20. Juni 2009

SPD: Nun doch dagegen oder dafür oder was?

Eigentlich wollte ich mich ja nicht mehr so viel aufregen. Aber wenn man dann die Begründung von Elke Ferner zu ihrem Abstimmungsverhalten liest, oder die Forderung von Sachsen-Anhalts Justizministerin Annette Kolb nach europaweiten Websperren sieht, dann frage ich mich doch, wieso so viele Leute so viel Stuß erzählen müssen von Dingen, von denen sie augenscheinlich keine Ahnung haben. Und ich denke leise darüber nach, wie viele Abstimmungen nach einem ähnlichen Muster ablaufen, nur daß ich von diesen Themen dann ebenfalls keine Ahnung habe und demnach nicht mitbekomme, was gerade für ein Unsinn beschlossen wurde, aber das nur am Rande.

Der Brüller des Tages kam dann allerdings aus dem allseits bekannten SPD Bezirk Hessen-Süd. Thorsten Schäfer-Gümbel hat ja in den letzten Tagen noch versucht, auf die Bundestagsfraktion einzuwirken, was ich ihm hoch anrechne. Auf dem Bezirksparteitag heute wurde dann die Rücknahme des gerade von der Großen Koalition beschlossenen Gesetzes beschlossen:

Die Netzsperren seien ineffektiv und höchstwahrscheinlich grundgesetzwidrig, heißt es in einem Beschluss des Bezirksparteitags am Samstag in Langenselbold. Die SPD-Bundestagsfraktion solle in der ersten Parlamentssitzung nach der Bundestagswahl eine entsprechende Initiative einbringen.

Das sehe ich genauso, finde aber das Timing totalen Unfug, denn ehrlich gesagt waren jetzt lockere drei Monate Zeit, in denen dieses Gesetz diskutiert wurde und am 18.6. hätte die SPD-Bundesfraktion gegen das Gesetz stimmen müssen. Jetzt auf die nächste Legislaturperiode zu verweisen, ist völlig absurd, zumal die eher in weiter Ferne liegende absolute Mehrheit der SPD sicherlich dazu beitragen wird, dass das Gesetz nicht so mal eben kassiert werden kann.

Aber, wie so oft, das Beste kommt dann zum Schluss:

Der Bezirk bildete dazu eine Arbeitsgruppe, der auch Bundesjustizministerin Brigitte Zypries und der hessische Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel angehören.

Frau Zypries also, die gerade ziemlich viel Gelegenheiten hatte, sich gegen dieses unsinnige Gesetz zu stellen, wird jetzt in einer Arbeitsgruppe des Bezirks Südhessen dafür sorgen, dass das Netzsperren-Gesetz wieder abgeschafft wird? Browser-Brigitte soll nun nochmals Gelegenheit bekommen, das Netzsperren-Gesetz zu verhindern? Generell bin ich ja immer für eine zweite Chance, aber in diesem Fall wäre ich sehr dafür, wenn unverbrauchte Persönlichkeiten, eventuell sogar welche mit Sachkenntnis, sich des Themas annehmen könnten.

Meine liebe SPD, reisst Euch mal zusammen, echt jetzt! Die SPD muß sich ganz klar gegen Netzsperren positionieren, will sie noch als relevante progressive Kraft in diesem Land wahrgenommen werden! Ach ja, und Bundestagswahlen sind auch bald.

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Es ist doch viel zu Spu00c3u00a4t, sich gegen die Sperren zu stellen. Selbst wenn die SPD eine 180-Grad-Wende machen wu00c3u00bcrde (was ich fu00c3u00bcr ausgeschlossen halte, weil einige Spitzenleute sie offenbar selbst fu00c3u00bcr sinnvoll und nu00c3u00b6tig halten), wu00c3u00bcrde dass doch lu00c3u00a4ngst nichts mehr retten in der u00c3u00b6ffentlichen Wahrnehmung. Das Kind ist in den Brunnen gefallen und wer Netzsperren kritisch sieht und trotzdem CDU, CSU oder SPD wu00c3u00a4hlt, hat in meinen Augen eine vu00c3u00b6llig falsche Wahrnehmung der Meinungsfu00c3u00bchrerschaft in diesen Parteien.

Danke fu00c3u00bcr diesen Artikel. Das wird das Projekt 18 % der SPD nur noch befu00c3u00b6rdern.

d.h. die SPD fu00c3u00a4llt nicht mehr einfach nur um, oder flattert im Wind, sondern oszilliert scheinbar auf der Resonanzfrequenz des Hirnficks...

Die Begru00c3u00bcndung zum Abstimmungsverhalten liest man nicht nur bei Elke Ferner, sondern auf den Webseiten einiger SPD-Politiker, darunter solche, die am Abstimmungstag heftigst die Petitenten auf Twitter meinten mau00c3u009fregeln zu mu00c3u00bcssen:

http://www.suelz-koeln.de/?p=1534#comments

Nico, es ging in meiner Erzu00c3u00a4hlung nicht um einen OV, sondern einen UBV, dessen Mitglied ich damals noch war.

Zur Strafe geschah spu00c3u00a4ter dann folgendes: Man fragte mich, ob ich mich wieder nominieren lassen wollte, fu00c3u00bcr einen Platz im UBV, dem zahnlosen Tiger.

Ich lehnte ab, aber der besagte Vorsitzende wirkte auf mich ein und bat mich "instu00c3u00a4ndig" darum. Nun hu00c3u00a4nge ich nicht an Posten oder Positionen, was er wohl nicht wusste.

Als dann die Versammlung stattfand und "wir" Mitglieder gewu00c3u00a4hlt werden sollten, erhielt ich nur wenige Stimmen, wofu00c3u00bcr ich wirklich froh war. Ein Mitglied aus meinem OV aber fuchste es und es forschte nach. Das Mitglied fand folgendes heraus: im Hintergrund waren in den Mitglieder stu00c3u00a4rksten OVs Absprachen getroffen worden, wer wen wu00c3u00a4hlt und nicht. Dass ER mau00c3u009fgeblich an der Absprache beteiligt war, kann ich nicht beweisen. Ich hatte nur das Gefu00c3u00bchl, dass er mich in meiner (fu00c3u00bcr ihn verkannten) Eitelkeit verletzt werden sollte. Dass ich aber lachend nach Hause fuhr, wusste er nicht und hat er auch nie erfahren.

Soviel zur Strategie in der Partei, Personen und deren Ambitionen durchzusetzen. Und bitte - erzu00c3u00a4hle mir nicht, dass es auf den weitoberen Ebenen NICHT u00c3u00a4hnlich zugeht.

@Jo: Es gibt eine Alternative: Andere Partei wu00c3u00a4hlen. Wobei wieder schwierig wird, welche. Die Gru00c3u00bcnen sind das kleinste u00c3u009cbel (jaja, jetzt kommst Du gleich mit den Enthaltungen, auch scheiu00c3u009fe, aber was denn sonst?).

@Raventhird: Gibt es eine Alternative? Ich sehe keine. Entweder, die SPD erfindet sich zeitnah neu, oder sie arrangiert sich mit "Projekt 18".

das hin-und-her zeigt im grunde nur, dass die genossen jetzt erst realisieren, was sie da angerichtet haben - uns[deutschland;bu00c3u00bcrgerrechte] und sich selbst[innen; auu00c3u009fen] . - im grunde wie bei den vorratsdaten.

ich vergau00c3u009f eben, etwas zu erwu00c3u00a4hnen: Einen Tag nach der Sitzung fragte ich unseren Ortsvereinsvorsitzenden, ob es eine solche Abstimmung gegeben hu00c3u00a4tte. Er verneinte es! Also eine Lu00c3u00bcge.

Ist das normal fu00c3u00bcr die SPD? Verrate es mir bitte.

Ach Nico, in welcher SPD-Welt lebst du? Ich durfte selbst und hu00c3u00b6chstpersu00c3u00b6nlich folgende SPD-Unterhaltung erleben.

Es ging um die Wahl eines Kandidaten (fu00c3u00bcr welche Wahl ist egal!). Ich kam in die Sitzung, der eine Versammlung der Ortsvereinsvorsitzenden vorausgegangen war.

Sehr bald kam der TOP, in dem es um die Nomierung des Kandidaten ging. Man wollte ein Placet des Gremiums, dessen Mitglied ich (damals) noch war. Es irritierte mich, dass ich nun ad hoc ohne irgendeine Aussprache mich fu00c3u00bcr ihn aussprechen sollte. Auf meine Ru00c3u00bcckfrage, wieso?, hieu00c3u009f es, dass auf der vorhergehenden OV-Sitzung beschlossen worden wu00c3u00a4re, ihn zu benennen.

Ich zu00c3u00b6gerte und meinte, dass ich gerne erstmal Ru00c3u00bccksprache mit den Mitgliedern des OV nehmen wolle, ich also basisdemokratisch seine Nominierung bestu00c3u00a4tigt oder aber abgelehnt su00c3u00a4he. Seine Antwort darauf: "Die Meinung der Basis interessiert hier nicht!"

Moment, wenn dieses Gebaren schon auf der zweituntersten Ebene der SPD EInzug gehalten hat, wie willst du dann die Ignoranz an der Spitze der Partei erklu00c3u00a4ren?

ach martina, ich lebe in einer spd-welt, die sich sicherlich ein stu00c3u00bcck weit von deiner erfahrung unterscheidet. aber es gibt eben auch einen grund, warum ich ortsvereine meide.

"Die SPD muu00c3u009f sich ganz klar gegen Netzsperren positionieren, will sie noch als relevante progressive Kraft in diesem Land wahrgenommen werden!"

Ist das Galgenhumor?

Eigentlich schade einen Kommentar zu dem Post zu schreiben. Das "No Comments", das da vorher stand, passte wie Faust aufs Auge,

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  1. [...] arme Nico sitzt derweilen ganz alleine in der Ecke rum und versucht eher sich selbst als noch irgendwen sonst davon zu überzeugen, dass die SPD doch nicht so doof ist, wie alle sagen. Wenigstens Sascha, der sonst immer sein [...]

  2. [...] Lummaland: SPD: Nun doch dagegen oder dafür oder was? [...]