Auch 2011: digitale Hilflosigkeit

Nico —  11.01.2011 — 51 Comments

In Deutschland werden haufenweise Debatten geführt, die irgendwie das Internet als Thema haben. Aber eigentlich geht es gar nicht primär um das Internet. Es geht um Hilflosigkeit.

Viele handelnde Akteure in Politik und Wirtschaft versuchen gerade, irgendwie das Internet zu zähmen. Es urbar zu machen. Es in einen bestehenden Rahmen zu pressen. Einen Rahmen, den man kennt und verstanden hat.

Eigentlich müßte man jeden einzelnen dieser verzweifelten Menschen auf den Schoß nehmen, sanft die Haare hinters Ohr streichen und dann zuflüstern: “Das wird nichts, echt nicht! Du kannst das Internet nicht in Dein bestehendes Schema hereindrücken, Du kannst nicht bestehende Lösungen für das Internet versuchen zu adaptieren. Du mußt neu denken. Völlig neu. Und leider auch vieles Tradierte über Bord schmeissen! Das Internet ist eine massiv disrupte Kraft, die ungeahnte Umwälzungen mit sich bringt und die meisten sind irreversibel. Aber das ist alles gar nicht so schlimm, Du mußt nur über völlig neue Wege nachdenken. Du schaffst das! Hier hast Du einen Lolli!”

Aber dann stelle ich fest, daß wir uns im Jahr 2011 befinden und echt nicht mehr die Zeit haben, all den beratungsresistenten Entscheidern da draußen zu erklären, was im Internet geht und was nicht! Echt nicht. Macht weiter sinnlose Gesetze, preist Radiergummis an, hofft auf iPad-Apps, anstatt auf gute Inhalte zu setzen, macht Euch im Wochenrhythmus erneut lächerlich, wir versuchen währenddessen, das Schlimmste zu verhindern.

Das Internet ist anders. Digital ist anders. Wir sind mitten in einer massiven Entwicklung, die unsere Gesellschaft verändert, die Wirtschaft vor große Herausforderungen stellt und massive Auswirkungen auf die Arbeitswelt hat. Das Internet hat ein enormes Momentum. Während gesetzliche Rahmenbedingungen wichtig sind, müssen wir dieses Momentum nutzen, um die Potentiale für uns zu erschließen und zu nutzen. Eine Rückkehr zum status quo ante ist nicht mehr möglich, egal wie sehr die Besitzstandswahrer anstellen, dafür ist die disruptive Kraft des Internets, bestehende Strukturen zu verändern, viel zu stark.

Geht endlich neue Wege, bevor wir in Deutschland komplett den Anschluß verlieren und zum Entwicklungsland der Zukunft werden, nachfolgende Generationen werden es Euch danken.

51 responses to Auch 2011: digitale Hilflosigkeit

  1. Wunderbare Zuflüsterei! :D

  2. SaschaStoltenow 12.01.2011 at 9:41

    Fast richtig, aber nicht das Internet hat Momentum, Akteure haben Momentum, und dazu gehören auch Corporates. Und die haben hinreichend Gründe, vorsichtig zu agieren. Auch, weil es immer noch genug Menschen außerhalb der digitalen Blase gibt.

  3. Wahre Worte. Da müssen wir aber ganz schön viele Lollis verteilen.

  4. Ach komm! Dieses Webzeugs ist halt nun mal ein riesen Ding und ändert verdammt viel. Und wenn das nicht zu einer gesellschaftlichen Diskussion (und die kann halt nun mal zwischen den einen und den anderen stattfinden) führen würde, was dann?
    Ich finde diese Meta-Haltung “Hey, ihr Deppen da draußen, ihr habt alle keine Ahnung deshalb seid ihr bescheuert” ziemlich arrogant.
    Natürlich hat 95 % der Bevölkerung (oder mehr?) weniger Ahnung davon als wir Leute, die jeden Tag damit zu tun haben und deshalb stochern sie auch in Fettnäpfchen herum. Ich könnte mich auch wegschmeißen, wenn ich von digitalen Radiergummis und Leistungsschutzrechten höre.
    Aber die Haltung “Ihr blöd, ich klug. Deshalb gilt nur, was ich sage”, ist da wenig hilfreich.
    Hilfreicher wäre es wohl, auch mal den Leuten (die Bedenken und Ängste z.B. um ihren Job haben) erstmal zuzuhören – und nicht im Twttter-Stakkato gleich mal für blöd zu erklären.

    Das würde die Diskussion sicherlich schneller weiter bringen, als dieses Rumgehacke.

    Sorry.
    eric

  5. Irgendwie widersprichst du dir selbst: Einerseits ist keine Zeit mehr da, um “all den beratungsresistenten Entscheidern da draußen zu erklären, was im Internet geht und was nicht! Echt nicht.” Im letzten Absatz schreibst du dann aber: “Geht endlich neue Wege, bevor wir in Deutschland komplett den Anschluß verlieren und zum Entwicklungsland der Zukunft werden, nachfolgende Generationen werden es Euch danken.” Ja was denn nun?

    Angesichts der Tatsache, dass die “beratungsresistenten Entscheider” eben das tun werden, was ein Entscheider so macht – Dinge entscheiden – bleibt ja gar keine andere Option, als jedem von ihnen in einem langwierigen Prozess zu erklären, was wie wo warum funktioniert und was eben nicht. Warum Netzsperren eine schlechte Idee sind. Warum Wikilieaks für eine offene, seinen Bürgern gegenüber verantwortlich handelnde Regierung keine große Gefahr sein dürfte. Warum ein digitales Radiergummi ein verzweifelter Versuch des Festhaltens am Status Quo ist – und aufgrund diverser Unzulänglichkeiten der Umsetzung und vor allem aufgrund der Beschaffenheit des Netzes zum Scheitern verurteilt ist.

    Da die wichtigsten Entscheidungen zum Internet (mindestens!) mittelfristig größtenteils von Menschen getroffen werden, die nicht so viel Ahnung vom Netz haben, wie “wir” es uns gerne wünschen, sollte doch beständige Beratung und beständiges Einbringen in politische Prozesse der Königsweg sein. Das dauert, das ist mühsam und natürlich schwieriger, als meinen Twitter-Followern und Facebook-Freunden mit drei Tweets die Inkompetenz der Politiker unter die Nase zu reiben (und ja: Das macht auch Spaß.). Aber es ist wohl oder übel nötig. Oder liege ich da ganz falsch?

    • SaschaStoltenow 12.01.2011 at 11:29

      @Markus Serh schön, und manchmal habe ich das Gefühl, dass einige, die so viel Ahnung vom Netzt haben (oder es behaupten) ganz wenig Ahnung von Menschen haben. Was wir für die Datenautobahn aber brauchen, sind nicht nur Straßenbaumeister, sondern Leute, die darauf fahren können.

  6. SaschaStoltenow 12.01.2011 at 10:22

    Hier noch ein interessanter Beitrag zur angeblichen Verbreitungsgeschwindigkeit des Internet. Und siehe da, es ist vielleicht doch nicht so anders als andere Medien: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/medien/ein_geruecht_geht_um_die_welt_1.9055992.html

    Bevor wir uns also über vermeintliche Beratungsresistenz echauffieren (und es ist nicht beratungsresitent nicht zu machen, was u.a. Nico Lumma sagt, sondern möglicherweise sogar klug), müssen wir die Argumente prüfen.

  7. CarstenDobschat 12.01.2011 at 10:30

    Ach was, dieses Internet-Dingens ist doch nur eine Modeerscheinung und geht ganz sicher bald wieder weg ;)

  8. Vollkommen richtig: das Internet hat viele disruptive Veränderungen nach sich gezogen und wird das auch in Zukunft tun. Andererseits gibt es Tendenzen, die die “Zähmung”, also das was Du verneinst, gelingen lassen. Dadurch verliert Deutschland zunehmend den Anschluss bei den richtungsweisenden Entwicklungen.

    Erster Grund hierfür ist das Internet-Nutzungsverhalten der Deutschen. Es wird von der Angst bestimmt, zuviele Daten von sich preiszugeben. Und Medien und Politik gelingt es diese Angst geschickt für sich zu instrumentalisieren. Darüber hinaus herrscht hierzulande eine große Skepsis gegenüber der Privatwirtschaft, welche die Entwicklung nun mal vorantreibt und bestimmt (Stichwort: Google Street View). Beide Punkte verhindern, dass deutsche Unternehmen richtungsweisende Innovationen im Internet prägen (sofern diese nicht technischer Natur sind). Es fehlt schlicht das Ökosystem.

    Zweites Problem: das Medium Internet ist längst ein Medium der Massen, deren Verhalten die Trends bestimmt. Diese Mehrheit liest weiterhin Bild, schaut – seit neuestem – auf ihr Facebook Profil und widmet sich anschließend der Frage, wo am Abend die besten Filme laufen (sei es Online oder im TV).

    Wenn Du beides zusammenfasst, siehst Du, dass die kritischen Stimmen der von Dir beschriebenen Entwicklung immer weniger Gehör finden. Die Vordenker des Internets agieren zunehmend unter sich, während Axel Springer die allgemeine Meinung bestimmt.

    Von da aus ist es für Wirtschaft und Politik nur ein kleiner Schritt, das Medium in genau den Rahmen zu zwängen, den Du verneinst. Diese Unterwerfung beginnt bei der um sich greifenden Zensur und endet bei der Netzneutralität.

    So traurig es ist: Von wenigen Ausnahmen abgesehen wird Deutschland kaum über den Status eines Entwicklungslands in Sachen Internet hinauskommen.

  9. Mehr als treffend … sitz gerade vor meinem computer und versuche mit meinem Radiergummi die Bildschirminhalte zu löschen, geht leider nicht :)

    • @a_kupfi Du doof! Das geht doch nur mit Tipp-Ex! ;-)

    • @Fischblog Na hätt ich das mal früher gewusst, jetzt ist mein ganzer Bildschirm zerkratzt. Aber gut, vielleicht hat es ja so auch Google Streetview mit der “Unkenntlichmachung” einiger Bildinhalte gemacht :)

    • @Fischblog Übrigens, in wenigen Tagen auch ein Blogeintrag von mir über Facebook – (un)endliche Geschichte. Kommentar erwünscht, Link folgt per Twitter.

  10. IN 1995 war es falsch, und IN 2011 ist es immer noch falsch “in” vor das Jahr zu setzten!

    Wenn du es unbedingt betonen willst, dann mach es wie im Text, und schreib “Auch im Jahr 2011: Digitale Hilflosigkeit” oder – noch besser, lass es einfach sein und schreib “Auch 2011: Digitale Hilflosigkeit”

    LG – und bitte nicht falsch verstehen – ist kein persönlicher Angriff – aber es ist einfach nicht schön und vor Allem hört es sich scheiße an.

    • @Miro hmm. na gut.

    • FlorianSchmitt 12.01.2011 at 13:13

      @Miro Diese krude (englische!) “in”-Präposition bei Jahreszahlen bekommen wir täglich von Journalisten, Werbetextern und selbst Tagesschausprechern falsch vorgebetet.

      Aber gut, dass es zumindest einer noch merkt. :)

    • @FlorianSchmitt @Miro ich habe es auch mal geändert, will ja nicht als beratungsresistent gelten :)

  11. Im Spiegel steht, dass im Internet nur Daten gesammelt werden!

  12. Steffenster 12.01.2011 at 12:14

    Auch in 2011 ist das Social Web kein Allheilmittel für die Top-Down-Kommunikation. Von daher alles nichts Überraschendes. Die Lollis brauchen wir für die Influencer an denen sich die Entscheider orientieren.

  13. StefanHennewig 12.01.2011 at 12:17

    Also ich finde den Hinweis von @Markus zutreffend.

    Und, @a_kupfi und @Fischblog, es geht – hoffentlich auch in Nicos Artikel – um dieses Radiergummi: http://www.x-pire.de/index.php?id=80

    Könnt Ihr immer noch doof und uncool finden, ist aber ein recht innovatives Stück Technik. Auf jeden Fall greifen die Witze über Tipp-Ex und zerkratzte Bildschirme für meinen Geschmack echt zu kurz.

    • @StefanHennewig ich glaube nicht, dass das x-pire Radiergummi irgendwie sinnvoll einsetzbar ist, da die technische Lösung viel zu kompliziert ist.

    • @NicoLumma @StefanHennewig Jep, siehe dazu insbesondere Netzpolitik (http://www.netzpolitik.org/2011/zum-vergessen/), da wird die Lösung argumentativ schön als das dargestellt, was sie ist: Unbrauchbar.

    • StefanHennewig 12.01.2011 at 14:05

      Mir geht es nicht um das spezielle Produkt. Das ist sicherlich noch verbesserungswürdig (ist auch als Beta bezeichnet).

      Aber noch vor sechs Monaten hat die Netzgemeinde (wir? ihr?) gerufen: “Digitales Radiergummi? Was für ein blödsinniger Vorschlag der Politiker! Das kann es im ach so digitalen Internet doch gar nicht geben. Nehmt doch gleich Tipp-Ex.” usw.

      Und kein halbes Jahr später geht die Debatte schon darum, ob die vorgestellten Techniken geeignet sind oder wie sie verbessert werden könnten. (keine zentrale key Speicherung, alternative Browser, etc.)

      Und die Netzgemeinde (wir? ihr?) bleibt bei den Tipp-Ex-Witzchen
      :-(

      (Nein, ist nicht ganz richtig. Ich sehe gerade, dass im von @Markus verlinkten Text auf netzpolitik.org zu einer verpflichtenden gesetzlichen Regelung aufgerufen wird … mmmhhh … wenn das Frau Aigner geschrieben hätte …)

    • @StefanHennewig @Markus Aber wozu genau braucht man so ein Radiergummi denn? Können wir erstmal die konkreten Probleme benennen, bevor wir seltsame Lösungen rauskramen? Und wie soll ich überhaupt Millionen von Verfallsdaten kognitiv verwalten? Woher weiss ich heute, was ich in 3 Jahren gerne noch online hätte und was nicht. Und warum stelle ich es dann überhaupt online? Und problematische Inhalte werden dann halt per Screenshot weiter archiviert, ergo eine falsche Sicherheit, in der man sich dann wiegt. Denn DRM klappt halt nicht, das ist doch nun wohl zur Genüge bewiesen, oder?

      Das Umgekehrte ist eher das Problem: Daten verschwinden, hier macht ien Startup zu, dort hat jemand ein Backup verloren. Daten, die mir wichtig sind, wo ich mich auf jemand anderen verlassen muss, dass sie erhalten bleiben. Dies ist ein echtes Problem! Hier wäre eher ein Feld für die Politik. Bringt z.B. Data Portabiliity voran. Aber auch dann bitte nicht als Gesetz, sondern als Ansporn!

    • StefanHennewig 12.01.2011 at 15:20

      @mrtopf @Markus Ich brauche keines, Du wahrscheinlich auch nicht. Aber wenn es doch der ein oder andere haben will … warum nicht? Warum muss das hier von @NicoLumma und in den Kommentaren heruntergemacht werden (technische Kinderkrankheiten außen vorgelassen)? Nur, weil es nicht dem Mainstream der digitalen Avantgarde entspricht?

      Ich plädiere ja auch nicht für eine gesetzliche Verpflichtung (das war netzpolitik.org) sondern am Beispiel des digitalen Radiergummis dafür, sich nicht immer so abgehoben zu gebärden. Alles, was nicht den eigenen Interessen entspricht, sondern vielleicht eher die digital imigrants oder digital visitors bewegt, in Bausch und Bogen zu verdammen oder lächerlich zu machen.

      Das nervt und hilft nicht weiter.

    • @StefanHennewig hmm. Du versiehst ein Bild mit einem Nutzungsenddatum. Jemand sieht das Bild, macht einen Screenshot, packt es ins Netz, vertaggt es, damit es gefunden wird. Dein Bild verschwindet, die digitale Kopie besteht weiter. Du denkst, alles ist gut, in Wirklichkeit hast Du nix erreicht, Dein Bild ist immer noch online.

      da sehe ich mehr als nur technische Kinderkrankheiten.

    • @StefanHennewig @Markus @NicoLumma Aber wer fragt denn danach? Durch diese ganzen Diskussionen, dass man so etwas brauchen könnte (und die Märchen von den Saufbildern, die einen den Job kosten), wird doch nur wieder Panikmache betrieben. Umso skeptischer geht man dann mit dem Internet um, denn man hört ja dauernd, wie böse das alles ist. Das bringt uns aber nicht weiter.

      Auch ist das doch wieder von Placebo. Dauernd wird hier Sicherheit vorgegaukelt, wo keine ist. Besser wäre, zu untersuchen, was für Gefahren wo lauern und diese dann zu beheben und über diese aufzuklären. Stattdessen wird pauschal suggeriert, dass alles, was man ins Internet stellt, potentiell gefährlich ist. Das ist es aber nicht. Die positiven Auswirkungen überwiegen in den allermeisten Fällen. Wo wird dies mal von der Politik thematisiert? Wo wird mal erklärt, wie man Facebook und Co. auch dazu nutzen kann, nen Job zu bekommen? Oder durch Bloggen oder oder oder.

      Und der Radiergummi bleibt deswegen auch eine dämliche Idee, weil er nämlich einfachst umgangen werden kann und die Saufbilder dann halt doch nicht weg sind, die von anderen Leuten hochgeladenen schon eh nicht. Das geht nur in eine Welt mit Komplettkontrolle über alle Datenströme, die ja auch suggeriert wird. Vor dieser Welt aber graut mir.

      Die Gesellschaft muss lernen, mit diesen Informationen umzugehen und ich sehe wenig Anzeichen dafür, dass dies nicht auch gelingt.

      Radiergummi-Lösungen dagegen bewirken eher das Gegenteil. Für mich sieht das auch eher wie Wirtschaftsförderung für dieses eine Unternehmen aus. Bewirbt Frau Aigner meine Produkt dann bald auch?

    • StefanHennewig 12.01.2011 at 16:47

      @NicoLumma Wer sollte all diese Screenshots von den Miriaden Bildern machen? (o.k. vielleicht Jens B. wenn er mit den verpixelten Häusern fertig ist … aber selbst er wird an Kapazitätsgrenzen stoßen :-) Im Ernst: Klar kann das passieren, muss aber nicht.

      Und die Unterstellung, die Nutzer würden nicht an die Möglichkeit von Screenshots oder sonstigen Kopien denken, zahlt eher auf den von mir und anderen kritisierten Punkt ein.

      @mrtopf Wenn nur Dinge entwickelt würden, für die bereits eine Nachfrage besteht, sähe nicht nur die Brot-Theke beim Bäcker langweilig aus.

      Lasst uns doch mal ein paar Monate abwarten.
      Mal schauen, ob das Spin-Off dann pleite oder an der Börse ist.

    • @StefanHennewig “Klar kann das passieren, muss aber nicht” Exakt das ist ja die suggerierte Sicherheit, die einfach nicht vorherrscht. Ich finde es allein schon vollkommen unverständlich, dass ein Universitäts-Professor scheinbar kognitiv nicht willens (da sicherlich in der Lage) ist, grundsätzliche Mechanismen der digitalen Welt (namentlich die digitale Kopie) in einer solchen Lösung mitzudenken – und dabei zu erkennen, dass er sinnfreie Aktionismus-Software erstellt.

      Das Problem ist eben: Solche halbgaren, nicht durchdachten Lösungsansätze führen zu nichts. Ob es nun ein Stopschild oder ein bezahltes Browser-Plugin ist: Statt Tätigkeiten vorzutäuschen, sollten die entsprechenden Probleme lieber fundiert diskutiert werden. Da gibt es genügend Felder, wie ja @mrtopf schon ganz richtig anspricht. Data Portability, Netzneutralität, das Urheberrecht, Open Data, Open Access,…

      Was diese Felder aber immer gemeinsam haben: Dadurch, dass wir uns nun einmal in einem weiten, neuen Feld befinden, sind Problemlösungen zumeist langfristig angelegt:
      * Förderung der Medienkompetenz bei Kindern, Eltern, Lehrern, Politikern,…
      * Eine fundierte Debatte über das Urheberrecht auf Basis der Gegebenheiten des Internets (die digitale Kopie wird nicht verschwinden.)
      * Ansätze im Bereich Open Data – wenn es denn da überhaupt die Bereitschaft gibt, so etwas zu fördern…
      * Als Aufhänger der Streetview-Debatte die Frage, wo Öffentlichkeit/Privatsphäre beginnt – und wieviel von beidem jeder ertragen kann bzw. benötigt.

      Eine destruktive Haltung des Besitzstandwahrens, des Verhinderns und Zurückschraubens von Entwicklungen wird immer in Sisyphos-Arbeit ausarten, die weder pragmatisch, noch erfolgsversprechend sein kann.

    • @StefanHennewig ach, das kann man locker automatisieren und als projekt auf eine server-farm packen, dazu die bildunterschriften und tags ebenfalls mitsichern und schon ist das radiergummi komplett unsinnig. plattenplatz und rechnerleistung kostet heutzutage nix mehr.

    • StefanHennewig 12.01.2011 at 18:00

      @NicoLumma @Markus @mrtopf

      o.k. ich versuche es noch mal. Da alle so gerne mit einem Beispiel kommen nehme ich das hier: Ich baue ein Haus um und biete es gleichzeitig zum Verkauf an (auf diversen Plattformen).
      Wann das Haus gekauft wird, ist mir egal. Alte Bilder sollen aber nach Möglichkeit nicht zu sehen sein, sondern stets der aktuelle Baufortschritt. Also versehe ich die eingestellten Bilder mit einem Verfalldatum.
      Und aus unerfindlichen Gründen, nutze ich dazu ein digitales Radiergummi der zweiten Generation. Sehr praktisch!Und auch ziemlich egal, wenn dann auf Nicos Plattenplatz-Projekt die Bilder samt tags und Unterschrift kopiert sind, da der angepasste Google-Algorithmus das bestimmt als “digitale Müllhalde” ausblendet ;-)

      Einfach Neuheiten mal eine Chance geben und nicht an jeder Kleinigkeit verkämpfen. Das digitale Radiergummi ist sicher nicht das entscheidende Projekt, sondern allenfalls ein Bausteinchen.

      Die von @Markus aufgelisteten Themen zeigen ja die Spannbreite. Und diese Themen sind ja auch intensiv in der Debatte. Open Data z.B. ist ein sehr spannendes Thema für die Politik und wird in vielen Parteien (zumindest in weiten Teilen der CDU) als Chance gesehen; die Medienkompetenz-Förderung (mit Blick auf das Internet) läuft in Deutschland bereits seit Ende der 90er Jahre mit staatlicher Unterstützung! …

      Es ist halt nicht nur so, dass viele Politiker erst jetzt das Netz entdecken.
      Es stimmt eben auch, dass weite Teile des Netzes erst jetzt die Politik entdecken.

    • @StefanHennewig @NicoLumma @mrtopf Ersetze im letzten Absatz “entdecken” durch “verstehen”. Das ist das Problem. Auf beiden Seiten ;-)

    • @Markus @StefanHennewig @NicoLumma

      Es kann durchaus Szenarien geben, bei denen diese Technologie weiterhilft. Z.B. immer dann wenn ich über das Web etwas ausleihen oder verleihen will. Betrachtet es doch einmal als neue Idee eines Gründers und schaut, was man damit machen kann ohne an den politischen Zusammenhang oder Reglementierung zu denken.

      Als “digitales Radiergummi”, als Mittel Saufbilder aus sozialen Netzwerken zu bekommen, taugt es sicher nicht. Vielleicht hat der Prof aber auch nur eine Plattform gesucht, seine Idee bekannt zu machen?

      Noch nebenbei zu Stephans Beispiel: Leider verstehe ich es nicht. Wenn ich Käufer dieses Immobilie wäre, hätte ich großes Interesse daran, die Bilder vom Baufortschritt zu sehen. So kann ich doch viel besser beurteilen, ob man mir Pfusch oder Qualität verkaufen will. Wenn der Verkäufer Bilder des Objekts mit einem Verfallsdatum versieht, dann regt sich in mir das Gefühl, der will mir etwas verheimlichen.

    • @StefanHennewig @Markus @a_kupfi @Fischblog Ich kann mir noch nicht richtig vorstellen, wie dieser Radiergummi faktisch in der Realität funktionieren soll. Die vorgestellte Technik ist zu einengend und beschränkt auf eine Personengruppe, die auf das X-Pire-Produkt setzt.

      Allerdings hat Stefan Recht, dass es womöglich nur ein Baustein ist, ein Gedanke, ein erster Versuch, technische Wege zu finden. Und mir ist es lieber die Politik versucht Wege zu finden, auf bestehenden Systemen den Anforderungen gerecht zu werden als dass sie mit Verbotslisten hantiert. (Das sind nun zwar zwei komplett unterschiedliche Probleme, aber auch zwei andere Vorangehensweisen, und darum geht es mir.)

      Davon abgesehen bin ich allerdings der Auffassung, dass ein Verfallsdatum von Grafiken nichts bringt. Wie hat ein Kommentator richtig geschrieben: Die Zeit, die jeder aufbringen muss, seine Grafiken mit solch einem Schutz zu unterwerfen, der hat auch genügend Zeitressourcen sich darüber Gedanken zu machen, ob das jeweilige Foto tatsächlich für die Veröffentlichung in einem sozialen Netzwerk geeignet ist oder nicht.

    • @hildwin @Markus @StefanHennewig @NicoLumma Dass man Ideen ausprobiert, da bin ich 100% dahinter, nur dass ein Ministerium genau dieser Idee den Segen gibt und damit wieder ein Problem schafft, wo eigentlich keines ist (ähnlich wie Street View), das ist, was ich bemängel. Also den politischen Aktivismus und nicht die Idee. (zumal die DRM-Idee halt eh alt ist)

    • @StefanHennewig @NicoLumma @Markus Das Beispiel mit dem Baufortschritt verstehe ich auch nicht. Wenn man einfach ein paar mehr Daten speichert, also z.B. das Aufnahmedatum, ist der Fall doch gelöst. Meist scheinen eh mehr Daten die Lösung zu sein als weniger Daten, siehe auch das Rating-Beispiel Avarto, was letztens die Runde machte oder die Tatsache, dass man bei Amazon noch wochenlang Werbung für ein TV bekommt, obwohl man gerade eines gekauft hat.

      Hinzu kommt, dass die Idee eines Radiergummis (die ja auch losgelöst von dieser “Lösung” schon öfter von Politkseite thematisiert wurde) mal wieder auf der Angstschiene läuft. Mir wären Ideen lieber, die mehr auf der Chancen- und Nutzenseite stehen als eine gewisse Paranoia auszunutzen, um Geld zu machen. Da müssen wir eher gegen die Paranoia arbeiten.

      Ich fang mal an: Alles wird gut! :-)

  14. Ein bisschen Inhalt stünde dem altklugen Tenor Deines Textes gut zu Gesicht. Ich lese viele Wohlfeile Parolen, da ist von “Potentialen” die Rede, die zu heben sind, vom “Momentum” das genutzt werden soll – alles gewürzt natürlich mit der Dichotomie von “wir” und “ihr”, denn das Medium Blog allein ist ja schon Insignie der eigenen Lösungskompetenz. Leider ist zwischen all den sprachlichen DotCom Seifenblasen nicht der Hauch einer Problemeinsicht oder konstruktiven Einsicht zu finden. “Geht endlich neue Wege” ist eine ebenso blödsinnige, wie formale Parole, denn erstens ist ein Weg kein Stück besser, bloss weil er neu ist und zweitens sind die blödsinnigsten von Dir selbst kritisierten Vorschläge alle neu.
    Da Du im Gegensatz zu “denen” oder “uns” (mir ist nich 100% klar, zu welcher Seite ich zu rechnen bin) den Durchblick hast: Gib doch mal schnell ein paar Lösungsansätze aus? Stichworte, die mir spontan einfallen: “Datenschutz”, “Schutz der Urheberrechte”, “Jugendschutz”, “Organisierte online Kriminalität”, “Schutz der Privatsphäre” etc pp.

  15. Zur Ehrenrettung deutscher Entscheider muss man festhalten, dass es mindestens in anderen europäischen Ländern auch solche Entscheider und solche Diskussionen gibt. Macht die Sache nicht besser, aber auch nicht schlimmer.

  16. Seelendieb 12.01.2011 at 13:59

    In der Tat habe ich auch manchmal das Gefühl, dass von vielen Zuständigen nur versucht wird, “unser” Internet in eine Form zu pressen, anstatt nach neuen, machbaren Wegen zu suchen. Bestes Beispiel war der Jugendmedienschutz Staatsvertrag, der so, wie er war auch nicht durchführbar gewesen wäre – ich kann verstehen, dass man Kinder und Jugendliche schützen will, aber bitte nicht so!

  17. HolgerSchade 12.01.2011 at 14:21

    Als die ersten Eisenbahnen und Autos fuhren, gab es noch Vorstellungen, jemand möge mit Glocke und Fahne vor dem Fahrzeug herlaufen und so ganz mittelalterlich davor warnen. Doch die Menschen (=Wegebenutzer) entwickelten sich weiter, lernten mit Autos umzugehen und werden nicht mehr ununterbrochen überfahren, wenn ein Fahrzeug mehr als 5 km/h fährt.
    Der Schlüssel liegt also in diesem Beispiel wie in unzähligen weiteren – bis hin zur “Datenautobahn” – in der Entwicklung des Menschen, seiner Kompetenzen und Verhaltensnormen.
    Digitale Radiergummis erinnern mich ans Augenzuhalten (“ich seh Dich nicht, dann siehst Du mich auch nicht”). Löschversuche für Webseiten, am besten aus der kleinen deutschen Amtsstube auf einem Schmuddel-Server in Tokelau initiiert, scheinen mir so untauglich wie der Versuch, den Sand aus der Sahara zu schöpfen.

  18. Rulebreaker2020 12.01.2011 at 16:07

    Zum Lachen und zum Heulen gleichzeitig.
    Die Hetzjagd auf Assange zeigte ja schon, daß die Poltiker dieser Welt nun auch aufs Internet aufmerksam wurden. Völlig erstaunt darüber, welch Wirkung virale Medien haben. So schnelle Wahrheitsverbreitung ist man nicht gewöhnt – da muß einer schuld sein. Währenddessen reisen andere vor den Augen der Welt im Armanianzug mit Talkshow-Begleitung nach Afghanistan …. es ist irgendwie ein stetiges Panoptikum. Man kann nur hoffen, daß diese offensichtliche Fehlbesetzung von Entscheidern auf dieser Welt mithilfe der sozialen Medien nicht nur auffällt, sondern hoffentlich auch geändert wird…..

  19. MuenchenMark 12.01.2011 at 21:39

    Blos nicht auf den Schoss nehmen und mir die Ohren lang ziehen. Bitte nicht!

    Solange Schweigepflicht und Verschwiegenheitsabkommen nicht aktualisiert wurden ist von einer Beteiligung an den Sozialmedien nicht mehr zu erwarten.

    In den Worten Dave Allen’s von North in Portland, USA: „Bis Gesellschaften bereit sind, ihre legale Definition als ‚Einzelpersonen‛ mit ihren langfristigen Unternehmensinteressen auszurichten, sollte man von einer Beteiligung mit Sozialmedien nicht mehr erwarten.“

    Ein Besucher des Antiquariats Hammerstein meiner famosen Freundin soll folgendes im Laden erwähnt haben: „Neuerungnen sind nicht zu erwarten, solange die Personen die für Neuerung zuständig sind auf ihren Posten sitzen und für das Alte bezahlt werden“

    Beschriebene Hilflosigkeit mit Digitalem, lieber Nico, ist Indikator, dass es mit dem Markenbewusstsein und Selbstverständnis der Marken nicht weit her ist. Die Sozialmedien machen das sichtbar. 89% von Verbraucheranfragen auf Facebook Firmenprofilen bleiben unbeantwortet. Die Marken tun ihre Arbeit ganz einfach nicht und die Netze machen das sichtbar. Das hat nichts mit Digital zu tun.

    Grüße aus München, Mark

  20. Rulebreaker2020 13.01.2011 at 1:56

  21. Schöner Artikel – es geht meiner Meinung nach nicht nur darum, den Wandel und das veränderte Kommunikationsumfeld zu verstehen, sondern vor allem darum, die Implikationen und Konsequenzen dieser Veränderung zu begreifen. Nicht nur Wirtschaft und Politik handeln hilflos, auch viele Agenturen und Berater, die versuchen mit altbewährten Methoden Antworten auf die neu aufgeworfenen Fragen zu finden. Dabei wird oft aus dem Blick verloren, dass das Internet kein weiteres Medium im Medienmix ist, sondern einen tiefgreifenden Umbruch für Gesellschaft und Kommunikation bedeutet.

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