, gepaart mit einer ordentlichen Portion Bedenkenträgerei und Besitzstandwahrung. Mir fällt in diesem Zusammenhang immer die typische Floskel aus Titeln von Uni-Publikationen ein: „unter besonderer Berücksichtigung von“ – lieber noch mal alles aufrollen und ein wenig mehr ins Detail gehen, als etwas Neues wagen. So sieht es derzeit in Deutschland in Sachen Web 2.0 aus. Wir brauchen in Deutschland keine Exit-Strategien für Startups, sondern erst mal Startup-Ideen.

15 responses to Phantasielose Kleingeister

  1. Wir haben in Deutschland viele soziale Probleme, Gott sei Dank weniger denn die USA, aber keines dieser Probleme ist durch Social Software zu lösen! Kann es sein, dass all die Web 700.89-Fans nur in ihren IT-Bahnen denken? Nur im Web zu Hause sind, vergessen haben, wie Menschen funktionieren, die NICHT im Web leben, sondern in ihren ureigenen sozialen Strukturen?

    Kann es sein, dass all die Web 56789,987 Fans nur an Möglichkeiten denken und nicht an Menschen?

    Nur mal so dahin gesagt…

  2. Aus Sicht der Web 2.0 „Insider“ kann ich Deine Sicht der Dinge verstehen. Aus Sicht der Unternehmen, Verlage, Banken etc. aber auch. Es fehlt in Deutschland die kritische Masse um Investitionen im Bereich Web 2.0 zu tätigen. Solange man die Chancen und Unterschiede vom dem sogannten Web 2.0 nicht transparent an die Entscheidungsträger vermitteln kann, werden sie weiterhin dieses Thema mit der Internetblase in Verbdingung bringen und bei Investitionen doppelt vorsichtig agieren.

  3. Sommergut und Lumma haben so Recht. „Web 2.0“ ist nun endlich ein Zeichen dafür, dass das Web nicht mehr nur Business für IT-Firmen und dubiose Inkubatoren generiert. In Deutschland hält man einen anfahrenden Zug für zu langsam, und dann beschwert man sich am Ende darüber, dass man nicht drauf sitzt.

  4. Nicht alles was aus Asi-Amerika kommt, ist ein Trend.
    Ich habe auch eine Menge Ideen, die umzusetzen mir Spaß und der Firma einen echten Nutzen bringen würde, jedoch denkt man hier zu Lande so:“Wir machen das, wenn Bedarf besteht“ Und Nicht „Wir machen das und wecken den bedarf“. Das hat allerdings weniger mit „das haben wir schon immer so gemacht“, was unseren typischen User eindeutig charakterisieren würde, zu tun hat, sondern eher mit „wir passen auf unser Geld auf“
    Somit würde ich die Hauptgründe für Innovationsfeindlichkeit in der Angst suchen, die in diesem land tief sitzt, eine Angst, die jeden Tag in den Medien geschürt wird, die Existenzangst.
    Dem Land aber pauschal „wir haben das schon immer so gemacht“ Menthalität vorzuwerfen ist einfach zu simpel.
    Was dem Eintrag fehlt ist nämlich eine Begründung, WARUM die leute in Web2.0 inverstieren sollen. Daran hapert es nämlich ganz entscheidend in Deutschland an Menschen, die anderen den Nutzen einer neuen Technologie als unumgänglich verkaufen können und ich zähle mich selber leider dazu.
    Vielleicht soltlen die, die nach Web2.0 in Deutschland schreien, nicht nur rumjankern, macht endlich was, sondern den Leuten auch mal sagen, WARUM sie etwas machen sollten. Genau dazu habe ich nämlich bei niemandem bisher wirklich plausible Argumente gefunden.

  5. „Nichtkönnen und Nichtwollen, gepaart mit einer ordentlichen Portion Bedenkenträgerei und Besitzstandwahrung“ – akkurat! woher kennst du meine kollegen? nicht nur dass sie auf ausgelatschten bahnen laufen (ich meine nicht die legitimen gewohnheiten, sondern den halsstarrigen und schlechtgelaunten trott), sondern sie legen dabei auch diese arroganz der dummen an den tag, denn sie schreien ja gleichzeitig danach, dass alles besser werde und jemand ihre arbeit für sie erledigt.

  6. Danke, Nico. Du sprichst mir aus der Seele!

    Vielleicht kann sich Ormigo zwischen openBC und Plazes einreihen. Alphabetisch würde es passen ;-)

  7. Deutschland versinkt in Mittelmässigkeit. Und das nicht seit gestern. Und das auch nicht nur im Fussball oder im Internet.

  8. Gibt es das Problem hierzulande nicht grundsätzlich in Bezug auf Innovation? Ich finde, es fehlt der Enthusiasmus der Leute, wenn sie etwas ganz Neues kennenlernen oder in den Händen halten. Auch wenn es problematisch ist, etwas als „typisch deutsch“ zu bezeichnen, so ist es doch ein Mentalitätsproblem.
    Ich glaube nicht, dass die Leute zu wenig Geld für sowas hätten. In den US oder in Japan haben die Leute ja nicht mehr Geld als wir, kaufen und nutzen aber dennoch viel häufiger dieser neuen Ideen/Produkte. Eben weil sie sich alleine aufgrund der Tatsache, dass es was Neues ist, dafür begeistern können.
    Das ist hierzulande eben nicht so. Die Gründe dafür kann sich jemand anderes ausdenken, aber es ist definitiv eine ganz spezifische Eigenschaft eines grossen Teils unserer Gesellschaft.

  9. Nach der Rückkehr aus Paris schwirrt einem erst einmal der Kopf. Nico, das ist ganz normal. Die letzten Veranstaltungen waren wirklich „touching“. Es scheint als wäre die Welt da Draussen viel weiter als wir. Und mit Welt meine ich nicht die USA, sondern Frankreich, Dänemark, Indien und Canada, um nur ein paar zu nennen.

    Einer der Gründe mag sein, dass die so genannte kritische Masse in Deutschland noch nicht erreicht ist. Hier erscheint die Minderheit meist auch ein wenig hysterisch statt kritisch und separatistisch obendrein. Das kann aber nicht der Grund sein.

    Wahrscheinlich spielt uns der ‚Hype‘ aus den USA einen Streich. Entweder denken Webentwickler und Portale, dass sich das alles wieder geben wird, der Schiet mit Social Software und Citizen Journalism, oder fiebrige VCs wittern Exitkohle nach zwei Jahren me2-betrieb (vgl. Alando).

    Beides wird der fundamentalen Änderung der Sicht, wie sie Web 2.0 auf die Anordnung und Reception von Inhalten online hat nicht gerecht.
    Leider.
    Je schneller der Hypeexpress anfängt zu fahren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das große Korrektiv, die kritische Masse (schöner Begriff, wenn man ihn umdeutet), keinen Einfluss auf die Geschicke haben wird. Am Ende nur die Zeche zahlen darf. Wer hat hier Aktien als Altersvorsorge?

  10. Wobei mir ja schon wichtig wäre zu unterscheiden zwischen der drögen Innovationsfeindschaft (jetzt nicht im Sinne der INSM, die ja auch immer gegen Bedenkenträger usw. vorgeht ;-)) und einer richtigen Kritik zu unterscheiden. Sicherheit ist leider ein unterschätztes Ding (Lumma würde sagen: »setzt sich nicht durch«), Zentralisierung ist ein Problem usw.
    Das ist der Unterschied zwischen substantiell und ressentimentbeladen.

  11. Gut gebrüllt Herr Lumma.

    Und mehr Hofnarren bitte !!

  12. Ha! Recht hast Du. Als Podcaster kenne ich das Problem, glaube mir. Die Blogger werden wenigstens noch als „nicht relevant“ wahrgenommen, unsereiner gar nicht :-)
    Man sollte die Frage „Und wofür braucht man das“ genauso verbieten wie „und was hab ich davon?“.

  13. Meine Antwort kommt jetzt wg. aktueller Computerprobleme etwas spät – und gesagt ist hierzu inzwischen auch (fast) alles – aber ich wollte auch noch meinen Namen drunterschreiben: Premium Content.

  14. Zustimmung zu Herrn Hebig. Ich finde es unfassbar, wie überm großen Teich der Zug abfährt. Aber ich muss sagen, ein paar zarte 2.0-Pflänzchen gibt es im deutschsprachigen Raum immerhin auch. Zum Beispiel den großartigen „Wikipedia-Browser“ Gollum. Aber sei’s drum. Wir Deutschen sind eben Miesepeter. Ist ja auch schön, am Fenster stehen und den anderen zugucken.

  15. celebrity morgue 4.12.2006 at 13:16

    Karen Carpenter