A Voyage Long and Strange

Nico —  14.12.2008

In jungen Jahren habe ich mal studiert und hatte einen ziemlichen Fokus auf nordamerikanischer Kolonialgeschichte, insbesondere weil ich es ziemlich spannend finde, wie eine Gesellschaft mit ihren Regeln, Konventionen und Traditionen entstanden ist. Allerdings fingen die meisten Werke zum Thema bei Jamestown oder Plymouth Rock an und nur in Nebensätzen erfuhr man von Spaniern und Franzosen, die schon viel früher versucht hatten, das Land zu erkunden und zu besiedeln. Von den Wikingern mal ganz zu schweigen, die spielten in der Geschichtsschreibung keine Rolle, jedenfalls nicht in der, die ich in den Händen hatte. Letzens bin ich dann über eine kurze Rezension zu A Voyage Long and Strange gestolpert, irgendwo im Feuilleton der Zeit oder der FAS, was ich normalerweise nur unter Androhung von Waffengewalt lesen würde, aber das ist eine andere Geschichte.

Tony Horwitz versucht in dem Buch, die Geschichte Nordamerikas bereits mit den Wikingern beginnen zu lassen, geht ausführlich auf spanische Conquistadores wie Ponce de Leon oder Hernand de Soto ein, um sich schliesslich den Siedlungsbemühungen in Jamestown und Plymouth zu widmen. Erstaunlich, wie weit die Spanier in das Landesinnere vorgedrungen sind, insbesondere, wenn man sich vorstellt, was das für Leiden bedeutet haben muß, bei den Spaniern und bei den Indianern. Schön fand ich die Anekdote, daß der Indianerhäuptling Powhatan als seine Tochter Pocahontas mit ihrem Mann John Rolfe und deren Sohn Thomas im Jahr 1616 nach England den Vertrauten Tomocomo mitschickte, um etwas mehr über die Engländer herauszufinden. Tomocomo sollte „notches on a stick“ machen für jeden Engländer, den er sah. Diese Art des Zensus erwies sich als eher unpraktisch, aber zeigt eben auch, wie seltsam dieses Aufeinandertreffen der Kulturen gewesen sein muß.

Interessant an der Erzählung, die in die Teile Discovery, Conquest und Settlement aufgeteilt ist, sind Horwitz Reisen zu den wichtigsten Orten der Geschichte und der Schilderung von Land und Leute in der heutigen Zeit. Die Trostlosigkeit der meisten Landstriche, die einst zur Siedlung ausgewählt wurden, war eigentlich am beeindruckendsten. Nach der Lektüre des Buches werde ich das Gefühl nicht los, dass eine Lücke in meinem Wissen über die Geschichte Nordamerikas geschlossen wurde, das alles in gut geschriebener Prosa und nicht wissenschaftlichem Fußnotensalat.