Özdemir will lahme Ente werden

Nico —  13.10.2008

Oh ja, das war ja so klar. Trotz Demütigung: Özdemir kandidiert für Grünen-Vorsitz – und wieder einmal ist jemand so beseelt von dem Gedanken an die Macht, dass er die Zeichen nicht erkennt. Vom eigenen Landesverband abgestraft, was dann als naives „wir wollen eben gerne eine Trennung von Amt und Mandat“ dargestellt wird, will Özdemir jetzt trotz allem Bundesvorsitzender werden.

„Jetzt erst recht!“ ist immer eine ganz tolle Motivation für Politiker, in aller Regel genau dann, wenn sie versäumt haben zu erkennen, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Özdemir wird als Bundesvorsitzender nur die zweite Geige spielen, wenn überhaupt, denn es gibt viel zu viele Leute, die aufgrund ihrer Tätigkeit als Mandatsträger Macht und Einfluß um sich gruppieren können.

Die Grünen in Baden-Würtemberg haben den designierten Vorsitzenden abgeschossen und jetzt versuchen sich alle in Schadensbegrenzung. Passender wäre es gewesen, vorher mal das geeignte Setup zu erörtern. Peinlich auch für Özdemir, dass er noch nicht einmal so weit seine Strippen ziehen kann, dass er seinen eigenen Landesverband hinter sich weiss. So jemand will Bundesvorsitzender werden?

Özdemir wird als lahme Ente starten und sich nach ein paar Anstandsjahren dahin verabschieden, wo auch andere Grüne schon länger sind, irgendwo jenseits der Politik, herausgemobbt von der eigenen Partei. Der Aufbau nachwachsender Generationen wird durch so ein Verhalten natürlich nicht forciert, was die Partei auch nicht wirklich attraktiver macht.

8 responses to Özdemir will lahme Ente werden

  1. Dass die Grünen nicht gerade zimperlich mit ihrem Führungspersonal sind (wenn man mal von den aktuellen Geschehnissen in Hamburg absieht), dürfte hinlänglich bekannt sein. Vielleicht ist Özdemir einfach nur froh, dass endlich Gras über seine Bonusmeilen gewachsen ist und er will ins kuschelige Deutschland zurück.

    Ratzmann kann im Prinzip nur froh sein, dass er so ein gutes Timing bei der Familienplanung hatte. Wer bei den Grünen Verantwortung übernimmt muss schon masochistisch veranlagt sein. Bei andernen Parteien dürfte dies aber wohl nicht anders sein.

  2. Okay, zugegeben, wir machen das in unserer SPD professioneller. Wir wählen zuerst einen Parteivorsitzenden jauchzend ins Amt und sägen dann erst ab genau diesem Zeitpunkt an seinem Stuhl.

    Sorry, ich sehe überhaupt keinen Grund für besondere Überheblichkeit gegenüber den Grünen. Unsere Partei ist in dieser Beziehung seit Jahren leider keinen Deut besser.

  3. ich habe hier überhaupt nicht behauptet, dass die SPD irgendwas besser
    macht, ich habe nur festgestellt, dass Özdemir schon vorm Amtsantritt
    demontiert wurde und daher keine glückliche Rolle spielen wird.

  4. Sehe ich nicht so. Bei den Grünen ist eine Niederlage erst einmal eine Niederlage, nicht automatisch eine Demütigung. Bei uns sind Kampfkandidaturen eben völlig normal, und dann kann's eineR werden und die anderen eben nicht.

    Ich verstehe das eher so, dass viele einen Vollzeit-Parteivorsitzenden wollte.

  5. ich finde Kampfkandidaturen völlig normal, aber ich glaube, dass das
    Setup für die Grünen problematisch wird, wenn Özdemir angeschlagen in
    den Ring steigt.

  6. Das ist ein Niederlage, ok. Aber doch kein Weltuntergang.

    Es ist eines der größten Probleme deutscher Politik, dass eine Karriere immer nur bergauf gehen darf. Nach einer Niederlage ist fast immer sofort komplett Schluss. Entwicklung ist nicht vorgesehen.

    Leider ist unsere SPD dabei am schlimmsten. Bei jeder Wahl wird der Kandidat wieder ausgewechselt. Fast nie bekommt jemand ein zweite Chance. Personalaufbau? Ne, hire and fire.

    Die CDU macht es schon besser, Herr Wulff in Niedersachsen konnte mehrmals versuchen, Ministerpräsident zu werden. Und für die CDU hat sich das Festhalten an ihm gelohnt. Er ist jetzt einer der Hoffnungsträger der CDU.

    Das gleiche könnte die SPD in Hamburg zum Beispiel mit Herrn Neumann machen. Lassen wir ihn drei, vier Mal kandidieren. Lassen wir jemanden zu einem gestandenen Politker wachsen.

  7. es geht nicht darum, dass er eine Niederlage bekommen hat, sondern das
    er künftig kastriert als Bundesvorsitzender der Partei agieren wird
    und er vom Start weg geschwächt ist.

  8. Bei den Grünen sind Machtverhältnisse, Amtsboni auf Listenplätze, Wahlprozeduren, Geschlechterquoten etc. radikal anders gelöst, als in anderen Parteien und man erarbeitet sich Ämter mitunter hart und steinig und selten mit 100%-Zustimmungsgarantien. Wird ja auch niemand dazu gezwungen und es ist grundsätzlich eine gute Sache, wenn eine Partei ständig hart an sich arbeitet.

    Diese Art der „Erdung“, auch für populäre Politiker, hat den Grünen bisher nicht sonderlich geschadet, abgesehen von höchst turbulenten Parteitagen und diversen Magengeschwüren hier und da. Kann man drüber lächeln und spotten, es scheint jedoch zu funktionieren und es gibt sie immer noch.