Es braucht mehr als nur yeah

Nico —  21.03.2010

Obwohl mir in einem W&V-Artikel eher fälschlich zugeschrieben wurde, daß ich mehr Streit für Social Media Veranstaltungen wünschen würde (dies war das Motto der Social Media Week, nicht meine Idee), finde ich so langsam wirklich, daß sich das Camp-Format überlebt hat.

Versteht mich nicht falsch, ich finde die Camps toll und man trifft nette Leute, die man aus dem Internet kennt und kann sich prima mit diesen unterhalten. Aber gerade das Politcamp10 hat durch das Involvieren von Politikern, die nicht primär Netzpolitik machen wollen, gezeigt, daß auch andere Leute zu den Veranstaltungen kommen müssen, damit diese für alle einen Erkenntnisgewinn haben können. Anders ausgedrückt: nur wenn nicht nur die üblichen Verdächtigen auf den Panels sitzen, haben alle Beteiligten die berechtigte Chance auf eine gute Diskussion, in der auch mal Widersprüche aufkommen.

Die selbst-organisierten Konferenzen manifestieren das, was man aus der Blogosphäre seit Jahren kennt: der Funke springt nicht über, man bleibt unter sich. Ich finde das erschreckend. Ich weiss nicht, ob das eine gewollte Selbst-Marginalisierung ist, weil man sich dann einfach sicher ist, daß man recht hat mit seinen Ideen, weil alle ähnlich denken, oder ob man es einfach nicht schafft, die eigenen Themen für das Gros der Menschen interessant zu machen. Auch eine twitternde Bundesministerin bedeutet noch lange nicht, daß wir jenseits der Nische angekommen sind. Soll aber in Deutschland endlich etwas bewegt werden und das Internet mehr und anders genutzt werden, völlig egal ob im politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Kontext, dann müssen wir dafür sorgen, daß wir Debatten führen, die mehr als nur die üblichen Verdächtigen ansprechen.

Ehrlich gesagt haben wir da kollektiv versagt. Seit dem Niedergang der New Economy haben wir es versäumt, die Relevanz des Internets durch Debatten zu manifestieren. Vielmehr sehen wir uns massiv einem Backlash ausgesetzt, der darin resultiert, daß das Internet für alte Denkmuster passend gemacht werden soll und damit ad absurdum geführt wird. Nach 2009 ist das Internet jetzt „Thema“, aber immer noch nicht so, daß wir eine Debatte führen, die nach Vorne zeigt.

Das Führen einer derartigen Debatte ist zwingend notwendig, aber das passiert nicht, indem wir fröhlich vor uns her twittern und bloggen, auf einige Camps gehen und uns dort immer wieder bestätigen, daß wir alle Recht haben und die anderen nicht. Es geht hier um nichts anderes als die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft und da darf es bei Diskussionen schon mal inhaltlich zur Sache gehen! Man muß den Laden in Unordnung bringen und die Diskussion verbreitern! Das wird nicht ohne Gegenwind ausbleiben, aber das macht die Diskussion doch für alle Beteiligten viel spannender. Es wird Zeit für einen langen Marsch durch die Institutionen 2.0, damit wir in Deutschland uns die Zukunft nicht verbauen lassen!

26 responses to Es braucht mehr als nur yeah

  1. Hallo Nico,

    Du hast Recht, dass der Weg einer breiten Dialogbewegung kein Selbstläufer, sondern durchweg (Ein-)Beziehungsarbeit darstellt. Ich habe es im letzten Jahr beim ersten BarCampOWL in Bielefeld selbst erlebt – welches zunächst die zahlreichen Mittelständler der Region im Fokus hatte….

    Dieses Jahr setzen wir im Orga-Team einen anderen Themenfokus, eine neue Lokalität und auf sehr beschwerlich, lange Akquisetermine. Im Sinne des gesellschaftlich Ganzen LOHNEND!

    Gruss!
    Jan

    http://www.westaflex-forum.de/thema-barcampowl/

  2. Jetzt mal Hand auf’s Herz, lieber Nico, in wievielen der ca. 60 Sessions außer deiner Podiumsdiskussion warst du, um die Qualität der Diskussionen einschätzen zu können? Ich will damit nicht alles in Abrede stellen, was du geschrieben hast, aber wäre ganz gut, wenn du deine Bewertungsgrundlage transparent machen würdest. (sorry, ich musste schon wieder kommentieren)

  3. Lars, es geht nicht darum, wieviele Sessions ich miterlebt habe. Konkret zum Anlaß genommen habe ich in der Tat den Vergleich zwischen der Session mit mir und der davor. Allein dadurch, daß mit Bodo Ramelow, Stefan Hennewig und anderen Teilnehmern dort nicht immer nur dieselben diskutiert haben, fand ich die Runde viel reizvoller. Aber oftmals bleiben „wir alle“ doch eher „unter uns“.

  4. Ja, natürlich wäre es toll, wenn alle mit allen reden würden, aber ich finde gerade auf dem Politcamp treffen viel mehr als auf anderen Camps Leute mit unterschiedlichem Hintergrund aufeinander. (Nur) hier trifft der konservative CDU-Lokalpolitiker auf @plomlompom und das Tollste: es funktioniert. Natürlich wird hier nicht die ganze Republik netzpolitisch missioniert, aber jeder nimmt garantiert was mit. Sicher nicht unbedingt aus Promisessions, aber die sind aus meiner Sicht als Zugpferde für den Lokalpolitiker ohne Barcamperfahrung notwendig. Dort kommt man auch kaum ins Gespräch. Das hat (wie üblich) in den kleineren Sessions besser geklappt.

  5. Wer die von Nico erwähnte Session mit Bodo Ramelow, Stefan Hennewig und Co. verpasst hat, kann sich hier den Videomitschnitt und die Statements zur Session anschauen: http://bit.ly/aswm0V

  6. Kommen denn die Kritiker und Skeptiker zu den Camps und Tweetups, wenn man sie einlädt? Wenn ja, dann ist das aber wirklich zu wenig passiert, bisher!

    Also bei uns an der Hochschule haben wir uns viel mit bestimmten Profs gefetzt, wenn es um das Thema ging und das hat richtig Spaß gemacht…

  7. Gut geschrieben! Versagt haben wir trotzdem nicht, finde ich.
    Mich schockieren eher die bescheidenen 3,57 KM Deines letzten runs :-), als dass die Menschen das Internet heute nicht wirklich verstehen und anwenden.
    Das wird eine Generation dauern, wie so häufig bei solchen und massiven Veränderungen.

    Unsere Kinder werden es so machen, wie wir uns das vorgestellt haben, aber nicht früher… glaube ich.
    Olli

    • wegen der 3,57 km: siehe hier http://www.dailymile.com/people/rednix/entries/1215464

      ansonsten: wenn wir so lange warten, bis unsere kinder am drücker sind, haben wir zu viel zeit verloren. :(

    • wie habt „ihr“ euch „das“ denn vorgestellt? wenn keine aussagen, dann keine punkte, die man diskutieren koennte.

    • „ihr“ seid vielleicht eher mit diskussionen beschaeftigt, wer den laengeren run hat.

    • Einen Punkt, den ich vorher in meinen Gedanken nicht beachtet habe:

      Auf was bezieht sich das „Vorne“?
      Vielleicht sollten wir uns einmal Gedanken machen, ueber was wir ueberhaupt reden wollen. Wollen wir ueber das Internet sprechen oder ueber Politik? Ueber technische Aspekte des Internets, ueber die „gesellschaftlichen Potentiale“ des Internets? Oder wollen wir ueber unser Gesellschaftsmodell sprechen? Hat dann das Internet etwas damit zu tun? In welchen Bereichen? Beim Finden eines moeglichst grossen politischen Konsenses? Beim Abgleichen von sozialen Verschiebungen?

      Ich stimme zu, dass eine Diskussion auf breiter Basis wuenschenswert ist, aber dann sollte man sich schon ueberlegen, ueber was man eigentlich redet. Und mit welchem Ziel.

      Diskussionen koennen zum Aufdecken von Differenzen zwischen Meinungen fuehren, und zum Finden eines bestimmten Konsenses, der zwischen den Meinungsverschiedenheiten existiert. Aber dazu ist es notwendig, eine Meinung zu haben. Eine Meinung braucht ein Thema, auf das sie sich beziehen kann.

      Aus dem „Marsch durch die Institutionen“ entnehme ich zumindest, dass es weniger um die „Werkzeug“-Qualitaet des Internets gehen soll, als um ein politisches Thema. Ueber was also wollen wir sprechen: Aussenpolitisches, Innenpolitisches? Demokratie, Wirtschaft? Vielleicht sogar Finanzielles??
      Wenn wir das wissen, dann koennen wir anfangen, Meinungen auszutauschen.

  8. Nico,

    mit Blick auf („allgemeine“) BarCamps sehe ich es ähnlich wie Du – häufig ist es dort mittlerweile ähnlich wie bei einem Klassentreffen, man trifft (vor allem) alte Bekannte. Eine Chance liegt meiner Meinung nach aber durchaus bei thematisch anders/enger ausgerichteten Veranstaltungen. Am vergangenen Samstag fand zum Beispiel das erste IT-Lawcamp statt – und das ist zu einer in meinen Augen sehr guten Veranstaltung geworden (ein paar Zeilen über die Veranstaltung finden sich unter http://www.kriegs-recht.de/das-erste-deutsche-lawcamp-eine-kleine-nachlese/ , falls Du keine Links in den Kommentaren wünscht, dann bitte einfach löschen). Ich hoffe darauf, dass es eine weitere Diversikation in der BarCamp-Landschaft geben wird – hier liegen (immer noch) große Chancen.

  9. Also ich denke ja, dass wir eher mehr Barcamp-Charakter brauchen, aber dann müssen die Politiker auch mehr in die Sessions rein. Denn so wie die Web2.0-Community auf Barcamps um sich kreist, so tun das doch auch Politiker auf Podien. Hinzu kommt, dass durch das Podium das Publikum sehr ausgeschlossen ist.

    Ich denke, die Politiker müssen mehr in kleinere Sessions reingehen (vielleicht auch selbst mal eine anbieten). Dann vermischt sich das auch besser.

    Sicherlich ist aber auch die Barcamp-Kultur in Deutschland verbesserungswürdig. Da wird mehr vorgetragen als diskutiert. Ich habe dies in meinen Sessions versucht zu machen und kann nur sagen, dass es sich gelohnt hat. Aber damit die Schnittstelle Netz-Politik besser funktioniert, müssen eben mehr Politiker anwesend sein.

    Ich würde mir wünschen, dass es mehr und vielleicht auch kleinere und themenbezogene Camps gibt, an der mehr Politiker teilnehmen. Muss ja auch nicht ums Netz gehen.

  10. Es erscheint in der Farbe der Brille, die man trägt.

    Wer die Politik kennt, lacht über Twitter Tweets. Wer aus dem Web 2.0 kommt, lacht über das politische System. Wäre es nicht schön, wenn es ein geselliges gemeinsames Lachen wäre?

    Wir sollten alle unsere Brillen abnehmen und versuchen durch die Brille des anderen die Welt zu sehen. Ich fand das Politcamp super, da ich in vielen Gesprächen die Welt aus einer anderen Perspektive sehen durfte. Vielen Dank, dass ich durch Eure Brille schauen durfte.
    In der Session „Wie weit ist das Internet eine Plattform des Monologs, Dialogs bzw. Diskurs“ wurde mir bewusst, dass im Internet kaum ein politischer Diskurs stattfindet: http://etherpad.com/monolog-dialog-diskurs

    Es liegt nicht an der Technik (Internet) oder Format (BarCamp) sondern schlicht und einfach am Interesse der Kommunikationspartner:

    Monolog bedarf es einen Zuhörer
    Dialog bedarf es Feedback
    Diskurs bedarf das Verstehen des anderen und den Willen gemeinsame Übereinstimmungen zu finden.

    Anstatt Politik zu betreiben – Durchsetzung der eigenen Wirklichkeit -, sollten wir unsere Brillen absetzen und wirklich zuhören und nach Gemeinsamkeiten suchen, wie wir unsere Kräfte bündeln könnten. Wir sollten uns den gemeinsamen Herausforderungen bewusst werden und dann sollten wir in einem Bottom-up-Lernprozess, die unterschiedlichen Wirklichkeiten als Quelle gemeinsamer Innovation zu nutzen.

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