Derzeit sieht die Piratenpartei wie der klare Sieger der Online-Umfragen aus und auch der Traffic auf der Piratensite scheint um einiges höher als bei den etablierten Parteien. Das sollten die Piraten noch ausgiebig feiern, denn beim Wahlgang am 27. September werden sie auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden: eine Single-Issue Partei ist witzlos, wenn das Thema nicht vermittelbar ist.
Die Piratenpartei sorgt sicherlich gerade für eine ordentliche Mobilisierung innerhalb meiner eigenen Peergroup und zeigt auch, dass das Netz durchaus politisch ist, aber ich gehe davon aus, daß der Einfluß der Piratenpartei auf die Politik in Deutschland bestenfalls marginal sein wird. Die Piratenpartei packt durchweg Themen an, die mir am Herzen liegen und alles lässt sich unter dem Oberthema Internet irgendwie zusammenfassen, aber es ist eben nichts, was man anfassen kann. Und da fangen die unlösbaren Probleme der Piraten an. Nehmen wir doch mal die aktuelle Debatte um Netzsperren und Zensursula: die Nuancen sind hier sehr wichtig und es geht eben nicht um “für Kinderpornographie” und “gegen Kinderpornographie”, sondern um die Art und Weise des “gegen Kinderpornographie”. Darüber lohnt sich ein Streit, ohne Frage. Aber fragt mal jemanden außerhalb der eigenen Blogosphäre und ohne Twitter-Account, wie der Domain Name Service funktioniert und wie Blacklists umgangen werden können. Das versteht niemand. Ich rede hier von Leuten, die in das Suchfeld bei Google den URL eingeben, zu dem sie wollen. Erstaunlicherweise gibt es da draußen Leute, die noch nie ein CLI genutzt haben und für die das Internet aus Email, Google, Bild.de und Ebay besteht.
Ich glaube, daß die Piratenpartei aufgrund der Tatsache, daß sie als eigene Partei zu Wahlen antritt, jede Menge Potential zur Veränderung der Netzpolitik in Deutschland verschenkt. Ein Ansatz wie “Piraten in der SPD” hätte gewählt werden sollen, um die etablierten Parteien mit neuen Ideen zu versorgen und Leute zu finden, die diese Themen übersetzen können für die breite Masse der Bevölkerung, weil, lacht nicht, sie das Vertrauen der Menschen haben. Die Piratenpartei wird es nicht schaffen, den Erfolg der Grünen zu wiederholen, denn sie unterscheiden sich fundamental von den Grünen. Die Grünen, ganz vereinfacht dargestellt, haben einen gesellschaftlichen Trend zu mehr Ökologie aufgegriffen, um weitere Randthemen angereichert und unzufriedene Wähler angezogen, denen die etablierten Parteien zu verstaubt waren. Nur im Gegensatz zu Netzpolitik kann man Ökologie im Alltag durchaus begreifen, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Auswirkungen eines verdreckten Flusses auf die Fische kann man sehen, Netzfilter würden die meisten User niemals wahrnehmen. Hinzu kommt, daß die meisten Leute das Internet nur nutzen will, sich aber für die technischen Grundlagen nicht im Ansatz interessiert.
Für mich, und für viele Leser dieses Blogs, ist es völlig normal, viel Zeit online zu verbringen, sei es zuhause, im Büro oder mobil. Für uns ist es auch normal, eigene Inhalte zu erstellen und alternative Möglichkeiten des Informationsflusses jenseits der Massenmedien zu nutzen. Zwar werden die Online-Nutzer immer aktiver, aber wir dürfen uns hier nichts vormachen, was die Reichweite von Blogs oder Twitter angeht. Wir sind immer noch eine Nische in Deutschland, eine wundervolle, oft auch wundersame, aber eben doch eine Nische. Was man übrigens eben auch daran sehen kann, dass das derzeitige Top-Blog in Deutschland das Blog Netzpolitik.org ist, von dem völlig zu unrecht die breite Masse der Bevölkerung nicht nur nichts gehört hat, sondern auch niemals erfahren wird. Man sieht es aber auch daran, daß jeder Blogger total verzückt ist, wenn der URL des Blogs im Fernsehen oder in einer Zeitung/Zeitschrift, bzw. des Online-Ablegers auftaucht, denn dort ist immer noch wirklich Traffic vorhanden. Ich finde persönliche Empfehlungen via Facebook, Twitter oder Blogs auch weitaus relevanter für mich und sehe auch, daß der Traffic aus diesen Quellen zunimmt, aber das ist in Deutschland immer noch sehr nischig. Die Themen, die für uns relevant sind, sind für den Mainstream relativ ungeeignet, weil es Probleme gibt, den Kontext zu vermitteln. Will die Piratenpartei außerhalb der kleinen Nische der netzpolitisch Interessierten Wählerstimmen bekommen, muß sie eben auch massentauglich Themen anpacken können.
Ich finde es schade, daß dieser netzpolitische Elan des Jahres 2009 nur zu einem kleinem Paddelboot reicht, nicht aber zum netzpolitischen Kurswechsel etablierter Parteitanker. Man kann im derzeit grassierenden Online-Wahlkampf eben durchaus beobachten, wie wenig Online-Themen für die Parteien eine wichtige Rolle spielen und wie sehr das Netz immer noch als ein weiterer Sender gesehen wird, von einigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen. Das Verbreitern der Nische gelingt der Piratenpartei nicht, weil sie das Wasserglas, in dem sie gerade den Sturm entfachen wollen, als Weltmeer ansehen. Ihr großes Thema ist der Masse der Bevölkerung nicht vermittelbar und bei einer Bundestagswahl gibt es für viele Wähler noch andere Themen, die viel offliniger, aber dafür umso lebensnäher sind.
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[...] Piratensturm im Wasserglas^: Nico Lumma in seinem Lummaland über die Piratenpartei und das, was die Pirtaen maximal erreichen können bei der BTW2009 und danach. [...]
[...] via Piratensturm im Wasserglas | Lummaland. [...]
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