Google Chrome OS: Kein Desktop ist das Killerfeature

Nico —  22.11.2009

Ich lese die c’t ja schon länger nicht mehr, vor allem weil es mich genervt hat, daß die Computer-Welt sich massiv schnell bewegt, aber in Hannover das Web immer noch keine Rolle spielt, sondern nachwievor Hardware-Specs, Testlabore und irgendwelche abstrusen Anwendungsszenarien, die irgendjemand unbedingt niederschreiben mußte, noch dazu sind nahezu alle Artikel längst „durch“, man hat das meiste schon vorher im Web lesen können.

Nun bin ich eben gerade bei heise.de über folgenden Artikel gestolpert: Chrome OS: Der „Windows-Killer“ fällt aus – dort schreibt Oliver Diedrich:

Seit dem Sommer geistert Chrome OS durch die Schlagzeilen, jetzt hat Google eine erste Entwicklerversion als Chromium OS veröffentlicht. heise open hat sich das Google-Betriebssystem angesehen und kommt zu dem Schluss: Ein Windows-Killer ist es nicht – und will es auch gar nicht sein. Chrome OS, an dem auch Ubuntu-Entwickler mitarbeiten, zielt auf Web-Appliances, die immer online sind und im Wesentlichen für Internet-Aktivitäten genutzt werden. Das System spielt in einer ganz anderen Klasse als Windows und Mac OS X, aber ist auch kaum mit den etablierten Linux-Distributionen vergleichbar.

Natürlich wird Google Chrome OS der Windows-Killer sein, und zwar präzise, weil es nicht mit Windows vergleichbar ist, sondern sich auf das konzentriert, was die Masse der Anwender interessiert: Anschalten, Nutzen.

Diedrich schreibt dann weiter, um seinen Punkt zu untermauern:

So verzichtet das Google-Betriebssystem komplett auf einen Desktop, die einzige Anwendung in Chrome OS ist der Google-Browser. An die Stelle lokal installierter Programme treten Web-Applikationen; in seiner Standard-Konfiguration ist es ohne Google-Account gar nicht benutzbar. Für den Einsatz auf Web-Appliances bietet es allerdings interessante Ansätze.

Ja, eben. Das ist ja gerade das Spannende an Google Chrome OS. Ok, aus Sicht der c’t wäre das natürlich total fatal, wenn künftig nicht mehr irgendwelche Viren-Programme getestet, keine 1500 Superduper Office-Tipps niedergeschrieben werden müssen und so weiter und so fort, sondern wenn die Nutzer einfach einen kleinen Rechner hätten, den sie einschalten und dann gleich loslegen können, mit lauter Nutzungsszenarien, die alle sofort realisierbar sind, da die Applikationen oder Inhalte irgendwo in der Cloud zu finden sind. Diedrich versteht nicht, oder will es nicht verstehen, dass die Welt sich schneller ändert als man es in Hannover wahrhaben will.

Google Chrome OS ist der Windows Killer – und zwar eben genau aus einem Grund: es ist nicht mit Windows vergleichbar und macht damit den dramatischen Unterschied. Es „spielt in einer ganz anderen Klasse“ – sagt Diedrich selber, aber die richtigen Schlüsse kann er nicht ziehen. Schade, er war dicht dran. Das Web wird den Desktop ersetzen und Google Chrome OS ist ein massiver Schritt in diese Richtung.

24 responses to Google Chrome OS: Kein Desktop ist das Killerfeature

  1. 1500 superduper office-tipps – made my day.
    In serie. Verteilt auf 3 ausgaben!

  2. „Das Web wird den Desktop ersetzen“

    Die These teile ich nicht komplett. Es wird immer Spezialprogramme geben, für die man einen Desktop-Rechner braucht.

    Für Netbooks ist Google Chrome indessen eine super Lösung, ja.

    • Ja, Spezialprogramme. Klar. Aber die Standard-Apps, die alle nutzen, die findet man schon jetzt in der Cloud. Und bald auch die Masse der Nutzer.

      • Ist die Frage, wer und was mit „alle“ gemeint ist. Wer nur im Internet suft, wird mit Chrome OS hervorragend auskommen.

        Wer auch Buchungssoftware oder Verwaltungssoftware oder dergleichen nutzt, kann damit nix anfangen.

        • weil die software niemals nie in die cloud geschoben werden könnte? guck dir mal salesforce.com an, dann hast du eine idee, wie sich der markt entwickeln wird, und das ist dann das zweite standbein von microsoft, das wackeln wird.

          • Ich sage doch auch, dass die „Cloud“ wachsen wird. Nur glaube ich nicht an die totale Dominanz über den traditionellen Desktop.

            Dass Microsoft Probleme bekommen wird, denke ich auch. Und ich finde das nicht schlecht. :)

  3. Ein „Windows Killer“ wird Chrome OS schon deswegen nicht, weil es sich ausschließlich an Privatpersonen wendet.
    Chrome OS wird nur dann in der Masse der Privatpersonen einigermaßen angenommen werden, wenn sie anfangen einen Desktop zu implementieren und den Zugriff auf lokale Dateien regeln. Und das werden sie auch tun. Musik, Videos,Bilder, alle solche Daten werden von Chrome OS meiner Meinung nach lokal angesprochen werden können. Ohne Netz, ohne Cloud.
    Außerdem wird das OS ein reines Netbook OS werden, das alleine schränkt die Anwendungsfälle schon arg ein.

    „Windows Killer“ ist Bild Zeitung, aber nicht Chrome OS.

    • nee, die Desktop-Metapher interessiert das Gros der Nutzer nicht wirklich, um nicht zu sagen, sie verstehen es nicht. Wo die Daten liegen, ist den meisten Leuten auch furzegal, so lange sie die Daten wiederfinden, und zwar ohne Aufwand. Also die Cloud. Und das Internet wird sowieso überall sein.

  4. Schumpeter würde sagen, dass auch heise bzw. c’t durch Google Chrome OS schöpferisch zerstört werden ;-)

    Ich teile die Meinung von Christan nicht – wer schon einmal bspw. mit Think-Free Office etc. gearbeitet hat wird verstehen, dass selbst die komplexesten Programme heute schon keine lokale Installation mehr brauchen… In den nächsten Jahren wird dies Standard werden. Wer will sich ständig Updates installieren und wer hasst nicht die Inkompatibilität zwischen den verschiedenen Versionen und Betriebssystemen usw… Die Liste an ineffizientem und ineffektivem, wie heutige Betriebssysteme und Programme arbeiten und Zeit verschwenden liesse sich sprichwörtlich unendlich fortsetzen… Denke, dass es in Unternehmen einen riesen Produktivitätsschub geben wird und man als Nutzer im Büro auch endlich den IT-Support nicht mehr braucht usw…

  5. Naja, die Wahrheit wird wie immer irgendwo in der Mitte liegen. Ich würde mich nicht unbedingt so festlegen. Chrome zeigt eine Richtung … mehr auch nicht.

  6. Ich habe ca. 60 GB an Musik auf meinem Mac. Die sollen jetzt alle in die Cloud – und dann wieder runterkopiert werden? Meinen iPod und mein iPhone synce ich dann nicht mehr mit meiner lokalen Maschine via USB, sondern via DSL/WLAN? Mit welchen Bandbreiten soll das denn einigermaßen zuverlässig gehen? Und wer legt die Leitungen aufs Land oder sorgt für Funkbandbreiten, die das handlen können? Und ganz abgesehen von den technischen Problemen (eine reine Webapplicance funktioniert so einigermaßen in Großstädten mit guter Abdeckung, dann dünnt das ganz gewaltig aus, schon in meiner Stammkneipe in München gibt es kein vernünftiges 3G-Signal mehr): Will man wirklich sämtliche, also wirklich: sämtliche Daten in einer Cloud speichern? Und darauf vertrauen, dass der Anbieter kein Allotria damit treibt? Und auch in 5 Jahren noch auf dem Markt und nicht auf die Idee gekommen ist, seinen Laden zu verkaufen? Und will man wirklich die Kontrolle über seine Arbeitsumgebung vertrauensvoll in fremde Hände legen? Wenn ich auf meiner Maschine ein Programm installiere, dann weiß ich genau, wie das aussieht, wie es sich verhält und welche Funktionen es hat. Bei einer reinen Webapp kann ich nur hoffen, dass das so bleibt und sich der Anbieter das nicht irgendwann einmal anders überlegt. Die Idee ist ja nicht wirklich neu (ich habe fast auf den Tag genau vor 10 Jahr schon mal kurz etwas dazu geschrieben und Bedenken angemeldet, seinerzeit preschte Sun vor). Google ist natürlich sehr viel weiter und konsequenter und Chrome OS eine sehr reizvolle Sache (wenn man keine Probleme mit Google hat, versteht sich). Aber dass das Web den Desktop ersetzen könnte, sehe ich auch 10 Jahre später noch nicht – die dumb terminals hatten ihre Chance und sind ausgestorben.

  7. Ich benutze weder iIrgendwas noch habe ich mich ausführlich mit Chrome OS beschäftigt.
    Mir ist allerdings so als hätte ich letztens gehört, dass Apple Software fürs iPhone abgelehnt hat.
    Wenn man also nen Google-Account für Chrome OS braucht, die Google-Cloud nutzen soll, dann wahrscheinlich die Google-Suchmaschine und den Google-Browser ja sowieso… welche Software lässt Google denn zu wenn sie selbst eine aus dem gleichen Marktsegment anbieten?*

    Und dass ich meine Daten irgendwo im Internet in einer Wolke** speichern soll anstatt auf meinen lokalen Medien gefällt mir auch nicht. Denn irgendwann kostet das alles Geld. Auch Clouds brauchen Strom und Hardware.

    Mal ganz davon abgesehen, dass ich kein UMTS habe. Was genau soll ich beim Arbeiten im Zug tun? Wahrscheinlich mit lokalen Kopien ar… moment, das geht mit OSX, Ubuntu und Windows ja auch…

    Aber sonst: Daumen hoch.

    *(Und zu Open Source und so: Welches OS werden Leute, die umsteigen wollen, wohl nutzen? Eine kleine unbekannte Distri oder die Distri vom Lieblingssuchmaschinenanbieter, der sein OS mit all seiner (großen) Macht in der Suchmaschine und mit doubleclick bewirbt?)
    **Die zuverlässigsten Gebilde für den unbedarften Nutzer überhaupt: Sind sie da regnet’s und sind sie weg sind meine Daten futsch.

    • Wenn Du schon mal mit dem Texttool mit mehreren Leute gearbeitet hast. Und Googlegear managed das alles, da istes Dir wurscht ob Du grad on- oder offline bist, esfunktioniert sowieso. Unser UMTS oder whatever Netz wird dichter und in ein paar Jahren wohl überall zu empfangen sein.
      Also mit jemandem simultan an einer Diplomarbeit zu arbeiten hier der Text dort die Bilder , google Talk nebenbei etc. Das ist schon der Hammer und effizienter geht es kaum.

  8. willkommen zurück in den 90ern:
    Da durfte ich mich noch zwischen Linux-Desktop, Windows-Desktop und Mac-Desktop entscheiden.
    Nun sind wir wieder zurück. Ich habe die Wahl zwischen der Google-Cloud, der Apple-Cloud, der Amazon-Cloud, der MS-Cloud und den Wölkchen Palm, Nokia, etc. pp.
    Chrome-OS bringt die Wolke auf den Desktop und der Kreis schließt sich.

    • Ne. Eben nicht auf den Desktop. Darum geht es Herrn Lumma doch.

      • Desktop ist der Bildschirm auf meinen Laptop :-)
        Oder wie auch immer man das im Newspeak nennt.

        Ich bin es schon seit Jahren gewohnt, dass nicht die Hälfte meines Contents auf meinem Desktop tatsächlich auf dem Rechner-Interface selber liegt …

  9. Ingo Scholz 25.11.2009 at 19:47

    äh, nur mal so am Rande: ja, das mit der cloud wird viel verändern und auch vielen usern entgegenkommen. andererseits wird es viele geben, die ihr „ganzes leben“ nicht in die cloud „abgeben“ wollen.
    ergo: es wird beides geben und viele vermutlich auch beides gleichzeitig nutzen.
    und ja, damit das alles wirklich funktioniert muss, wie nico ja schreibt, das „überall“ web erstmal realität werden. ich bin an so vielen ecken in D noch komplett offline – a great shit.
    und naja, irgend ein betriebssystem wird es auch geben müssen, da mach ich mir dann um microsoft erstmal auch nicht soviel sorgen.

  10. Das die Cloud den Desktop komplett ersetzten wird und wir alle unsere Daten im Web ablegen, wird so sicher kommen wie das papierlose Büro….

  11. Also ich wünschte es wäre schon da. Meine Mutter will ein Laptop. Da wäre Google OS perfekt. Kein ständiges Wo bekomme ich den patch, das update? Welche Virensoftware, welche Firewall“ Ich hör das Telefon jetzt schon tagelang klingeln.
    Ein Bekannter (Kellerkind ITler) hat seiner Mutter Linux und SICHERHEIT augeschwatzt. Seither hat sie so ein absurdes Bildformat das jedem dem sie ihre Bilder schickt, die wieder zurück kommen mit dem vermerk „Kann ich nicht anschauen“
    In den Augen des ITlers sind natürlich alle anderen Schuld. Das ist leider die Realität

  12. Wie schnell eine Cloud zur Gewitterwolke wird, kann einem jeder Sidekick-Nutzer erzählen. Ich sehe, nicht erst seit den jüngsten Äußerungen von Eric Schmidt, ein Vertrauensproblem. Das Misstrauen gegenüber Google ist erstaunlicherweise kein Exklusivum der Hardcore Nerds, sondern auch unter nahezu unbedarften gemein.

  13. Hm wir haben ein Einwohnermeldeamt, daß die Daten an die GEZ verkauft. Wir haben die Telekom und Provider und jetzt auch eine Regierung (erst noch in Hessen) die Dir kleine Sender ans Auto kleben darf. Wir haben „Maut“stellen die Nummerschilder knipsen.
    Da haben Sie Angst vor google? Die können sich einen Datenskandal leisten, wie McDonalds eine Lebensmittelvergiftung.

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  1. uberVU - social comments - 23.11.2009

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