Gesundheitsreform ohne Ende

Nico —  14.09.2006

Es scheint in der Bundesrepublik zum guten Ton zu gehören, dass jede neue Regierung flugs endlich eine Gesundheitsreform durchführen will. Mal eine kleine, mal eine große, schließlich gäbe es Handlungsbedarf. Ohne dass ich mich jetzt im Einzelnen mit dem Gesundheitssystem auskennen will, fallen mir dabei ein paar Dinge auf:

– die Leistungen für Kassenpatienten werden immer weniger
– viele Leistungen sind optional und damit extra zu bezahlen, beispielsweise über Zusatzversicherungen
– Privatpatienten werden bevorzugt behandelt und bekommen mehr Leistungen
– die Schere zwischen beiden Versicherungsformen wird immer größer
– die Bürokratie scheint bei der Gesundheit das Hauptproblem zu sein
– die Experten sind Teil und Nutzniesser des Systems
– viele verdienen prächtig bei steigenden Gesundheitskosten

Ich werde das Gefühl nicht los, dass der geplante Gesundheitsfonds auch nichts ändern wird. Eigentlich stehen wir doch vor einer wesentlichen Entscheidung:

machen wir so weiter wie gehabt, oder ändern wir das System komplett?

Bei ersterem wurschteln wir uns weiter durch, verteilen Gelder von Vorne nach Hinten und zurück, wobei am Ende klar ist, dass mehr auf den Patienten abgewälzt werden wird, weil alles nicht hinhaut. Bei der zweiten Variante, also der kompletten System-Änderung steht man dann vor der Frage, wie man das derzeitige System mit Pflich- und Privat-Versicherten einstampft. Eine Versicherungsform für alle in einer Solidargemeinschaft mit Beiträgen orientiert am Einkommen, oder eine Grundversorgung mit nur den allernotwendigsten Leistungen und alles andere optional?

Die Debatte darüber wird allerdings gar nicht erst geführt, weswegen jede Reform bedeutet, dass Gelder anders verteilt werden sollen, das Grundprinzip aber erhalten bleiben muß.

Letztendlich ist die Frage auch: Wie weit reicht das Solidarprinzip? Wie weit passt es auf die Lebensentwürfe im 21. Jahrhundert?

6 responses to Gesundheitsreform ohne Ende

  1. Es ist eben eine Kunst, bei den vielen Gesundheitsreformen die Verdienstmöglichkeiten der Gesundheitsverdiener zu wahren, die Belastungen der Unternehmen dafür jedoch zu verringern (damit auch die mehr verdienen können) und das auch noch so zu verkaufen, dass es unabänderlich so gemacht werden müsste, da sonst die Wirtschaft des Exportweltmeisters „noch mehr“ den Bach runterginge…
    Und dann, ja dann soll auch noch der Wähler bei der Stange gehalten werden!

  2. Ihr Sozen tendiert ja dazu, die Privatversicherung kleinzuhauen und so das Staatssystem noch zu retten. Ein paar Jahre Luft mag das bringen, aber dann ist die Bürokratie erst recht am Ende.
    Warum nicht den umgekehrten Weg gehen. Es ist ja nicht so, dass die privat Versicherten sich nicht am Solidarsystem beteiligen wollten. Zumindest nicht alle.
    Ich möchte mir nur nicht das sehr gut funktinonierende Anreizsystem „Markt“ aus der Hand nehmen lassen. Statt dessen würde ich es gerne allen Patienten an die Hand geben. Wer sich ein Auto mit 130 PS und 732 Sonderausstattungsdetails kaufen kann, kann auch ’ne Arztrechnung bezahlen.

  3. ihr sozen? nun ma keine verallgemeinerungen.

  4. Ich muß Nico zustimmen – hier sollte man nicht verallgemeinern…

    Wobei ich das „PKV-Bashing“ auch generell nicht in Ordnung finde, denn viele PKV-Versicherte sind dort versichert, weil es in der GKV nicht möglich wäre bzw. viel zu teuer.

    Würde ich z.B. in der GKV versichert sein, dann müßte ich aus diversen rechtlichen Gründen (die mir keiner erklären kann) nicht mal eben die üblichen 50 % Arbeitnehmer-Anteil zahlen sondern mal eben die vollen 100 %. Wirkt finanziell irgendwie unattraktiv.

    A propos finanziell unattraktiv: Am schönsten finde ich immer die Aussagen, daß die Leute nur in der PKV sind um Geld auf Kosten der GKV-Versicherten zu sparen.

    Erstens finanziert die PKV das GKV-System mit mehreren Milliarden Euro pro Jahr und ohne PKV wäre manche Arztpraxis, die natürlich auch den GKV-Versicherten zur Verfügung steht, geschlossen.

    Zweitens zahle ich bei meiner PKV (und das ohne jegliche Risikozuschläge!) rechnerisch soviel als wenn ich bei einer gesetzlichen Kasse mit einem Beitragssatz von über 16 % wäre…

  5. aus dem sprachschatz des klassenkampfes:
    „- Privatpatienten werden bevorzugt behandelt und bekommen mehr Leistungen
    – die Schere zwischen beiden Versicherungsformen wird immer größer“

    ich gehöre zu denjenigen die beispiel für die argumentation von jens sind. als ich mich Ende der 90er selbständig gemacht habe, war die GKV für mich nicht mehr machbar. die wollten damals von mir 800 DM pro monat. für jemand der in die selbständigkeit einstieg, schlichtweg ein ding der unmöglichkeit.

    ich blieb 2-3 jahre unversichert bis ich einigermassen sichere einnahmen hatte. aber selbst da blieb die GKV unbezahlbar und machbar war nur die PKV. der vorteil der PKV sind die unterschiedlichen möglichkeiteneine höhere selbstbeteiligung zugunsten eines niedrigeren monatsbetrages zu veranschlagen.

    aber entsprechend ist der spruch PKVler „bekommen mehr leistung“ in dieser pauschalität blanker unsinn.

    an dem punkt an dem es die GKV nicht schafft zumindest ein grundminimum an flexibilität bzgl. des angebotes & leistung einzuführen, wird die GKV für immer mehr leute immer weniger in frage kommen. das hat nichts mit der aufgabe des solidaritätsprinzip zu tun, sondern ist eine reine notwendigkeit.

  6. Man wird ja wohl noch mal polemisch sein dürfen ;-)