20. Juli 2008

Das Netz, die Politik, und wir alle

Wenn schon der große deutsche Alpha-Blogger Robert Basic in einer kleinen Mini-Serie gleich drei (1, 2, 3) mal über Politik bloggt, dann gilt es aufzuhorchen, dann hat man sich hinzusetzen und tut gut daran, seine Gedanken zu sortieren und ebenfalls ein wenig zum Thema zu bloggen. Naja, eigentlich wollte ich eh schon länger wieder mal was über das Thema schreiben, aber ich bin nicht früher dazu gekommen und jetzt hat Robert sich des Themas schon angenommen, was auch okay ist, dann kann ich ihn wenigstens dissenerwähnen.

Robert stellt einige interessante Fragen, aber als Aufhänger fungierte die Löschung eines Forums auf meinespd.net. Die Pressemeldung zur Schliessung des Forums ist quasi das, was alle Parteien immer befürchten: Irgendetwas passiert irgendwo online bei einer Partei und es entsteht eine Lose-Lose-Situation. Im Fall von meinespd.net war es ein Beck-kritisches Forum. Hätte die SPD dieses Forum nicht gelöscht, wäre die Schlagzeile gewesen: “selbst bei den Genossen im Internet hat Beck keinen Rückhalt mehr”, eventuell sogar noch mit dem Zusatz, dass die eigenen Mitarbeiter nicht eingreifen wollen, wenn derartiges passiere, um noch mehr in die gewollte Kerbe zu hauen. Denn das Schöne am Netz ist ja, aus Sicht eines Redakteurs: er kann Schlagzeilen fabrizieren, die auf den Vorurteilen seiner Leser beruhen. Es wird also schon stimmen. Auch wenn, wie in diesem Fall, alle nur aus der Presse von der Existenz des Forums erfahren haben. Dieser Fall und das Vorgehen der Partei sind keinesfalls SPD-spezifisch, das kann bei allen anderen Parteien auch eintreten. Denn mit dem Internet passiert etwas, bei dem die dezentral aufgebauten, aber von der Theorie her zentral geführten Parteien noch nicht verstanden haben, wie sie damit umgehen sollen. Auch früher gab es immer konträre Meinungen und immer wieder ein paar vermeintliche Wichtigtuer, die aus der Reihe tanzen wollten. Wenig davon hat es in die Tageszeitungen geschafft. Aber es gehört zu den Parteien und dem Partei-internen Diskurs dazu, dass Leute von der vorherrschenden Meinung abweichen. Das schärft das Profil und fördert die Diskussion, auch gegenüber dem politischen Gegener. Das Netz macht es möglich, dass all diese Meinungen nur einen Click entfernt sind und damit auch unliebsame Themen eine große Aufmerksamkeit bekommen können. Ich würde den Parteien hier mehr Laissez-faire empfehlen und mehr Gelassenheit an den Tag zu legen, aber ich weiss auch, dass die Parteien heutzutage noch anders organisiert sind und immer noch glauben, die Hauptnachrichten des Abends sind der ideale Moment, um vor die Kameras zu treten und dass generell alles, was aus der Partei nach aussen dringen soll, durch den Pressesprecher abgesegnet oder verkündet werden sollte.

Damit wären wir auch schon beim zweiten Punkt, nämlich der von Robert aufgeworfenen Frage, warum eigentlich nicht jeder Politiker bloggt. Ich nerve damit jeden Politiker, den ich kenne, schon seit 2003, mit eher durchwachsenem Erfolg. Sollen Blogs authentisch sein, was wir ja alle wollen, dann wäre es hilfreich, wenn der Politiker selber bloggt. Das passt eher schwer in den Zeitplan, schliesslich wollen wir ja auch, dass vor dem Bloggen ein klein wenig über den Text nachgedacht wird. Ein halbwegs motivierter Abgeordneter findet dafür in aller Regel keine Zeit, sondern geniesst das Internet quasi nur per Blackberry. Bleibt als Ausweg sicherlich die Verlagerung des Bloggens hin zum Mitarbeiter, zum Redenschreiber. Will man das? Im Zweifel kommen dann semi-persönliche Artikel dabei heraus, die Nähe suggerieren, wo keine vorhanden ist. Auf derartige Blogs kann ich verzichten. Wenn aber sich jemand die Zeit nimmt, ein Blog mit seinen persönlichen Ansichten zu füllen, dann finde ich das große Klasse. Aber ich kann durchaus verstehen, wenn das nicht in den Zeitplan passt, wie so vieles, was man gerne machen würde.

Was aber in den Zeitplan passen sollte, ist das Monitoren der relevanten Blogs, Foren und Social Networks, sowie das Kommentieren dort, eventuell ein Gast-Beitrag ab und zu. Twitter sollte sowieso jeder Politiker nutzen, da kann man sich gar nicht erst um Kopf und Kragen reden und die Wähler werden sich um kurze und klare Aussagen freuen. Ich denke, dass es falsch ist, generell zu sagen, dass Politiker die Blogs wichtiger oder gar ernster nehmen sollten. Ich halte es für sinnvoller, auf einen Mix zu setzen, der ganz unterschiedlich sein, je nachdem wie das Umfeld des Politikers aussieht. MySpace, StudiVZ, Blogs, Twitter, Gesichterparty, WkW, etc. – das alles kann Sinn machen, oder auch total dämlich und anmassend sein. Praktischerweise gibt es kein Patentrezept für Politik im Netz und man kann auch nicht die Resonanz der User, also der Wähler, vorraussehen.

Was man aber vorraussehen kann ist die Art und Weise, wie in Deutschland die herkömmlichen Medien darauf eingehen werden. Was in den USA bejubelt wird, gehört sich in Deutschland nicht, da es die Relevanz des eigenen Mediums, sei es Tageszeitung, Magazin, Radio oder TV, negiert. Und so lange die meisten Politiker in Deutschland nicht mit dem Netz leben, werden sie weiterhin gucken, dass sie die herkömmlichen Medien ordentlich bespassen. Dadurch wird es immer mehr zu dem Problem kommen, dass die Parteien die Wähler zwischen 18 und 40 nicht mehr erreichen, denn hier hat sich die Medien-Nutzung bereits ordentlich verändert und das Netz spielt eine viel größere Rolle als im Bevölkerungsdurchschnitt. Dessen sind sich einige in der Politik durchaus bewusst, aber gerade für die Älteren wird das Netz immer nur ein leidiges Add-On bleiben.

Der nächste Wahlkampf steht vor der Tür. Wir können gespannt sein, mit welchen Angeboten die Parteien uns auch online zu verzücken versuchen. Sie werden es nur ansatzweise schaffen. Dafür wird es wieder alles das geben, was es schon all die Jahre vorher auch gab. Flyer, Kugelschreiber, Feuerzeuge, Wahlprogramme, Luftballons, Fernsehspots und den lieblosen Infostand vorm Aldi als die Ultima Ratio im Dialog mit dem Wähler.

Ähnliche Artikel:

  1. Geld und Politik – Transparenz fehlt Die CDU beschäftigt sich lieber wieder mit sich selber und Laurenz Nimmersatt sowie der Wirbel...
  2. Politik in Deutschland, Weblogs, Internet und die re:publica Nicole Simon hat vor ein paar Tagen ein republica: Interview mit mir geführt, quasi als...
  3. Das Internet als Netz des Grauens Jetzt wird aber so richtig Handlungsbereitschaft suggeriert. Die Terror-Bedrohung wird zum Anlaß genommen, jetzt mal...

Post comment as twitter logo facebook logo
Sort: Newest | Oldest

Falsch. Wer in der Politik "einfach mal 'seine' Gedanken" irgendwo reinhaut, bekommt sie postwendend wieder vom politischen Gegner oder den Medien um die Ohren gehauen. Das ist schon ein Dilemma.

naja, das wu00c3u00a4re schon mal ein anfang, oder? die 1000 follower
wenigstens wu00c3u00bcrde es interessieren. :)

und wer wu00c3u00bcrde es mitkriegen ? seine 1000 follower ? ist ja toll.
Aufwachen Leute das Land hat 82.000.000 Einwohner.

Einer ku00c3u00b6nnte ja mal mit Twitter und Plazes versuchen, die verbreitete Ansicht zu widerlegen, dass Politiker fu00c3u00bcrs Nichtstun bezahlt werden.

Manchmal u00c3u00bcberlege ich ob ich mit dem Hirsch nicht hu00c3u00a4tte weiterbloggen sollen ;-) damals als die Blogs noch selten waren lol ... aber das Internet als Politiker geschickt zu nutzen ist einfach schwierig man unterschu00c3u00a4tzt immer leicht den Zeitaufwand der schon durch die normale Arbeit anfu00c3u00a4llt und es ist ja nicht so als wenn neue Tools die alten im fallder Politik ersetzen ku00c3u00b6nnten.

naja, im idealfall bloggt jeder u00c3u00bcber das, was ihn umtreibt, von mir
aus auch ein kreiss-ausschuss. da kommen dann die leser hin, die das
interessiert.

Ich weiu00c3u009f halt nicht. Auf der einen Seite ist da das mit dem fachlichen: willst du das jeder - sagen wir - Kreistagsabgeordnete bloggt? u00c3u009cber den Ausschuss fu00c3u00bcr Bildung und Sport in Kleinkleckersdorf? Oder seine Erlebnisse in der gestrigen Fraktionssitzung? Das wird teilweise - mit Blick auf die Gemeindeordnungen - nicht so einfach gehen - und wenn der erste nichtsahnende Blogger wegen Geheimnisverrats in die Minna wandert ... kein schu00c3u00b6nes Bild. Auu00c3u009ferdem wollen "die Wu00c3u00a4hlenden" das sowieso nicht wissen. Ansonsten wu00c3u00bcrde es ja geschrieben werden (Angebot / Nachfrage / Angebot)

Auf der anderen Seite wu00c3u00a4re es natu00c3u00bcrlich wu00c3u00bcnschenswert, wenn politisch aktive Menschen u00c3u00bcber das schreiben, was sie so bewegt, wenn Sie schon politisch aktiv sind und schreiben, dann ist der Weg kurz zum Blog. Passiert ja auch bereits. Allerdings schreiben sie dann eben nicht u00c3u00bcber den Ausschuu00c3u009f fu00c3u00bcr Bildung und Sport, auch nicht oder nur selten u00c3u00bcber Parteitag und Diskussionstreffen - sondern halt ihren privaten, kleinteiligen Schyz, den Wu00c3u00a4hler halt auch nicht wissen wollen.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen: Das Netz und die Politik - das sind wir alle. Sprich: jede/r ist irgendwie ein _politischer_ Blogger.

Politiker auf Twitter? Es gab Zeiten, da beschwerte man sich u00c3u00bcber die beru00c3u00bchmten 1:30, die fu00c3u00bcr eine vernu00c3u00bcnftige Erlu00c3u00a4uterung des eigenen Standpunkts nicht ausreichten.

Ne, dann doch lieber einmal die Woche einen vernu00c3u00bcnftig durchdachten Text.

Was mir an meinen Bloglesegewohnheiten dann noch auffu00c3u00a4llt: Ich bin zwar politisch sehr interessiert, aber Politikerblogs lese ich nicht. Warum? Ehrlich gesagt keien Ahnung, aber die tu00c3u00a4gliche FAZ, Deutschlandfunk, Freitag, Cicero und Konkret ziehe ich zur Information u00c3u00bcber Politik immer noch vor.

Wenn Blogs, dann eher journalistische, z.B. von Alan Posener (http://debatte.welt.de/weblogs/148/apocalypso).

5 Euro ind Phrasenschwein:
fu00c3u00bcr "Das schu00c3u00a4rft das Profil" und "nur einen Click entfernt"

ach, es gibt viele Sachen, die wichtig sind, aber der Tag hat nur 24
Stunden. fu00c3u00bcr einige Leute sind 30 Minuten bloggen die totale
Entspannung, fu00c3u00bcr andere ist Schreiben nicht so die spassigste Sache,
daher ist es zwar einfach, so etwas zu fordern, aber eben doch schwer
umzusetzen.

Valentin, ich kenne natu00c3u00bcrlich die Hamburger Blogs und finde ganz
besonders beachtenswert, dass mit Michael Neumann immerhin der
Fraktionsvorsitzende der Bu00c3u00bcrgerschaft bloggt, aber die Intention
meines Artikels war nicht die Linksammlung anzuschieben, sondern
einige Aspekte zum Thema Politik, Blogs und der User an sich zu
eru00c3u00b6rtern.

ich habe endgegen meiner u00c3u00bcblichen Gepflogenheiten mal mehr als nur 10
Zeilen geschrieben und noch dazu viele unterschiedliche wu00c3u00b6rter
benutzt, da kann man mir vielleicht das eine "r" zu viel nachsehen,
oder? noch dazu sind die buchstaben so klein und ich werde auch nicht
ju00c3u00bcnger...

Nico, auch dir sollten zumindest drei bloggende Politiker in Hamburg bekannt sein:

http://www.neumann-hamburg.de/wordpress

http://www.carola-veit.com

http://www.veddel.net/wordpress

Sind aus dem bloggerisch hohen Anspruch heraus gesehen sicher nicht das Optimum, aber doch ein Anfang.

Kann dir in allen Punkten zustimmen.
Sehr guter Beitrag, der Roberts Ansichten ergu00c3u00a4nzt.

(Ich konnte bisher nur meinen Genosen Kreisvorsitzenden von Blogs u00c3u00bcberzeugen. Aber es hat sich schnell rausgestellt, dass es nicht die schlechteste Idee war. Wenn auch die regionalen Blogs (Landkreis) eher wenig Besucher haben.)

gruu00c3u009f
Robin

Das Problem ist doch, dass die aktuell wichtigen Politiker nicht online sind, oder sich zumindest nicht sicher im sozialen Web bewegen. Dadurch wirken etwaige Anstrengungen auch nicht authentisch und verpuffen. Also lu00c3u00a4sst man es beim nu00c3u00a4chsten mal (z.B. Kanzlerinnenpodcast, gibt es den noch?).
Die (ju00c3u00bcngeren) Politiker wiederum, die glaubwu00c3u00bcrdig wu00c3u00a4ren, ziehen mit ihren Bemu00c3u00bchungen nicht genug Aufmerksamkeit vom "Mainstream-User" und erreichen somit nur eine schmale Sparte an Technik affinen Usern. Der Aufwand lohnt also nicht. Denn wie viele der 40 Mio(?) Surfer nutzen denn wirklich intensiv und hauptsu00c3u00a4chlich Blogs, Twitter und nicht nur SPON, Bild.de und Co...

Wer war noch gleich immer der Letzte?

Das nu00c3u00a4chste Mal, wenn du "voraus" mit zwei "r" schreibt, lasse ich dich zur Strafe fu00c3u00bcr zwei OV-Sitzungen deines ru00c3u00a4umlich fu00c3u00bcr dich zustu00c3u00a4ndigen CDU-Ortsvereins anku00c3u00bcndigen. ;-)

Ist ja wohl eine Frage der Organisation und der Wichtigkeit. Und wenn der Wu00c3u00a4hler nicht mehr wichtig ist.... Kein Verstu00c3u00a4ndnis! Wirklich! cdv!

Du hast ein ziemlich eigenstu00c3u00a4ndiges Bild von Politikern, cdv. Die meisten hu00c3u00a4tten allerdings gerne die 30 Minuten am Tag mehr (die hu00c3u00a4tte ich auch gerne mehr, ohne Politiker zu sein).

Nico, nett beschrieben, aber nicht wirklich an der Oberflu00c3u00a4che gekratzt, oder. Wenn sich jeder Politiker nur eine halbe Stunde am Tag nehmen wu00c3u00bcrde, um einfach "seine" Gedanken mal auf die Tasten zu hauen, wu00c3u00bcrde es ein wesentlich besseres Bild dieses Menschen geben. Diese Menschen, die - geschu00c3u00a4tzt - zu etwa 90 Prozent nur an ihrem eigenen Wohlergehen und - dies sind allerdings etwas weniger - an ihrer Macht interessiert sind. Wobei Macht mehr und mehr relativ ist: Ist dann vorbei, wenn sie nicht mehr beim Wu00c3u00a4hlervolk ankommen. Okay, eins gebe ich gern zu: Wenn wenigstens ich meinen Abgeordneten mindestens jede Woche eine Mail schicken wu00c3u00bcrde, ku00c3u00b6nnte es passieren, dass sie hu00c3u00a4ufiger ins Internetz gucken.