18. August 2006

Hessen FDP will online wählen lassen, da modern

Eine tolle Pressemitteilung hat die Hessen-FDP da verzapft und es sogar bis auf den Heise-Ticker geschafft, ist eben doch Saure-Gurken-Zeit. Da kann man auch gerne mal zeigen, wie fortschrittlich man doch ist und gleich zur Erhöhung der Wahlbeteiligung die Stimmenabgabe per Internet fordern:

Letztlich wolle man auch neue Wege bei der Stimmabgabe beschreiten, indem die Wahl auch online, also über das Internet möglich sein soll. “Das Internet wächst rasant, die Nutzerzahlen steigen ständig. Warum sollen wir daher nicht auch diesen Weg einer einfachen und bequemen Stimmabgabe ermöglichen, zumal fehlerhafte Stimmabgaben über das Internet wie auch bei Wahlmaschinen verringert werden”, so Hahn. Während bislang in Deutschland Online-Wahlen nur im Rahmen von Forschungsprojekten und in simulierten Wahlen beziehungsweise als Pilotwahlen in Betrieben und Vereinen stattfanden, war im Oktober 2005 in Estland die Stimmabgabe bei der Kommunalwahl online, also über das Internet möglich. Auch in der Schweiz sei die Stimmabgabe per SMS mit dem Mobiltelefon zugelassen. “In einem modernen Bundesland wie Hessen ist es deshalb angebracht, diese modernen Kommunikationsmittel auch auszuprobieren, sogar Hauptversammlungen von großen Aktiengesellschaften kennen bereits diesen technischen Fortschritt!”

Hier gibt es einiges zu differenzieren. Eine geringe Kommunalwahlbeteiligung liegt m.E. nicht daran, dass der Weg in die Kabine so beschwerlich ist. Briefwahl ist sicherlich eine gute Idee, wird aber an dem geringen Interesse an der Kommunalwahl eher wenig ändern. Hierzu müssten die Bürger viel mehr verstehen, wozu die Wahl gut ist, wer die agierenden Personen sind und welche Auswirkungen eine Stimmenabgabe bei der Kommunalwahl mit sich bringen wird.

Die Stimmenabgabe übers Netz klingt zwar ganz toll und bequem, modern und fortschrittlich sowieso, aber sie löst keines der angesprochenen Probleme. Sie schafft vielmehr noch weitere, siehe auch den Beitrag Wahlcomputer müssen sterben von Tim.

Eine Demokratie ist langsam und auch eine Wahl ist aufwendig, das Auszählen ist zeitintensiv und passt u.U. nicht in die TV-Choreaographie eines Wahlabends. Na und? Es ist ja nun nicht so, dass sofort nach Schliessung der Wahllokale das Ergebnis feststehen muss, weil noch am Sonntag abend die neue Regierung durchregieren will. Wir haben Zeit, daher sollte in Ruhe der Stapel Stimmzettel von Hand gezählt werden. Danach kann man Ergebnisse fein säuberlich in Computer eintippern und Planspiele anstellen, zur Not auch noch dutzende Male nachzählen. Denn das Papier ist geduldig, wie man immer so schön sagt. Bei Wahlen auf digitalem Wege fehlt letztendlich der echte Beleg, dass die Stimmabgabe wirklich so war, wie sie sein sollte. Jedes System hat seine Macken, das eine lädt zum Wahlbetrug ein, das andere ist langsam. Ich bevorzuge die Langsamkeit.

Die hessische FDP sollte sich mal fragen, ob der Glaube an den Fortschritt und die Machbarkeit neuer Dinge alleine dazu führt, dass die Bürger mehr Interesse an einer Partizipation in der Demokratie haben, oder ob es nicht ratsamer wäre, nicht einfach irgendeinen modern-klingenden Stuß zu fordern, der an den Gründen für die geringe Wahlbeteiligung völlig vorbeigeht.

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es ist nicht so, das man zu faul ist zur Wahlurne zu gehen.Es gibt aber auch Leute die zwischenzeitlichunterwegs sind. Wie ich, da ich mich oft bei meiner Tochter aufhalte und daher garnicht im Land bin. Bei der letzten Wahl genau so.Mein Antrag zur Briefwahl wurde total ignoriert und ich habe daher nicht gewaehlt.Diesmal habe ich rechtzeitig telefonisch gebetn, mir die Unterlagen zuzuschicken, aber bis heute, den 11.01. habe ich nic hts erhalten. So kann ich auch diesmal nicht waehlen. Es gibt sicher viele Leute, die politisch so interessiert sind, das sie sogar aus dem Ausland waehlen moechten.
So waere eine online Wahl in der heutigen Zeit mehr als nortmal.
Gruss Castaldo

Ich binmir sicher, dass die Abstimmung u00c3u00bcber das Netz oder mit wahlcomputern zu einer geringeren Wahlbeteiligung fu00c3u00bchren wu00c3u00bcrde. Die Menschen sind in Deutschland m.E. noch nicht so weit um ihre wertvolle Wu00c3u00a4hlerstimme einem Computer anzuvertrauen.

Sicherlich gibt es in einigen Landkreisen schon entsprechende Versuche, auch in meiner ehemaligen Heimatstadt im Taunus wurde bereits in den 80u00c2u00b4er Jahren mit Wahlmaschinen gearbeitet. Die hatten die Anmutung eines Kaugummiautomaten und 5 Minuten nach Schliu00c3u009feung der Wahllokale wussten alle wie die Wahl gelaufen ist. Die Geschwindigkeit der Wahlauszu00c3u00a4hlung hat allerdings am Ergebnis und an der Tatsache, dass alle anderen Stu00c3u00a4dte noch mit der Hand gezu00c3u00a4hlt haben nichts geu00c3u00a4ndert.

Wu00c3u00a4hler bekommen die Parteien mit ehrlichen und vernu00c3u00bcnftigen Programmen an die Urnen und nicht mit spaciger Zukunftsmusik. Lieber mal wieder ein biu00c3u009fchen mehr Ehrlichkeit als stu00c3u00a4ndig die PR-Halbwahrheiten der Parteizentralen.

Es gibt sicher noch eine Menge technischer Hu00c3u00bcrden zu meistern, ehe das Wu00c3u00a4hlen per Internet unseren Anspru00c3u00bcchen genu00c3u00bcgen wird (z.B. in Bezug auf den Grundsatz, dass Wahlen in Deutschland allgemein, unmittelbar, frei, gleich und geheim sein sollen und dass eine u00c3u00b6ffentliche und transparente Auszu00c3u00a4hlung stattfindet).

Ich kann mir aber ein Menge neuer Anwendungen vorstellen, die weit u00c3u00bcber das bisher bekannte Mau00c3u009f an Bu00c3u00bcrgerbeteiligung qua Wahl hinausgehen. Wie wu00c3u00a4re es mit einer kontinuierlich erfassten, multi-dimensionalen "Fieberkurve", die die Wu00c3u00bcnsche und Befindlichkeiten der Bu00c3u00bcrger in Echtzeit messen kann? Solche Dinge lassen sich schon aus Kostengru00c3u00bcnden nur online abwickeln. Dort wu00c3u00a4ren vielleicht auch die Anspru00c3u00bcche an Sicherheit etc. etwas niedriger bzw. die Fehlertoleranzen etwas grou00c3u009fzu00c3u00bcgiger.

Wie so oft gilt: Das eine (sichere Wahlen wie gehabt) tun, das andere (neue spannende Sachen) nicht lassen!

klar lu00c3u00b6st das kein Problem. Dennoch gibt es Lu00c3u00a4nder, in denen Onlinewu00c3u00a4hlen durchaus schon funktioniert. Estland beispielsweise. OK, die haben weniger Einwohner als Hamburg, aber immerhin. Lohnt sich anzugucken.

Ist eigentlich die Kommunalwahlbeteiligung in Lu00c3u00a4ndern, in denen werden darf hu00c3u00b6her? Ich habe zumindest den Eindruck, dass die stu00c3u00a4rkere Personalisierung was bringt.

Sehr schu00c3u00b6n. In der Tat, wenn eine Demokratie es nicht schafft, ihre eigene Wichtigkeit so weit zu unterstreichen, dass man schon fu00c3u00bcr den Weg zum (in der Stadt oft deutlich < 1000m entfernten) Wahllokal zu faul ist, dann wird eine Internetwahl sicher nicht helfen.

Wie Du schon andeutest: Das tolle an der Papierwahl ist doch, dass man das Prinzip jedem noch so du00c3u00b6sbaddeligen Vollhonk klar machen kann und sogar ebenjener Vollhonk, wenn ihm danach ist, die Richtigkeit der Ergebnisse u00c3u00bcberpru00c3u00bcfen kann. Alle Verfahren zur Beschleunigung des Wahlvorganges, egal ob Elektronisch oder mechanisch (Ich sag nur "hangin' chad") bringen zusu00c3u00a4ztliche Komplexitu00c3u00a4t in das Verfahren, so dau00c3u009f die Nachvollziehbarkeit schon sehr schnell nicht mehr gegeben ist.

Letztendlich lu00c3u00a4uft es glaube ich darauf hinaus, dass vielen Politikern die Demokratie weniger wichtig ist als die, wie Du schon sagtest, Dramturgie des Wahlabends.

Es wundert mich allerdings, das noch niemand auf die Idee gekommen ist, sowas zu behaupten wie "Aber Internetwahl wu00c3u00a4re doch auch viel sicherer, weil man dann keine Angst vor terroristischen Anschlu00c3u00a4gen auf Wahllokale haben muss". :)