Das Großstadt-Dilemma der Hamburger SPD

Hinterher weiss man meistens vieles besser, vorher hält man sich besser mit doofen Ratschlägen zurück, was nun auch Kurt Beck mal eingesehen hat. Die Bürgerschaftswahl in Hamburg ist gelaufen und so richtig zufrieden ist keine der angetretenen Parteien, was natürlich offen nicht zugegeben wird. Die SPD hat zwar zugelegt, ist aber meilenwert von den Werten entfernt, die sie Jahrzehnte lang scheinbar für sich gepachtet hatte, was Teil des Problems darstellt. Die CDU hat verloren und muss nun koalieren, die Grünen sind in Hamburg jetzt eine bürgerliche Partei und haben einen Großteil ihrer realitätsfernen Flitzpiepen an die sog. Linke verloren, die aber auch lange nicht so gut abgeschnitten hatte wie von vielen befürchtet und von ihr erwartet. Die FDP, ach lassen wir das. Die Wahlbeteiligung war unter aller Sau, was einige auf das neue Wahlsystem zurückführen, was ich nicht glaube. Die Vergabe von 12 Stimmen ist vielleicht erst einmal ungewohnt, aber letztendlich ist es schon ein enormer Fortschritt, wenn man seine Kandidaten selber auswählen kann. Ich führe die geringe Wahlbeteiligung vor allem auf eins zurück: die SPD hat keinen Wahlkampf gemacht und hatte nicht den geeigneten Kandidaten. Michael Naumann wäre sicherlich ein guter Bürgermeister, aber er ist nicht wirklich der brachial wirkende Rhetoriker, der die Massen mobilisiert. Ole von Beust und die CDU haben dankbar die Wahlkampf-Versuche der SPD ignoriert und voll auf die Popularität des Bürgermeisters gesetzt. Diese offene Flanke hat die SPD nicht genutzt.

Es kann nicht sein, dass die überwiegenden Wahlkampf-Veranstaltung eher nur für die eigenen Mitglieder gemacht werden, dass die Plätze nicht gefüllt werden und dass die entscheidenen Themen nicht mit aller Macht auf die Agenda gedrückt werden! Ich war bei der Abschlussveranstaltung am Freitag abend auf dem Gerhard-Hauptmann-Platz, der Platz war nicht annähernd gefüllt, die Bühne war mickrig und als Vorgruppe vergraulte irgendeine Kombo mit Blasinstrumenten die spärlichen Zuschauer. Kinnings, Hamburg ist eine Großstadt, da muss man mehr bieten als up’n Dörpn. Ich will jetzt nicht wieder davon anfangen, dass ein Online-Wahlkampf in der Medienstadt Hamburg wieder nicht stattgefunden hat, und auch um 22:45 die Website der Hamburger SPD noch keine Inhalte zum Wahlergebnis zu verzeichnen hat, aber ich denke mal, dass dieser Wahlkampf wie die letzten Jahrzehnte auch schon nach den selben Mustern abgelaufen ist. Diese Muster passen nicht mehr. Damit erreicht man die Leute nicht mehr. Es gibt zu viele Angebote für die Freizeitgestaltung, ein paar Reden im Regen sind da nicht die spannendste Variante für den Zeitvertreib. Wahlkampf nach dem Prinzip “Hauptsache, wir stehen morgen mit einem Artikel in Abendblatt, Bild und Mopo” geht wirklich an den potentiellen Wählern vorbei. Die Plakatkampagne war absolut bieder, peinlich für eine Stadt mit einer der größten Werbeagenturdichte, die noch dazu ständig Kreativpreise einheimsen. Wenn man sich anguckt, wie sich die Stadt mittlerweile nach aussen präsentiert, wie hier die Wirtschaft wächst und wie sich der Charakter der Hamburger Erwerbslandschaft in den letzten 15 Jahren verändert hat, dann muss man sich fragen, wen die sog. SPD-Strategen mit ihrem Wahlkampf erreichen wollten.

Kommen wir zu den Themen. Der Verkauf der LBK ist ein Mega-Thema in der Stadt, mit Wolfgang Rose ist auch noch ein erbitterter Gegner des Verkaufs im sog. Kompetenzteam von Naumann gewesen. Aber es sieht nicht so aus, als ob dieses Thema entsprechend gepusht wurde. Schulpolitik ist ein weiteres Thema, da schaffte es die SPD noch nicht einmal im Wahlkampf, wirklich eine Linie zu halten. Hafencity, Verkehrspolitik, Sicherheit, Moorburg, Volksentscheide, das sind alles offene Flanken, in die die SPD nur zu zaghaft reingegrätscht ist. Die SPD hat es nicht ansatzweise geschafft, den kaum agierenden Ole von Beust zu entzaubern, einen Bürgermeister, der auf das Chaos, das seine Senatorenriege so angerichtet hat, erst dann reagiert hat, wenn es in der Presse erschienen ist. Der bunte Reigen von Inkompetenz und kleinen Skandälchen wurde von den Wählern nicht mit Ole von Beust in Verbindung gebracht, das ist ein deutliches Versagen des SPD-Wahlkampfs.

Als Hamburger SPD würde ich mich über dieses Ergebnis auch freuen, insbesondere nach diesem Wahlkampf. Es ist kein Funke übergesprungen, es wurde keine Wechselstimmung erzeugt, keine wirkliche Alternative zu Ole von Beust aufgezeigt. Michael Naumann hat sicherlich in den Monaten immer mehr in seine Rolle gefunden, aber seine überwiegende Rentnergang als Kompetenzteam konnte nicht überzeugen.

Olaf Scholz hat am Freitag eine kurze kämpferische Rede gehalten, ich werte das mal als eine vorgezogene Antrittsrede für die nächste Bürgerschaftswahl.

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4 Antworten auf „Das Großstadt-Dilemma der Hamburger SPD“

  1. Letztlich hat die SPD selbst nie ernsthaft gedacht, die Wahl gewinnen zu können und so ist das Ergebnis dann nur logisch.

  2. Die Situation in Niedersachen war doch ähnlich. Auch Wolfgang Jüttner ist kein fähiger Redner. Auch in Niedersachsen konnte die SPD das Versagen Wulffs nicht deutlich genug aufzeigen. Auch in Niedersachsen ist bei vielen Veranstaltungen dieser Miniatur-Spielmannszug aufgetreten.

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