Faszinosum dort – Langeweile hier?

Nico —  4.11.2008

Es ist schon erstaunlich, da findet in den USA eine Präsidentschaftswahl statt und alle, aber auch wirklich alle, gucken wie gebannt in die USA. Sicher, die Wahl dort ist wichtig und aus der Sicht vieler Europäer hat der Amerikaner an sich nach den letzten 8 Jahren bei dieser Wahl einiges gut zu machen, aber dennoch finde ich es faszinierend, wie sehr diese Wahlen Thema hier in Deutschland sind.

Ich kann mir zum jetzigen Zeitpunkt sehr schwer vorstellen, dass die Bundestagswahlen in Deutschland im September 2009 eine ähnliche Begeisterung, gar Euphorie bei so vielen Teilen der Bevölkerung auslösen wird. Schlimmer noch, wir haben erst die Europwahlen nächstes Jahr, die werden niemanden interessieren, auch online nicht. Dann wird ein Bundestagswahlkampf stattfinden, unter dem gebetsmühlenartig wiederholten Hinweis, dass Deutschland nunmal anders sei, weniger Geld vorhanden sei und überhaupt und wir bekommen wieder die drögen „Parteien zur Wahl“-Spots vorgesetzt, regen uns über zwei, drei Aktionen irgendwelcher Populisten auf und dann wird gewählt.

Leider war ich nicht zum Wahlkampf in den USA, aber ich habe über meine quasi Familie in Iowa seit ca. 2 Jahren immer wieder Updates über die Kampagnen, bzw. deren Vorbereitung bekommen. Die Art und Weise, wie ad hoc zu einem Wahlkampf Teams zusammengestellt werden, die dann ähnlich wie bei einem Startup eine schlagkräftige Truppe bilden, die nur fokussiert ist auf ein Thema, das finde ich schon beeindruckend. Dagegen wirken die bundesdeutschen Wahlkämpfe beamtig verschnarcht und werden ohne wirklichen Mut geführt, mal neue Dinge wirklich auszuprobieren. Und ja, das Thema Internet ist immer noch unter „neu“ aufgehangen.

Meine These ist, dass 2009 in Deutschland das Netz nur als Abspielstation verwendet wird, wobei Engagement und Diskussion sicherheitshalber vermieden werden, begründet mit dem nötigen finanziellen Einsatz, obwohl die Angst vor dem Kontrollverlust und das Unverständnis über die Wirkungsweise von Social Media eine viel größere Rolle spielen. Insofern wird es keine spannenden Tools a la election.twitter.com geben, keine mitreissenden Youtube-Clips, keine wirklichen Aktivitäten bei MySpace, JoinR, Facebook, StudiVZ und Co, sondern geringe Wahlbeteiligung as usual nach einem uninspirierenden Wahlkampf und danach die Elephantenrunde mit den immergleichen Statements, dass jetzt erst einmal Inhalte zählen würden und weniger Personen.

Was wäre ich froh, würde meine These widerlegt werden.

12 responses to Faszinosum dort – Langeweile hier?

  1. Hier in der Schweiz war die letzte Bundesratswahl ja ein rechter Krimi, als der Christoph Blocher dank Geheimplan in letzter Minute abgesetzt und eine andere SVP-Kandidatin (die nicht von der Partei nominiert worden war) statt dessen gewählt wurde. War auch deshalb besonders spannend, weil die Wahlgänge da nur in den zwei Ratskammern (National- und Ständerat, respektive eigentlich von diesen gemeinsam) stattfanden und deshalb die Resultate relativ schnell ausgezählt waren, mit mehreren Wahlgängen und allem.

    Europarat interessiert mich als Schweizer halt weniger, und die Deutschen Wahlen ebenfalls, aber ich denke dass auch hiesige Wahlen durchaus beobachtenswert sind.

  2. Oh, und daneben finde ich es eigentlich auch ganz gut, dass die Werbetrommel weniger gerührt wird und das Geld nicht verschwendet wird, um einen Medienzirkus zu veranstalten – das lässt mehr Platz für Sachdiskussionen.

    Dass die Amis eine verzerrte Weltsicht dank nur zwei Parteien haben und die Demokraten als Sozialisten beschimpfen, obwohl sie weit rechts von einer wirklichen Sozialistenpartei politisieren, sei nur am Rande erwähnt.

  3. Du vergisst aber das Wichtigste: Eine Wahl muss polarisieren, „Wahl“ im eigentlichen Sinne sein. Ansonsten bleiben auch neue schoene Web-Werkzeuge nur ungenutzte Hilfsmittel ohne Sinn.

    Der Kontrast zwischen dem smarten Obama als Protagonist der gesellschaftlichen Moderne und dem Vietnam-Veteran McCain mit seiner merkwuerdigen Vize-Kandidation vor dem Hintergrund der katastrophalen Regentschaft des Dubya sorgte fuer eine Zuspitzung („Change“!), die dann *auch* mit dem Web ausgefochten wurde.

    Aber eine Bundestagswahl zwischen zwei Parteien, die auf weiten Politikfeldern bis zur Ununterscheidbarkeit aehnlich sind, mit Spitzenkandidaten, die gemeinsam regieren und nicht gerade die Charismatiker sind, die die Saeale bruellen lassen – das wird selbst den traditionellen Aufmarsch- und Plakatwahlkampf der Parteien sehr zaeh werden lassen. Warum sollte so etwas zu einem grossen politischen Aufbruch nach Obama-Art im Web fuehren?

    Gaebe es eine Wahl unter dem Motto „Wechsel“, waere auch das Web mobilisiert, davon bin ich ueberzeugt. Eine Wahl zwischen zwei nur in Nuancen unterscheidbaren Kandidaten, die sich im selben ja angeblich alternativlosen oekonomischen und sozialen Mainstream bewegen – das wird (zu Recht) niemanden sonderlich mobilisieren, ergo auch nicht das Web.

  4. Gegenfrage: Liegt es nicht an den Menschen selbst Wahlkampf mitzugestalten, und sich zu engagieren? Wenn der Großteil der Deutschen sich nur zurücklehnt und sich aus der Glotze berieseln lässt, brauchen wir uns nicht wundern, wenn der Wahlkampf langweilig wird. Zumindest will ich meinen Beitrag dazu leisten, den Wahlkampf einigermaßen spannend zu machen. Nenn mich naiv, aber wenn man selber nichts tut, darf man sich auch nicht wundern wenn nichts zurück kommt.

  5. Klar, aber ursprünglich ging es ja um die Mobilisierung durch die Parteien, Kampagnen in mehr oder weniger direkter Kommunikation mit dem Wahlvolk und durch das Wahlvolk, und das kann man ja schlecht alleine bzw. ohne die Parteien selbst machen. Und in der Konstellation Merkel/Union vs. Steinmeier/SPD können die Parteien noch so innovativ in die Kommunikationsröhren schreien, das mobilisiert einfach keinen.
    Höchstens die „kleinen“ Grünen und FDP werden mehr im Netz machen und auf Echo stossen, aber kleine Parteien – kleine Echos. ;)

  6. Hat die SPD eigentlich jemanden, der das Zeug hätte, eine richtig gute Web-Kampagne zu managen?

  7. naja, aber wenn ich mir die warteschlangen angegucke und den prognosen
    einer erhöhten wahlbeteiligung, dann hat all der trubel auch etwas
    gutes, nämlich einer verstärkte mobilisierung.

  8. polarisieren werden die parteien in deutschland auch, und zwischen
    rot-grün und union/fdp sind die unterschiede sicherlich noch
    ausgeprägter als zwischen demokraten und republikanern, insbesondere
    im bereich wirtschafts- und sozialpolitik.

  9. sicherlich, der einzelne ist aufgerufen, sich zu beteiligen – da gebe
    ich dir voll und ganz recht.

  10. mit kajo wasserhövel hat sie auf alle fälle jemanden, der das netz
    nicht nur vom hörensagen kennt. aber budgets werden sie eher nicht
    haben.

  11. Meiner Erfahrung nach verändert sich gerade die Einstellung vieler Regionalpolitiker zum Internet. Die Widerstände wie auch von dir beschrieben entstanden aus Angst vor Kontrollverlust und durch das Unverständnis über die Wirkungsweise. Zumindest hier in Südhessen weichen die aber auf.

    Als ich vor drei Jahren einen Podcastbeitrag mit einem Landrat ins Blog stellte, war ich mehr damit beschäftigt, die Warum-jetzt-Internet Fragen mit dessen Pressesprecherin und seinem Vorzimmer zu klären. Mittlerweile bekomme ich problemlos Interviewtermine bei fast allen Abgeordneten und Amtsinhabern hier im Landkreis Darmstadt-Dieburg.

    2009 werte ich als die bisher beste Chance für Politblogger, ihre regionalen Kandidaten für Ämter und Mandate vor die Kamera zu bekommen.

    Langweilig wird das dann erst, wenn Blogger durchs eigene politische Lagerdenken (Meine Kandidat, meine Partei, endlich die Regierungsmacht übernehmen) geprägt ihre Interviews einfallslos und mit eingebautem Zensor produzieren.
    Dann sollte man besser im SPD-eigenen meine-spd „SocialNet“ bleiben, dort findet sich das passende Publikum.

    2009 wird denke ich deutlich machen, daß die Kandidaten selbst über ihren Wahlausgang durch die Möglichkeiten des Internets mehr mitentscheiden können als bisher. Vor allem bei regionalen Ämtern wie dem des Landrats.

    Gerade unbekannte Newcomer können im regionalen Kontext sehr schnell eigene Positionen und Vorhaben im Internet kompetent und wählerwirksam bis tief in die Sachthemen hineintauchend darstellen. Was in den traditionellen Medien an Argumenten und programmatischen Details eher selten den notwendigen Platz auf der Zeitungsseite findet, kann im Internet gut dargestellt werden.

    Es liegt auch an uns, das von den Kandidaten mal einzufordern.

  12. Hey Nico,

    die SPD hatte ja mit ihrer „meineSPD“-Community schon einmal den Schritt ins Netz gemacht, allerdings durch ihre Nutzerzensierung schnell gezeigt, dass sie damit nicht umgehen können. Ich schließe mich aber sowohl Ralf als auch Julian an:
    Zum einen wird es hier soetwas nicht geben, weil wir keine Kandidatenwahl wie in den USA haben und die Parteien in D einfach (vielleicht leider) nicht so stark polarisieren, aber nur so ein „engagierter“ Einsatz der einzelnen Bürger in einem Ausmaß wie bei Obama möglich ist. Ein Grund hierfür sind sicherlich die parteiinternen Zerfleischungen die immer häufiger werden – wer willd da noch wirkliches Vertrauen aufbauen und sich einsetzen?
    Allerdings war ich auch etwas verdutzt, als ich zig Einladungen zu nächtlichen Wahlpartys bekommen habe und etwas verwundert und enttäuscht auf die letzten Wahlen zurückgeblickt habe, die ich mir quasi privat vor dem Fernseher ansah.
    Einen historisch nicht ganz unbedeutenden „Change“ gab es ja bei uns in Bayern erst kürzlich – trotzdem spürte man weder vor noch nach der Wahl Euphorie oder große Enttäuschung, lediglich bei den Betroffenen selbst erkennt man den Unmut, etwas „falsch“ gemacht zu haben.