17. März 2010

Politcamp: Digitales Arbeiten und Leben

Auf dem Politcamp am Wochenende in Berlin werde ich mit Julia Seeliger, Björn Böhning und Peter Plöger diskutieren, moderiert von Sebastian Sooth. Das Thema soll sein: Wie wollen wir in der digitalen Gesellschaft arbeiten und leben? – aber schon beim Klappentext zu der Session sträuben sich massiv meine Nackenhaare:

Das Internet ist nicht nur Kommunikationsmedium – im und mit dem Netz wird auch gelebt und gearbeitet. Das Netz hat alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen, es hat die Arbeitrsrealität fundamental verändert. Die "digitale Bohème" arbeitet flexibler, unsicherer aber auch freier mit dem Internet. Wie wollen wir in die digitalen Gesellschaft arbeiten? Damit soll sich diese Session beschäftigen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst sollen diese Frage beantworten. Zuletzt in der Wirtschaftskrise haben wir aber auch gesehen: Schnell können die Arbeits- und Lebensbedingungen von "Internetarbeiterinnen und -arbeitern" prekär werden. Gerade sogenannte Solo-Selbständige machen sich Gedanken über die soziale Sicherung bei Krankheit oder im Alter. Zugleich haben sie kaum eine Möglichkeit sich gegen Zeiten fehlender Projektaufträge abzusichern. Brauchen wir also einen neuen Sozialstaat zur Bekämpfung des des "digital poor"?!

Ich finde, mit der Konzentration auf die sog. digitale Bohème verengen wir die Diskussion viel zu sehr. Auch wenn ich mir kaum etwas besseres vorstellen könnte, den ganzen Tag im St. Oberholz mein MacBook Pro mitsamt Aufkleber zur Schau zu stellen und dabei nebenbei auch noch zu arbeiten, ist das irgendwie eher nicht die Lebensrealität außerhalb von Berlin Mitte. Und daher würde ich viel mehr darüber diskutieren, wie sich die Realität des digitalen Arbeiten und Lebens für die Mehrheit der Bevölkerung darstellen wird. Denn nicht nur diejenigen, die tagtäglich mit dem Web arbeiten werden durch das allgegenwärtige Internet vor immer neue Herausforderungen gestellt, sondern auch für “ganz normale” Arbeitnehmer verändert sich durch das Internet einiges. Als Beispiel sei hier nur die Nutzung des Firmen-Blackberrys nach Feierabend erwähnt. Die Möglichkeit der ständigen Erreichbarkeit hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir arbeiten, aber auch wie wir unsere Freizeit gestalten.

Die Arbeitswelt wird durch das Internet nachhaltig verändert und zwar nicht nur für die digitale Bohème in Berlin Mitte, sondern dies zieht sich quer durch alle gesellschaftlichen Schichten. Wir sollten daher dringend diskutieren, wie wir damit umgehen.

Ähnliche Artikel:

  1. Jetzt wird alles gut: GK Netzpolitik der SPD Nach dem sagenumwobenen Online-Beirat der SPD hat gestern nun der ebenfalls mit mystischen Kräften ausgestattete...
  2. und jetzt alle: Neustart für die Netzpolitik “Gefahr! Risiko! Oh Nein! So geht das nicht! Wir müssen regulieren!” – So oder anders...
  3. EK “Internet und digitale Gesellschaft” – wir haben ja Zeit Bei Netzpolitik.org ist ein Auszug aus der Themenliste der von der Union vorgeschlagenen Enquete-Kommission: “Internet...

Post comment as twitter logo facebook logo
Sort: Newest | Oldest

Wie die digitale Boheme heute nicht mehr arbeitet? Ganz einfach:
Die Meisten ku00c3u00b6nnten nach ihrem Feierabend nicht ihren Laptop dem "Kollegen" geben, sodass der nach 5 Minuten Uebergabe die Arbeit fortsetzen koennte. Diese Eigenschaft der strukturierten Arbeitsweise fehlt heute nahezu jedem Digital-Native.

Es findet halt keine Kommunikation im Sinne von Wissensaustausch mehr statt, sodass niemand die Arbeit desjenigen, der gestern Abend ins Koma gefallenen Menschen weitermachen koennte, ohne sich erst 5 Tage einarbeiten zu muessen. Jeder macht die anderen so weit wie moeglich vom eigenen Wissen abhaengig, aber das ist eine zu alte Denkweise.

Find ich bloed. Echtma!

Noch ein paar inhaltliche Anregungen:

- Du sprachst den Blackberry schon an, dazu passt: Was passiert mit meinem Firmen-iPhone, wenn geku00c3u00bcndigt wird? Und was mit meinen Daten? Habe ich damit auch mein Netzwerk verloren?
- Wird die Zusammenarbeit internationaler und was fu00c3u00bcr Konsequenzen hat dies? Sprich: Zeitzonen, keine persu00c3u00b6nlichen Meetings (oder selten). Auch in Bezug auf "Feierabend".

Was die Vermengung von Arbeit, Freizeit und Hobbies betrifft, so kann ich nur fu00c3u00bcr mich sprechen. Ich arbeite wohl "richtig", aber Hobby ist dann doch auch eher gleich Beruf. Muss ich dann vor eigener Selbstausbeutung geschu00c3u00bctzt werden? (und ich bin auch noch mein eigener Chef.. )

Wieso eigentlich immer so Podiumsdiskussionen? Ist doch ein Barcamp.

Na werten wir Bju00c3u00b6rns Einschru00c3u00a4nkung auf die digitale Bohu00c3u00a8me doch einfach nur als wieder Mal freundliche Anbiederung bei eben dieser ;o} Ich freue mich schon darauf, wenn Berlins digitale Lu00c3u00a4ssigkeit auf nordisch hanseatische real digital Arbeitende trifft {o; wird sicher interessant. Genau diese Gegensu00c3u00a4tze machen ja das Politcamp aus, Schlipstru00c3u00a4ger und Turnschuhe diskutieren u00c3u00bcber die vielen Blickwinkel des digitalen Lebens.

Keine Sorge, genau u00c3u00bcber diesen Tellerrand werden wir hinausblicken. :)

und wenn die Session nur halb so spannend wird wie die Vorgespru00c3u00a4che, wird sie sehr interessant werden.

Theoretisch ist man als Internetz-Malocher rund um die Uhr erreichbar. Wenn man beispielsweise nach Feierabend was bei Facebook postet kommt nicht selten die E-Mail vom Auftraggeber nach dem Motto "Du bist doch eh online, kannst Du nicht grad mal..."

Wo fru00c3u00bcher vom Freelancer vor allem die Selbstdisziplin zur Selbstmotivation und Einhaltung von festen Arbeitszeiten erwartet wurde muss er heute fast aufpassen dass er vor lauter Netzwelt noch zum Leben kommt.

Wahre Worte. Dein Blick u00c3u00bcber den Tellerand erweitert dann hoffentlich den Horizont Deiner Mitdiskutanten ;-)

Das ist eben das was sich die genannten Protagonisten unter der "Internetgemeinde" und der Zukunft der Arbeit vorstellen. Sie haben ja eher selten gearbeitet, lassen sich die Realitu00c3u00a4t von anderen beschreiben.
Das wird sicher eine sehr fruchtbare Gespru00c3u00a4chsrunde mit epochalen Ergebnissen. Viel Vergnu00c3u00bcgen dabei.

das verschmelzen von arbeits- und freizeit hat auswirkungen auf den einzelne. Arbeitnehmer, seine familie, etc. - u00c3u00a4hnlich wie bei der sog. digital bohu00c3u00a8me wird die selbstausbeutung normalitu00c3u00a4t und das hamsterrad dreht sich dank internet noch schneller. Auf Dauer kann das fu00c3u00bcr eine Gesellschaft nicht gut sein, egal wieviel Spass dem Arbeitnehmer die Arbeit eigentlich macht. Oder?

Aha. Und was u00c3u00a4ndert sich dadurch genau, auu00c3u009fer vermeintlicher stu00c3u00a4ndiger Erreichbarkeit durch Firmen-Blackberrys? :)