Stuttgart 21 – ich verstehe das alles nicht

Nico —  1.10.2010 — 80 Comments

Ich bin jetzt nicht exakt mit den Feinheiten der Stuttgarter Lokalpolitik vertraut und mein bisher einziger Besuch in Stuttgart liegt lumpige 10 Jahre zurück, doch damals durfte ich auch am Stuttgarter Hauptbahnhof ein- und aussteigen und war beeindruckt von der Häßlichkeit dieses Bauwerks. Irgendwann habe ich dann mitbekommen, daß ein Großprojekt geplant sei, bei dem der Bahnhof unter die Erde verschwinden, die Anbindung an den Bahnhof verbessert werden und noch dazu Platz für einen neuen Stadtteil entstehen würde. Das fand ich bemerkenswert kühn und interessant.

Dann habe ich ganz lange nichts mehr gehört und auf einmal beginnt das Bauvorhaben nach etlichen Jahren Vorbereitung und plötzlich bricht ein Sturm der Entrüstung los, Demonstrationen finden statt und Wasserwerfer werden eingesetzt.

Ich frage mich dabei folgendes:

1. Wenn das Bauvorhaben das Resultat eines politischen Meinungsbildungsprozesses ist, was ich mal vorraussetze, warum kommt dann diese Vehemenz auf einmal? War nicht klar, daß das Projekt auch mal umgesetzt werden würde?

2. Wie ist das mit der schweigenden Mehrheit und der lauten Minderheit? Ist es wirklich so, daß alle gegen Stuttgart 21 sind? Es muß doch auch jemand dafür sein, oder? Sonst hätte man sich das ja nicht ausgedacht.

3. 10 Jahre Bauzeit sind nervtötend, aber wenn man eine Veränderung will, muß man dann das nicht auch mal ertragen können? Inklusive Bäume, die dann vielleicht anders aussehen als jetzt? In München wurde doch auch ewig der Ring untertunnelt und Köln kenne ich auch nicht wirklich ohne U-Bahn-Baustelle.

4. Wo genau ist jetzt der Frontverlauf? Mappus gegen alle? Als Genosse finde ich es natürlich entzückend, daß Mappus gerade extrem Sympathien verliert, insbesondere vor einer Landtagswahl. Allerdings finde ich es nicht in Ordnung, erst einem Projekt zuzustimmen und dann doch für einen Volksentscheid zu sein, weil das besser sein könnte bei der nächsten Wahl. Ich finde Beständigkeit ein ganz cooles Feature, auch in der Politik. Wenn man sich dafür entschieden hat, dann sollte man auch jetzt dafür stehen. Es sei denn, es ist plötzlich alles anders. Ist es das?

5. Sind die Baukosten wirklich zu hoch für ein Projekt, das die Verkehrsanbindung nachhaltig verändert? Ist der Status Quo so super, daß man lieber nichts ändern will? Kommen wir mit weniger wirklich weiter? Oder muß man bei weniger öfter nachbessern und ist dann doch teurer als beim großen Wurf?

Für mich ist die Lage sehr diffus. Ich werde den Eindruck nicht los, daß dort irgendwelche Leute gegen etwas sind, was lange beschlossen wurde und was viele gar nicht mal so doof finden. Aber ehrlich gesagt, ich würde nicht für oder gegen einen Bahnhof auf die Straße gehen. Großprojekte haben nun mal die Eigenschaft, daß sie viel kosten, lange dauern, teurer werden als geplant und dann irgendwann da und egal sind, weil man sich sehr schnell an den neuen Zustand gewöhnt. Jedenfalls habe ich keine Demos in Berlin erlebt wegen des Neubaus des Hauptbahnhofs und des dazugehörigen Verkehrskonzeptes – selbst wegen der viel zu teuren Elbphilharmonie in Hamburg geht niemand auf die Straße. Und warum bitte nehmen Eltern ihre Kinder mit auf Demos, insbesondere wenn es um eine Räumung geht? Das werde ich nie verstehen. Ich hätte viel zu viel Angst vor einer Eskalation, von welcher Seite auch immer.

Also, kann mir jemand mal erklären, was die Aufregung aktuell soll? Geht es nur um die Neupositionierung der Grünen als reaktionäre Partei, oder steckt da mehr hinter?

[ Anmerkung: Bitte spart Euch irgendwelche Verschwörungstheorien, die erklären sollen, warum ich diesen Text geschrieben habe. Da kommt ihr nie drauf. ]

80 responses to Stuttgart 21 – ich verstehe das alles nicht

  1. Die 10 Milliarden, die da verbuddelt werden, können dann leider nicht mehr
    für marode Strassen, Hochschulen oder Kindergärten ausgegeben werden.
    Und wofür ? 10 Minuten schneller nach Ulm ? Das verliert doch jeder 2. ICE jeden
    Tag durch defekte Türen oder “hohes Fahrgastaufkommen”.
    Sich hinter Beschlüssen zu verstecken ist legalistisch. Legitimation
    ist nicht nur der technische Akt sondern eben auch organisch – und diese fehlt.
    ich erinnere an “Hitchhikers Guide” – auch dort gammelte ein Projekt lange in der
    Schublade und sorgte dann für Aufregung… Hier ist es nicht anders – solange
    sich ein Beschluss nicht manifestiert regt sich eben auch kein Widerstand – dies nur an die Adresse derer,
    die sagen, dass man jetzt die Klappe halten solle, wenn man bislang nichts gesagt hätte

    • Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 13:40

      Das Friedlichkeitsgebot ist verletzt, wenn Sitzblockaden den Straftatbestand der Nötigung erfüllen. Verhinderungsblockaden, die nur den Zweck verfolgen, andere Rechtsträger in ihrer Rechtsposition zu beeinträchtigen, genießen nicht den Schutz der Versammlungsfreiheit. Bei ihnen geht es nicht mehr um öffentliche Kundgabe einer gemeinsamen Aussage oder den Einsatz hinnehmbarer Mittel zur Verstärkung dieser Kundgabe, sondern primär um “Selbstvollzug” gewünschter Maßnahmen oder um bloße Schädigung Dritter. Wenn daher in Stuttgart Lastwagen an der Zu- oder Abfahrt gehindert werden, so ist dies rechtswidrig.

    • Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 15:14

      @c_jonas Tolle Idee. Wie die ganzen Straßen die schon im Osten gebaut wurden und die keiner braucht – lebt ja eh keiner mehr dort. Oder fährt damit einfach schneller in den Westen.

  2. zeichenriss 1.10.2010 at 0:38

    Die Fragen sind völlig legitim. Aber: Selbst angenommen es ginge wirklich um nichts anderes als um die “Neupositionierung der Grünen als reaktionäre Partei”: Rechtfertigt das die aktuelle Eskalationsstrategie?

    • Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 13:35

      @zeichenriss Andere Frage: Rechtfertigt das Projekt mittlweile völlig unsachliche “Demonstartionen” die rein auf Schikane ausgerichtet sind? Hier geht es darum, dass viele Rentner mit viel Zeit im Park rumlungern in dem ich in den letzten 10 Jahren kaum welche davon gesehen habe. Jetzt auf einmal sind sie da…

    • zeichenriss 1.10.2010 at 15:56

      @Matthias_Oppenheim Und? Immer drauf auf die Rentner mit Wasserwerfer, Pfefferspray und Tränengas?

  3. Man sagte immer, dass, sollte es zu teuer werden, man eine Bürgerabstimmung machen würde. Man sagte, man würde es dann vielleicht ganz fallen lassen. Nicht passiert. Außerdem gibt es erst in den letzten Monaten viele neue Berichte über das Projekt, welche zuvor hinter verschlossenen Türen gehalten wurden.

    Umfragen in Ba-Wü und Stuttgart zeigen, dass die Mehrheit dagegen ist (bei Letzterem überdeutlich).

    Man kann Veränderug ertragen, aber nicht wenn sie sinnlos ist. Mit Projektalternativen wie K21 ist es auch möglich bessere Verkehrsanbindungen zu schaffen, einen schickeren Bahnhof zu bauen und mehr Wohnfläche zu generieren. Im Prinzip verläuft die Front zwischen Grünen und CDU – der Rest ist längst aus dem Rennen.

    Man will was ändern – wie gesagt – aber günstiger und sinnvoller. Dabei weniger Prestige, mehr Vernunft.

    Die Baukosten steigen übrigens bei jeder Prüfung weiter.

    Viele Grüße
    Marcel Emmerich
    Im Landesvorstand der GJBW

  4. In einem Punkt muss ich die zustimmen: deine lokalen Genossen agieren verlogen und schräg. ansonsten habe ich eher den Eindruck, dass du – aber das sagst du ja selbst – nicht wirklich verfolgt hast, wie dort diskutiert und getrickst wurde. Schade trotzdem, dass du dem Märchen von der Beteiligung so Vorschub leistest. Interessant der Hintergrundartikel in der letzten Zeit: http://www.zeit.de/2010/39/Bahnprojekt-Stuttgart-21

    Lies mal und dann stell neue Fragen ;)

  5. JenniferGabriel 1.10.2010 at 1:08

    Hier ist eine gute Zusammenfassung über die Hintergründe des Projektes, für alle die daran interessiert sind http://www.youtube.com/watch?v=qAkkjWgbDvQ

    • Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 15:13

      @JenniferGabriel Einseitig. Einfach nur einseitig. Und wieso? Weil sich das besser verkaufen lässt. Bad news sind eben die besten News.

  6. MatthiazBohling 1.10.2010 at 1:22

    Zu 1. Die Proteste gab es von Anfang an, fanden damals aber noch kein großes Medienecho. Inzwischen gaben die Stuttgarter Zeitungen zu, dass sie dadurch wissentlich und aktiv Politik betrieben haben.

    Zu 2. Die Mehrheitsverhältnisse sind lt. forsa und infratest dimap genau anders herum als beschreiben. Projektgegner sind mit über 50% landesweit und repräsentativ festgestellt worden. Bitte googeln.

    Zu 3. Frage am Thema vorbei. Es geht nicht um das Thema Baustelle an sich. Auch die S21-Gegner sind für ein Bauprojekt, nämlich für entweder Sanierung des bisherigen Bahnhofs oder auch für die “Kopfbahnhof 21″-Alternative. Es geht auch nicht um anders aussehende Bäume, sondern darum, dass in einer sehr eng bebauten Stadt ein Naherholungsgebiet existiert, das maßgeblich beschnitten werden soll. Momentan gibt es wunderschöne, Jahrhunderte alte Bäume, daraus soll
    aber ein Teletubbieland gemacht werden. Die angeblich 5000 neuen Bäume,
    die versprochen wurden, ersetzen nicht eine einzige der z. B. Platanen, was den Luftaustausch betrifft, denn die Bäume werden demnächst als Setzlinge an die Stuttgarter verschenkt -> Farce. Die alten und damit großen Bäume stehen in Stuttgart unmittelbar neben dem Ort (Neckartor), an der die Feinstaubbelastung bundesweit ohnehin schon am schlechtesten ist. Ohne Bäume wird es noch schlechter werden.

    Zu 4 Ja, es ist alles anders. Diverse neue Informationen sind erst nach den Abstimmungen bekannt geworden. Den Begriff “Lügenpack” erhalten heutzutage aus guten Gründen diverse Politiker sowie Bahnchefs.

    Zu 5 Stuttgart hat derzeit den zweitpünktlichsten Bahnhof Deutschlands. Durch das denkmalgeschütze “Tunnelgebirge” können alle Züge kreuzungsfrei zum Bahnhof gelangen – Das dürfte schwer sein, in Deutschland so überhaupt noch mal zu finden. Verschiedene Hochrechnungen dagegen ermittelten, dass der zu bauende Bahnhof a) weniger leistungsfähig und b) nicht erweiterbar ist.

  7. MatthiazBohling 1.10.2010 at 1:36

    Zum Beispiel hier spricht ein Lügenbaron: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/1153202/Rech:-%22Es-war-keine-Schülerdemo%22
    Er redet wirklich Scheiße. Ich war dort und habe gesehen, was los war. Rech nicht.

    • Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 13:32

      @MatthiazBohling Ich war gestern auch da. Und die Polizei hat mehrfach gesagt dass die Leute Platz machen und gehen sollen. Erzähl hier keinen Käse und bleib sachlich. Das fehlt nämlich mittlerweile bei diesen Demos.

    • MatthiazBohling 1.10.2010 at 14:39

      @Matthias_Oppenheim Was genau stinkt Dir wie Käse?

    • Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 15:10

      @MatthiazBohling Dass es so hingestellt wird, als ob die Polizei aus Langeweile und grundlos Besetzer verprügelt haben soll. Das war de facto nicht der Fall. Und wenn Leute auf einem Kastenwagen der Polizei sitzen und nicht runtergehen wollen und sich wehren hat das nichts mit friedlicher Demonstration zu tun sondern mit bloßem Spaß an Randale und Stören.

    • MatthiazBohling 1.10.2010 at 16:12

      @Matthias_Oppenheim Nichts ohne Grund. Wer behauptet das? Trotzdem ist das Sitzen auf einem Kastenwagen der Polizei nichts, was rechtfertigt, das Menschen geschlagen werden oder mit Wasserwerfern aus Bäumen gespült werden. Ich habe Gewalt gegen nicht gewalttätige Menschen gesehen.

      Davon abgesehen: “Erzähl hier keinen Käse” ist ziemlich am Thema vorbei, wenn Du auf einmal verallgemeinerst (“Dass es so hingestellt wird, als ob die Polizei aus Langeweile und grundlos Besetzer verprügelt haben soll.”) – meinst Du nicht?

      Deine Meinung in allen Ehren, aber bleib bitte selbst sachlich, wenn Du das schon von anderen forderst.

  8. ChristophKappes 1.10.2010 at 7:42

    Dein Lachen auf dem Foto oben sieht ein bisschen spitzbübisch aus :-)

  9. “Ich finde Beständigkeit ein ganz cooles Feature, auch in der Politik. Wenn man sich dafür entschieden hat, dann sollte man auch jetzt dafür stehen.” Das meinst du nicht wirlich, oder?

    Weil man sich vor 20 Jahren für etwas entschieden hat, deshalb machen? Schon gehört? Die Zeiten ändern sich. Vor 20 Jahren waren riesige Büroflächen möglicherweise eine gute Ideen. Aber selbst wenn sich daran nichts geändert hat: Die Schüler die gestern von der Demo verjagt wurden, waren damals nicht am Entscheidungsprozess beteiligt. Wieso sollen sie nun kuschen?

    Ich bin auch nicht der Meinung, dass man grundlegende Beschlüsse so schnell ändert, wie die aktuelle Regierung die Laufzeitverkürzung kassiert ohne (!) dass sich etwas geändert hat. Aber das ist bei Stuttgart 21 anders:

    Aus den 2 Komma irgendwas Milliaren werden wohl mindestens 5 Komma irgendwas Milliarden. Ich denke schon, dass es eine gute Idee ist, darüber noch mal nachzudenken:
    http://gruene-gegen-stuttgart21.de/bundnis-90grune-untersuchung-der-wahrscheinlichen-projektkosten-der-nbs-wendlingen-ulm/129/

    Beschlossen ist in der Politik halt nicht für immer beschlossen. Und wenn du mir so was nicht abnimmst, empfehle ich den hier: http://www.tagesspiegel.de/meinung/man-wird-sich-ja-noch-mal-irren-duerfen/1942632.html

    Außerdem wurde über Stuttgart 21 niemals abgestimmt (ich war mir damals niemals einer Volksabstimmung bewußt) und derzeit haben sich in Baden-Württemberg sogar die Mehrheitsverhältnisse verändert – vielleicht waren die hinsichtlich Stuttgart 21 auch schon immer so ablehnend? Dann ist es doch kein Wunder, wenn beim Abriss dann der Protest sichtbarer gemacht wird. Oder?

    Und über die schweigende Mehrheit. Du schreibst: “Es muß doch auch jemand dafür sein, oder? Sonst hätte man sich das ja nicht ausgedacht.” Also, wenn es reicht, das man sich das ausdenkt, um ein paar Milliarden auszugeben, dann hätte ich auch ein paar Ideen…

    • Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 13:31

      @eric108 Besetzungen dieser Art sind rechtswidrig und die Polizei hat mehrfach die Leute angewiesen zu gehen bzw. Platz zu machen. Das wird nun so hochgespielt, als ob plötzlich die Polizei angefangen aus Jux und Dollerei Leute zu schlagen.

      PS: Ja, ich als Stuttgarter war gestern dort und habe mir davon selbst ein Bild gemacht. Es geht diesen Leuten schon lange nicht mehr um die Sache, die haben sich in etwas reingesteigert!

    • MatthiazBohling 1.10.2010 at 14:58

      @Matthias_Oppenheim So leid es mir tut, aber Du erzählst in Deinem PS Unsinn. (Oder hast Du eine Quelle dafür?) Mir als Stuttgarter geht es sehr wohl um das Projekt Stuttgart 21, deshalb bin ich bisher ich auf die Straße gegangen, deshalb war ich gestern im Schlossgarten und deshalb werde ich es auch heute wieder machen.

      Meinst Du, dass Du mit Deinen Interpretationen sachlich bist? Und keine Stimmung machst?

    • Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 15:08

      @MatthiazBohling Die bste Quelle der Welt für mich: Meine eigenen Augen und Ohren!!

    • MatthiazBohling 1.10.2010 at 16:12

      @Matthias_Oppenheim Ahja.

  10. Die Position der SPD hat sich eigentlich nur bezüglich eines Punktes geändert. Hieß es bisher immer, das Projekt sei durch, unumkehrbar, so hat man nun die Möglichkeit einer Volksabstimmung auf den Tisch gebracht. Was allerdings auch wirklich okay wäre, denn wie anders will man hier eigentlich wieder Ruhe reinkriegen? Jedenfalls nicht durch Wasserwerfer & Pfefferspray. Von daher mag das zwar als “Umfallen” erscheinen, ist aber in Wahrheit ein “learning” aus den zugespitzten Verhältnissen. Vermute, dass da auch das Kalkül dahintersteht, dass die Gegner bei der Volksabstimmung, so wie sie in der Verfassung steht, das nötige Quorum eh nicht schaffen werden. Denn es müssen ein Drittel der Stimmberechtigten für das Anliegen stimmen und das wären fast doppelt so viele wie aktuell für Grün/Links ihr Kreuzchen machen.

    Interessanter ist allerdings die Frage: worum geht es eigentlich bei den Protesten gegen #S21? Keine einfache Antworten, so viel ist klar. Es geht dabei um spezifische Millieus, die es so nur in Stuttgart gibt. Ich nennen sie ja Ökopietisten – eigentlich sehr wertkonservative, modernisierungskritische Leute, die früher CDU gewählt haben, jetzt aber auf die Grünen umschwenken. Den Grünen wiederum geht es vor allem darum, die CDU-Mehrheit zu brechen, zunächst in Stuttgart. Da haben sie sich dieses Projekt ausgesucht, auch getrieben von einem Linksableger (SÖS) und dem Ex-PDS-Landesgeschäftsführer Stöcker. Die Grünen mussten auf diesen Zug aufspringen, teilweise gegen besseres Wissen, was sie natürlich vehement von sich weisen.

    Im Grunde geht es darum: Die Bahn will sich einen neuen Bahnhof bauen. Die Stadt kriegt dadurch ein neues Stadtviertel und der Park wird auch größer. Okay, dafür 10 Jahre Riesenbaustelle und ein paar alte Bäume weg. Sachliche Kritik ist meines Erachtens nur vorgeschoben – für jeden Scheiß findet man Gegen- und Pro-Gutachter. Kann sein, dass die Strategie der Bahn falsch ist, mag das nicht beurteilen. Tatsache ist: Für Stuttgart ist das Projekt gut.

    • @baranek das mit den Ökopietisten ist fein beobachtet, gibt es wohl in der Tat nur hier. Ob deren Haltung aber so schlecht ist?

      Denn zu deinem so fest geschriebenen Schlußsatz (“Tatsache”) – kann man auch ganz anderer Meinung sein. Da muss man gar nicht so sonderliche Themen wie Frischluftaustausch, Mineralwasser etm. bemühen – es langt die blanke Frage was es mir als (Stuttgarter) Bahnkunde bringt in einem Durchgangsbahnhof ein- oder umzusteigen. Wenig, genau. Zudem – die Fahrtzeitverkürzung nach Ulm und München kommt ja im wesentlichen von der Neubaustrecke ab Wendlingen (und die ist Teil des alternativen Kopfbahnhofkonzepts).

      Zuletzt noch zur Position der Grünen – ich bin dort kein Mitgleid aber ich habe in Stuttgart sowohl die Bürgermeisterwahlkämpfe von Schlauch, wie von Palmer mitbekommen. Die Grünen sind IMHO schon ewig gegen das Projekt in der jetzigen Ausgestaltungsform und springen aus meiner Sicht eben nicht auf einen fahrenden Zug auf.

    • Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 13:29

      @baranek Die Volksabstimmung hat keinen Sinn und ist reiner Wahlkampf. Hier wollen Parteien an die Macht und das ist der einzige Grund wieso die plötzlich so aktiv mitmischen.

      Das Projekt wurde von Parteien beschlossen die diese Leute gewählt haben. Wo kommen wir hin wenn alles nach einer Zeit X plötzlich wieder gekippt wird weil ein paar militante Baumfreunde dagegen sind und massiv Stimmung machen?

    • @Matthias_Oppenheim ja wo kommen wir denn da hin – wenn nur vier Energiekonzerne dagegen sind und ganz still und leise den (demokratisch legitimierten) Atomausstieg kippen ? Wo kommen wir nur hin – oh nein …

      Und zu deinem Polemikteil – “ein paar militante Baumfreunde” – kannst du das “paar” belegen, das “militant”, und das “Baumfreunde”?

      So habe ich den Eindruck genau *du* machst hier Wahlkampf mit zackigen Sprüchen.

      ps. und mal ganz sachlich – wenn bei Bürgermeister-, Lamdtags- oder Bundestagwahlen Parteien gewählt werden stehen dem Souverän nur “Bündel” von Standpunkten und Programmen zur Wahl – und S21 ist nun doch nur ein kleiner Teil der darin befindlichen Themen. Aus diesen vergangenen Globalentscheidungen eine Art Freibrief bis zur nächsten Wahl abzuleiten geht mir zu weit, vor allem wenn erst nach den Wahlen die Wahrheiten stücklesweise ans Licht kommen.

    • Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 15:07

      @frogpond Seit zwanzig Jahren fließen Gelder in den Osten. Nun soll mal etwas zurückkommen und schon stehen die Rentner als Front dagegen. Wenn das nicht hier verbaut wird, dann bauen wir einfach wieder neue Straßen im Osten. Damit die Ossis schneller im Westen sind. Wir pumpen alles Geld immer schön rüber in die neuen Länder und vernachlässigen den verkehr hier. Und ob das nun Bahn oder Straßen oder Brückenbau ist spielt keine Rolle.

    • @Matthias_Oppenheim Entschuldigung – aber das ist nun so ziemlich das schwächste Argument was ich in diesem Zusammenhang bisher gehört habe. Quasi direkt aus dem Kimdergarten – “Tante, der da hat und ich will aber auch”.

      Sei dir zudem sicher dass auch die Alternativen zu S21 – so sie nach einer kurzen Gedankpause denn auch angegangen werden – einiges an Kosten verursachen werden. Nur wird dann vielleicht das Nutzen / Kosten Verhältnis etwas besser ausfallen.

      ps. wenn man das nicht merkt, ja, ich bin Ingenieur _und_ BWLer, im Schwaben gemixt wird das ein krasser Hybrid ;)

  11. NicoLumma 1.10.2010 at 9:42

    Ich werde das Gefühl nicht los, daß bei den Grünen eine derartige Vehemenz in die Debatte hereingebracht wurde, weil eine Zusage der CDU nach einem Kuhhandel nicht eingehalten wurde und die Grünen jetzt um ihre Option schwarz-grün fürchtet, was insbesondere die Öko-Konservativen umtreibt.

    • @NicoLumma äh, nee. Enttäuscht über den Wortbruch vielleicht, aber schwarz-grün ist keine Alternative mehr, jetzt wo CDU und Grüne die beiden großen Parteien sind. Hab ich grad was zu gebloggt: http://www.haltungsturnen.de/2010/10/schwarz-grun-ist-am-ende.html

    • @NicoLumma Na ja, um schwarz-grün braucht man nicht mehr bangen. Das ist gelaufen. Derzeit würde es eher nach einem rot-grün mit Juniopartner SPD aussehen. Und Interessanter Hintergrund für dich: Die die Grünen bringen keine Vehemenz in die Debatte sondern waren schon immer gegen Stuttgart 21.

      Es ist natürlich erfreulich, dass die SPD da ihre Position derzeit auch ein bisschen überdenkt ;-)

    • Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 13:36

      @eric108 @NicoLumma Das tut die SPD aus genau einem Grund: Wahlkampf. Und nichts anderes. Und genau sowas kotzt mich an und die Leute sehen es nicht.

    • Alexrittner 1.10.2010 at 15:16

      @eric108 @NicoLumma IMMER waren die grünen noch nicht dagegen… Aber @Eric108, das hast wohl inzwischen auch gesehen, oder magst den link nochmal haben? Wäre dann aber wieder viel zu lesen. Manchmal lohnt sich das, bevor man pauschal so ne Aussage macht von wegen, die Grünen waren schon IMMER dagegen.

    • @Alexrittner @eric108 @NicoLumma @Eric108
      @Alexrittner Nein, dass stimmt schon, die Grünen waren schon immer gegen die Tieferlegung des Bahnhofs in Stuttgart. Das Problem: S21 beinhaltet nicht nur die Tieferlegung des Bahnhofs sondern auch die neue Streckenführung nach Ulm. Das Problem: Das sind zwei verschiedene Dinge! ersteres, die Tieferlegung, ist für die berühmte Magistrale nicht von Bedeutung und als Umbau eines Bahnhofs kein Verkehrsprojekt im eigentlichen Sinne, sondern ein Bauvorhaben der Bahn. Letzteres, die Strecke nach Ulm, (meiner Ansicht nach auch eine Fehlplanung, aber egal) ist Teil der Magistral und ist das S21, was in dem von dir zitierten Text gefordert wurde. Übrigens gibt es nur EU-Mittel für letzteres und im Europaparlement wurde auch nur letzteres abgestimmt, im Gegensatz zu dem was sonst so kursiert (http://www.heide-ruehle.de/heide/fe/pub/de/dct/770) auch was zum Lesen

      Falls du es nicht glaubst, solltest du den von dir geposteten Link ganz durchlesen, da steht dann nämlich:
      “Die Fraktion der CDU/CSU kritisierte an dem Antrag der
      Fraktionen SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN unter anderem,
      dass darin ein Bekenntnis zu dem Schlüsselprojekt
      Stuttgart 21 fehle.”
      oder
      “Die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN erklärte, für sie
      sei das Projekt von großer Bedeutung. Sie bedauere, dass es
      trotz des ehrlichen Bemühens auf allen Seiten nicht gelungen
      sei, sich auf einen gemeinsamen Text zu verständigen. Es
      gebe ein gemeinsames Grundanliegen; dass es nicht zu einer
      Einigung gekommen sei, liege daran, dass die Fraktion der
      CDU/CSU bei den Verhandlungen auf der nicht sachgerechten Forderung bestanden habe, die Bundesregierung aufzufordern,
      TEN-Mittel für das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 zu
      besorgen. Das Projekt Stuttgart 21 sei kein Bestandteil des
      Bundesverkehrswegeplans, da Bahnhofsausbau und -neubau
      Sache des jeweiligen Unternehmens, hier also der Deutsche
      Bahn AG, sei.”

    • Alexrittner 1.10.2010 at 16:19

      @anna_nd @eric108 @NicoLumma @Eric108 : @NicoLumma hat ja auch geschrieben: Die die Grünen bringen keine Vehemenz in die Debatte sondern waren schon immer gegen Stuttgart 21. Einzig und allein darauf hatte ich mich bezogen. nicht auf einzelteile.

    • @Alexrittner @eric108 @NicoLumma @Eric108 es ist aber eben RICHTIG, dass die Grünen schon immer dagegen waren. Einer Tatsache, der du ja zu widersprechen scheinst, oder verstehe ich das flasch?

    • Alexrittner 1.10.2010 at 18:10

      @anna_nd @eric108 @NicoLumma @Eric108 ich hatte das oben schon mal gepostet, aber hier nochmal: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/15/055/1505572.pdf Das war 2005. Ein kleiner Auszug: (…)den Realisierungsablauf des Bahnprojekts Stuttgart 21 nicht in Frage zu stellen, die Maßnahme Wendlingen–Ulm–Augsburg umgehend in Angriff zu nehmen und dabei auch im Abschnitt Ulm–Augsburg für Hochgeschwindigkeit und einen Kapazitätsausbau zu sorgen sowie die für den Ausbau Augsburg–München insgesamt erforderlichen Mittel in das Investitionsprogramm 2004 bis 2008 mit dem Ziel aufzunehmen, spätestens in 2008 die Strecke durchgehend viergleisig in Betrieb zu nehmen und das „Internationale Projekt“ ABS/NBS München–Mühldorf–Freilassing–Grenze Deutschland/Österreich bis spätestens 2015 zu realisieren.(…)

    • @Alexrittner @eric108 @NicoLumma @Eric108
      und gerade das habe ich in meiner obigen ausführung gemeint: Das Bahnprojekt 21 ist eben nicht die Tieferlegung des Bahnhofs in Stuttgart sondern, die Bahnstrecke von Wendlingen nach Ulm, die blöder-(man kann auch zynisch sein und unterstellen kluger-)weise auch S21 heißt….
      dass der Antrag nichts über die Tieferlegung des Bahnhofs sagt und diesen schon gar nicht fordert, siehst du daran (wenn du in deinem link weiterliest), dass da steht, dass die CDU/CSU nicht zugestimmt haben, weil die BEKENNTNIS ZUM SCHLÜSSELPROJEKT S21 (in dem Fall dann die Tieferlegung) FEHLT

    • @Alexrittner @eric108 @NicoLumma @Eric108
      Das die Grünen für einen (sinnvollen) Ausbau der Bahnstrecken sind, und damit auch für die Magistrale (wie in der von die zitierten Bundestagsvorlage), ist, glaube ich, durchaus bekannt. Nur geht die Magistrale auch mit einem Kopfbahnhof, denn bekannterweise sind moderne Züge toll und haben an beiden Seite eine Lok :)

  12. CarmenFesenbeck 1.10.2010 at 9:51

    …und auch in Stuttgart wird aktuell Gartenarbeit gemacht. 25 Bäume älter als Friedrich der Große sind weg, so ein Pack. Für einen Bahnhof des Größenwahns, vergiss das Finanzdesaster der Elbphilharmonie, im Ländle geht es um über 19 Milliarden (!) Euro. Da hört doch der Spaß auf. Diesen Bahnhof braucht kein Mensch, und schon gar kein Schwabe.

    • PatrickMeier 1.10.2010 at 10:07

      @CarmenFesenbeck Es geht eben nicht nur um Stuttagrt. Sorry, diese Haltung ist eher provinziell und hat wenig mit der Rolle Deutschlands im Mittelpunkt Europas zu tun. Wer sich mit den dazugehörigen Verkehrsprojekten auseinandersetz kann auch erkennen, dass es hier einfach um mehr geht.

    • @PatrickMeier @CarmenFesenbeck stimmt, hier sprichst du die so schön tönende Magistrale an, die Möglichkeit in nur 13 h von Paris nach Bratislava (sic!) zu kommen. Und ohne S21 wird Stuttgart vom Bahnverkehr und dem Rest der Welt abgehängt, klar. Macht mir echt Angst, dass ich dann nicht so schnell wie sonst immer nach Bratislava (sic!) komme …

      Im Ernst – prüfe doch bitte die Argumente der “das neue Herz Europas” Protagonisten auf Stichhaltigkeit – aus meiner Sicht ist da viel Wunschdenken dabei.

    • Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 13:26

      @CarmenFesenbeck Du erzählst hier einen Käse, das stinkt zum Himmel. Woher kommen plötzlich 19 Mrd? Richtig, von denen die bei der Wahl in den Landtag wollen und jede Woche erzählt man es kostet noch eine Mrd mehr, damit die Summe immer höher wird. Das ist völlig aus der Luft gegriffen, das ist Wahlkampf der untersten Schulade.

      Und die mit den Bäumen sind das letzte. Hier wegen paar Bäumen rumheulen und dann bei McDonalds danach erstmal essen gehen die für die Burger ganze Wälder roden.

      Grablichter für einen Bahnhof den eine Regierung beschlossen hat die diese Leute gewählt haben. Sorry, aber das reicht mit den Demos und dem Populismus. Hier geht es doch vielen nur noch darum Stunk zu machen und dagegen zu sein! Das ist radikal, unverantwortlichu und kindisch. Nur die Berichterstattung in den Medien ist vor allem eines: Einseitig.

  13. PatrickMeier 1.10.2010 at 9:58

    Es geht doch nicht nur um 10 Minuten schneller in Ulm sein, der Bahnhof und die neue Strecke gehören zu einem gesamteuropäischen Verkehrsplan für die Bahn.

    Die ganz Duiskussion ist auf die Baukosten berechtigt, denn hier wird mit Steuergeldern doch recht großzügig umgegangen, auf der anderen Seite geht es den Stuttgartern plötzlich um Bäume….

    Meiner Meinung nach haben sich die Verantwortlichen richtig entschieden, als es um das Projekt ging, wenn nun einige Schnarchnasen plötzlich feststellen, dass eine recht hohe Anzahl an Bäumen gefällt wird, dann muss ich sagen “Pech gehabt”. Ab und an mal einen Blick in die Tageszeitung geworfen, oder sich mal richtig informiert und plötzlich wäre nicht Weihnachten gewesen.

    Wir brauchen in Deutschland eine schnellere, bessere und günstigere Bahn, wenn wir aber wegen jedem Baum und jeden Molch eine Palatrevolution anstiften, dann werden halt weiterhin Autobahnen gebaut und die Autos rollen von Paris nach Prag durch unser Land, anstatt das die Menschen in einem umweltfreundlichen Verkehrsmittel transportiert werden.

  14. lou_hefner 1.10.2010 at 10:13

    Lesen bildet im Allgemeinen.

  15. CarmenFesenbeck 1.10.2010 at 10:30

    Aufklärung: Es geht nicht um einen Baum, das als Vorlage aufzugreifen und als Grund zu verwenden, ist zu einfach. Schwaben sind praktische Menschen, erklärt man, was Sinn macht, und warum man Opfer bringen muss, wird kapiert. Wenn der Rechtsstaat jedoch keine linksextremen Protestler von Menschen, die gegen den Größenwahn sind, unterscheiden kann, kapiert man das nicht mehr. Versteht jeder, oder?
    Und welche Steuergelder welches Landes sind die nächsten, um den gesamteuropäischen Verkehrplan abzudecken? Ich befürchte doch stark, das es weitere ca. 20 Milliarden im Geldbeutel der Bahn rum liegen.
    Ich erfreue mich am Optimismus der Mitmenschen auf eine günstigere Bahn, hihi.
    Ich bedauere dagegen sehr, dass die Medien vor 10 Jahren nicht bereits so waren, wie sie heute reagieren. Dann wäre Weihnachten schon längst gewesen.

  16. Alexrittner 1.10.2010 at 11:45

    Das hier war 2005!!! und heute will sich niemand mehr daran erinnern. http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/15/055/1505572.pdf

    • @Alexrittner Oha, äh. Was steht denn da alles drin? Ich muss zugeben, dass ich gar nicht immer alle Bundesdrucksachen durchlesen und mir merke. Kannst du mal kurz zusammen fassen?

    • Alexrittner 1.10.2010 at 14:13

      @eric108 Die Antragsteller haben den Antrag eingebracht, die Bundesregierung unter anderem aufzufordern, die deutschen Abschnitte der Eisenbahnmagistrale für Europa in den nächsten Jahren zügig zu einer Hochleistungsstrecke auszubauen, der „Magistrale für Europa“ auch in Deutschland höchste Priorität einzuräumen, Kofinanzierungsmöglichkeiten der EU sowie Vorfinanzierungsangebote des Freistaates Bayern und des Landes Baden-Württemberg zu nutzen, bei den von der Bundesregierung angestrebten zusätzlichen Investitionsmitteln für Schie- nenprojekte das Projekt „Magistrale für Europa“ angemessen zu berücksich- tigen, die Bauarbeiten für den Rastatter Tunnel nicht weiter aufzuschieben, den Realisierungsablauf des Bahnprojekts Stuttgart 21 nicht in Frage zu stellen, die Maßnahme Wendlingen–Ulm–Augsburg umgehend in Angriff zu nehmen und dabei auch im Abschnitt Ulm–Augsburg für Hochgeschwindigkeit und einen Kapazitätsausbau zu sorgen sowie die für den Ausbau Augsburg–München insgesamt erforderlichen Mittel in das Investitionsprogramm 2004 bis 2008 mit dem Ziel aufzunehmen, spätestens in 2008 die Strecke durchgehend viergleisig in Betrieb zu nehmen und das „Internationale Projekt“ ABS/NBS München–Mühldorf–Freilassing–Grenze Deutschland/Österreich bis spätestens 2015 zu realisieren.

  17. Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 13:41

    Das Friedlichkeitsgebot ist verletzt, wenn Sitzblockaden den Straftatbestand der Nötigung erfüllen. Verhinderungsblockaden, die nur den Zweck verfolgen, andere Rechtsträger in ihrer Rechtsposition zu beeinträchtigen, genießen nicht den Schutz der Versammlungsfreiheit. Bei ihnen geht es nicht mehr um öffentliche Kundgabe einer gemeinsamen Aussage oder den Einsatz hinnehmbarer Mittel zur Verstärkung dieser Kundgabe, sondern primär um “Selbstvollzug” gewünschter Maßnahmen oder um bloße Schädigung Dritter. Wenn daher in Stuttgart Lastwagen an der Zu- oder Abfahrt gehindert werden, so ist dies rechtswidrig.

  18. Wegen der Elbphilharmonie geht auch niemand auf die Straße? War nicht gestern wieder so ‘ne Menschenkette am Start?

    Wie auch immer, ich muss dir ausnahmsweise mal Recht geben. Ich finde es zwar auch nicht gut, dass Bäume gefällt werden (Hallo Blankeneser, ihr Spacken!), aber auf der einen Seite wollen die Menschen noch schnellere Computer und noch sexigere iPhones, aber mal einen neuen Bahnhof, da geht man gleich protestieren.

    Gut, der Polizeieinsatz ist eine andere Sache. Kinder, Frauen und Menschen gehören nicht verkloppt von vermummten Hobbynazis. Dennoch sagst Du es schon ganz richtig: Gegen was ist man hier eigentlich? Man ist nicht gegen das Projekt, man ist gegen den Staat. Man liest nur “Minister” und “Millionen Euro”. Alles andere ist primär.

    Und ja, der Bahnhof ist hässlich. Aber das ist die ganze Stadt. Ich war da mal ein Wochenende und außer den Schlossgarten gibt es da nix. Sorry, aber Stuttgart ist so schön wie Rahlstedt im Herbst (flame war, go go!).

    Ich wünschte, die Leute würden mal gegen die Formel 1 protestieren, denn die kostet Unmengen an Kohle (das könnt ihr euch gar nicht vorstellen!!elf!!!), ist absolut sinnlos (wirklich) und tötet auch noch Menschen (Tiere und Wald).

    In diesem Sinne.

    • Und nochwas: Bäume? Wirklich? Die meisten, die gegen die Abholzung protestieren, schicken noch Faxe, drucken sich Boardkarten aus und scheißen 5-lagig! Doppelmoralisten alles.

    • Matthias_Oppenheim 1.10.2010 at 15:00

      @paracuda Du hast auch zuviel vom falschen Stoff geraucht, oder? Hier sind Polizisten für dich Hobbynazis (allein dafür gehört dir ein Verfahren an den Hals) und wenn es die Polizei nicht gäbe wäre Halligalli. Also ich glaub ihr habt echt den A**** offen mit dem was ihr manchmal von euch lasst. Pubertät ist hoffentlich bald vorbei, auch bei dir.

    • Süß.

    • @paracuda Rahlstedt im Herbst ist wunderschön. Ha.

  19. Alle Achtung, kann man sich so in einem Menschen irren?
    Warum solltest Du Angst haben, deine Kinder mit auf eine Demo zu nehmen? Du gehst doch wahrscheinlich sowieso nie wieder auf eine. Ich lese hier offensichtlich einen Artikel eines hedonistischen Bobos, dem der Einsatz der Bürger für Ihre Stadt gegen die Gentrifizierung so fremd erscheint, als käme er von einem anderen Stern. Die Problematik lässt sich auf viele Städte übertragen; Pauli, Altona, Schanze, Karoviertel… Was sollen also diese Fragen?
    Und das von jemandem, der mir mal von einer Hans Albers Romantik seiner so geliebten Stadt vorschwärmte und uns die Flora zeigte…

    Marc

  20. Versuch der Erklärung (oder: “Ein bisschen Stadtgeschichte”):

    Historisch begründet liegt Stuttgart nicht an einem Fluss, sd. in einem Talkessel. Grund: Der dort gegründete Stutengarten des Herzogs vor ca. 1000 Jahren
    Vom Fluß (Neckar) führt(e) aber eine DURCHGÄNGIGE Parkachse, der Schlosspark bis zum Schloss der ehem. württembergischen Könige in die Stadtmitte – und das bis heute.
    Durch das Drehen des Bhfs. um 90° wird diese Parkverbindung zukünftig irreversibel zerschnitten. Daher die gefällten Bäume und diese für Auswärtige schwer zu verstehende massenhafte “Tree-hugger” Mentalität.

    Eine städtebauliche Grundidee der Stadt die seit 1000 Jahren Ihr Erscheinungsbild geprägt hat wird unsensibel und unbegründet aufgegeben.
    (Wer würde eine U-Bahn Haltestelle quer durch den Park von Versailles bauen? oder eine Hochbahn quer durch den Central Park?)

    Alle anderen Gründe gegen S21 zu sein wie explodierende Kosten, fehlende verkehrliche Verbesserung, Schaffen eines neuen Nadelöhrs etc… wurden anderswo schon breit diskutiert.

  21. breitenbach 2.10.2010 at 14:04

    Es geht hier doch längst nicht mehr um ein Sachthema, Nico.

    Es geht darum dass Großteile der Bevölkerung ein Ventil suchen um zu überprüfen wie viel Einflussnahme sie denn auf politische Entscheidungen heute noch haben. Auf der einen Seite wurden saubere demokratische, vom Volk unterstützte Beschlüsse (Atomlaufzeit) auch mal so eben unter der Hand hinweggefegt, nur weil es einige Konzerne gerne möchten und etliche weitere Nadelstiche der letzten Zeit von Bankerboni trotz Rettungsfallschirmen über Hartz5 bis hin zu sonstigen Lobbywunscherfüllungen (Hotellerie, Pharma etc.pp). Auf der anderen Seite sind die Kommunen absolut pleite. Das wirkt sich auf Kultur, Sport und Bildung aus – während man Milliarden in solche Bauprojekte buttert, die sicherlich die Zukunftsfähigkeit des Verkehrs vielleicht einmal sichern, jedoch die aktuellen Bedürfnisse der Bürger mit Füßen tritt. Das führt dazu, dass sich sehr viele Menschen ernsthaft fragen ob sie nicht eher in einer Lobbykratie leben, als in einer parlamentarischen Demokratie.

    Hier geht es nur noch um blanke Emotion, was sich daran messen lässt, dass es um wirkliche Argumente schon lange nicht mehr geht (auf beiden Seiten nicht). Die Politik ist davon überzeugt ihre Interessen auf Gedeih und Verderb durchzudrücken und die Gegenseite leistet entsprechend Widerstand. Es powert sich gegenseitig hoch. Reptilienhirn halt.

    Einziger Ausweg: Mediation. Das würde aber bedeuten für S21: Sofortiger Baustopp, Darlegungen der Pros und Cons und anschließende Bürgerbefragung (egal ob es vorher jetzt seinen rechtmäßigen Weg gegangen ist oder nicht, mit blanker Bürokratie kommen wir in diesem Konflikt wahrlich nicht weiter) Wenn es genügend Menschen gibt, die das Bauvorhaben dufte finden, dann werden auch die mobilisiert sein und geheim darüber abstimmen. Wenn das durch ist ist es durch und Feierabend.

    S21 wird beileibe nicht die letzte politische Meinungsverschiedenheit bleiben, das Vertrauen in den Parlamentarismus ist schwer beschädigt. Entweder Weiterentwicklung des politischen Systems (weil nicht mehr zeitgemäß) oder aber weniger Double-Bind-Kommunikation der Politiker.

  22. Hast Du 15 Minuten Zeit?
    Schau dieses Video an: http://www.youtube.com/watch?v=qAkkjWgbDvQ

    Das dürfte einige Fragen beantworten.
    Grüße

  23. Klartexter 2.10.2010 at 15:52

    Zusammenfassung dieses Textes:

    “Wieso sind denn diese doofen Bürger jetzt plötzlich gegen irgendwas, das von der Politik beschlossen wurden? Da können doch nur diese Grünen dahinterstecken! Und wieso gehen die denn jetzt zu solchen Demos? Das ist doch gefährlich und so, das mit den Demos! Kann mir das mal jemand erklären?”

    Dazu fällt mir irgendwie nichts mehr ein.

  24. videoredaktion 2.10.2010 at 18:56

    Kleine Übung: Denk Dich ins Jahr 2025 und ersetze in Deinem Text “Stuttgart21″ einfach mal durch “Netz-Ident” (=keine Internet-Session mehr ohne staatliches Ident-Verfahren kombiniert mit 90-tägiger Vorratsdatenspeicherung)

    NETZ-IDENT – ICH VERSTEHE DAS ALLES NICHT

    “Ich bin jetzt nicht exakt mit den Feinheiten der Kommunikationswelt und des Datenschutzes vertraut… Für mich ist die Lage sehr diffus. Ich werde den Eindruck nicht los, daß dort irgendwelche Leute gegen etwas sind, was lange beschlossen wurde und was viele gar nicht mal so doof finden. […] Ist es wirklich so, daß alle gegen NETZ-IDENT sind? Es muß doch auch jemand dafür sein, oder? Sonst hätte man sich das ja nicht ausgedacht.”

    C’mon…

  25. MindStoreMedia 2.10.2010 at 22:12

    man nennt es echtzeitkommunikation. nicht die nachricht zählt, sondern die schlagzeile! http://bit.ly/a5rypd

  26. Diesen Satz finde ich problematisch:

    “Und warum bitte nehmen Eltern ihre Kinder mit auf Demos, insbesondere wenn es um eine Räumung geht? Das werde ich nie verstehen. Ich hätte viel zu viel Angst vor einer Eskalation, von welcher Seite auch immer.”

    Mit dem gleichen Argument könnte man auch sagen, dass man Prinzipiell nie auf Demos gehen sollte, weil es ja immer zu Ausschreitungen kommen könnte, und jeder der da ist schon ganz gerne von der Polizei verprügelt werden wolle.

    In Stuttgart existiert derzeit ein starker, lauter, legitimer Protest gegen ein Bauprojekt. Zum Urteil, das vorher nichts dagegen unternommen wurde, kann man auch nur kommen, wenn man sich nicht mit dem Thema beschäftigt hat: es gab seit Jahren versuche auf das Bauvorhaben Einfluss zu nehmen, allerdings wurden diese Versuche bisher immer sehr geschickt verhindert.

    Aber selbst wenn man sich nur die Ausschreitungen der letzten Tage und die Reaktionen darauf anschaut, kann man sich doch ein ganz gutes Bild machen: da gibt es auf der einen Seite Großdemonstrationen, die mit brutaler Gewalt der Polizei niedergeknüppelt werden. Die Politik begründet dieses harte vorgehen dagegen dann damit, dass sie ja Teil der Parlaments seien und jeder der gegen sie sei gegen die Demokratie sein. Ich kann sehr gut verstehen, wie die Wut bei der Stuttgarter Bevölkerung entstanden ist, wenn diese selbstherrliche Grundeinstellung schon davor existiert hat.

  27. Niels_Dettenbach 4.10.2010 at 14:56

    einfach – DANKE für diesen Beitrag!

    Mein Eindruck ist, immer mehr Deutschen finden es auf einmal “hip” (vielleicht in “Anlehnung” an die Proteste 89 in der damaligen DDR) auch mal “politisch” zu sein und es entsteht ein Hype des “gegen alles” sein Wollens.

    Natürlich finden sich weitaus leichter Leute zusammen, die “gegen etwas” sind als die, die sagen was man WIE machen oder verändern sollte – denn spätestens da mu? man selbst die Birne einschalten und da gehen die einzelnen Meinungen weit auseinander – nur die wenigsten Vorschläge sind sachlich wie fachlich überhaupt brauchbar.

    Mich erinnert Stuttgart 21 sehr an meinen Nachbarort “Mühlhausen”. Dort wehrten sich die Bewohner wohl Anfang letztes Jahrhundert wehement (und erfolglos) gegen den Bau eines Bahnhofes / Bahnanschlusses, da man “so neumodischen Kram nicht wolle und brauche”. Viele hatten sogar “Angst” vor der unheimlichen Technik. Mühlhausen liegt wirtschaftlich heute am Boden und gäbe es den Bahnhof nicht, hätte man wahrscheinlich schon längst die Gehsteige hochgeklappt.

    Meinetwegen kann die Bahnlinie auch um Stuttgart herumlaufen – ich habe dort eh nichts vor – fahre dann höchstens “durch”…

    http://www.dettenbach.de

  28. Sehr lustig, dieser Artikel. Von wenig Sachkenntnis und noch weniger Menschenkenntnis getrübt.
    1. Der politische Meinungsbildungsprozess ist das, was er ist, politisch und eben kein bürgerlicher Meinungsbildungsprozess.
    2. Bei Wahlen stimmen die Menschen (zum Großteil) über Parteien oder Personen ab, nicht über einzelne Projekte (dafür müßte man ja die Parteiprogramme etc. lesen).
    3. S21 heute hat doch nichts mehr mit dem ursprünglichen Projekt, das Mitte der 90er entwickelt wurde, zu tun; es hat sich grundlegend verändert, nicht zuletzt die Kosten.
    4. Diese Kosten sind letztlich auch der vehementeste und gerechtfertigste Grund zum Protest, da in einer Krise wie der gegenwärtigen, wo alle Kassen (von der kommunalen bis zur staatlichen) leer sind oder gar enorme Löcher aufweisen, es den Bürgern durchaus zusteht, ihre Steuergelder zu verteidigen.
    Letztlich hat S21 Pech gehabt. Das mit der Krise konnte vor 15 Jahren ja keiner wissen, aber man würde auch kein Haus an den Hang eines gerade ausbrechenden Vulkans bauen, selbst wenn das bereits 15 Jahre in Planung ist.

  29. So junger Mann ;) ich hoffe mit den vielen Kommentaren ist Dir schon ein wenig an Wissen rangetragen worden und Du kannst endlich einige deiner Fragen beantworten.

    Und das beantwortet deine Frage oder deine Annahme, dass hier nicht einfach so plötzlich Bürger auf die Strasse springen und demonstrieren. :) Gegen das Projekt waren von Anfang an viele Menschen. Das darf man nicht vergessen. :)

  30. SaschaPallenberg 14.10.2010 at 10:16

    Die Nummer macht mir langsam aber sicher Angst. Ich verzichte am Dienstag naechster Woche auf einen guenstigen Flug von Frankfurt nach Stuttgart (haben die ueberhaupt nen Flughafen?)und fahre mit der Bahn fuer einen Kurs, der mich auch von Taipei nach Hong Kong oder LA nach New York bringt. Ja, so paradox ist die Welt des Verkehrswesens.

    Auf das kuemmerliche Argument der Steuergelder einzugehen… ach herjeh, wuerde mich nicht wundern, wenn dies sogar von Mitarbeitern der Zulieferer dieses “Projektes” kommt.

    Pflanzt die paar Dutzend Baeume mal Zehn irgendwoanders, reisst diesen potthaesslichen Bau in S endlich ab und tut was. Was ne Jammerei.

    P.S. Das soll nicht heissen, dass ich auch nur ansatzweise mit dem Krisenmanagement und der Polizei-Aktion uebereinstimme. Das war zum kotzen und hochpeinlich!

Trackbacks and Pingbacks:

  1. Ohnmacht, Wut und repräsentative Demokratie | fxneumann · Blog von Felix Neumann - 1.10.2010

    […] glaube ich zu verstehen (nachdem es mir lange wie Nico Lumma ging), warum Stuttgart 21 (im Vergleich mit Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Zukunft der Atomkraft, […]

  2. und zum Thema #S21 nur dieser Link | Feinmotoriker - 1.10.2010

    […] #S21 nur dieser Link Hier Bedarf es keinen weiteren Kommentaren, so treffend wie die Sache von Nico Lumma hier beschrieben wird. Da kann ich nur […]

  3. Yiid: Eine vielversprechende Transformation » netzwertig.com - 4.10.2010

    […] sowohl ihr Gefallen als auch ihr Missfallen rund um Onlinecontent ausdrücken können (siehe z.B. hier unter dem Artikel). Der Service aus Weinheim südlich von Frankfurt positionierte sich […]

  4. Upcoming: Webmontag Stuttgart, #s21 Randbemerkungen » frogpond - 4.10.2010

    […] immer wieder Stellung genommen, bspw. in den Blogs von Felix Neumann, mspr0, Martin Hiegl und Nico Lumma. Der geneigte Leser könnte sich nun aus meinen (langen) Kommentaren dort ein Bild meiner […]

  5. bessrblog » Stuttgart 21 auf den Punkt gebracht - 4.10.2010

    […] via Stuttgart 21 – ich verstehe das alles nicht | Lummaland. […]

  6. Social Media im Kampf um Stuttgart 21 - 5.10.2010

    […] zum Thema. Felix Neumann habe ich bereits erwähnt, außerdem haben Michael Seemann oder auch Nico Lumma lesenswerte Beiträge zum Thema […]

  7. Violett! – Magazin | LifeStyle, Stars & More - Yiid: Eine vielversprechende Transformation - 6.10.2010

    […] sowohl ihr Gefallen als auch ihr Missfallen rund um Onlinecontent ausdrücken können (siehe z.B. hier unter dem Artikel). Der Service aus Weinheim südlich von Frankfurt positionierte sich […]

  8. Wie uns geschieht | NeueWerbung - 29.10.2010

    […] Befürchtung, das Protest reaktionär zu werden droht Aufschluss bietet [hier und hier zu lesen]. Transformation ist für jeden Lebensbereich und für einen jeden von uns […]

Los, kommentier das mal!