Ich bin jetzt nicht exakt mit den Feinheiten der Stuttgarter Lokalpolitik vertraut und mein bisher einziger Besuch in Stuttgart liegt lumpige 10 Jahre zurück, doch damals durfte ich auch am Stuttgarter Hauptbahnhof ein- und aussteigen und war beeindruckt von der Häßlichkeit dieses Bauwerks. Irgendwann habe ich dann mitbekommen, daß ein Großprojekt geplant sei, bei dem der Bahnhof unter die Erde verschwinden, die Anbindung an den Bahnhof verbessert werden und noch dazu Platz für einen neuen Stadtteil entstehen würde. Das fand ich bemerkenswert kühn und interessant.
Dann habe ich ganz lange nichts mehr gehört und auf einmal beginnt das Bauvorhaben nach etlichen Jahren Vorbereitung und plötzlich bricht ein Sturm der Entrüstung los, Demonstrationen finden statt und Wasserwerfer werden eingesetzt.
Ich frage mich dabei folgendes:
1. Wenn das Bauvorhaben das Resultat eines politischen Meinungsbildungsprozesses ist, was ich mal vorraussetze, warum kommt dann diese Vehemenz auf einmal? War nicht klar, daß das Projekt auch mal umgesetzt werden würde?
2. Wie ist das mit der schweigenden Mehrheit und der lauten Minderheit? Ist es wirklich so, daß alle gegen Stuttgart 21 sind? Es muß doch auch jemand dafür sein, oder? Sonst hätte man sich das ja nicht ausgedacht.
3. 10 Jahre Bauzeit sind nervtötend, aber wenn man eine Veränderung will, muß man dann das nicht auch mal ertragen können? Inklusive Bäume, die dann vielleicht anders aussehen als jetzt? In München wurde doch auch ewig der Ring untertunnelt und Köln kenne ich auch nicht wirklich ohne U-Bahn-Baustelle.
4. Wo genau ist jetzt der Frontverlauf? Mappus gegen alle? Als Genosse finde ich es natürlich entzückend, daß Mappus gerade extrem Sympathien verliert, insbesondere vor einer Landtagswahl. Allerdings finde ich es nicht in Ordnung, erst einem Projekt zuzustimmen und dann doch für einen Volksentscheid zu sein, weil das besser sein könnte bei der nächsten Wahl. Ich finde Beständigkeit ein ganz cooles Feature, auch in der Politik. Wenn man sich dafür entschieden hat, dann sollte man auch jetzt dafür stehen. Es sei denn, es ist plötzlich alles anders. Ist es das?
5. Sind die Baukosten wirklich zu hoch für ein Projekt, das die Verkehrsanbindung nachhaltig verändert? Ist der Status Quo so super, daß man lieber nichts ändern will? Kommen wir mit weniger wirklich weiter? Oder muß man bei weniger öfter nachbessern und ist dann doch teurer als beim großen Wurf?
Für mich ist die Lage sehr diffus. Ich werde den Eindruck nicht los, daß dort irgendwelche Leute gegen etwas sind, was lange beschlossen wurde und was viele gar nicht mal so doof finden. Aber ehrlich gesagt, ich würde nicht für oder gegen einen Bahnhof auf die Straße gehen. Großprojekte haben nun mal die Eigenschaft, daß sie viel kosten, lange dauern, teurer werden als geplant und dann irgendwann da und egal sind, weil man sich sehr schnell an den neuen Zustand gewöhnt. Jedenfalls habe ich keine Demos in Berlin erlebt wegen des Neubaus des Hauptbahnhofs und des dazugehörigen Verkehrskonzeptes – selbst wegen der viel zu teuren Elbphilharmonie in Hamburg geht niemand auf die Straße. Und warum bitte nehmen Eltern ihre Kinder mit auf Demos, insbesondere wenn es um eine Räumung geht? Das werde ich nie verstehen. Ich hätte viel zu viel Angst vor einer Eskalation, von welcher Seite auch immer.
Also, kann mir jemand mal erklären, was die Aufregung aktuell soll? Geht es nur um die Neupositionierung der Grünen als reaktionäre Partei, oder steckt da mehr hinter?
[ Anmerkung: Bitte spart Euch irgendwelche Verschwörungstheorien, die erklären sollen, warum ich diesen Text geschrieben habe. Da kommt ihr nie drauf. ]
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