Verlagerung der Diskussionen

Nico —  21.03.2008

Vor ein paar Jahren, als wir Blogg.de gestartet hatten, war eine der Grundideen, wirklich alle Updates der deutschsprachigen Blogosphäre auf einer Seite zu aggregieren, damit man immer sehen konnte, wenn jemand etwas neues geschrieben hatte. Damals war die Blogosphäre in Deutschland in etwa so groß wie die derzeitige Zahl meiner Follower auf Twitter. Man kannte sich, man las sich, man diskutierte, man war unter sich, wenn auch öffentlich im Web. Schon damals haben wir dann über das Erfassen von Kommentaren über Blogs hinweg nachgedacht, das Thema aber erst einmal verworfen, vor allem weil es uns zu erklärungsbedürftig erschien. Sinnvoll, aber eben nicht mit 2-3 Clicks für den User mit eigenem Weblog abbildbar. Es ging auch irgendwie so, dass man immer halbwegs mitbekommen hat, was an interessanten Diskussionen passierte.

Mittlerweile sind ein paar Tage vergangen und Blogs sind nicht mehr die einzige Personal Publishing Tools im Web, sondern es gibt mittlerweile eine Fülle von Möglichkeiten, sich online auszudrücken, mit Freunden zu vernetzen, Inhalte zu veröffentlichen, auf neudeutsch: Content zu generieren. Aus einer Fülle von Diensten ergibt sich so etwas wie eine persönliche Online-Identität, also meine Texte, meine Bilder, meine Videos, meine Kommentare. Selten ist dies alles bei einem Anbieter zu finden, sondern schön verstreut im Web zu finden.

Da es mittlerweile eine bunte Vielfalt von Schnittstellen gibt, finden sich immer mehr Möglichkeiten, diese Inhalte irgendwie zusammenzufügen. Also meine Bilder in meinem Blog, die Videos auch, Links zu meinen Blog-Artikeln in Twitter, Twittertexte im Blog, das alles noch mal im Tumbleblog mitsamt anderer Snippets, dazu noch Facebook, Xing und so weiter und schon drehen sich viele Inhalte im Kreis und es wird fröhlich irgendwo kommentiert, nur eben nicht mehr unbedingt im Blog. Nun gibt es Tools wie Noserub, SocialThing, Friendfeed und andere, die dafür sorgen sollen, dass man immer mitbekommt, was die anderen so treiben, schliesslich kann man nicht den ganzen Tag auf allen Plattformen gucken, was die Freunde und Online-Bekanntschaften so treiben. Alles wird aggregiert und dann Lifestream genannt. Aber ist das wirklich die Lösung? Weniger ist oft mehr. Wer will, kann sich bei lumma.io oder bei Friendfeed eine Fülle von Dingen ansehen, die ich online so treibe, aber bringt dies wirklich einen Erkenntnisgewinn? APML verspricht hier einiges, aber es wird sicherlich schwierig werden, hierfür eine allgemeine Akzeptanz zu finden. Foren werden interessanterweise von den Aggregatoren bislang völlig ignoriert, obwohl dort massive Diskussionen stattfinden zu allen erdenklichen Themen. Read/Write-Web hat eine Fülle von Tools zusammengestellt, falls man wirklich alles irgendwie verfolgen will.

Will ich wirklich jede Diskussion verfolgen können, will ich wirklich sehen, was alle so online machen? Eigentlich will ich doch nur das mitbekommen, das mich wirklich interessiert, und nicht all die anderen Infobits, die im See der Belanglosigkeiten untergehen. Genau so wie im sog. real life auch. Mich interessiert nicht immer alles. Und vieles, was mich interessieren würde, bekomme ich nicht mit, weil ich gerade nicht vor Ort bin, oder das Buch nicht gelesen habe, oder die Radiosendung verpasst habe. Eigentlich bin ich bislang ganz gut damit gefahren, nicht immer alles mitbekommen zu müssen.

Nur weil wir es können, oder es anstreben, es zu können, wird uns das Aggregieren aller möglichen Daten nicht voran bringen. Weil es bei der Rezeption immer noch ein extremes Bottleneck gibt. Den Menschen. Sinnvoll ist dies natürlich aus Marketing-Gesichtspunkten, denn mit all dieses Daten kann man hervorragende Profile erzeugen, auch und vor allem über die Leser. Das ist erst einmal nichts schlimmes, ich bin ein großer Fan von Werbung, die mich interessiert. Das ist um Längen besser als Werbung, die mich nur nervt und kein Interesse weckt.

Wird es also das MegaUberTool geben, das alles aggregiert, filtert und uns vorlegt, damit wir es rezipiert? Das werden viele versuchen. Aber sie werden alle scheitern. Weil jede Plattform ihren eigenen Kontext hat, der beim Aggregieren und Filtern verloren geht. Beispielsweise wirkt mein Twitter-Status schon in Facebook eher seltsam, in Xing wäre er komplett sinnlos, in Twitter allerdings kann man halbwegs einen Zusammenhang erkennen. Noch wichtiger ist der Kontext bei einzelnen Blogs, denn dort hat sich jeweils ein ganz eigener Umgang zwischen Autoren und Kommentatoren herausgebildet.

Die Diskussionen verlagern sich. Blogs, Foren, Microblogs, Social Networks, sie alle haben ihren Kontext und ihre Eigenheiten. Nicht alle Diskussionen werden überall geführt, nicht jede Diskussion muss man verfolgen. Mehr noch: nicht alles ist wirklich relevant. Anders ausgedrückt: das meiste ist total irrelevant, auch im aggregierten Zustand.

2 responses to Verlagerung der Diskussionen

  1. Es gab Zeiten, da wurden Themen am Dorfstammtisch besprochen, dort wurden Entscheidungen getroffen und auch, zumindest regional, Politik betrieben. Mann kannte sich, man war berechenbar. Interessant in diesem Zusammenhang, waren vielleicht noch die Stammtische der Nachbardörfer.
    Web 2.0 halte ich für das elektronische Abbild der realen sozialen Gemeinschaften und genau wie diese, befindet es sich in einem fortwährenden Prozess der Selbstorganisation. Ich sehe es auch so, es wird Content generiert und für denjenigen der ihn generiert hat er Sinn und Bedeutung. Er drückt sich aus und irgendwo im Web findet er vielleicht seinen \“Stammtisch\“ aus Gleichgesinnten. Für den Rest der Welt kann dieser Stammtisch in der Tat völlig bedeutungslos sein. Web 2.0 ist eine Imitation, vielleicht sogar nur eine temoräre Illusion.

  2. Klasse Blog-Artikel!

    Um es salopp zu sagen, es sind einfach zu viele Informationen die wir täglich konsumieren und auswerten müssen, doch was ist davon wirklich \“relevant\“? Das meißte endet einfach in sinnloser Zeitverschwendung.

    RSS Aggregatoren können sehr sinnvoll sein… bei 10 Feeds… vorher fokussiert nach Relevanz ausgewählt. Wer meint, alles wissen und \“mitbekommen\“ zu müssen wird scheitern… ich habs probiert… ;o) Man kann einfach nicht hunderte von feeds lesen, twitter Nachrichten, Mails, Facebook-Zeugs, und und und…

    Der Informations-Burnout ist dann vorprogrammiert.

    Richtig ist, jedes \“Tool\“ für sich kann \“helfen\“, z.B. Twitter-\“Technologie\“ im Unternehmenseinsatz…

    Ich glaube nicht, das Web 2.0 eine \“temporäre Illusion\“ ist, es ist eine Portierung der menschlichen Kommunikation und des kollaborativen Arbeitens in ein digitales Medium, welches es uns ermöglicht, Zeit- und Ortsunabhängig zu arbeiten und zu kommunizieren. Wow, das ist klasse, wer es sinnvoll zu nutzen weis.

    Im übrigen sind für mich \“gute\“ Informationen Empfehlungen, ähnlich Produktempfehlungen von vertrauten Personen… ich sehe die Welt gerne \“mit den Augen meiner Freunde\“. Was haben sie erlebt, was haben sie entdeckt, was empfehlen sie mir…?

    Deshalb nutze, betreibe und mag ich z.B. sehr gerne die Vorteile von social bookmarking. Es ist nur wichtig es mit Freunden & Co. in Gemeinschaft zu nutzen = \“Personen des Vertrauens\“, dann bekomme ich Informationen, die meißt für mich \“relevant\“ sind, weil sie vorgefiltert wurden… und ich mit den Jahren Zugriff auf einen unglaublichen Informationsfundus von empfohlenen und gefilteren \“Informationen\“ habe, abrufbar, wenn sie für mich \“relevant\“ sein sollen…

    Schade, das Du diesen Aspekt nicht aufgegriffen hast. Was ist denn mit den ganzen guten und bereits für \“wertvoll\“ erachteten Informationen in der digitalen Welt. Es ist doch nicht nur das gut, was man \“sofort\“ getwittert bekommt…

    Dein Projekt shoppero z.B. ist nichts anderes, wenn ich Produktempfehlungen in Blogs meiner Freunde sehe…

    Genau das spart Zeit, Kraft und Lebensfreude bei der Entscheidungsfindung für einen Produktkauf, ist es eine gute oder schlechte Information, ist die Nachrichtenquelle OK, das Hotel gut, das Restaurant \“lecker\“, etc…

    Gefilterte Informationen die für mich \“relevant\“ sind, das ist der Kern (Vorredner: z.B. Gespräche = Empfehlungen am Stammtisch). Wenn ich nur Informationen konsumiere, nur weil sie toll \“aggregiert\“ wurden, auf Basis welcher Technologie auch immer, dann ist die Psychotherapie vorprogrammiert.

    In diesem Sinne, schöne \“Informations-Eier\“ ;o)

    Marcus