28. Mai 2009

The little Internetwahlkampf that could

Eigentlich sollte in diesem Jahr der grösste anzunehmende Internetwahlkampf aller Zeiten starten. Die Parteien tummeln sich in Social Networks, es gibt Profile für und von Politikern überall, man weckt überall den Anschein, einen Dialog suchen zu wollen, aber so richtig will der Funken nicht überspringen.

Das Warum? ist schnell geklärt. Abgesehen von den Fachabteilungen in den Parteizentralen und einigen Unentwegten spielt das Thema Internet für die Parteien keine Rolle. Und zwar völlig bewusst.

Würde man sich des Themas Internet annehmen, müsste man sich mit so vielen Zukunftsfragen auseinandersetzen, die oftmals am Selbstverständnis der jeweiligen Partei nagen, die den Status Quo in Frage stellen und generell viele neue Fragen provizieren, auf die insbesondere die derzeitigen Amt- und Würdenträger nicht den Schimmer einer Antwort parat hätten.

Also reden wir lieber von “das Internet darf kein rechtsfreier Raum bleiben”, von “Internetsperren zur Bekämpung von Kinderpornographie”, von “Internetsperren zur Wahrung von Urheberrechten” und von “im Internet ist alles umsonst, daher kann man damit kein Geld verdienen” – das Internet wird immer noch als etwas dargestellt, was bestenfalls am Rande der Gesellschaft vorkommen kann, nicht aber in ihrer Mitte. Indem sich die Politik abgrenzt, nimmt sie sich auf ihre Art und Weise des Themas an. Leider nur eben nicht im Ansatz so, wie es im Jahr 2009 geschehen sollte.

Das Internet bringt massive Veränderungen für unsere Gesellschaft, aber Veränderung ist eben für viele ziemlich evil, da will man gerade im Wahlkampf als Partei nicht mit zu viel Elan vorauslaufen. Also werden wir auch dieses Jahr Meldungen wie diese lesen: CDUler kommentiert als betroffener SPDler – kann aber nicht so richtig gut anonym surfen – wobei sich die Netizens noch nicht entschieden haben, ob sie amüsiert zugucken, oder sich entrüstet abwenden sollten. Ein Internetwahlkampf allerdings kann nur funktionieren, wenn es ein vernünftiges Politikangebot gibt, das auf die Belange der Protagonisten im Netz eingeht. Dies sehe ich derzeit null, auch bei meiner Partei, der SPD, nicht. Das Internet ist nur ein weiterer Kanal, der von der Politik bespasst werden soll, aber die fundamentalen Veränderungen für die Gesellschaft werden ignoriert bzw. negiert und daraus kann kein Politikangebot entstehen, daß uns zum mitmachen einlädt.

2009 wird der Wahlkampf im Internet gut inszeniert werden, ohne jedoch die Potentiale des Netzes auch nur im Ansatz zu nutzen. Die Parteien sind noch tief im Industriezeitalter verwurzelt, diese Illusion wirkt noch als Kit für große Teile der Gesellschaft, da passt der Wandel, den das Internet mit sich bringt, überhaupt nicht in das Konzept. Dabei sollte man 2009 über so viel debattieren, mit dem Internet im Fokus, den die Veränderungen werden für alle spürbar werden, nur dann eben nicht von der Politik begleitet oder gar moderiert.

Ähnliche Artikel:

  1. Internetwahlkampf 2006 In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung zeigt Mario Voigt von der Konrad-Adenauer-Stiftung einen Trend...
  2. Ein Relaunch macht noch keine Internetpartei Die SPD ist Stolz auf den den Relaunch von SPD.de und der Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel...
  3. Ein paar Ahnungen für 2009 Irgendwie hat es sich eingebürgert, daß zum Ende eines Jahres viele Leute einen Ausblick auf...

Post comment as twitter logo facebook logo
Sort: Newest | Oldest

Wenn man, wie das in diesem Land u00c3u00bcblich ist, auf jede gute Idee erstmal mit "geht nicht" reagiert - und nicht mit "machen wir", stimmt die Grundhaltung nicht.

Wenn man, wie bei unseren Parteien u00c3u00bcblich, mehr Angst hat vor dem "Risiko" Dialog-mit-dem-Bu00c3u00bcrger als Hoffnung auf dessen Potenzial - zumindest, was die u00c3u00b6ffentliche Kommunikation betrifft, stimmt die Grundhaltung auch nicht.

Lieber Nico,

Das letzte Jahr habe ich in den USA verbracht, und das pru00c3u00a4gt dann natu00c3u00bcrlich auch die Perspektive. Ich habe das Gefu00c3u00bchl, dass der folgende Satz am nu00c3u00a4chsten an einer Antwort ist: "Wu00c3u00bcrde man sich des Themas Internet annehmen, mu00c3u00bcsste man sich mit so vielen Zukunftsfragen auseinandersetzen, die oftmals am Selbstverstu00c3u00a4ndnis der jeweiligen Partei nagen, die den Status Quo in Frage stellen und generell viele neue Fragen provizieren, auf die insbesondere die derzeitigen Amt- und Wu00c3u00bcrdentru00c3u00a4ger nicht den Schimmer einer Antwort parat hu00c3u00a4tten."
Vorvergangene Woche hat Marshall Ganz nochmal darauf hingewiesen, dass das Internet nicht die reale Organisation ersetzen kann, sondern lediglich ein Tool ist, dass klassisches Organizing deutlich erleichtern kann. Ich habe das Gefu00c3u00bchl, dass in Deutschland -- gerade im Vergleich zu den USA -- den Parteien das Vertrauen in die politische Aktivitu00c3u00a4t der Bu00c3u00bcrgerinnen und Bu00c3u00bcrger verloren geht. Die Einstellung, dass jede und jeder, die oder der im Wahlkampf helfen will, auch eine sinnvolle Aufgabe bekommt, ist leider nicht allzu verbreitet. Das ist auch keinesfalls trivial. Es erfordert die richtige Einstellung (insbesondere Vertrauen) und gute Vorbereitung, dass ich unangemeldet in ein Wahlkampfbu00c3u00bcro reinlaufen kann und innerhalb von fu00c3u00bcnf Minuten mit Unterstu00c3u00bctzerinnen und Unterstu00c3u00bctzern telefoniere, um sie fu00c3u00bcr Autofahrten ins benachbarte New Hampshire zu gewinnen.
Soziale Netzwerke scheinen mir da ein Stu00c3u00bcck weit der letzte Schritt auf dem Weg zu einem "modernen Wahlkampf u00c3u00a0 la USA" zu sein... Wobei natu00c3u00bcrlich das Internet in der Tat genutzt werden kann, um den Aufwand zu verringern. Die Mu00c3u00b6glichkeit, von zuhause aus Telefonlisten abzutelefonieren und Ru00c3u00bcckmeldungen direkt an die Wahlkampfzentrale zu geben, die Mu00c3u00b6glichkeit, andere zu finden, die endlich den Wahlkampf beginnen wollen (in kleineren Staaten haben die Unterstu00c3u00bctzerinnen und Unterstu00c3u00bctzer von Obama den Wahlkampf organisiert gehabt, bevor das zentrale Team daru00c3u00bcber u00c3u00bcberhaupt nachgedacht hat) -- das alles wurde durch einen geschickten Technologieeinsatz erleichtert.
Aber ohne den notwendigen Mentalitu00c3u00a4tswechsel kann das Internet jedenfalls nicht die Rolle spielen, die es in den USA gespielt hat -- nu00c3u00a4mlich Ressourcen (Freiwillige und Geld) rekrutieren, mit denen dann der herku00c3u00b6mmliche Wahlkampf (Hausbesuche/ Canvassing, Telefonkampagnen, Direct Mail, Fernsehen) auf ein neues Niveau gehoben wurde.

"Die Parteien sehen bisher, bis auf wenige Ausnahmen, das Internet nur als Verlu00c3u00a4ngerung ihrer Propagandaschiene u00c3u00bcber Plakat, Anzeige, Medienauftritte hinaus, also als rein technisches Mittel, Wu00c3u00a4hler zu erreichen. Das Internet kann aber politisch nur funktionieren, wenn es als Partizipationsmedium verstanden wird."

Schreibt Spreng, Ex-BamS-Chef und Ex-Stoiber-Wahlkampfmanager, Jahrgang 1948.

http://www.sprengsatz.de/?p=1058

Es ist allerdings schon traurig, weil man schon bei den letzten Wahlen gebetsmu00c3u00bchlenartig zu hu00c3u00b6ren bekam, dass das Internet eine ganz grou00c3u009fe Rolle spielen wu00c3u00bcrde. Tut es bestimmt auch in der Eigenwahrnehmung der Parteien. Nur kommts wieder mal nicht an.
Aber ist das Netz noch die Demokratiemaschine, als die wir es mal gesehen haben? Es bleibt die Minderheit, die Debatten fu00c3u00bchrt.

Kann diese Analyse nicht teilen - ist mir deutlich zu undifferenziert - und hu00c3u00a4ngt vielleicht auch ein biu00c3u009fchen zu sehr radioutopischen Tru00c3u00a4umen nach. Medien - auch das Internet - machen nicht einfach mal eben Macht weg.

Im einzelnen:

Eigentlich sollte in diesem Jahr der gru00c3u00b6sste anzunehmende Internetwahlkampf aller Zeiten starten. Die Parteien tummeln sich in Social Networks, es gibt Profile fu00c3u00bcr und von Politikern u00c3u00bcberall, man weckt u00c3u00bcberall den Anschein, einen Dialog suchen zu wollen, aber so richtig will der Funken nicht u00c3u00bcberspringen.

Hier frage ich mich: stimmt diese Aussage fu00c3u00bcr "die Parteien"? Meine Wahrnehmung ist, dass zumindest bei gru00c3u00bcnen SpitzenpolitikerInnen ein deutliches mehr an Dialog festzustellen ist, seitdem social networks und u00c3u00a4hnliche Kanu00c3u00a4le verwendet werden. Siehe z.B. dieses Bu00c3u00bctikofer-Interview.

Das Warum? ist schnell geklu00c3u00a4rt. Abgesehen von den Fachabteilungen in den Parteizentralen und einigen Unentwegten spielt das Thema Internet fu00c3u00bcr die Parteien keine Rolle. Und zwar vu00c3u00b6llig bewusst.

Auch hier: stimmt das wirklich? Fu00c3u00bcr alle Parteien? Und auu00c3u009ferdem: was ist eigentlich "das Thema Internet"? Gerade eben waren wir noch beim Medium und beim Kommunikationskanal. Ein Stichwort wie "Internetwahlkampf" suggeriert auch genau das. Jetzt sind wir beim Thema Internet, also der Netzpolitik und der Informationsgesellschaft. u00c3u0084pfel und Birnen?

Wu00c3u00bcrde man sich des Themas Internet annehmen, mu00c3u00bcsste man sich mit so vielen Zukunftsfragen auseinandersetzen, die oftmals am Selbstverstu00c3u00a4ndnis der jeweiligen Partei nagen, die den Status Quo in Frage stellen und generell viele neue Fragen provizieren, auf die insbesondere die derzeitigen Amt- und Wu00c3u00bcrdentru00c3u00a4ger nicht den Schimmer einer Antwort parat hu00c3u00a4tten.

Das ist fu00c3u00bcr mich eine Nullaussage, solange es nicht konkreter wird. Aber vielleicht findet in der SPD da eine andere Diskussion statt als anderswo.

Also reden wir lieber von u00e2u0080u009cdas Internet darf kein rechtsfreier Raum bleibenu00e2u0080u009d, von u00e2u0080u009cInternetsperren zur Beku00c3u00a4mpung von Kinderpornographieu00e2u0080u009d, von u00e2u0080u009cInternetsperren zur Wahrung von Urheberrechtenu00e2u0080u009d und von u00e2u0080u009cim Internet ist alles umsonst, daher kann man damit kein Geld verdienenu00e2u0080u009d - das Internet wird immer noch als etwas dargestellt, was bestenfalls am Rande der Gesellschaft vorkommen kann, nicht aber in ihrer Mitte. Indem sich die Politik abgrenzt, nimmt sie sich auf ihre Art und Weise des Themas an. Leider nur eben nicht im Ansatz so, wie es im Jahr 2009 geschehen sollte.

Damit sind wir tief in netzpolitischen Auseinandersetzungen und weit weg vom "Internetwahlkampf". Der Programmteil "Digital" z.B. des gru00c3u00bcnen Bundestagswahlprogramms liest sich ganz anders. Die Piratenpartei versuchen sich genau hier zu etablieren. Die CDU macht das, was hier beschrieben wird - das Internet zu marginalisieren. Passt vielleicht zu deren Wu00c3u00a4hlerklientel.

Usw.

Bleibt die Frage: wenn's denn um netzbezogene Inhalte gehen soll (auch wenn Einleitung und Titel anderes suggerieren) - was ist eigentlich der grou00c3u009fe postindustrielle Wandel, der hier mit dem Internet verknu00c3u00bcpft wird - und worin unterscheidet er sich von dem, was z.B. Gru00c3u00bcne u00c3u00bcber Zukunftsbranchen und die Wissensgesellschaft politisch fordern?

Ich bin auch nicht wirklich zufrieden. Man ku00c3u00b6nnte so viel mehr machen, auf allen Ebenen. (Winziges Beispiel: eine Google-Suche nach "gemeinderatswahl" erbringt meine Seite an dritter Stelle.)

Ich denke aber nicht, dass es an der grundsu00c3u00a4tzlichen fehlenden Kommunikationsbereitschaft der Parteien liegt - es liegt am Internet-Unwissen. Der Prozess wird ein Weilchen dauern - wie man Radio und Fernsehen nutzt, musste man ja auch erst lernen.

Volle Zustimmung! Ich weine auch sehr.

Halte diese ganzen Spielchen, die uns die Parteien zum Klicken anbieten, fu00c3u00bcr Wu00c3u00a4hlerverarschung. Warum nutzt man das Netz nicht als machtvolles Instrument, sagen wir mal, zur "Weltverbesserung"? Zum Dialog?

Wenn das eine grundsu00c3u00a4tzliche Haltung der Parteien ist, die eh schon seit Jahren existierte, wird sie jetzt offenbar. Entlarvend?

Oder haben da entscheidende Menschen das Internet einfach nicht verstanden?

Sprich: Ist es Dummheit oder Ignoranz?

Danke Nico fu00c3u00bcr die pru00c3u00a4zise Analyse! Leider sehe ich aber auch keine klare Stellungnahme einer Partei oder ein klares Wahlprogramm, das einen Wu00c3u00a4hler u00c3u00bcberzeugen soll. Der Wahlkampf wird sowieso bei Kerner, RTL und fragwu00c3u00bcrdigen "Fragerunden" ala Townhalls beeinflusst...Als einziger macht TSG einen guten, orginellen Eindruck im Web.

Trackbacks

  1. [...] vielbeschworene Internet-Wahlkampf 2009 der Parteien dürfte somit ausfallen. Denn wie CDU und SPD nach diesem Trauerspiel noch die aktive [...]